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Kochen mit Sven Christ

Frühlingsgefühle auf dem Balkon: Riesenbreze mit Obazdem

Blauer Himmel, hellgrüne Blätter – und eine golden leuchtende Maß Helles. Normalerweise feiert man die Frühlingstrikolore in München in den Biergärten, die nach der Winterpause öffnen. Momentan ist Flaschenbier angesagt, am besten mit einer bayerischen Brotzeit auf dem Balkon. Der Münchner Koch Sven Christ zeigt, wie man Münchner Spezialitäten in einer ganz normalen Küche und mit gut verfügbaren Zutaten selber macht. Dieses Mal: selbst gebackene Riesenbreze mit hausgemachtem Obazdem.

Ein Backstück, das aus der Münchner Kultur nicht wegzudenken ist, ist die Breze. Sie ist das Symbol für München schlechthin. Münchner bekommen sie schon als Kinder in die Hand gedrückt, kaum dass sie sie halten können. Die Breze soll von der Form her einen betenden Mönch darstellen (dazu muss man wissen, dass manche Mönche zum Gebet ihre Arme vor der Brust verschränken).

„Sharing is Caring“ ist ein Slogan aus der Social-Media-Ära, gelebt wird er im Münchner Biergarten, wo die großen Brezen verkauft werden, die man allein kaum schafft.

Das zweite charakteristische Erkennungsmerkmal, die kastanienbraune Farbe, verdankt die Breze einem historisch belegten Unfall: Ein Bäckerlehrling ließ ein Backstück aus Versehen in einen Eimer Natronlauge fallen und backte sie dennoch aus. So entstand dieses Münchner Gebäckstück, welches es zwar über die Grenzen der Stadt in die Welt geschafft hat, aber dort meistens warm und mit Senf gegessen wird (und das gehört sich übrigens eher nicht).

„Sharing is Caring“ ist ein Slogan aus der Social-Media-Ära, gelebt wird er im Münchner Biergarten, wo die großen Brezen verkauft werden, die man allein kaum schafft. Aber es gibt fast immer einen aus der Runde, der eine Breze bestellt, und jeder kann sich davon ein Stück abbrechen – ein Gedanke, der nach Wochen des Social Distancing jene mittlerweile häufiger auftretende Gefühlsmischung aus Entsetzen und Sehnsucht auslöst.

Wem die Vorstellung, eine Riesenbreze zu teilen, selbst im Kreis des eigenen Hausstands zu riskant erscheint, kann sich natürlich ausnahmsweise mit kleinen Brezen behelfen. Perfekt dazu ist immer ein Obazda, ein relativ unbekanntes Supplement aus Bayern, welches sich wegen des Namens und des kräftigen Geschmacks international bisher nicht durchsetzen konnte.

Unvergessen das Gesicht meiner italienischen Freundin, die sich im Besitz einer frisch erworbenen „Lachscreme“ wähnte. Dabei ist Obazda eine Crememasse aus verschiedenen Käsesorten, in vielen verschiedenen Variationen angemacht. Was alle Spielarten eint, sind der Grundgeschmack und die Konsistenz. Jedenfalls ein idealer „Dip“ zu Breze und Bier, eine bayerische Guacamole quasi, das trifft es vielleicht am besten.

Der Obazde wird aus Zwiebel, gehacktem Camembert oder Weichkäse und Frischkäse gemacht, mit Kräutern und einem Schuss Bier für die Cremigkeit. Ab hier ist der Kreativität freier Lauf gelassen, man kann zum Beispiel Bärlauch saisonal hinzufügen, die Schickeria mag den Obazden auch getrüffelt, die älteren Herrschaften fügen gern Paprikapulver hinzu, wobei ich vermute, dass diese Variation ein kulinarisches Relikt der Siebzigerjahre ist.

Um Brezen selbst zu backen, muss man zuerst in die Apotheke gehen und sich Natronlauge kaufen, manchmal bekommt man die hundertprozentige, bei der Verarbeitung muss man allerdings gut aufpassen, Brille und Handschuhe tragen. Oder besser gleich die verdünnte Variante mit drei Prozent auf einen Liter Wasser kaufen.

 

Hier geht's zum Rezept:

Riesenbreze mit hausgemachtem Obazdem

 

Text: Sven Christ; Fotos: Frank Stolle

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