Einblick in die Ausstellung des Bergbaus im Deutschen Museum.
Kulturherbst: Deutsches Museum

Ab in die Unterwelt

1,5 Millionen Besucher treffen im deutschen Museum jedes Jahr auf gut 25.000 Exponate. Und fast jeder ist von etwas anderem fasziniert. Unsere Autorin erzählt von ihrem liebsten Ausstellungsstück: dem Bergwerk.

An einem Dienstag in München steige ich ab in die Unterwelt. Die gute Nachricht: Ich bin dabei nicht allein. Die schlechte Nachricht: Ich fühle mich schlagartig alt. Seit 25 Jahren habe ich diesen Ort nicht mehr betreten, an dem einige meiner schönsten Kindheitserinnerungen entstanden sind.

Die Unterwelt, das ist ein Rundweg von 400 Metern Länge, der sich im Untergeschoss des Deutschen Museums befindet und drei Stockwerke in die Tiefe führt. Über Treppen und Stiegen gelangt man in eine realitätsnahe Darstellung eines echten Bergwerks. Beziehungsweise: Jeweils Anschauungswerke der Abbauarten für Erz, Steinkohle – und Salz. Das Ganze ist quasi ein Museum im Museum. Es schafft mit dem Betreten eine Illusion, weil die Originalexponate nicht nur in einem Schaukasten stehen, sondern als eigene, kleine Themenwelt verbaut sind. Genau das hat mich als Kind in seinen Bann gezogen, und ich frage mich, ob es 25 Jahre später auch noch so eine große Faszination auf mich ausüben wird.

Was mich als Kind in diesem Haus besonders in seinen Bann gezogen hat, waren aber eben nicht die Schiffe, Flugzeuge oder die Hochspannungsanlage, sondern schon immer das Bergwerk.

Das Deutsche Museum in München: Man muss kein Nerd sein, um dieses Museum zu lieben. Es ist das größte Wissenschafts- und Technikmuseum der Welt. 1925 wurde es eröffnet. Seither haben Millionen Besucher aus der ganzen Welt das Segelschiff im Eingangsbereich und die Flugzeuge in den oberen Etagen bewundert; 1,5 Millionen Menschen staunen pro Jahr an der Hochspannungsanlage oder besichtigen den sogenannten Otto-Hahn-Tisch – das Originalgerät, mit dem drei deutsche Wissenschaftler in den 1930er-Jahren nachweislich die erste Spaltung von Atomkernen durchgeführt haben. Das erklärte Ziel des Hauses: dem interessierten Laien naturwissenschaftliche und technische Erkenntnisse zu veranschaulichen. Ich würde es anders formulieren: Im Deutschen Museum lernt man, wie die Welt funktioniert. Was mich als Kind in diesem Haus besonders in seinen Bann gezogen hat, waren aber eben nicht die Schiffe, Flugzeuge oder die Hochspannungsanlage, an der Blitze entstehen (zugegeben, das natürlich auch). Was mich in eine Mischung aus Spannung und Grusel versetzt hat, war immer schon das Bergwerk.

Als Kind erschien es mir wie ein Ausflug in eine andere Welt, so authentisch waren die Steinwände, die Grubenwagen und die Schienen, die durch die schmalen Gänge führten. Der 400 Meter lange Rundweg wirkte auf mich wie ein unendliches Verlies, in dem man sich für immer verlaufen könnte. Und auch wenn ich heute ein bisschen realistischere Vorstellungen davon habe, wie groß die Gefahr ist, in die ich mich mit dem Abstieg in die Unterwelt begebe, bin ich ehrlich gesagt doch ein bisschen froh, dass ich den Weg nicht allein beschreite.

Das schummrige Licht, die schmalen Gänge, sogar die gedämpfte Akustik: Hier kann ich Historie wirklich mit jedem Sinn erleben – und im Gegensatz zu früher eben auch als solche empfinden.

Andreas Ravens begleitet mich, er kennt das Bergwerk so gut wie sonst keiner im Haus; seit mehr als zehn Jahren ist Ravens – neben den Exponaten in der Schifffahrt – auch für diese Ausstellung verantwortlich. Draußen in München ist an diesem Tag Hochsommer, 35 Grad im Schatten, im Bergwerk dagegen ist es dunkel und kalt. „Unter der Erde ist es kühler als oben“, sage ich und werde von Andreas Ravens direkt daran erinnert, dass es in Wahrheit genau andersherum ist – dass es nämlich, je tiefer man in die Erde vordringt, umso wärmer wird. Noch eine Erinnerung an meine Kindheit: Physik war leider nie mein Ding. Ein paar originale Grubenlampen schimmern goldgelb, in der ersten Ecke steht eine Puppe mit Hammer und Meißel. Ich erschrecke kurz – genau wie damals als Achtjährige. Ich dachte als Kind wirklich, ich sei in einem echten Bergwerk.

Heute fällt mir auf: Die Ausstellungsstücke mögen zwar älter geworden sein, so wie ich auch, aber sie haben ihren Reiz nicht verloren. Allerdings fühle ich mich heute weniger an Fantasiefiguren wie im Disneyland erinnert, sondern entdecke in den Exponaten einen extrem realistischen Gesichtspunkt: Sie zeigen die große wirtschaftliche Bedeutung der Kohle- und Erzförderung in Deutschland vom 16. Jahrhundert bis heute – und die extremen Arbeitsbedingungen der Bergleute. Andreas Ravens zeigt mir Leitern, mit denen die Arbeiter früher in die Stollen geklettert sind – bis zu 400 Meter tief. „Der Weg hinunter hat oft über eine Stunde gedauert“, sagt Ravens. „Danach wurde noch zehn Stunden unter Tage gearbeitet.“ Ich denke an meine 15-minütige Autofahrt morgens zur Arbeit – und bin beeindruckt. Auch davon, wie schnell ein einst lebenswichtiger Wirtschaftszweig wie etwa die Steinkohleförderung in der Bedeutungslosigkeit verschwindet: 2018 lief sie vollständig aus in Deutschland. Das Bergwerk im Deutschen Museum soll trotzdem erhalten bleiben – als ein Stück deutsche Geschichte.

Wie schon als Kind dauert es auf unserem Rundweg nicht lange und ich bin wieder völlig in dieser schaurig-schönen Bergwerk-Kunstwelt versunken. Das schummrige Licht, die schmalen Gänge, sogar die gedämpfte Akustik: Hier kann ich Historie wirklich mit jedem Sinn erleben – und im Gegensatz zu früher eben auch als solche empfinden. Als wir an der hölzernen Rutsche ankommen, auf der ich als Kind johlend von einem zum anderen Stockwerk gerutscht bin, werde ich wehmütig. Die Rutsche ist seit Jahren geschlossen, sie entspricht nicht mehr den Sicherheitsstandards des Museums.

An der Begeisterung der Kinder für diesen Teil des Deutschen Museums hat sich trotzdem nicht viel verändert: Im Minutentakt sprinten aufgeregte Jungen und Mädchen in den schmalen Gängen an uns vorbei. Eine der Grubenarbeiterpuppen hat eine umgedrehte Basecap auf dem Kopf. Andreas Ravens lacht. Die Kinder kreischen vor Aufregung. Ob sie anders als ich damals wohl wissen, dass sie hier durch 500 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte wandern? Wohl kaum. Aber das spielt am Ende auch gar keine Rolle. Auch sie nehmen eine Stück Erinnerung an eine fremde Welt mit, die vielleicht in ihrer Zukunft keinerlei Rolle mehr spielen wird, aber die sie dennoch maßgeblich geprägt hat. Die Ausstellung ist so lebendig wie vor 25 Jahren.

 

 

Text: Heike Kottmann; Fotos: Frank Stolle

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