Porträt von Sabine Unger

Interview mit MCBW-Leiterin Sabine Unger

Warum gutes Design die Zukunft besser macht

Die Munich Creative Business Week ist Deutschlands größtes Designevent. Im Interview erzählt Leiterin Sabine Unger, warum nachhaltige Gestaltung und gutes Design wichtig sind und gibt persönliche Tipps für die diesjährige MCBW.

Über neun Tage findet in München jedes Jahr die Munich Creative Business Week (MCBW) statt. Sie ist Deutschlands größtes Designevent und wird vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie sowie von der Stadt selbst gefördert. Innerhalb der letzten zehn Jahren ist die Besucherzahl von 12.000 auf 70.000 gestiegen – ein Erfolg, der auf das breit gefächerte und inspirierende Programm zurückzuführen ist.

Sabine Unger, Leiterin der MCBW, gibt nicht nur persönliche Veranstaltungstipps, sondern erzählt auch von facettenreichen Gestaltungsprozessen und warum es schwer ist, Büttenpapier zu zerknüllen.

Frau Unger, was ist das Besondere an der Munich Creative Business Week?

Besonders ist, dass es sich dabei nicht um eine Messe an einem Standpunkt handelt, sondern die MCBW von ihren Programmpartnern lebt. Sie ist ein Schaufenster für Design in ganz Bayern und bietet eine Plattform für die Beteiligten. Dieses Jahr finden 220 Veranstaltungen von 140 Partnern in München und Umgebung statt. Außerdem richten wir uns an zwei Zielgruppen. Zum einen an die Professionals mit dem Programm „CREATE BUSINESS!”, zum anderen an die designorientierte Öffentlichkeit mit „DESIGN SCHAU!”. Bei Letzterem machen wir Designthemen zugänglich, zeigen besondere Ausstellungen und bieten inspirierende Erlebnisse.

Inhaltlich orientieren Sie sich mit den verschiedenen Veranstaltungen jedes Jahr neu, richtig?

Ja, trotz der breiten Ausrichtung. Wir wollen nicht nur Show, sondern auch Inhalte rund um gesellschaftlich wichtige Themen bieten. 2020 beschäftigen wir uns mit den sechs großen Trends der Zukunft: Zukunft der Städte, der Arbeit, der Innovation, der Digitalisierung, der Kommunikation und der Mode.

„Wie ein Produkt gestaltet wird, entscheidet darüber, wie viele Ressourcen gebraucht werden und ob es auch wieder recycled werden kann. 80 Prozent des späteren Ressourcenverbrauchs werden im Gestaltungsprozess festgelegt.“
Sabine Unger

Gerade die Zukunft der Städte ist ein sehr aktuelles Thema, das viele Fragen aufwirft, oder?

Absolut. Welche nachhaltigen Lösungen gibt es für unsere Städte in puncto Mobilität oder Wohnraum? Wie müssen Städte gebaut werden, dass noch eine Luftzirkulation herrscht? Ströer, ein Sponsor von uns, hat eine Bushaltestelle entwickelt, deren Dach mit Moos überzogen ist, was CO2 aus der Luft filtert. Andere Fragen sind: Wo werden unsere Kinder ihren Platz haben, wenn die Städte immer enger werden? Welche Verkehrskonzepte gibt es für all die Pendler? Innovative und gestalterische Lösungen sind jetzt und zukünftig stark gefragt.

Fiel deshalb auch die Wahl des diesjährigen Schwerpunktthemas auf ‘sustain by design’, also nachhaltige Gestaltung?

Ja, das Thema Nachhaltigkeit ist aktueller denn je. Neben dem klassischen Produktdesign gibt es zum Beispiel auch das Social Design, bei dem soziale Anliegen im Mittelpunkt stehen. Für nachhaltige wirtschaftliche Kreisläufe ist Design genauso wichtig wie in puncto Upcycling, wo Abfallprodukte in neuwertige Produkte umgewandelt werden. Gestalterische Prozesse machen es möglich, von Anfang an Ressourcen zu sparen, neue Ansätze auszuprobieren und über Grenzen hinauszudenken.

„Gestalterische Prozesse machen es möglich, Spielräume zu nutzen, neue Ansätze auszuprobieren und über Grenzen hinauszudenken.“
Sabine Unger

Inwiefern?

Wie ein Produkt gestaltet wird, entscheidet darüber, wie viele Ressourcen gebraucht werden und ob es auch wieder recycled werden kann. 80 Prozent des späteren Ressourcenverbrauchs werden bereits im Gestaltungsprozess festgelegt, was auch viel mit den verwendeten Materialien zu tun hat. In der nachhaltigen Mode ist unter anderem eine Herausforderung, Zero Waste-Schnitte zu generieren, also keinen Abfallstoff übrig zu lassen. Das ist eine hohe Designleistung. Auch ein spannender Punkt ist die Langlebigkeit und Wertigkeit von Produkten. Im Rahmen eines Symposiums der Papierfabrik Gmund hat der Geschäftsführer Florian Kohler einen Test mit uns Besuchern gemacht. Erst hat er uns gebeten, im E-Mail-Fach unserer Handys eine Nachricht herauszusuchen, die wir nicht mehr benötigen, und sie dann zu löschen. Zack, weg. Dann sollten wir ein bereitgelegtes Blatt Papier zerknüllen. Hat auch geklappt. Zum Schluss wies er uns auf eine Karte aus hochwertigem Büttenpapier hin, die auf jedem Platz bereit lag. Niemand konnte es zerknüllen und wegwerfen (lacht). Er hatte auch eine alte Blechdose dabei, in der seine Oma ihr Mehl aufbewahrt hatte. Die ist seit Generationen in seiner Familie und findet Verwendung. Das alles fand ich sehr eindrücklich. Was wertig ist, wird nicht einfach so weggeworfen.

Der Kreativstandort München liegt im europäischen Vergleich an zweiter Stelle hinter Paris, im Vergleich deutscher Städte sogar auf dem ersten Platz. Wie kommt’s?

Die MCBW wurde als Leuchtturmprojekt für das Thema Design in Bayern ins Leben gerufen, denn man bringt Bayern mit viel in Verbindung – beispielsweise mit der Ingenieurskunst – aber weniger mit den Begriffen Design- und Kreativmetropole. Dabei gab es hier schon immer eine starke kreative Szene. In Berlin herrscht beispielsweise eine große Dynamik, was Design, Kunst und Kultur betrifft, dennoch heißt es: Das Geld wird in München verdient. Hier ist die Bruttowertschöpfung durchgehend höher, was insbesondere am starken Industriestandort liegt, der einen hohen Bedarf an kreativen Leistungen hat. Außerdem kann man es sich in München nicht immer leisten, viele Jahre zu experimentieren, weil das Leben dafür zu teuer ist. Man muss schnell Erfolge erzielen. Ein letzter Punkt: Die Stadt selbst und Bayern tun viel für den Kreativbereich und bieten nicht nur hohe Fördergelder an, sondern auch Beratungsangebote wie das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft.

„Die MCBW ist ein Schaufenster für Design in ganz Bayern und bietet eine Plattform für die Beteiligten.“

Wo kann man innovatives und nachhaltiges Design in München erleben und kaufen?

Rund um den Gärtnerplatz und im Glockenbachviertel gibt es viele Boutiquen und Shops, die nachhaltige Produkte herstellen.
Und vor allem in der Mode habe ich in den letzten Jahren eine unglaubliche nachhaltige Bewegung entdeckt: Beim Label Rennschmied & Wagner gibt es hochwertige Herrenmode, die ausschließlich in Deutschland hergestellt wird. Sie ist hochpreisig, doch man trägt die Stoffe, bis sie einem vom Leib fallen. Hinter Eliev steht ein in Syrien geborener Modedesigner, der seine Kollektionsteile nachhaltig gestaltet. Seine Wurzeln spielen beim Design eine Rolle, denn es verschmilzt mit europäischen Einflüssen.

Auch interessant: Hier gibt es noch mehr Inspiration von Sabine Unger zu Nachwuchs-Designtalenten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Stadt im Bereich kreativer Erlebnisse?

Bis September 2020 gibt es im Rahmen der Zwischennutzung „Breakout“ eine „Markthalle der guten Dinge“. Zu finden ist sie in der Bayerstraße 25. Kreative Designer stellen im Erdgeschoss des Co-Working-Spaces ihre Produkte aus, man kann selbst stöbern und shoppen. So ein Kaufhaus würde ich mir auf Dauer in der Stadt wünschen.

 

Die Munich Creative Business Week findet dieses Jahr vom 14. bis 22. Mai 2022 statt.
www.mcbw.de

 

 

Text: Anika Landsteiner; Fotos: Frank Stolle

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