Skitouren

Aus eigener Kraft

Nachhaltig, achtsam, naturverbunden: Von München aus kann man die Kombination aus Aufstieg aus eigener Kraft und Abfahrt durch (im besten Fall) unberührten Schnee an einem Wochenende erleben.

Krrrtsch, krrrtsch, krrrtsch: Unsere Ski bahnen sich eine Spur durch den Tiefschnee, links, rechts, wir sind heute ausnahmsweise mal die Ersten. Weil ich ausnahmsweise mal pünktlich bin und ausnahmsweise mal nicht den Schlüssel für die Dachbox verlegt, die falschen Felle eingepackt oder sonstwie einen Bock geschossen habe, stapfen Aki und ich hinauf zu den Geierköpfen. Ein Wintertag wie aus dem Werbekatalog: Blau der Himmel über uns, knietief weiß der Neuschnee unter uns, vom Grün der Tannen und Fichten neben uns ist nichts zu sehen – sie liegen unter einer dicken weißen Decke.

Knackige -18 Grad hat das Thermometer im Auto angezeigt, daher haben wir schnell die Skischuhe angezogen, fix die Felle auf die Ski montiert und rasch die Lawinenpiepser gegenseitig kontrolliert. Aber jetzt, nachdem wir ein paar Minuten durch den Wald gestapft sind, kommt der Körper in die Gänge, nicht zu kalt, nicht zu warm, als wären wir für nichts anderes gemacht als fürs Skitourengehen.

Die Geizigen, die sich die Liftkarte nicht leisten wollen. Die Extremsportler, die es auch im Winter an ihre Kletterfelsen zieht, nur dann eben per Ski. Die Antiskifahrer, die mit ihrem alten, UV-verbleichten Material nur gerade so um die Kurven kommen: Dieses Image hatten Skitourengeher mal, verdientermaßen oder unverdientermaßen. Aber dieses Bild ist überholt, denn der Sport ist hip geworden. Was im Sommer das Mountainbiken ist im Winter das Skitourengehen: eine Trendaktivität mit immer besserem Equipment, mit immer neuen Destinationen, mit immer bunteren, modischeren Farben. Auf diversen Bergportalen, auf Instagram, auf Facebook posten Skitourengeher, am liebsten montags, wo sie am Wochenende wieder überall waren.

Ein Wintertag wie aus dem Werbekatalog: Blau der Himmel über uns, knietief weiß der Neuschnee unter uns.

Aber es geht auch so einfach. Mit BOB und Bus zum Spitzingsee, von da zur Schönfeldhütte oder hinauf zur Rotwand. Mit der Werdenfelsbahn oder mit dem Flixbus nach Garmisch-Partenkirchen und abends noch mal eben aufs Kreuzjochhaus. Denn man kann, der Münchner Skibergsteiger Michael Vitzthum lebt es gerade als Experiment vor, auch eine ganze Saison lang klimaneutral und öffentlich auf Skitour gehen. Oder, meinetwegen, mit Auto und Kindern nach Bad Kohlgrub und auf die Hörnlehütte. Oder so wie wir heute auf die Geierköpfe im hinteren Graswangtal.

Krrrtsch, krrrtsch, krrrtsch: Wir haben den Wald hinter und unter uns gelassen, der Hang wird jetzt nach oben weiter und steiler. 30, 35 Grad? Das dürfte ungefähr die Hangneigung sein, so habe ich es zumindest vorher aus der Karte herausgelesen. Laut Lawinenlagebericht ist der Schnee ohne Wind gefallen, hat sich gut mit der Unterlage verbunden, das Risiko von möglicherweise lebensgefährlichen Schneebrettern? Heute eher niedrig, auf der fünfteiligen Skala des Lawinenwarndienstes ist heute ein niedriger Zweier ausgegeben, mäßige Gefahr. Aki geht jetzt ein paar Skilängen vor mir, damit wir im Steilgelände den Hang so wenig wie möglich belasten. Alarmzeichen wie große Triebschneebäuche oder frische Lawinenabgänge oder gar Wumm-Geräusche in der Schneedecke? Nichts zu entdecken.

Im langjährigen Durchschnitt sterben im Alpenraum jeden Winter rund 100 Menschen durch Lawinen, der Großteil davon Wintersportler. In sehr schneereichen Wintern sinkt die Zahl der Opfer, weil die massiven Schneepakete die Gefahr von Schneebrettern eher reduzieren, in schneearmen Wintern ist es leichter für Skifahrer, die gefährlichen Gleitschichten auszulösen. Aber dass die Quote der Lawinenopfer konstant bleibt oder sogar leicht sinkt, während die Zahl der Skitourengeher, Freerider und Schneeschuhgeher im freien Gelände abseits der Pisten massiv angestiegen ist – das ist eine Erfolgsgeschichte!

Bessere Wetterprognosen und Lawinenlageberichte, besseres Material und besser geschulte Schneesportler, das sind wahrscheinlich die Ursachen. Damit das so bleibt, sollte jeder Skitourengeher eine vollständige Sicherheitsausrüstung bei sich haben und benützen können, regelmäßig vor Aufbruch den Lawinenlagebericht mit seinen Empfehlungen zu Rate ziehen und die eigenen Kenntnisse zur Vermeidung von Schneebrettern und zur Kameradenrettung im Notfall auffrischen und regelmäßig üben. In Alpenvereinskursen, bei einer Bergschule oder wo auch immer.

Der Schnee staubt, die Ski gleiten durch den Hang, abwechselnd juchzen Aki und ich: Skitourengehen hat auch etwas sehr Kindliches.

Krrrtsch, krrrtsch, krrrtsch: Ein paar Schritte noch, und dann ziehen wir die Ski aus. Das berühmte Felsentor steht uns auf dem Weg zum Gipfel im Weg, wir schnallen die Ski für ein paar Meter an den Rucksack und stapfen empor zum Gipfelgrat. Und endlich haben wir die Sonne im Gesicht. Vor uns der massive graue Klotz des Wettersteinmassivs mit der spektakulären Abbruchkante der Zugspitze nach Westen. Links im Osten die Karwendelgipfel, weiter hinten gleißen die Zillertaler Gletscher im Sonnenlicht. Und nach rechts der Blick in die Lechtaler und dann weiter in die Allgäuer Alpen. Ski wieder an, ein Viertelstündchen schlurfen wir noch über den Grat, und dann sind wir auch schon am Gipfelkreuz. Ein paar andere Skitourengeher sind inzwischen an uns vorbeigezogen, aber rasten tun sie heute alle: Nüsse packt der eine aus, Müsliriegel der andere, eine Dose Bier knackt der Nächste.

Es gibt aufstiegsorientierte Skitourengeher, für die zählt vor allem der Sport, das sind die mit den dünnen Latten und der engen, windschnittigen Kleidung. Es gibt abfahrtsorientierte, das sind die mit den weiten Hosen und den breiten Ski, für die geht es vor allem um die Gaudi bei der Abfahrt. Es gibt die, für die die Kameradschaft am wichtigsten ist. Andere gehen am liebsten allein. Und wieder andere tun sich die ganze Mühsal vor allem für die Einkehr danach an. Wenn ich ehrlich bin, dann gehöre ich, glaube ich, zu Letzteren.

Daher: Felle runter, Skischuh zu, ab in die Bindung – und schon rattern wir dahin, verballern die ganzen Höhenmeter, die wir uns im Aufstieg mühsam erkämpft haben. Der Schnee staubt, die Ski gleiten durch den Hang, abwechselnd juchzen Aki und ich: Skitourengehen hat auch etwas sehr Kindliches. Wenn es gut läuft, und heute läuft es gut, durchschneidet man mit seinen Spuren einen frisch eingeschneiten Hang, die Glückshormone fluten einem das Gehirn, der Stress und die Mühsal aus dem Alltagsleben sind jetzt gaaaanz weit weg.

Und wenn man ganz viel Glück hat, dann wird man auch ordentlich satt: Wir schwingen ab, tragen unsere Ski über die Straße, und die Ammerwaldalm liegt jetzt in der Mittagssonne. Wirtin Marion stellt uns die Weißbiergläser hin, kaum dass wir Platz genommen haben. Und wenig später duften schon die Spinatknödel mit Salbei vor uns auf dem Teller. Da sage noch einer, Skitourengehen sei Extremsport …

Über den Autor: Dass ihn seine Mutter mit zwölf Jahren mitgenommen hat, konnte Christian Thiele nicht davon abhalten, selbst leidenschaftlicher Skitourengeher zu werden. Am liebsten ist er in den Ammergauer Alpen, im Wettersteingebirge sowie in den Lechtaler Alpen unterwegs. In Füssen aufgewachsen, lebt er nach vielen Jahren in München heute in Garmisch-Partenkirchen. Und versucht jetzt – mal mehr und mal weniger erfolgreich – seine beiden Kinder für das Skitourengehen zu begeistern. Von ihm stammt „101 Dinge, die ein Skitourengeher wissen muss“ (Bruckmann-Verlag).

 

 

Text: Christian Thiele; Fotos: Frank Stolle

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