Kulturherbst: Franz Marc

Die Heimat der blauen Pferde

Seine blauen Pferde sind weltberühmt. Doch wo genau die Gemälde von Franz Marc in der Landschaft rund um den Kochelsee entstanden sind, wissen die wenigsten. Unsere Autorin macht sich auf die Suche nach den Plätzen, an denen Marc seine Inspiration gefunden hat – und findet einen magischen Ort.

Es dauert ein bisschen, bis es mir auffällt. Das Licht. Es ist wirklich anders hier. Nicht eklatant anders als das Licht in der Münchner Innenstadt, sondern eher mit einer subtilen Note, die die Stimmung nur um eine Facette verändert. Wie ein zarter Filter legt es sich über die Landschaft, ein Weichzeichner, der den Szenerien etwas Märchenhaftes verleiht. „Ich versteh’ schon, warum die alle hierhergezogen sind“, höre ich mich sagen. Heute schon zum zweiten Mal. „Die“, das sind die Männer und Frauen der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“, und „hierher“ ist die Gegend rund um Kochel, einem Luftkurort am Kochelsee, etwa eine Autostunde südlich von München.

Wie ein zarter Filter legt sich das Licht über die Landschaft, ein Weichzeichner, der den Szenerien etwas Märchenhaftes verleiht.

Natürlich wusste ich, wer Franz Marc ist. Ich wusste, dass er als einer der bedeutendsten Vertreter des Expressionismus gilt, dass er der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ angehörte, die er zusammen mit Wassily Kandinsky auch gegründet hat. Im Lenbachhaus in München habe ich sein wohl berühmtestes Werk „Blaues Pferd I“ gesehen. Ich wusste auch, dass viele der Mitglieder des „Blauen Reiters“ auf dem Land lebten, eben in der Gegend von Staffelsee und Kochelsee. Aber da hörte meine Kenntnis dann auch schon auf. Sowohl künstlerisch als auch geografisch, denn obwohl ich in München wohne, war ich noch nie in Kochel, wo Franz Marc in seiner Kindheit und Studienzeit viele Ferien verbrachte, nie in Murnau, wo er zu Treffen mit den anderen Künstlerinnen und Künstlern im „Russenhaus“ vorbeischaute – so nannten die Einheimischen abfällig das Haus von Gabriele Münter, in dem sie mit ihrem Lebensgefährten Wassily Kandinsky lebte. Und erst recht war ich noch nie in Sindelsdorf, einem kleinen Ort nördlich von Kochel, wo Marc während der produktivsten Phase seines Lebens wohnte. Das will ich heute ändern.

Wir parken mit dem Auto im Zentrum von Kochel am See, direkt neben dem Gasthof „Zur Post“, der in seiner Geranienhaftigkeit so aussieht, als wäre er extra für Instagram entworfen worden. Ich habe vorab recherchiert: Von hier aus lassen sich sternförmig viele Marc-relevante Orte erkunden. In etwa einer Viertelstunde erreicht man zu Fuß das Franz Marc Museum.

Die Jahrhundertwendevilla, in der man 1986, 70 Jahre nach dem Tod des Malers, das Museum eröffnete, steht auf einer Anhöhe über dem Kochelsee. 2008 kam der moderne Anbau dazu. Das Museum verwaltet mehr als 200 von Franz Marcs Werken, darunter so berühmte Bilder wie „Hocken im Schnee“, „Zwei Frauen am Berg“ oder „Springendes Pferd“, aber ebenso Drucke, kleine Zeichnungen und Skizzen wie die Bleistiftskizze „Turm der blauen Pferde“, eine Vorarbeit zum Ölgemälde „Der Turm der blauen Pferde“, das seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen gilt.

„Wir haben uns bemüht, eine sehr private Atmosphäre zu schaffen,“ erzählt Annette Rosenboom von der Museumsverwaltung – auch weil die meisten Kunstwerke aus privaten Sammlungen kommen und zuvor in Wohnhäusern hingen. Das Museum zeigt aber auch Arbeiten anderer Künstlerinnen und Künstler, darunter Werke von Mitgliedern des „Blauen Reiters“ und der Berliner Künstlervereinigung „Die Brücke“, die in etwa zur selben Zeit wie der „Blaue Reiter“ tätig war. Darüber hinaus finden immer wieder Ausstellungen zeitgenössischer Kunst statt. Tatsächlich ist die Stimmung sehr intim für ein Museum: mit Räumen unterschiedlicher Größe, Holzböden, Sesseln und großen Fenstern, die den Blick ins umliegende Grün freigeben.

Als ich später auf der Terrasse der Villa sitze, die nun die Verwaltung und den gastronomischen Betrieb beherbergt, merke ich, dass ich trotz der vielen Eindrücke nicht meine sonst übliche Museumsermüdung verspüre. Liegt das nur an der Gemütlichkeit? Oder auch am Licht? Weiter unten scheint der See durch die Bäume, dahinter liegen die Berge, der Herzogstand, der Heimgarten, und vor mir steht ein köstlicher Eiskaffee. Warum war ich eigentlich noch nie hier?

Der nächste Weg führt uns auf die „Kohlleite“, ein schon zu Marcs Zeiten beliebtes Ausflugsziel. Hier entstand das Bild „Zwei Frauen am Berg“. Es zeigt die Malerin Marie Schnür und die Kunststudentin Maria Franck vor der See-Berg-Kulisse. Die beiden Frauen tragen Sommerkleider und Hüte. Maria rechts liegt lässig auf der Seite, den Kopf mit dem linken Arm aufstützend, Marie sitzt mit dem Rücken zur Kulisse, ihr zugeneigt. Die beiden Frauen sehen so aus, als unterhielten sie sich angeregt, es ist ein leichtes, fast heiteres Gefühl, das sich da einstellt. Die Realität war ein bisschen komplexer. Franz Marc hatte ein Verhältnis mit beiden (und darüber hinaus noch eine dritte Geliebte, die verheiratete Künstlerin Annette Simon). Im Sommer 1906 entschied er sich für Marie Schnür und heiratete sie Anfang 1907. Maria Franck taufte die Kohlleite in diesem Sommer den „Thränenhügel“. Die Ehe mit Marie Schnür hielt nur ein Jahr. Marc lebte danach mit Maria Franck zusammen – aufgrund der rechtlichen Lage nach seiner Scheidung war eine Heirat erst 1913 möglich.

Nach einer Weile hängt sich mein Blick am See fest, der silbern und glatt in der Ferne schimmert. Ich vergesse die vielen Informationen und verliere mich in der Landschaft.

Das alles weiß ich nicht zufällig – Marc und seine Geschichte sind hier allgegenwärtig. Unter den drei Kastanienbäumen ist die Station Nummer 3 des offiziellen Kunstspaziergangs. Eine Schautafel zeigt das Werk „Zwei Frauen am Berg“ und beschreibt seine Entstehungsgeschichte. Wer es lieber digital mag, bekommt die Infos auch über die App „Franz Marc Kunstspaziergang“, die auch eine Überblickskarte beinhaltet.

Der Himmel ist bedeckt, als wir auf die Kohlleite kommen. Zu Marcs Zeiten standen in der Gegend vermutlich nur vereinzelte Bauernhäuser und eine Kirche. Heute schaue ich über Siedlungen und Hochspannungsleitungen, und anfangs stört mich das. Doch nach einer Weile hängt sich mein Blick am See fest, der silbern und glatt in der Ferne schimmert. Ich vergesse die vielen Informationen und verliere mich in der Landschaft.

Auf dem Rückweg rutsche ich die Schotterstraße hinunter und ärgere mich über meine Schuhwahl. Ist zwar kein Hochgebirgsmarsch, trotzdem waren Ballerinas nicht die beste Idee. Eine schwarz-weiße Katze lenkt mich von meinen Schuhproblemen ab. Sie liegt bräsig im Feld, springt aber sofort auf, als ich sie rufe, und trottet heran, um sich ihre Streicheleinheiten abzuholen. Franz Marc mochte Katzen genauso gern wie ich, fällt mir da ein. Alle denken immer an Pferde oder Waldgetier, wenn sie an ihn denken, dabei hat er eine nicht geringe Anzahl an Katzenbildern produziert! „Zwei Katzen“ (1909/1910), „Zwei Katzen“ (1913), „Die weiße Katze (Kater auf gelbem Kissen)“ (1912), „Katzen auf rotem Tuch“ (1909/10), „Kinderbild (Katze hinter einem Baum)“ (1910/11), „Zwei liegende schwarze Katzen“ (1912/13), „Akt mit Katze“ (1910), „Mädchen mit Katze II“ (1912) … Der Künstler hatte in seinem Zuhause auf dem Land wohl immer Katzen – neben seinem geliebten weißen Sibirischen Schäferhund Russi. Marc wird mir immer sympathischer.

Es riecht intensiv nach Honig und Vanille. Schuld daran ist das Mädesüß, das gerade tausendfach auf den Wiesen blüht.

Wir laufen weiter in Richtung Kochelsee. Links am Gasthof zu Post führt ein Spazierweg, die Hanersimmergasse, vorbei an Bauernhäusern und blühenden Wiesen und Feldern mit Tümpeln. Der Himmel zieht auf und lässt die Sonne durch. An der Kreuzung mit dem Seeweg, unterhalb der evangelischen Kirche, ruhen sich drei Kühe im Schatten aus und versuchen, sich mit so wenig Aufwand wie möglich der Bremsen zu entledigen. Das Grillenzirpen ist lauter als das entfernte Dröhnen der Bundesstraße. Es riecht intensiv nach Honig und Vanille. Schuld daran ist das Mädesüß, das gerade tausendfach auf den Wiesen blüht. Nach etwa zwanzig Minuten kommen wir am See an. Irgendwo hier fand Marc das Motiv für „Frau in Winterlandschaft auf grüner Bank“ (1906). Am Ufer wachsen Büsche und Bäume, da sind Familien, die baden, und Menschen mit Hunden, die Stöckchen werfen. Den freien Blick auf den See, den die Frau auf dem Gemälde hat, habe ich nicht – aber dafür auch keinen Schnee. Die Stimmung ist angenehm ruhig, wir sind entspannt, wie gedämpft vom weichen Licht.

Weiter geht es am See entlang gen Süden, wir finden die Schautafel für das Gemälde „Lesende Frau im Grünen“, auf dem eine Dame mit Hut und hellem Sommerkleid am Ufer des Sees sitzt und ein Buch liest. Das muss im Frühling gewesen sein, an einem Sommertag wie heute hätte sie es mit dem Outfit nicht lange in der Sonne ausgehalten. Dort, wo die Frau damals vielleicht saß, stehen zwei Bänke im Schatten. Erst setze ich mich darauf, dann ins Gras und schaue auf den See, in dem sich Berge, Bäume und Wolken spiegeln. Fast wie gemalt.

Am liebsten würde ich sitzen bleiben, doch wir müssen weiter: Erst machen wir einen kurzen Halt in Ried, wo es jedoch nicht viel zu sehen gibt. 1914 kauften sich Franz und Maria Marc hier ein Haus mit einem Stück Land, auf dem der Künstler seine berühmten zahmen Rehe hielt. Das Haus ist heute in Privatbesitz und nicht zugänglich. Nur eine Schautafel erzählt vom berühmten Vorbesitzer, der sein Eigentum nur wenige Monate genießen konnte, bevor er im August 1914 zum Kriegsdienst einberufen wurde.

„Mein geliebtes blaues Land“, nannte Marc die Gegend, und genau in diesem Moment verstehe und sehe ich warum.

Schließlich kommen wir nach Sindelsdorf, die Ortschaft, in der Franz Marc die meisten seiner berühmten Bilder gemalt hat. Wir müssen ein bisschen suchen, bis wir das Haus finden, in dem Franz und Maria Marc von 1909 bis 1914 wohnten. Es sieht heute natürlich ganz anders aus als auf den historischen Fotos. Das Paar mietete sich beim Schreinermeister Josef Niggl im ersten Stock ein, auf dem Dachboden hatte Marc sein Atelier. Wir fragen uns bei den Anwohnern durch und finden bald die berühmte Gartenlaube, in der Marc und Kandinsky den „Blauen Reiter“ gegründet haben. Bis 2009 befand sich diese im Garten des Anwesens, wurde dann etwa hundert Meter weiter auf öffentlichem Grund neu aufgebaut. Nach Wassily Kandinsky lief das damals so ab: „Den Namen ,Der Blaue Reiter‘ erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf; beide liebten wir Blau, Mark – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst. Und der märchenhafte Kaffee von Maria Marc mundete uns noch besser.“

Noch ein letzter Stopp steht auf unserer Liste: „Hocken im Schnee“ heißt das Werk, und wir finden seinen Inspirationsort nicht weit vom südlichen Ortsausgang entfernt – nur ohne Schnee. Heuhocken sind große, tipiförmige Heuhaufen, die auf den Feldern errichtet werden, damit das Heu besser nachtrocknen kann. Die Ortschaft Sindelsdorf hat als Hommage an Marc drei solcher Hocken an der Stelle errichtet, an der das Bild wohl entstand. Angeblich kann man von hier aus auch „Die verzauberte Mühle“ sehen, sagt mir die App. Ich selbst kann sie nicht entdecken, aber der Fotograf, der um einiges größer ist als ich, meint, etwas erkennen zu können. Auf dem Heimweg in der Dämmerung machen wir noch einen Halt auf einer Anhöhe und blicken auf Sindelsdorf hinunter.

„Mein geliebtes blaues Land“, nannte Marc die Gegend, und genau in diesem Moment verstehe und sehe ich warum. Unterhalb der rot angeleuchteten Wolken erscheint die Silhouette der Berge in unterschiedlichsten Blaustufen. Ich fotografiere wie eine Wilde mit meinem Handy, aber so richtig will die Stimmung nicht in die Pixel rein. Ich gebe es auf, stakse über die Heuwülste, die in Reih und Glied zum Abtransport bereitliegen, stelle mich vors Panorama und atme tief ein: „Ich versteh’ schon, warum die alle hierhergezogen sind.“

 

 

Text: Sabine Magnet; Fotos: Frank Stolle

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