Sie sind schaurig-schön und in München inzwischen Kult. Dabei sind Boazn längst nicht mehr nur Treffpunkt für Bierdimpfel und Übriggebliebene, sondern gern besuchter Hotspot. Denn: Die Stüberl sind Milieustudie, Mahnmal gegen die Gentrifizierung und urgemütlicher Nachbarschaftstreff.

 Man kommt sich vor wie in einem Partykeller aus den 80ern. An den Wänden hängen Postkarten und rostige Blechschilder mit lustigen Sprüchen. Luftschlangen kringeln sich zwischen Wodka und Schnaps-Flaschen. Über dem Holztresen schaukelt eine nicht mehr ganz frische Girlande. Davor schart sich das gemischte Volk. Es gibt Barhocker, aber die braucht hier niemand. Die Leute stehen gerne.

In München existieren hunderte solcher Boazn – die Szenerie variiert immer ein bisschen, aber im Grunde ist es überall gleich. Jung trifft Alt, der Hipster sitzt neben dem Bauarbeiter, Nachbarn aus der Straße ratschen und fachsimpeln.

Wohnzimmerfeeling in der „Geyerwally“

Die „Geyerwally“ im Glockenbach gibt's schon seit mehr als 60 Jahren. Die vogelwilde Boazn ist ein Unikum. Sie allein sorgt über 30 Jahre lang für Leben in dem Haus in der Geyerstraße 17. Denn – man glaubt es kaum – sonst wohnt in dem Gebäude über Jahrzehnte niemand. Die Besitzergemeinschaft lässt es leer stehen, weil eine Sanierung keinen Sinn mehr macht, die Stadt einen Neubau im gewünschten Umfang aber nicht erlaubt. Dafür gibt's in der „Geyerwally“ das Wohnzimmerfeeling kostenlos dazu: Mit Filmplakaten und Emaille-Schildern an der Wand und weihnachtlich anmutender Deko hat sie fast ein bisschen was von einem Trödelladen. Inzwischen kommen nicht mehr nur alteingesessene Leute aus dem Viertel, sondern immer öfter auch junges Szene-Volk aus ganz München.

Ratschen und Kartenspielen bei der „Dagmar“

Weniger bekannt und viel ursprünglicher ist's da „Bei Dagmar“ in Sendling in der Implerstraße 26. Das James-Dean-Plakat im Schaufenster am Eingang erinnert an den Charme vergangener Tage. Drinnen treffen sich Nachbarn auf einen Ratsch oder zum Kartenspielen. Wer Gesellschaft braucht, kann jederzeit vorbeikommen. Der Wirt ist Seelentröster, er kümmert sich liebevoll um seine Gäste, versorgt sie mit Erdnüssen. Mehr braucht es oft gar nicht. Offiziell geöffnet ist übrigens von zehn Uhr vormittags bis zwei Uhr in der Früh – aber wer weiß das schon so genau.

Fernfahrer, Schauspieler und Studenten im „Johanniscafé“

Das „Johanniscafé“ in Haidhausen am Johannisplatz 15 öffnet erst etwas später, um 17 Uhr. Dafür bekommt man hier auch zu den unchristlichsten Zeiten noch etwas Warmes zu Essen, Schinkennudeln oder Toast Hawaii zum Beispiel – und das sechs Tage die Woche. Nur Dienstag ist Ruhetag. Hier ist nichts hip oder gar neu, es bleibt in der Regel alles so, wie es ist. Die Fototapete vom Matterhorn an der Wand hängt schon ewig. Eine Jukebox sorgt für Musik. Genau so mögen es die Gäste. Und da ist alles dabei, was München zu bieten hat: ob Fernfahrer, Schauspieler, Student oder Uropa.

Disco-Kugel und Terracotta-Kübel im „Promillchen“

Ähnlich ist das im „Promillchen“ in Schwabing in der Wilhelmstraße 27. Hier wird das erste Bier um 12 Uhr mittags ausgeschenkt. Die Gäste sitzen an der dunkel getäfelten Bar. Über ihnen hängen kleine Lampen mit roten Schirmchen. Hinten in der Ecke funkelt eine Disco-Kugel. Ob Akademiker oder Hartz IV-Empfänger – das ist egal. Hauptsache man versteht sich. Jeder wird herzlich begrüßt und gehört dazu – übrigens auch der Rosenverkäufer auf seiner späten Verkaufstour. Und wer zwischendurch ein bisschen Luft schnappen will, kann das draußen am Eingang auf einer Mini-Terrasse mit bunten Blumen in Terracotta-Kübeln. Balkonien lässt grüßen! Vor allem die Jüngeren schätzen mittlerweile den ungezwungenen Charme der Eckkneipen. „Boazn statt Bonzen“ könnte das Motto lauten. Viele mögen das lieber als hippe Sushi-Häppchen oder den Party-Griechen gegenüber.

Jukebox-Nostalgie im „Bei Otto“

Vor allem, wenn es dann auch noch so gediegen ist, wie „Bei Otto“ in der Maxvorstadt in der Gabelsbergerstraße 46. Manche sprechen von der wohl schönsten Boazn Münchens. Auf den Tischen liegen karierte Deckchen und es gibt sogar Blumen. Auch wenn die Vorhänge vergilbt sind, ist hier wirklich nichts verrucht, kein Tisch verklebt und der Boden blinkt auch blitzeblank. Legendäres Nostalgie-Highlight: die Wurlitzer-Jukebox. Wer ein Liedchen hören will, muss nur an der rot gepolsterten Bar einen Euro gegen ein 2-DM-Stück tauschen. Und bloß nicht von dem Motto auf dem Blechschild über der Theke abschrecken lassen – das da lautet: „Trinke nur an Tagen, die mit ‚g‘ enden.“

Familiäre Party-Stimmung im „Ungewitter“

„Mein Lieblingstier ist der Zapfhahn!“ heißt es gleich um die Ecke am Tresen im „Ungewitter“ in der Arcisstraße 62. Um 20 Uhr geht‘s hier los – natürlich mit Open-End. Die Stimmung passt. Das spüren die Gäste. Deshalb feiern viele auch gerne ihren Geburtstag im „Ungewitter“. Mehr als hundert Partys pro Jahr können da laut Wirtin schon mal zusammenkommen. Außerdem ein Indiz für die familiäre Grundstimmung: Wer genau hinschaut, findet am Tresen kleine Schildchen, auf denen Namen eingraviert sind. „Robert“, „Roswitha“ und „Norbert“ sind wohl öfter hier.

Nackte Frauen und ein Hirsch in der „Gruam“

Die „Gruam“ an der Thalkirchner-/Ecke Lagerhausstraße ist eigentlich ein bisschen mehr als eine urige Boazn – und trotzdem passt sie ins Genre. Früher sollen sich hier Zuhälter und Prostituierte getroffen haben. Fernfahrer von der nahe gelegenen Großmarkthalle kamen nach getaner Arbeit. Doch diese Zeiten sind vorbei. Freitags legt ein DJ auf. Die Gäste sind jünger und hipper geworden und kommen teilweise direkt von gegenüber aus der „Alten Utting“, einem ausrangierten Ausflugsdampfer, der auf der Sendlinger Brücke als Weggeh-Hotspot ein neues Zuhause gefunden hat. In der „Gruam“ kann man's dann ausklingen lassen. Dabei wirkt die Atmosphäre immer noch ein bisschen düster – dunkle Graffitis an der Außenfassade, innen an der Wand hängen seltsame Bilder, eine nackte Frau etwa und ein Hirsch. Dennoch kommt auch der Boazn-Charme nicht zu kurz: Neben Elektro-DJs soll hier auch schon die Sendlinger Stiagnhausmusi gespielt und Rainer Maria Schießler, der Pfarrer von St. Maximilian, zum Geburtstag geladen haben. Hauptsache bunt und ungezwungen!

 

Text: Stefanie Gentner, Fotos:

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