Die Gründerin von Kuchentratsch Katharina Mayer mit einem Kuchen in der Hand vor der Backstube in München

Kuchentratsch

Kuchen wie bei der Oma

Die Münchnerin Katharina Mayer wollte Kuchen wie von ihrer Oma und gründete 2014 Kuchentratsch. Herausgekommen sind nicht nur hervorragender Kuchen, sondern auch glückliche ältere Menschen, die eine Aufgabe haben und neue Freundschaften schließen können.

Es ist einer dieser Münchner Hinterhöfe, in denen Pumuckl sich sehr wohl gefühlt hätte. Ein Eichhörnchen huscht unter das Garagendach, mittendrin steht eine alte Badewanne, die im Sommer schön bepflanzt wird. Hier, unweit vom Hauptbahnhof, befindet sich die Backstube von Kuchentratsch, einem mittlerweile recht bekannten Unternehmen aus München. Die Gründerin Katharina Mayer hatte direkt nach ihrem BWL-Studium mit nur 24 Jahren eine ziemlich gute Idee: „Ich habe viel Zeit im Ausland verbracht und dabei immer den Kuchen meiner Oma vermisst. Denn der schmeckt ja bekanntlich am besten – also dachte ich: Warum nicht Kuchen verkaufen, der von Omas und Opas gebacken wird?“

Das war 2014, angefangen hat alles in einer angemieteten Kantine – mit der eigenen Oma und ein paar Freundinnen und Freunden, die Katharina unter die Arme griffen. Sechs Jahre später backen rund 60 ältere Menschen für Kuchentratsch. Die meisten Omas und Opas kommen einmal pro Woche und übernehmen eine Vier-Stunden-Schicht. Die Gruppen sind selbstorganisiert und bestehen immer aus den selben fünf bis sechs Leuten. Eben jenen, die gerne zusammen Kuchen backen und dabei über das Leben tratschen. Wenn jemand krank ist, sorgt man sich umeinander. Aus Fahrgemeinschaften entstehen Freundschaften – und manchmal sogar gemeinsame Urlaube.

Die Rezepte für die Kuchen kommen von den Omas und Opas. Am beliebtesten ist der Karottenkuchen mit Frischkäse-Topping von Oma Irmgard. „Zu Weihnachten freue ich mich immer auf unseren Eierlikör-Lebkuchen, den könnte ich das ganze Jahr über essen. Und von Reginas Nuss-Schoko-Kuchen bekomme ich auch nicht genug, obwohl wir den schon seit vier Jahren im Sortiment haben“, schwärmt Gründerin Katharina Mayer. Aber natürlich kann bei einem immer größer werdenden Unternehmen nicht jede Oma nur eine Sorte Kuchen backen – so alle in einer Schicht mal alles.

Aus Fahrgemeinschaften entstehen Freundschaften – und manchmal sogar gemeinsame Urlaube.

Auf dem Zettel von Oma Rosemarie stehen für heute ein veganer Mohn-Streusel-Kuchen, ein Beerentraum und sechs Nusskuchen. Am liebsten macht sie Obstkuchen – der Beerentraum wurde sogar nach ihr benannt. Vegan backen ist dagegen nicht so ihr Ding: „Ich mag keine Margarine, nach dem Krieg gab's bei uns nichts anderes. Und ich wollte damals einfach nur ein ordentliches Butterbrot.“ Auf ihrem Backtisch liegt natürlich eine Butterbreze – ihr Frühstück. Wenn sie zu Kuchentratsch fährt, steht sie um halb sieben auf. Denn sie wohnt in der Nähe von Augsburg und braucht eineinhalb Stunden nach München.

Die Fahrkarte bekommt Rosemarie vergünstigt, denn sie war eine der ersten Zugführerinnen Deutschlands. Für ihre Familie damals noch ein kleiner Skandal. Als sie dann in der Rente einen Flyer von Kuchentratsch in die Hände bekam, meldete sie sich sofort mit einem Probekuchen: „Gebacken habe ich immer gerne. Ich liebe es, was mit meinen Händen zu machen, obwohl ich Arthrose habe und fast 80 bin.“ Aber man darf sich nicht hängen lassen, findet sie. Von Menschen, die nur über Krankheiten reden, hält Rosemarie sich fern. Sie strahlt, ihr Alter sieht man ihr wirklich nicht an.

An einem Tag in der Backstube entstehen in zwei Schichten ungefähr 70 Kuchen. Die werden dann von den Liefer-Opis zu mehr als 20 Münchner Cafés, an Privathaushalte oder zu Firmen gebracht – und neuerdings sogar mit der Post nach ganz Deutschland verschickt. Das funktioniert dank einer speziell entwickelten Verpackung, in der die Kuchen nicht herumrutschen können, erstaunlich gut. Das Geld für die Entwicklung der neuen Kartons bekam das Kuchentratsch-Team durch einen Deal bei der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“. 2018 wurde die Idee dort vorgestellt.

„Es fehlt in Deutschland einfach an Anlaufstellen für ältere Menschen – nicht jeder will mit zur Kaffeefahrt!"
Katharina Mayer

Aus dem kleinen Münchner Start-up ist mittlerweile ein richtiges Unternehmen geworden. Die Idee wurde mit Katharina zusammen erwachsen. Nicht nur der Fernsehauftritt und die darauffolgenden Medienberichte verhalfen Kuchentratsch zu viel Aufmerksamkeit. In den letzten sechs Jahren sind zwei Backbücher mit den Rezepten der Omas und Opas erschienen, in der Backstube werden Kurse und Workshops angeboten. Katharina und ihr Team kümmern sich außerdem auf Wunsch um das Kuchen-Buffet auf Hochzeiten. Und gerade arbeitet sie an einer Backmischung, für die die Omas die Rezepte entwickeln. So können sich alle den leckeren Kuchen zuhause nachbacken.

Die zwölf Backöfen laufen bei Kuchentratsch ununterbrochen. Es riecht nach warmen Beeren und Schokolade, nach Nüssen und Teig. Neben der Backstube arbeiten fast zehn Menschen in Vollzeit im Büro – langsam wird es eng auf den 200 Quadratmetern in der Landsberger Straße. Aber eine noch größere Immobilie in München zu finden, ist nun mal kein leichtes Unterfangen. Die Backstube ist nicht nur Veranstaltungsort, Arbeitsplatz, Büro und Logistikzentrum, man kann sich den bestellten Kuchen hier auch direkt abholen oder vor Ort ein Stück im Mini-Café probieren. „Es wäre total toll, wenn wir eines Tages eine Location am Viktualienmarkt hätten – zentral, aber trotzdem mit Tradition. Hier fehlt uns einfach die Laufkundschaft“, erzählt die Gründerin.

Katharina Mayer hat sich im Studium schon viel mit dem demographischem Wandel beschäftigt. Vor allem das Thema Kontakte ist für ältere Menschen oft schwierig, erklärt sie. „Ich habe mal gelesen, dass es Senioren gibt, die im Kaufhaus Dinge einkaufen, nur um sie am nächsten Tag wieder zurückzubringen. Nicht, weil sie kein Geld für die Sachen haben, sondern weil sie so einsam sind. Es fehlt in Deutschland einfach an Anlaufstellen für sie – nicht alle wollen mit zur Kaffeefahrt!"

Das vielleicht Schönste an Kuchentratsch ist, dass die Menschen wieder das Gefühl haben, gebraucht zu werden. Das gibt nicht nur neuen Lebensmut, sondern hält auch gesund: rauskommen von Zuhause, eine Aufgabe haben. Zudem können sich die Seniorinnen und Senioren hier begegnen – neue Kontakte knüpfen, Freundschaften schließen, endlich nicht mehr einsam sein. Manche sind schon jahrelang dabei. Alle kennen sich, sie wirken ein bisschen wie eine Schulklasse, die nur etwas in die Jahre gekommen ist. Wenn Opa Boris in die Backstube kommt und laut Take that oder Kuschelrock aufdreht, lachen alle. Für manche ist Kuchentratsch zum zweiten Zuhause geworden.

https://kuchentratsch.com

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Text: Anja Schauberger; Fotos: Frank Stolle

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