Weihnachtsmanufakturen

Eine Muh, eine Mäh...

Die Advents- und Weihnachtszeit ist heuer besonders besinnlich. Und eine gute Gelegenheit, Manufakturen und Handwerksbetriebe in und um München hochleben zu lassen. Denn nirgends findet man so einzigartige Geschenke wie in diesen weihnachtlichen Werkstätten. Frohes Schenken – und Schaffen!

Ein festliches Leuchten

In Fenstern und Laternen, auf Kränzen und Zweigen tanzen an den kurzen Tagen des Jahres Kerzenlichter. Kirchen erstrahlen prächtig im Kerzenschein. Doch Licht ist nicht gleich Licht, denn Kerze ist nicht gleich Kerze. Die Familie Fürst lässt Flämmchen ihre Strahlkraft voll entfalten. Seit 1862 und fünf Generationen werden in Münchens einziger Wachszieherei Kerzen gezogen – nicht gegossen, nicht gepresst.

Genau das macht nämlich den Unterschied. Dafür sorgen die Brüder und Wachsziehmeister Franz und Bernhard Fürst. In ihrer Werkstatt in Sendling läuft ein dicker Docht, die „Seele der Kerze“, über die Zugmaschine aus den 1950er-Jahren, taucht in ein Becken mit heißem, flüssigen Wachs. So wachsen die Kerzen pro Stunde um einen Zentimeter.

Zuletzt umhüllt sie ein Hartwachsmantel, eine beheizte Guillotine stutzt sie zurecht. Am Boden der Kerze erkennt man ihre Qualität: die Schichten, wie die Jahresringe bei einem Christbaum. In den Lufteinschlüssen kann sich das Licht ausbreiten. Die handgezogene Kerze strahlt von innen. Strahlt wärmer und natürlicher. Leuchtet stärker, brennt länger, tropft weniger.

8.000 verschiedene Modelle hat der „Wachszieher am Dom“ bisher großgezogen. Jede Kerze ist ein Original. Franz Fürsts Ehefrau Zdenka verziert sie liebevoll: Weihnachtskerzen mit Glocken und Engeln, Bayernkerzen mit Brezn oder der Frauenkirche, die sich direkt ums Eck des Ladens befindet. Auch dort brennen Fürst-Kerzen, so wie in rund 200 weiteren Münchner Kirchen. Nach Rom reisten sie auch schon: Joseph Ratzinger, emeritierter Papst und gebürtiger Bayer, bestellt seit Jahren bei Fürst Kerzen für seinen Christbaum.

Insider-Tipp
Kerzen sind lebendige Lichter und sensible Wesen. Sie strahlen zum Beispiel gerne für sich, im Abstand zu anderen, sie mögen keine Zugluft, und ab und zu muss man ihren Docht kürzen. Auf ihrer Webseite geben die Fürsts viele weitere
Tipps zur Hege und Pflege einer Kerze, damit sie einem lange leuchten möge.

Der Wachszieher am Dom
Thiereckstraße 2

 

Süße Grüße

Barbara Grathwohl war eine emanzipierte Frau. Respekt, denn sie lebte vor hundert Jahren und war mit einem gut situierten Münchner verheiratet. Man redete. Präsentables Beiwerk wollte die Mittdreißigerin aber nicht sein. Und so eröffnete sie 1918 ein Geschäft in der Maximilianstraße – zur gütlichen Einigung unter anderem Namen: Elly Seidl – der Name ihre Tochter und ihr Mädchenname. Anfangs verkaufte Grathwohl Feinkost und Marmeladen, auf Nachfrage bald erlesene handgefertigte Pralinen. Heute sind die kleinen essbaren Kunstwerke die Spezialität der Konditorei Elly Seidl.

Seit den 1970er-Jahren führt die Familie Rambold das köstliche Erbe fort und ergänzte das Sortiment um Schokolade als Tafel, Bruch und zum Trinken. Zur Adventszeit gießt sie belgische Kuvertüre in Form, zu Nikoläusen, Engeln, Bischöfen und Wichteln, und taucht Elisenlebkuchen, Florentiner und Baumkuchen hinein.

Und sie befüllt Adventskalender mit: na? Pralinen! Glänzenden, zart duftenden Schokobollen, die knacken, wenn man draufbeißt, und dann auf der Zunge zergehen. So erlebt man „Honey Moon“, eine weiße Trüffelpraline mit Macadamia-Nougat und Honig, oder einen Kurzurlaub „Copa Cabana“ mit Rum und einer Ananas-Zitronen-Paste in Zartbitterkuvertüre. Bekannte Namen wie Willy Bogner, Konstantin Wecker und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter verehren Pralinen namens „Annette“, „Barbaretta“ und „Katharinchen“.

Online kann man seine Lieblinge mit dem Pralinenbox-Konfigurator aus 120 Sorten zusammenstellen. Oder ein Foto seiner Liebsten auf Pralinen drucken lassen: Lebensmittelfarbe auf weißem Schokoladenplättchen, hochaufgelöst bis
in den Mund.

Der Legende nach entwickelte übrigens der Schweizer Frédéric Neuhaus das Hohlformverfahren zur Pralinenherstellung. Sein Vater Jean führte 1857 eine Apotheke in Brüssel, mit Bonbons gegen Husten und Likörstäbchen gegen Magenweh. Frédérics Idee, die Medizin mit Schokolade zu überziehen, mündete in der Eröffnung einer Konfiserie. Schokolade macht nämlich glücklich. Und Lachen ist ja bekanntlich die beste Medizin.

Insider-Tipp
Elly Seidl weiß, dass ihre Kreationen zum Sugar Rush verführen. Deshalb rät sie explizit, jedes Stück langsam im Mund zergehen zu lassen und die Aromen zu studieren, anstatt alle pausenlos zu inhalieren. Die Entwicklung einer einzigen
neuen Sorte dauert immerhin fast ein halbes Jahr. Eine der Pralinen wurde nach Maximilian Rambolds kleiner Tochter Emma benannt – ein weißes Schokotöpfchen mit Kaffee-Ganache, weil das Mädchen ihre Eltern schon während der Schwangerschaft wach hielt.

Elly Seidl
Maffeistraße 1
Am Kosttor 2
Tal 40

 

Eindrucksvolle Weihnachtspost

„Auf dem besagten Blatt aus des Herrn Prantl Papierhandlung [...] schrieb ich den Krull“, notierte Thomas Mann in seinem Tagebuch. Sein unvollendeter Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ entstand auf dem wertigen Papier der Münchner „Hofdruckerei und Galanteriewarenmanufaktur Prantl“ – so wie alle Werke des Schriftstellers, seit er 1894 nach München zog.

Einen Brief oder eine Grußkarte zu schreiben oder zu erhalten ist heutzutage an und für sich etwas Besonderes. Es drückt Wertschätzung dem Adressaten gegenüber aus. Und es fühlt sich umso wertvoller an, erlesenes Papier langsam aus einem festen, fein gefalzten seidenen Umschlag zu ziehen.

Das Familienunternehmen Prantl ist das einzige seiner Art in Deutschland und zählt zu den ältesten weltweit. Franz Anton Prantl gründete es 1797 in der damaligen Haupt- und Residenzstadt. Neben Akzidenzien, sprich exquisiten individuellen Drucksachen, handelte Prantl anfangs auch mit Kaffee, Tee, Seiden-, Silber-, und Goldwaren.

Bekannt war die Manufaktur aber für ihre Papierveredelung und Stahlstichprägung, ein Tiefdruckverfahren, das bis heute beim Druck von Banknoten eingesetzt wird. Prantls Graveure fertigten Wappen, Initialen und Monogramme für Namen und Ränge: Bayerns Könige und Prinzen, Habsburger und Wittelsbacher Adel, auch Kaiserin Elisabeth von Österreich.

Viele Künstler schätzen Prantls  Akzidenzien: Wassily Kandinsky malte auf dessen Leinwänden, Richard Strauss komponierte auf dessen Blättern, Reiner Maria Rilke dichtete in dessen Notizbüchern. Für Siemens, Spaten, Löwenbräu und BMW lieferte Prantl die gesamte Papeterie. Thomas Mann plante, auch „den Sturz des Regimes von 1933 noch auf deutschem Papier (von Prantl)“ zu notieren. Er tat’s im Exil wohl eher nicht. Der Rest ist ebenfalls Geschichte.

Insider-Tipp
Prantl setzt seit jeher auf Personalisierung. Heute kann man online eigene Designs, Fotos und Zeichnungen auf Briefpapier und Karten drucken und in der ikonischen roten Geschenkbox liefern lassen. Alternativ gibt es auch persönliche Geschäftsausstattungen „nach Maß“ aus der Satzabteilung von Prantl.

Prantl
Brienner Str. 11
(Und bei Ludwig Beck „Papeterie“, Marienplatz 11)

 

Lebkuchen von Herzen

Schon 1370 beglückte ein „Lebzelter“ – ein Lebkuchenbäcker die Stadt München mit würzigen Honigkuchen. Anders als in Nürnberg, wo man die Kuchen mit Mandeln und Zitronat dekorierte, stachen die Münchner das Gebäck mit Formen
aus und verzierten es mit buntem Zuckerguss. Das Lebkuchenherz prägt bis heute das Bild der „Weltstadt mit Herz“.

Normalerweise baumelt es auf den großen und kleinen Münchner Volksfesten und Christkindlmärkten von vielen
Buden. „Die Lait kommunizieren mit unsere Herzen“, sagt Michael Schifferl, der seit 1979 in seiner Bäckerei in Puchheim Lebkuchen backt und auch individuell beschriftet – mit Kosenamen, Handynummern und einmal einem Heiratsantrag. Münchens Koch-Urgestein Alfons Schuhbeck schenkt die Herzen gerne seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Schlagerband „Flippers“ ließ ihre Fans darauf wissen: „Du bist der Oscar meines Herzens“.

Die Märkte müssen nun ruhen, auf Lebkuchen verzichten muss aber niemand: Herzen, weihnachtliche Figuren von Elch bis Stern und geschlechtsneutrale Lebkuchenmännchen aus Honigkuchen bekommt man auch online bei Schifferl. Schon beschriftet und gestaltet. Oder als Rohling, „nackert“: um mit Zuckerguss seine eigene Botschaft zu verkünden und sich diese um den Hals oder an den Weihnachtsbaum zu hängen. Um der Oma von Herzen ein „Frohes Fest und gesundes neues Jahr“ zu wünschen, die Kollegin zu überraschen, dem besten Freund das Jugendwort des Jahres „lost“ mitzuteilen. Oder um einfach mal „Danke“ zu sagen.

Insider-Tipp
Lebkuchen schmecken mindestens zwei Jahre. Wohlgemerkt mindestens. Schon die alten Ägypter legten ihren Toten honiggesüßte Kuchen fürs Jenseits in die Grabkammern. Wir legen sie für unsere Lieben unter den Weihnachtsbaum.

Lebkuchenherz München Schifferl

Die Weihnachtsgeschichte in 3D

Weihnachten ist eine wundervolle Tradition. Auch, wenn viele Kinder heute nicht mehr genau wissen, was wir da eigentlich feiern: Konsum? Völlerei? Nein, ihr Kinderlein. Wir feiern die Liebe und diesen Typen, der vor über zweitausend Jahren aus Liebe zu uns für uns starb und am 24.12. geboren wurde. Krippen stellen die Geburt Jesu Christi dar. Bevor der Weihnachtsbaum im 19. Jahrhundert beliebt wurde, standen sie im Mittelpunkt des Festes. Als Erster spielte der heilige Franz von Assisi die Weihnachtsgeschichte 1223 in Greccio, Italien, mit Menschen und lebenden Tieren nach, anstatt sie trocken
runterzupredigen.

In einer Schreinerei in Herbertshausen bei München stellen die Freunde David Seifert und Thomas Babinsky Brotzeitbrettl aus heimischen Hölzern her – und stellten vor einigen Jahren fest, dass sie beide in ihrer Freizeit gerne Krippen basteln. Seitdem erschaffen sie gemeinsam detailreiche orientalische und alpenländische Krippen, die Christi Geburt von Betlehem nach Bayern verlegen.

An den kleinen Szenerien und vielen Details kann man sich nicht sattsehen: eine Mini-Leiter, die zu einer mit Eisen beschlagenen kleinen Tür zum Heuboden führt! Ein Plumpsklo, ein Brotofen, ein Vogelhäuschen! Das Krippenbauen ist in vielen bayerischen Gemeinden Tradition zur Voradventszeit. Es erdet. Und die Krippe verlängert die Vorfreude auf den
Heiligen Abend.

Der alljährliche Krippenbaukurs von Seifert und Babinsky fällt heuer aus, doch online findet man eine penible Anleitung zu Bemalung, Beleuchtung, Botanik, Bau. Dann kann man selbst den Kaspar der drei Weisen aus dem Morgenland mit einem zehn Zentimeter kleinen Dreschflegeln das Getreide schlagen und einen Pfeife rauchenden Opa mit der heiligen Maria am kleinen leuchtenden Hirtenfeuer über Beherbergungsverbote diskutieren lassen.

Insider-Tipp
Maria kniet oder steht rechts neben dem Jesuskind in der Futterkrippe, auf der Evangelienseite, von den Betrachtern aus also links. Josef steht auf der Epistelseite, also rechts. Ob im Stall oder nah am Geschehen steht der Esel auf Marias Seite, der Ochse bei Josef. Quelle: Die Bibel und „Das Pseudo-Matthäus-Evangelium“ (gibt es wirklich)

David Seifert und Thomas Babinsky GbR
Ligsalzstraße 46
85241 Hebertshausen

 

Das könnte Sie auch interessieren: Auch wenn der Münchner Christkindlmarkt und damit auch der Kripperlmarkt für 2020 abgesagt wurden, können Sie Krippen und Zubehör und all die anderen typischen Weihnachtsartikel direkt über die Aussteller beziehen.

 

 

Text: Nansen & Piccard; Fotos: Christian Kasper, Elly Seidl, Prantl

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