Lieblingsstücke

Die Highlights der Kurator*innen

Im Zuge der Corona-Krise haben die großen Münchner Häuser Teile ihrer Sammlungen digitalisiert. Wir haben Kuratorinnen und Kuratoren gebeten, uns einige ihrer persönlichen Highlights vorzustellen.

Judith Csiki

Kuratorin Bayerische Staatsgemäldesammlungen / Pinakothek der Moderne

 

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sind riesig und es fällt mir schwer, meine Lieblingswerke zu nennen, wobei ich jedoch ein besonderes Faible für die darin enthaltenen Porträts habe. Das erste Bild, über das ich sprechen möchte, wird in der Alten Pinakothek gezeigt: „Bildnis der Madame de Pompadour“, gemalt von François Boucher (1756). In diesem Gemälde ist nichts dem Zufall überlassen, denn es wurde von ihr, der offiziellen Mätresse des Königs, selbst in Auftrag gegeben; möglicherweise war ihre Ernennung zur zusätzlichen Hofdame der Königin der Anlass. Mit in die Ferne gerichtetem Blick sitzt Madame de Pompadour in einem ihrer privaten Gemächer. Die sie umgebenden Attribute – Bücher, Stiche und der Schreibtisch – zeugen von ihrer exzellenten Bildung und rechtfertigen damit ihre Rolle als einflussreiche Beraterin und Freundin des Königs. Anders als die Königin durfte sie sich als Ganzfigur nicht stehend porträtieren lassen, obgleich sie mit diesem Bild sehr wohl auf ihre Position am Hof sowie ihren Einfluss dort verweist. Vordergründig wird ein intimer und privater Moment suggeriert, was jedoch durch den vom Betrachter abgewandten Blick konterkariert wird: Sie, die Bürgerliche, gewährt Intimität und gibt sich gleichzeitig distanziert, wodurch sie ihre mächtige Position selbstbewusst in Szene setzt. Ich erkenne in der Art der Darstellung eine gewisse Chuzpe, die mich immer wieder in den Bann des Gemäldes zieht.

Fast zwei Jahrhunderte später schuf Max Beckmann das Werk „Selbstbildnis in Schwarz“ (1944). Es zeigt den Künstler im schwarzen Anzug seitlich auf einem Stuhl sitzend, während er uns direkt ansieht. Der Einsatz der wenigen Farben – Schwarz, Braun, Rot und Weiß –, die Licht- und Schattensituation und der perspektivische Ausschnitt lenken auf sein düsteres Gesicht, das mich beinahe magnetisch anzieht. Man vergisst alles um sich herum, und obwohl Beckmann durch den Einsatz der Stuhllehne quasi eine Barriere aufbaut, wähnt man sich, anders als bei der Madame de Pompadour, in einer Situation, in der man selbst unmittelbar fokussiert wird. Beckmann malte dieses Selbstporträt unter schwierigsten Bedingungen 1944 in Amsterdam, nachdem er Deutschland 1937 verlassen hatte und nach Holland emigriert war. Die Wirrnisse und Grausamkeiten des Krieges werden in diesem Selbstporträt nicht gezeigt, und dennoch sind sie für mich in dem Blick des Künstlers präsent, der alles zu durchdringen scheint.

Das Thema der „Durchdringung“ spielt auch für den Fotografen August Sander eine zentrale Rolle. Anders als Beckmann bezieht sich Sander dabei auf die Porträtierten, zu deren Wesenskern er mittels Fotografie vordringen wollte. Sander schuf zwischen den 1910er- und 1950er-Jahren einen epochalen Porträtzyklus, der zu den bedeutendsten Werken der Fotogeschichte gehört. In der Serie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ porträtiert er Personen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, wobei er auf der Suche nach Merkmalen war, welche die soziale Stellung typischerweise in die Gesichter und Körper der Dargestellten eingeschrieben hat. So verzichtet er untypischerweise auf die Namen der Porträtierten und nennt nur ihre Berufsbezeichnungen: z.B. Handlanger, Philosoph, Maler. Ein besonders faszinierendes Porträt ist meiner Meinung nach die Fotografie des mit ihm befreundeten Malers Heinrich Hoerle. Die Konzentration, mit der Sander ihn in Szene setzt und ihm gleichzeitig Raum für eine Selbstinszenierung lässt, begeistert mich immer wieder. All seine Fotografien zeugen von einer besonderen Sensibilität für die zwar standardisierten, doch jeweils auch individuellen Kompositionen. Das leider nicht vollendete Werk ist nicht nur kunsthistorisch von enormer Bedeutung, sondern auch zeitgeschichtlich, denn die Fotografien wirken wie einer Zeitkapsel entnommen, durch die wir einen Einblick in unsere Gesellschaft vor hundert Jahren erhalten.

Weitere Infos: Alte Pinakothek | Pinakothek der Moderne

 

Matthias Mühling

Direktor des Lenbachhauses

 

Ich stelle drei meiner absoluten Lieblingsarbeiten aus unserer Sammlung vor, alle aus dem Umfeld des Blauen Reiter. Die Erste ist das „Bildnis des Tänzers Alexander Sacharoff“ von Alexej Jawlensky (1909). Das ist unsere „Mona Lisa“, beinahe wöchentlich bekommen wir Anfragen, ob wir das Bild verleihen können, was leider nicht geht, weil das Gemälde sehr fragil ist. So ist es für unsere Besucherinnen und Besucher immer sichtbar, und alle, die es sehen, zieht es in seinen Bann. Es ist ein typisches Werk des Expressionismus: Jawlensky malte es sehr schnell und doch fasste er damit unglaublich viel. Der Abgebildete, Alexander Sacharoff, war wie Jawlensky Teil der Münchner Boheme und Kunstszene, er malte auch, kam aber dann zu der Erkenntnis, dass er auf diesem Feld nicht begabt genug sei, und wurde Tänzer und Choreograf. In dieser Rolle revolutionierte er den modernen Tanz. Was mich an diesem Bild so fasziniert, ist die offensichtliche Queerness. Dafür gab es damals noch keinen Begriff, aber die Sache war offensichtlich. Die meisten Betrachterinnen und Betrachter halten Sacharoff auf diesem Bild für eine Frau. Er steckt in einer Art Kimono. Dazu muss man wissen, dass im japanischen Theater Frauenrollen klassisch von Männern gespielt wurden. Neben dem sehr komplexen Spiel mit Geschlechtsidentitäten spricht eine unglaubliche Lebendigkeit aus diesem Bild. Es fängt die ganze Wildheit der Münchner Szene um die Jahrhundertwende ein.

Ein Lebensgefühl, das erst in den 1970er-Jahren mit Freddie Mercury und Rainer Werner Fassbinder wieder aufflackerte. Ein Bild, in dem das Lebensgefühl dieser Szene auch zum Ausdruck kommt, wenngleich ganz anders, ist Wassily Kandinskys „Kallmünz – Gabriele Münter beim Malen I“ (1903). Der damals vorherrschende Malereistil war ein strenger Akademismus: Künstlerfürsten malten in riesigen Ateliers riesige Bilder, die dann golden gerahmt wurden. Kandinsky und Münter machten es komplett anders. Sie packten sich einen kleinen Tornister mit ihren Malutensilien auf den Rücken und fuhren mit dem Rad durch ganz Europa. Frauen, die Fahrrad fuhren, galten sowieso als moralisch höchst fragwürdig, dazu trug Münter noch von Kandinsky entworfene Reformkleidung ohne Korsett: ein Skandal! Ähnlich ungewöhnlich war die Maltechnik. Dieses Gemälde ist eine Art Schnappschuss, die Farben sind direkt und ungemischt aus der Tube gedrückt und dann ohne Pinsel, nur mit dem Palettmesser aufgetragen. Die Schnelligkeit und Spontaneität ist bis heute beeindruckend.

Das letzte Bild ist Jahrzehnte jünger, von 1931, und von Münter selbst. Es zeigt das Haus, das sie in Murnau bewohnte, und das ein Zentrum des Blauen Reiter war: „Das Russen-Haus“. Die Malerinnen und Maler liebten Murnau, weil sich die Landschaft hier öffnet und eine ungewohnte Weite präsentiert. Das Licht dort ist einzigartig. Das war aber nicht der einzige Grund, weshalb Murnau eine Künstlerkolonie wurde. Es gab eine Bahnlinie in die Stadt. Tagsüber konnte man das Licht des blauen Landes genießen und musste abends doch nicht auf die Oper, den Besuch im Salon oder eine Ausstellung verzichten. Die Sehnsucht nach der Verbindung von Land und Stadt ist bis heute geblieben.

Weitere Infos: Lenbachhaus

 

Monika Bayer-Wermuth

Kuratorin am Museum Brandhorst

 

Körper spielen in der Kunst schon immer eine herausragende Rolle – auch in der Moderne und der Kunst der Gegenwart. In unserer Sammlung haben wir viele Arbeiten, die sich auf ganz spezifische Weise auf den menschlichen Körper in der Gegenwart beziehen. Etwa die Skulpturengruppe aus der Serie „New Model Army“ von Alexandra Bircken (2016). Man sieht vier kopflose Schaufensterpuppen in Reih und Glied: eine Art postapokalyptische Armee. Die Figuren stecken in einer Motorradkluft, was ihnen ein martialisches, gewalttätiges Auftreten verleiht. Bei näherer Betrachtung sieht man aber auch, dass die Montur mit einem dünnen, fragilen Nylonstoff versetzt ist. Die einzelnen Bestandteile der Kleidung sind dabei grob zusammengenäht, sodass ein Netz aus Narben entsteht, das sich über den Körper zieht. Das alles verweist auf den höchst hybriden Zustand des Körpers: auf Schutz und Entblößung, auf Drill und Verletztheit, auf Mode und Fetisch.

Um Letzteres geht es auch bei der Skulptur „Vintage Bomber“ von Seth Price aus dem Jahr 2006. Zu sehen ist eine lässig dahingeworfene vergoldete Bomberjacke oder besser die vergoldete Form davon. Der Künstler vakuumierte das Kleidungsstück dafür in einem speziellen Kunststoff, und was auf den ersten Blick wie das Ergebnis eines Zufalls aussieht, ist in Wirklichkeit präzise Konstruktion. Price bildete jede Falte akribisch nach, stopfte die Jacke aus und vakuumierte sie dann. Er zielt dabei in ganz unterschiedliche Richtungen: Mit dem Blattgold zitiert er mittelalterliche Ikonenmalerei, aber vor allem geht es ihm um den Fetisch Mode. Wie kaum ein anderes Kleidungsstück spielt die Bomberjacke, die als militärische Funktionskleidung entwickelt wurde, eine entscheidende Rolle in verschiedenen Subkulturen: von Punk über Skinheads bis zur Technoszene. Price bildet die Jacke im Jahr 2006 ab, als sie längst vom Kapitalismus angeeignet zur Stangenware wurde. Interessant an der Arbeit ist auch, dass der menschliche Körper in ihr eine Leerstelle ist. Die Jacke wird ihr Stellvertreter und bildet in sich zusammengesunken selbst einen Körper.

Um Körper in einer ganz anderen Bedeutung geht es in der Malerei „Fatso“ der amerikanischen Künstlerin Amy Sillman aus dem Jahr 2009. Darauf sieht man eine unförmige grüne Figur, die irgendwie unglücklich in der Bildmitte sitzt. Sillman erzählte, dass sie das Bild malte, nachdem sie mit einer gertenschlanken Freundin an der Ostsee beim Baden war – und an sich selbst herunterblickte. Das Interessante daran ist, dass es nicht um eine realistische Darstellung geht. Sillman malt ihren Körper nicht einfach nach, vielmehr verflüchtigt sich der Körper, seine Form, in alle Dimensionen. Das Bild ist beides: ein sehr menschliches, antiheroisches Statement über Körper, die von der als schön erachteten Form abweichen. Dann aber auch eine sehr theoretische Studie über Malerei selbst: eine Art Diagramm, das zeigt, wie „Formen aus der Form geraten“. Es ist zugleich lustig und traurig, konkret und sehr abstrakt.

Weitere Infos: Museum Brandhorst

 

 

Protokolle: Paul-Philipp Hanske; Fotos: Frank Stolle; Bildnis der Madame de Pompadour: Leihgabe der Hypo-Vereinsbank, Member of UniCredit

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