Oktoberfest

Wiesn for one

Kein Oktoberfest in diesem Jahr? Das kommt für unseren Autor überhaupt nicht in Frage. Kurzerhand feiert er seine private Wiesn – ganz allein in seinen eigenen vier Wänden.

Zefix. Meine Lederhose rutscht. Darum kann ich mich jetzt gerade aber nicht kümmern, weil ich ja beide Hände brauche, um das Bierfass zu halten, das ich in meine Wohnung in den vierten Stock hochschleppe. Draußen herrschen 32 Grad, und der Schweiß tropft mir vom Gesicht. Ich setze das Fass einen Moment auf einer Treppenstufe ab und ziehe meine Hose bis fast zu den Achseln hoch. Lange wird das trotzdem nicht halten, weil ich den Knopf nicht mehr zubekomme. Wie es aussieht, habe ich wohl während der Corona-Monate ein paar Kilo zugenommen. Immerhin ein Vorteil, wenn man alleine Oktoberfest feiert: Niemand sieht, wenn die Lederhose plötzlich in den Kniekehlen hängt und man nur noch in der Unterhose dasteht. In diesem Sinne: Grüß Gott auf meiner ganz privaten Wiesn.

Immerhin ein Vorteil, wenn man alleine Oktoberfest feiert: Niemand sieht, wenn die Lederhose plötzlich in den Kniekehlen hängt und man nur noch in der Unterhose dasteht. In diesem Sinne: Grüß Gott auf meiner ganz privaten Wiesn.

Seit meiner Kindheit habe ich keine Wiesn verpasst. Pünktlich wie ein Musterschüler sitze ich jedes Jahr am Samstag zum Anstich im Festzelt vom Schottenhamel – und schwenke am letzten Tag ganz melancholisch die Wunderkerze. Das Oktoberfest ist für mich die fünfte Jahreszeit, wo man mit dem Chef im Arm schunkelt, neue Freunde aus Italien und Australien findet, der Duft von gebratenem Hähnchen in der Nase klebt und selbst ein schüchterner Typ wie ich mal von einer Frau angesprochen wird. Kurz gesagt: Die Wiesn ist mein Höhepunkt des Jahres, auf den ich schon im Januar hinfiebere. Und darauf soll ich dieses Jahr verzichten? Niemals. Corona hat mir schon meine schlanke Taille genommen. Das Oktoberfest nimmt es mir nicht auch noch. Deshalb habe ich beschlossen: Ich feiere trotzdem. Zur Not halt ganz allein in meiner Wohnung.

Mit letzter Kraft hieve ich also das Fass auf die Kochablage in der Küche, wobei ich dermaßen ins Hohlkreuz gehe, dass sich mein alter Physiotherapeut bestimmt im ergonomischen Sarg umdrehen würde. Aber zumindest steht jetzt das Bier bereit. Im Wohnzimmer habe ich auch schon einen Biertisch und zwei Bänke aufgebaut.

Auf dem Tisch stehen sechs Gläser für mich und meine Freunde, die normalerweise jedes Jahr mit mir zusammen aufs Oktoberfest gehen. Klar, dass die heute nicht fehlen dürfen. Auch wenn sie nicht körperlich anwesend sein können – so doch wenigstens im Geiste. Ganz wie bei dem Silvesterklassiker: „Dinner for One oder Der 90. Geburtstag“. Blöderweise habe ich allerdings nur einen Maßkrug. Dort, wo Finn, Daniel, Sarah, Heiko und Christina sitzen, stelle ich kleine IKEA-Trinkgläser auf den Tisch. Daniel würde deshalb jetzt bestimmt ein Riesentrara machen, weil bei ihm immer alles stilecht sein muss. Der würde sich auch eher die Füße abhacken, bevor er Sneaker zur Lederhose anzieht. Vielleicht ganz gut, dass er heute nicht dabei ist.

Blöderweise habe ich allerdings nur einen Maßkrug. Dort, wo Finn, Daniel, Sarah, Heiko und Christina sitzen, stelle ich kleine IKEA-Trinkgläser auf den Tisch. Daniel würde deshalb jetzt bestimmt ein Riesentrara machen, weil bei ihm immer alles stilecht sein muss.

Ich blicke auf die Uhr. Kurz vor zwölf. Zeit für den Anstich. Ich hole aus meiner Abstellkammer den Werkzeugkasten und entnehme daraus einen Hammer. Ich brauche vier Schläge, dann fließt das Bier. Das heißt, eigentlich tröpfelt es bloß aus dem Hahn. Dafür sprudelt es oben aus dem Fassdeckel. Ich schlage schnell nochmal auf den Stift – und nun fließt es aus der Rückseite. Verdammt, wo kommt das ganze Bier her? Mittlerweile steht das Fass schon in einem zehentiefen Fluss aus Bier, der über meine Küchenablage rinnt. Ich schlage noch zweimal fest zu, und endlich fließt der goldgelbe Saft dahin, wo er hingehört: in meinen Krug. Bevor ich damit anstoße, muss ich jetzt aber erst mal Handtücher aus dem Badezimmer holen und die Sauerei wegwischen.

So, jetzt kann mein Volksfest aber losgehen. Auf meinem Laptop starte ich die Wiesn-Playlist, und während es aus dem Lautsprecher schallt „Und dann die Hände zum Himmel – komm lasst uns fröhlich sein ...“ erhebe ich meinen Maßkrug und nehme einen ordentlichen Schluck. Und dann nehme ich noch einen aus Finns Glas und einen aus Daniels Glas und einen aus Sarahs Glas und einen aus Heikos Glas und bin ordentlich froh, dass ich mir damals doch nicht das Fake-Eisbärenfell gekauft habe, als ich bei IKEA war wegen der Gläser.

Kurz vor zwölf. Zeit für den Anstich. Ich hole aus meiner Abstellkammer den Werkzeugkasten und entnehme daraus einen Hammer. Ich brauche vier Schläge, dann fließt das Bier. Das heißt, eigentlich tröpfelt es bloß aus dem Hahn. Dafür sprudelt es oben aus dem Fassdeckel.

Der Wiesn-Experte weiß natürlich: Eine deftige Grundlage im Magen ist das A und O für einen Tag auf dem Oktoberfest. Und das Essen in den Festzelten ist wirklich ausgezeichnet. Den Steckerlfisch mag ich am liebsten, aber den gab es auf dem Markt bei mir ums Eck heute leider nicht. Dafür habe ich ein halbes Hähnchen geholt, dazu Kartoffelsalat, Obazden und eine Breze, natürlich die große. Großzügig verteile ich das Essen auf den Tellern meiner Freunde, bloß den von Finn lasse ich leer. Der macht mal wieder Diät, wie jedes Jahr. Klassisch Finn, haha. Hach ja ...

Hm. Und nun? Irgendwas fehlt. Genau, die Frauen. Nirgendwo kommt man leichter ins Gespräch als auf dem Oktoberfest. Aber außer meinen fünf imaginären Freunden ist niemand hier, mit dem ich flirten könnte. Ich setze mich mit meinem Bier auf das Fensterbrett und beobachte aus dem offenen Fenster das Treiben der Nachbarn im Hof. Eine junge Frau schreitet über den Platz und trägt einen Müllbeutel zur Tonne. Ich proste ihr freundlich zu – aber sie guckt bloß irritiert drein. Zugegeben, ich wäre wohl auch verwundert, wenn mich am helllichten Tag ein fremder Mann aus seinem Fenster mit einem Bier begrüßen würde und im Hintergrund „Hey Baby“ von DJ Ötzi läuft. Damit die Situation also nicht so merkwürdig wirkt, rufe ich in den Hof hinunter:

„ICH FEIERE OKTOBERFEST!“
Die Frau hält sich eine Hand ans Ohr und ruft. „WAS?“
„ICH FEIERE OKTOBERFEST!“, rufe ich.
„ACH SO“, ruft die Frau.
„JA, WEIL DOCH DIE WIESN ABGESAGT WURDE“, rufe ich.
Und dann ruft jemand aus einer Nachbarwohnung: „SCHNAUZE, DU SPINNER!“

Die Frau setzt ihren Gang zur Mülltonne wieder fort, und ich schließe rasch das Fenster. Bitte, dann flirte ich eben auf Tinder mit den Damen. Ich setze mich wieder auf die Bierbank und greife in meine Hosentasche, um mein Handy herauszuziehen, aber dort ist es nicht. Mist, mein Handy ist weg. Ich hab es doch wohl nicht etwa verloren? Es wäre nicht das erste Handy, das ich auf dem Oktoberfest verliere. Aber diesmal habe ich Glück. Es liegt auf dem Fensterbrett, wo ich gerade noch saß. Ich öffne die Flirt-App und schieße sogar extra ein neues Foto von mir in Lederhose, das ich in meinem Profil hochlade. Nichts finden die Damen so sexy wie einen Mann in Tracht. Das weiß doch nun wirklich jeder. Na gut, möglicherweise gibt es wohl doch noch zwei oder drei andere Dinge, die Frauen attraktiver finden. Denn auch nach zehn Minuten habe ich lediglich einen Krampf im Daumen aber immer noch kein Match.

Der DHL-Bote blickt mich an, als ob mir das Kettenkarussell einmal zu oft gegen den Kopf geknallt wäre. „Tut mir leid, ich muss arbeiten.“ „Nur ein Bier!“, flehe ich. „Geht nicht. Aber viel Spaß noch“, sagt der Mann und geht wieder.

Es klingelt. Vor der Tür steht ein DHL-Bote mit einem Paket in der Hand. „Könnten Sie das für Familie Lauber entgegennehmen?“ Er hält mir den Karton entgegen. „Klar“, sage ich und nehme das Paket an mich.

„Wollen Sie vielleicht für einen Augenblick reinkommen und mit mir Oktoberfest feiern?“
Der bullige Mann mit südeuropäischen Wurzeln runzelt die Stirn. „Oktoberfest?“
„Das ist ein traditionelles Volksfest hier in München“, erkläre ich und recke mit einem dümmlichen Grinsen den Daumen in die Höhe. „Die größte Party der Welt.“
Der DHL-Bote runzelt die Stirn. „Ich weiß. Aber wieso feiern Sie in Ihrer Wohnung?“
„Na, die Wiesn wurde ja wegen dem Coronavirus abgesagt. Also feier ich halt bei mir.“
„Allein?“ Der DHL-Bote blickt mich jetzt an, als ob mir das Kettenkarussell einmal zu oft gegen den Kopf geknallt wäre. „Tut mir leid, ich muss arbeiten.“
„Nur ein Bier!“, flehe ich.
„Geht nicht. Aber viel Spaß noch“, sagt der Mann und geht wieder.

Na ja. Auch nicht der erste Korb, den ich auf der Wiesn bekomme. Und deshalb weiß ich auch: Das beste Mittel, um darüber hinwegzukommen, ist, einfach weiterzumachen. Ich setze mich also wieder auf meine Bank, nehme einen Schluck aus meinem Maßkrug und nage die letzten Fetzen Hühnchen von den Knochen. Im Festzelt käme jetzt eine Bedienung vorbei, um die leeren Teller abzuräumen. Nicht das Einzige, was mir auf meiner privaten Wiesn fehlt, denke ich und trage das schmutzige Geschirr rüber in die Küche.

Im Festzelt käme jetzt eine Bedienung vorbei, um die leeren Teller abzuräumen. Nicht das Einzige, was mir auf meiner privaten Wiesn fehlt, denke ich und trage das schmutzige Geschirr rüber in die Küche.

Es ist vor allem die Stimmung, wenn 10.000 Menschen gemeinsam „Prosit“ rufen und schunkeln. Das kann man zu Hause einfach nicht imitieren. Genauso wie du dich im Trikot vor den Fernseher setzen und das Fußballspiel gucken kannst – aber in der Fankurve im Stadion zu stehen, ist dann doch noch mal etwas anderes. Trotzdem bin ich zufrieden mit meinem Experiment. Zum Mittagessen ist das auf jeden Fall eine prima Idee. Das Essen hat super geschmeckt. Vermutlich auch wegen der Erinnerungen, die ich damit verbinde. Bloß den Aufwand mit dem Bierfass würde ich mir beim nächsten Mal sparen.

Ein bisschen erinnert mich mein kleines Fest an eines der „Oktoberfeste“ im Ausland, die ich über die Jahre immer wieder mal besucht habe: Es ist nett. Aber einfach nicht dasselbe.

 

 

Text: Maximilian Reich; Fotos: Frank Stolle

WirtshausWiesn

Aufgrund des Coronavirus kann das Oktoberfest in diesem Jahr leider nicht stattfinden. Alle Infos zur WirtshausWiesn finden Sie unter muenchen.de/wirtshauswiesn