Eins von vielen Fotografien Münters: Kandinsky beim Wandern in Südtirol.
Ausstellung „Unter freiem Himmel“

Sommer malen mit leichtem Gepäck

Die Ausstellung „Unter freiem Himmel” im Lenbachhaus zeigt die frühen Werke von Wassily Kandinsky und seiner Schülerin Gabriele Münter, die ein Paar werden und für mehrere Jahre auf Reisen gehen. Mit leichtem Gepäck wollen sie mobil sein und fertigen kleine Ölstudien direkt vor dem Objekt an – doch ihre Werke offenbaren viel mehr als Unabhängigkeit, Freiheit und Sehnsucht.

Auf den ersten Blick könnte man fast übersehen, wie viel in dieser Ausstellung mit den kleinformatigen Malereien, Fotografien und Skizzenbüchern steckt. „Unter freiem Himmel” zeigt die frühen Werke von Kandinsky und seiner Schülerin Münter, die im Rahmen eines Malsommers ein Paar werden und fortan für mehrere Jahre auf Reisen gehen. Mit leichtem Gepäck wenden sie sich dem Atelierbild ab. Viel lieber fertigen sie kleine Ölstudien direkt vor dem Objekt an. Sie sind unabhängig und frei – und ihre Werke wollen sie nicht zerdenken.

Sarah Louisa Henn ist die Kuratorin dieser Ausstellung und führt uns durch die Räume. Mit Hingabe und Detailverliebtheit erzählt sie uns, was sie in den vergangenen Monaten bei der Zusammenstellung über das Paar gelernt hat. „Besonders war für mich, durch die Skizzenbücher von Münter zu blättern. Das hatte etwas Privates und Intimes. Gleichzeitig freue ich mich sehr darüber, was wir anhand des Materials von wenigen Jahren alles zeigen können: Zeitgeschehen, Modegeschichte, Emanzipation und das Reisen während des Kolonialismus.” Im Kleinen das Große sehen, das ist in dieser Ausstellung besonders gut möglich.

Gabriele Münter reist 1901 nach München. Sie möchte Malerin werden, doch der Zugang zu staatlichen Akademien ist Frauen damals noch untersagt. Sie wendet sich an eine private Kunstschule, die beiden Geschlechtern offen steht. Dort lernt sie ihren Lehrer und späteren Partner Wassily Kandinsky kennen. Er lädt sie zu einem Malsommer ein, bei dem ihre ersten Ölstudien entstehen. „Anfangs malte Münter noch recht flächig, außerdem nutzte sie den gesamten Bildgrund. Von Kandinsky lernte sie, mit dem Spachtel und Palettenmesser umzugehen. Ihre Arbeit wird dann erst später skizzenhafter”, erklärt Henn und verweist gleichzeitig auf die Vitrinen in jedem Raum: Zu vielen Gemälden gibt es begleitend dazugehörige Skizzen und auch Fotografien von beiden.

Gabriele Münter reist 1901 nach München. Sie möchte Malerin werden, doch der Zugang zu staatlichen Akademien ist Frauen damals noch untersagt. Sie wendet sich an eine private Kunstschule, die beiden Geschlechtern offen steht.

Die gemeinsamen Jahre beginnen beinahe so zaghaft wie Münters frühe Skizzen. Während des ersten und zweiten Malsommers sind sie mit dem Rad unterwegs. Verträumt wirkende Fotos von Radtouren auf sommerlichen Feldwegen offenbaren jedoch mehr Bedeutung als die Sehnsucht nach Natur und Freiheit, wenn man sie in zeitgeschichtlichen Kontext setzt. Denn als Frau um die Jahrhundertwende Fahrrad zu fahren ist etwas Außergewöhnliches, das im Miederkorsett nicht möglich ist – geschweige denn, breitbeinig auf einem Sattel zu sitzen. Münter trägt stattdessen ein Reformkleid, welches auf einengende Elemente verzichtet. Niemand anderes als Kandinsky selbst hat es für sie entworfen, die dazu passende Handtasche hängt direkt am Kleid mit dran. Henn kommentiert das Lebensgefühl so: „Beide wollten modern und frei sein, was gleichzeitig Ambivalenzen aufwirft, denn sie kommen aus wohlhabenden Familien, die diesen Lebensstil möglich gemacht haben.”

Und auch etwas anderes sollte man trotz der unbeschwerten Fotos und Malereien, die während des zweiten Malsommers entstehen, nicht vergessen: Das gebrochene Herz von Anja Kandinsky, die der Künstler für seine Geliebte verlässt. „Die privaten Umstände sind ein Teil der Erzählung. Kandinsky schreibt in einem Brief an Gabriele Münter den Satz ‘Wir dürfen nur außer der Welt zusammensein’”, erzählt Kuratorin Henn. Damit ist ein Leben außerhalb der Gesellschaft, die beide kennt, gemeint, schließlich ist er trotz der Trennung noch verheiratet und Münter seine Schülerin. Ein bittersüßer Auftakt für das gemeinsame Reisen.

1904 bricht das Paar auf, sie fahren mit dem Rheindampfer nach Rotterdam. Im Gepäck haben sie einen Reiseführer aus dem Hause Baedeker, der Highlights empfiehlt, die sich das Künstlerpaar anschaut und auch malt, beispielsweise die ‘pittoresken Windmühlen’. „Der heutige Tourismus baut auf diesen Anfängen auf und ich sehe nach wie vor viele Parallelen”, sagt Henn. Wir sprechen darüber, wie Münter den Arbeitsalltag der Menschen auf dieser Reise dokumentiert, jedoch immer aus einer Distanz heraus, mit dem Blick einer Touristin.

Auch unser Fotograf Frank bemerkt die Ästhetik ihrer Fotografien und wirft die Frage in den Raum, was es für uns aus heutiger Sicht bedeutet, wenn wir uns auf diese rückbeziehen und sie sogar in eigenen Urlaubsbildern nachstellen. Ich frage Henn, ob Münter sich ihrem Talent bewusst war und sie erklärt anhand mehrerer Fotografien, dass diese teils dokumentarisch und privater Natur waren, es jedoch auch viele gibt, bei denen sie ihr Auge schulte. „Sie hat das künstlerisches Medium begriffen, aber eher als Vorlage für andere Werke. Damals hat das Medium Fotografie noch um Autonomie gerungen.” Schön ist, dass in dieser Ausstellung Münters Fotografien und die Malereien des Paares gleichwertig betrachtet werden.

Die meisten Fotografien entstehen, als Kandinsky und Münter beschließen, in wärmeren Regionen zu überwintern. Den Jahreswechsel von 1904 auf 1905 verbringen sie zum ersten Mal in Nordafrika. Dass es sie nach Tunesien verschlägt, liegt auch daran, dass das Land unter französischem Protektorat steht. In kostenlosen Broschüren, initiiert durch einen Ausschuss  für „Überwinterung und Kolonialisierung”, werden Tourist*innen angeworben. „Es gab ein zweisprachiges Bildungssystem, man konnte in Franc bezahlen und sich auf europäischen Infrastrukturen fortbewegen”, erklärt Henn. „Das war Tourismus aus einem kolonialen Selbstverständnis heraus. Die Reise der beiden war sicherlich keine böse Absicht und dennoch ist sie aus heutiger Sicht sehr kritisch zu sehen.”

„Beide wollten modern und frei sein, was gleichzeitig Ambivalenzen aufwirft, denn sie kommen aus wohlhabenden Familien, die diesen Lebensstil möglich gemacht haben.” – Sarah Louisa Henn

Wir betrachten erneut die Fotos und Skizzenbücher, die als Vorlage für Ölstudien gedient haben: Mal ist es der Blick von der Hotelterrasse, mal mitten im Straßengewümmel der Medina von Tunis. „Uns war wichtig, beides zu zeigen: den kritischen Blick, aber auch das tolle Bild”, so Henn. Sie verweist auch auf Münters Interesse für Oberflächen und Gewänder, für Licht- und Schattenspiele in der Architektur. Es handelt sie nicht nur um einen kolonialen Blick – und doch nennt die Künstlerin ein Gemälde “Straßenbild einer afrikanischen Stadt”. Ein Pauschalbeispiel einer namenlosen Stadt inmitten kolonialer Strukturen. Dieser zweite Blick zeigt, wie vielschichtig man sich mit der Arbeit des Paares auseinandersetzen kann und muss.

Im darauffolgenden Winter ziehen beide in eine Villa an der italienischen Riviera, wo sie sich wohlfühlen und, vielleicht zum ersten Mal, heimisch werden. Sie haben eine eigene Köchin und treten als Paar öffentlich auf, weil man sie nicht kennt. Nach fünf Monaten reisen sie jedoch auch hier ab. Kandinsky lebt daraufhin für längere Zeit in einem Vorort von Paris, während Münter in der Stadt ein Apartment mietet und sich weiterbildet. Schließlich reisen sie ins heutige Südtirol, um die Obstblüte in Lana festzuhalten. Kandinskys Werk wird hier bereits immer abstrakter, während Münter ihre letzte gespachtelte Ölstudie entstehen lässt. Wenig später entwickelt auch sie sich in eine expressionistische Richtung.

„Die große Kunst, vor dem Objekt zu stehen und die Stimmung direkt einzufangen”, wie Henn sagt, ist auch in diesen letzten Werken zu sehen. Weil Münter das alles von ihrem Partner gelernt hat, liegt die Frage nahe, ob sie auch ihm etwas nahebringen konnte. “Ihr fotografischer Blick hatte auch eine Auswirkung auf ihn, weil sie sich gemeinsam durch verschiedene Medien bewegt haben. Er schätzte ihr Gespür für Bildausschnitte und Komposition”, sagt Henn und unterstreicht damit meine persönliche Sicht auf die Ausstellung: dass Münters Fotografien herausragend sind.

 

Weitere Infos:

Die Ausstellung „Unter freiem Himmel – Unterwegs mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter“ ist vom 13. Oktober 2020 bis zum 6. Juni 2021 im Lenbachhaus zu sehen.

 

 

Text: Anika Landsteiner; Fotos: Frank Stolle

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