Ausstellungen im Winter 2020/21

Kandinsky, Kapoor und McKenzie

Ein Winterspaziergang durch die Architektur und die Ausstellungen der Münchner Museen ist immer anregend, oft erhebend und manchmal einfach tröstlich. Bereits der Goldkubus des Lenbachhauses, die bunte Fassade des Museums Brandhorst oder das von puderrosa Licht durchflutete Treppenhaus in der Alten Pinakothek, stimmen den Betrachter glücklich. Und da hat er noch nicht einmal den Blauen Reiter, Europas größte Kollektion von Werken Andy Warhols, oder die Originale von Rubens und Dürer gesehen.

Die Schätze der Wittelsbacher

Im Winter 2020/2021 bieten die Museen im Kunstareal München und weitere bedeutende Kunsthallen der Stadt eine ganze Reihe von Ausstellungen, die das Auge freuen, den Geist fordern und die Freiheit der Kunst feiern. München ist reich an großer Kunst aus allen Epochen. Den Kern vieler Sammlungen bildet der Kunstbesitz der Wittelsbacher.

Die Herrscherfamilie zeigte sich gerade auch zeitgenössischer Kunst gegenüber stets aufgeschlossen. So war König Ludwig I. ein großer Bewunderer und Förderer des Bildhauers Bertel Thorvaldsen, der Mitte des 19. Jahrhunderts so etwas wie ein Popstar war. Die Ausstellung „Bertel Thorvaldsen – Bildhauer Ludwigs I.“ zeigt Werke des Künstlers und geht dessen Beziehung zum König nach. Sie ist ab 27. Januar zur Wiedereröffnung der Glyptothek am Königsplatz zu sehen.

Glyptothek: Bertel Thorvaldsen – Bildhauer Ludwigs I.

Auch das Bayerische Nationalmuseum geht auf die Sammelleidenschaft der Wittelsbacher zurück. Zu bewundern sind dort Schätze aus den Epochen von der Spätantike über das Mittelalter, die Renaissance, den Barock und das 19. Jahrhundert bis zum Jugendstil. Ab 26. November rückt dort die Ausstellung „Kunst und Kapitalverbrechen. Veit Stoß, Tilman Riemenschneider und der Münnerstädter Altar“ die Zeit um 1500 ins Bild.

Veit Stoß, einer der  bedeutendsten Meister der süddeutschen Spätgotik, geriet in diesen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt und schuf quasi auf der Flucht seine farbenprächtigen Gemälde für den Riemenschneider-Altar in Münnerstadt.

Bayerisches Nationalmuseum:  Kunst und Kapitalverbrechen. Veit Stoß, Tilman Riemenschneider und der Münnerstädter Altar


Ägyptische Kunst sammelte bereits Herzog Albrecht der V. in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, später dann auch Kurfürst Karl Theodor und Kronprinz Ludwig (der spätere König Ludwig I.). Mit ihren Sammlungen legten sie den Grundstein für das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst (SMÄK).

Ganz aktuell und noch bis zum 10. Januar hat das SMÄK Ilana Lewitan für eine raumfüllende  Installation zum Thema „Ausgrenzung“ in seine Dauerausstellung eingeladen. Die Münchner Künstlerin hat eine bemerkenswerte Biographie. Nach ihren Studien der Innenarchitektur und Architektur und einer Zeit als Architektin und Illustratorin in New York sattelte sie noch ein Studium der Malerei bei Hans Daucher und Markus Lüpertz drauf.

Ihre Arbeit mit dem Titel „Adam, wo bist du?“ macht an Hör- und Sehstationen erlebbar, wie verhängnisvoll es ist, wenn Menschen andere Menschen aufgrund bestimmter Schemata in Schubladen stecken. Besonders beeindruckend sind Lewitans Interviews mit Menschen, die Ausgrenzung erlebt haben, wie die Shoa-Überlebenden Max Mannheimer und Charlotte Knobloch, Mitglieder verschiedener Glaubensrichtungen, Transgender, Flüchtlinge und blinde Menschen.

Staatliches Museum Ägyptischer Kunst (SMÄK): Adam, wo bist du?

Die enge Verbindung der Wittelsbacher zur zeitgenössischen Kunst besteht weiter fort. So ist auch Herzog Franz von Bayern, der heutige Chef des Hauses Wittelsbach, ein Förderer der Münchner Kunstlandschaft. Seine Sammlung mit Werken u.a. von Joseph Beuys, Jörg Immendorf und Sigmar Polke hat er in die Pinakothek der Moderne eingebracht. Und weil er auch einer der frühesten Sammler von Baselitz war, vermachte der Maler und Bildhauer der Pinakothek der Moderne kürzlich zu Ehren seines Förderers sechs Gemälde und eine Skulptur aus den Jahren 2008 bis 2017. Die Schenkung von Georg Baselitz ist noch bis Ende des nächsten Jahres in der Pinakothek der Moderne ausgestellt.

Pinakothek der Moderne: Georg Baselitz. Die Schenkung

 

München – Mekka zeitgenössischer Kunst

Die Rotunde im Eingangsbereich der Pinakothek der Moderne wird bis Mitte August nächsten Jahres von einer gewaltigen auberginefarbenen Kugel dominiert. An ihr gibt es kein Vorbei: Mit ihren raumfüllenden Maßen von 14 auf 22 Metern reicht sie von der Lichtkuppel des Museums über die Galerien bis weit hinab ins Foyer.

Speziell für das Entrée der Pinakothek entworfen hat die Skulptur einer der weltweit bedeutendsten Bildhauer: Anish Kapoor, oder besser gesagt Sir Anish Kapoor, denn der in London lebende Künstler indischer Abstammung wurde für seine Verdienste für die Bildenden Künste 2013 zum Ritter geschlagen. Der Name des Kunstwerks „Howl“ (Geheul) ist eine Anlehnung an das berühmte Gedicht des Schriftstellers Allen Ginsberg, ein Klagelied der Beat Generation.

Pinakothek der Moderne: Anish Kapoor – Howl

Auf eine besondere Zeitreise durch die Kunst des 20. Jahrhunderts entführt eine Kooperationsausstellung der Sammlung. Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne mit der Sammlung Goetz. Die Ausstellung „Au Rendez-Vous Des Amis“ ist bis zum 28. März zu sehen. Sie schafft einen Dialog zwischen Werken der klassischen Moderne, wie zum Beispiel von Pablo Picasso, Franz Marc, Emil Nolde, Oscar Schlemmer und Francis Bacon, mit den Werken zeitgenössischer Künstler*innen aus der Sammlung Goetz. Man erfährt dabei, auf welch vielschichtige Art die Gegenwartskunst von älteren Künstlergenerationen inspiriert wurde.

Pinakothek der Moderne: Au Rendez-Vous Des Amis. Klassische Moderne im Dialog mit Gegenwartskunst aus der Sammlung Goetz  


Das Haus der Kunst kooperiert ebenfalls mit der Sammlung Goetz. Im ehemaligen Luftschutzkeller des Museumsgebäudes zeigt der 1979 in Rosenheim geborene deutsche Fotograf und Filmer Cyrill Lachauer bis zum 14. April seine Multimedia-Installation „Cyrill Lachauer. I am not sea, I am not land.“ Lachauer zeichnet mit Hilfe von Filmen, Videos, Diaprojektion, Soundinstallation, Fotografien und Wandtexten das Spannungsfeld auf, das darin begründet liegt, dass der Begriff „Land“ einerseits Heimat bedeuten kann, andererseits auch mit Nation bzw. Ausgrenzung assoziiert wird.

In der Ausstellung begegnet man den unterschiedlichsten Menschen, die alle das Schicksal von Grenzgängern eint, wie zum Beispiel amerikanischen Wanderarbeitern, Diamantsuchern oder einem queeren Parkarbeiter im Yosemite Nationalpark.

Haus der Kunst: Cyrill Lachauer. I am not sea, I am not land.

Im Haus der Kunst selbst gibt es mit „Michael Armitage. Paradise Edict“ eine echte Premiere. Zum ersten Mal in Deutschland zu sehen ist eine Präsentation der Werke des jungen britisch-kenianischen Malers Michael Armitage (geb. 1984 in Nairobi). Der Künstler lebt in London und Nairobi und malt großformatige, farblich nuancierte Ölgemälde, in denen er europäische und ostafrikanische Themen und Maltraditionen verbindet.

So malt Armitage beispielsweise auf Lubugo, einem tuchähnlichen Material, das in Süd-Uganda aus der Rinde einer speziellen Feigensorte gewonnen wird, während die Motive und Farben seiner Gemälde Bezüge zu europäischen Malern wie Tizian, Francisco de Goya, Édouard Manet, Paul Gauguin, Vincent van Gogh und Egon Schiele aufweisen.

Haus der Kunst: Michael Armitage. Paradise Edict


Nicht entgehen lassen sollte man sich die Ausstellung „Archives in Residence: euward Archiv“, die noch bis zum 25. April läuft. Seit dem Jahr 2000 verleiht die Münchner Augustinum Stiftung den euward (European Art Award), um herausragende Arbeiten von Künstler*innen mit geistiger Behinderung zu fördern. 2021 werden die Werke der Nominierten sowie der Preisträger*innen wieder im Haus der Kunst gezeigt werden.

Haus der Kunst:  Archives in Residence: euward Archiv

Starke Frauen, starke Kunst

Das Lenbachhaus, nur wenige Gehminuten von den Pinakotheken entfernt im Kunstareal gelegen, zeigt mit der Ausstellung Unter freiem Himmel. Unterwegs mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter bis 6. Juni Werke des bekanntesten Künstlerpaars des Blauen Reiters. Genau genommen erzählen die Ölskizzen und Fotografien von einer Zeit, in der es den Blauen Reiter noch gar nicht gab, und in der Kandinsky und Münter persönliche und künstlerische Bande knüpften und sich auf Reisen begaben.

Unter freiem Himmel und mit leichtem Gepäck waren die beiden jahrelang unterwegs, wie wild auf der Suche nach dem richtigen Ausdruck für ihre Malerei. Ab 1902 entdeckten sie zunächst das Münchner Umland mit dem Fahrrad für sich. Später steuerten sie auch internationale Reiseziele an. Ihre künstlerische Neugier und die Tatsache, dass sie ihre gesellschaftlich nicht akzeptierte Beziehung unterwegs frei leben konnten, führte sie weiter nach Holland, Tunesien, an die italienische Riviera, nach Paris und zuletzt nach Südtirol.

Lenbachhaus: Unter freiem Himmel. Unterwegs mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter


Wie ging es nach dem Tod Münters Anfang der 1960er Jahre weiter mit der weiblichen Gegenwartskunst? Das Lenbachhaus zeigt dazu bis zum 1. August mit der Ausstellung „Die Sonne um Mitternacht schauen“ Werke von Künstlerinnen, die von 1958 bis heute entstanden sind. Die Gemälde, Fotografien, Installationen, Videos und Performances spiegeln die Auseinandersetzung mit Fragen von Gleichberechtigung und das Verhältnis der Geschlechter zueinander.

Sie beschäftigen sich aber auch, nicht selten auf radikale Weise, mit den Themen Sexualität und weibliche Identität. Das früheste Werk stammt von der 1919 geborenen und 2014 verstorbenen österreichischen Malerin Maria Lassnig. Die Ausstellung lässt Künstlerinnen mehrerer Generationen zu Wort kommen, von der 80-jährigen Medien- und Performancekünstlerin und Filmemacherin VALIE EXPORT über Michaela Mélian bis hin zu den, in den 1970er und 1980er Jahren geborenen, Künstlerinnen Candice Breitz, Tejal Shah.und Flaka Haliti.

Lenbachhaus: Die Sonne um Mitternacht schauen

Auch im Museum Brandhorst steht eine zeitgenössische Künstlerin im Fokus.
„Lucy McKenzie – Prime Suspect“ (bis 21. Februar) ist die erste internationale Überblicksschau der in Brüssel lebenden schottischen Künstlerin Lucy McKenzie (geb.1977). Auch bei ihr ziehen sich Themen wie die Politik der Geschlechter, der Platz der Frau und die Darstellung des weiblichen Körpers in Kunst, Architektur und Mode wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung.

Versammelt sind rund 80 Werke aus der Zeit von 1997 bis heute mit Beispielen aus allen bedeutenden Werkgruppen der Künstlerin. Unbeschwert bedient sich die gelernte Dekorationsmalerin mit einem Diplom der Kunstakademie Karlsruhe für ihre Installationen, Gemälde und Collagen bei verschiedenen Genres: von der Malerei über Architektur und Design bis hin zu volkstümlicher Kunst.

Museum Brandhorst: Lucy McKenzie – Prime Suspect

 

Babylon München?

Die 1920er Jahre sind das Jahrzehnt, das uns nicht zuletzt wegen der Kriminal-Fernsehserie „Babylon Berlin“ gerade besonders fasziniert. Es ist der kühle, distanzierte Blick auf das Geschehen, auf eine Welt ohne Illusion, auf den hässlichen Alltag der Großstädte, der die Künste dieses Jahrzehnts charakterisiert. Das Münchner Stadtmuseum beleuchtet mit seiner Ausstellung „Welt im Umbruch: Von Otto Dix bis August Sander – Kunst der Zwanziger Jahre“ noch bis zum 10. Januar diese Jahre der Extreme und Gegensätze.

Sie spürt dem künstlerischen Dialog zwischen Malerei und Fotografie des Jahrzehnts nach und macht darüber hinaus deutlich, zu welch frühem Zeitpunkt Künstler*innen bereits gegen Hitler „angemalt“ haben. In der Ausstellung zu sehen sind u.a. Werke von Aenne Biermann, Otto Dix, George Grosz, Hannah Höch, El Lissitzky und László Moholy-Nagy.

Münchner Stadtmuseum: Welt im Umbruch: Von Otto Dix bis August Sander – Kunst der Zwanziger Jahre

In den Golden Twenties beginnt auch der Siegeszug des Regietheaters. Dramen werden nicht länger nur auswendig gelernt und „vom Blatt gespielt“, sondern erfahren durch ihre Inszenierung eine eigene Interpretation. Die Ausstellung „Regietheater. Eine deutsch-österreichische Geschichte“ im Deutschen Theatermuseum (von dem die Schauspielerin Sunnyi Melles sagt, dass es genauso wichtig sei, wie das Internet) befasst sich mit den Protagonisten dieser modernen Auffassung von Theater.

Regisseure wie Otto Brahm, Max Reinhardt, Fritz Kortner und Gustav Gründgens, bis hin zu den Zeitgenossen Peter Zadek, Peter Stein und Claus Peymann werden immer wieder mit dem Vorwurf mangelnder Werktreue konfrontiert. Als zu respektlos und selbstherrlich empfinden manche Theatergänger noch heute den Umgang mit den dramatischen Vorlagen. Illustriert wird dieses Kapitel der Theatergeschichte mit Hilfe von Bühnenbildentwürfen aus Theatern in Köln, Wien, Berlin, Salzburg, Saarbrücken und München. Die Ausstellung ist noch bis zum 11. April zu sehen.

Deutsches Theatermuseum: Regietheater. Eine deutsch-österreichische Geschichte

 

Ausführliche Informationen zu den Ausstellungen und zu den Münchner Museen mit Adressen und Öffnungszeiten finden Sie auch auf muenchen.de und auf museen-in-muenchen.de

 

 

Text: Karoline Graf; Fotos: Johannes Haslinger, Benjamin Brückner, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Michael Armitage, Cyrill Lachauer, VG Bild-Kunst, H. Koyupinar, Lucy McKenzie

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