Seit 2015 haben Katharina und Theresa ihren Laden im Glockenbachviertel.
Interview mit den Designerinnen des Modelabels WE.RE

„Die Münchner schätzen hochwertige Kleidung“

Das Label WE.RE ist in München bekannt für seine minimalistische Mode. Was viele nicht wissen: Die hochwertigen Stücke entstehen im eigenen Ladenatelier. Wir haben mit den beiden Designerinnen über Nachhaltigkeit, den Wert von Kleidung und München als Modestadt gesprochen.

Alles begann mit einer Pop-up-Idee im Dezember 2014: Katharina Weber und Theresa Reiter kannten sich vom Studium und wollten mit ihrem Label WE.RE eine einzige, temporäre Kollektion machen – doch die kam so gut an, dass aus einer Pop-up-Idee plötzlich der Traumjob Modedesignerin wurde. Und vom kleinen Laden in München ging es hinaus in die große Welt: Mittlerweile gibt es die Kleidung der beiden Designerinnen in Stores von Kopenhagen bis Zürich. Das Konzept des jungen Labels ist allerdings bis heute unverändert: handgemachte Mode aus nachhaltigen Materialien produziert in München. Wir haben die beiden Freundinnen im eigenen Ladenatelier im Glockenbachviertel getroffen.

 

Was ist typisch WE.RE?

Theresa: Viele unserer Stücke sind oversized geschnitten und drehen sich um das Thema Volumen – bei uns ist die Architektur eines Kleidungsstücks immer wichtig. Und dann kommt an einer unerwarteten Stelle eine Falte, ein Schlitz im Stoff. Wir spielen mit klassischen Formen und übertreiben sie. Außerdem ist es uns wichtig, dass wir Mode machen, die Frauen und Männer nicht verkleidet. Unser Schlüssel zum Erfolg ist, glaube ich, dass wir Sachen designen, die wir selber gerne tragen.

Kollektionen entwerfen – ist das so romantisch, wie man es sich vorstellt?

Katharina: Dadurch, dass man als kleines Label sein Tagesgeschäft zu bewältigen hat, sitzt man nicht stundenlang da und kann auf Inspirationsreise gehen. Es gibt zwei verschiedene Wege, wie so eine Kollektion bei uns entsteht: Die eine ist, dass wir zuerst die Stoffe auswählen und uns von den Materialien inspirieren lassen – oder es gibt etwas im Außen, das uns inspiriert, wie eine Künstlerin, die wir toll finden, Farben, Schnittführungen aus anderen Jahrzehnten. Obwohl unsere Kollektionen sehr verschieden sind, hat alles unsere Handschrift und man kann sämtliche Teile miteinander kombinieren.

Und wie lange dauert es, bis so eine Kollektion dann steht?

Katharina: Wir nehmen uns immer so zwei Monate Zeit, bis eine Kollektion fertig sein muss. Da dauert natürlich auch alles Handwerkliche, nicht nur das Design – bis die Passformen stimmen, Samples produziert sind, das Fitting an einem Model. Gerade arbeiten wir an der Winterkollektion für's nächste Jahr. Denn wir zeigen die Kollektion auf der Fashion Week in Kopenhagen und die Einzelhändler bekommen die Sachen ein Jahr früher präsentiert.

„Jedes Kleidungsstück hat seinen Preis und wenn's zu billig ist, dann zahlt jemand anderes drauf."
Katharina Weber

Kleidung selber machen: Wie lange dauert so etwas überhaupt?

Theresa: Beim ersten Nähen dauert natürlich jedes Teil etwas länger. Eine Hose kann mal dreieinhalb oder auch fünfeinhalb Stunden in Anspruch nehmen. An einen Mantel sitzt man dagegen zwei Tage. Die Teile, die in unserem Laden hängen, haben wir aber nur einmal in jeder Größe da – sie werden erst nachproduziert, sobald sie verkauft sind. Und für die Einzelhändler machen wir genau die Anzahl, die bestellt ist. Das ist praktisch, weil wir so nicht in Vorleistung gehen müssen, nicht zu viel produzieren und somit auch wenig wegschmeißen.

Thema Langlebigkeit und Nachhaltigkeit: Worauf kommt es an?

Katharina: Wir produzieren vor Ort im eigenen Atelier oder zusammen mit einer Manufaktur in München. Außerdem  arbeiten wir fast ausschließlich mit Dead-Stock-Materialien, also Stoffen aus Überproduktionen von namhaften Designern, die somit nicht im Müll landen. Das ist nicht nur gut für uns, weil wir somit die edelsten Materialien zur Auswahl haben, sondern es ist eben auch nachhaltig. Die Stoffe kommen zudem fast alle aus Europa.

Was wünscht ihr euch in puncto Nachhaltigkeit von der Modeszene?

Theresa: Was mich wahnsinnig aufregt, ist die Diskrepanz zwischen Image und Produkt. Jeder will nachhaltiger werden – und dann feiern alle doch wieder die neue nachhaltige Kollektion, bei der du ein Top für 14 Euro bekommst. Wenn Kunden einen Moment nachdenken, dann wissen sie, dass die Rechnung nicht aufgehen kann. Ich werde manchmal immer noch von Freunden gefragt, warum wir so teuer sind. Ich frage dann nach: Was glaubst du, was eine Hose kosten muss? Weißt du, wie viel Arbeit da drinsteckt?

Katharina: Jedes Kleidungsstück hat seinen Preis und wenn’s zu billig ist, dann zahlt jemand anderes drauf. Wir wünschen uns beide, dass das Bewusstsein in der kommerziellen Modebranche endlich wächst. Um es positiv zu sehen: Nachhaltige Kollektionen von großen Modeketten verstärken zumindest den Blick auf das Thema Nachhaltigkeit. Der erste Schritt ist immer darüber nachzudenken. Man muss keine fünf Teile pro Monat kaufen, eines reicht. Viele wissen das, möchten es aber noch nicht umsetzen. Die Leute wollen eben immer noch mehr.

„Viele Münchner wollen unbedingt reinpassen, dabei wär’s doch viel schöner, wenn man sich fragt – wie kann ich rausstechen?"
Theresa Reiter

Wie erlebt ihr München als Modestadt? Was macht die Stadt aus?

Theresa: Die Münchner, die zu uns kommen, schätzen hochwertige Kleidung. Sie investieren gerne in Mode, die eine Geschichte und Identität hat. Genauso wie man stilistisch gut gekleidet sein will, möchte man vom Handwerk gut gekleidet sein – das ist ein Faktor, der München ausmacht. Ganz egal, ob du nun zu uns kommst, wo es stylisch und minimalistisch ist, oder ob der Münchner zu einem traditionellen Herrenausstatter oder in ein Trachtengeschäft geht. Qualität ist immer wichtig.

Wie nehmt ihr den Stil in München wahr? Wie würdet ihr ihn beschreiben?

Katharina: Eher ruhig. Er ist nicht so ausgefallen, wie in anderen Städten, das muss man schon sagen, aber das ist nichts Negatives. Wenn man Spaß an Mode hat, kann man sich in der Stadt relativ einfach gut und ausgefallen kleiden.

Theresa: Viele Münchner wollen unbedingt reinpassen, dabei wär’s doch viel schöner, wenn man sich fragt – wie kann ich rausstechen?

Was inspiriert euch an der Stadt?

Katharina: Ich wohne und arbeite im Glockenbachviertel und mich inspiriert das Lebensgefühl hier – dass man vor die Türe geht und die Stadt unmittelbar vor der Nase hat. Dieses München-Feeling: Alles ist nah, man grüßt seine Nachbarn, es ist fast schon ländlich. Das ist auch die Grundlage für unser Arbeiten. Im Sommer sitzen wir oft vor dem Laden und reden mit fast jedem, der vorbei läuft, weil man sich seit Jahren kennt. Manche sind Stammkunden. Viele finden das nicht großstädtisch genug, aber wir mögen das.

Theresa: Ich wohne in Sendling, meine Wohnung davor war in der Hauptbahnhofgegend. Auf dem Weg in die Arbeit fahre ich durch die verschiedensten Viertel – vorbei an der Theresienwiese und dem Schlachthof. Mit unserer Arbeit tragen wir ein bisschen dazu bei, dass die Stadt vielfältig bleibt. Das ist schön, denn dann weiß man, wofür man sein Geld verdient.

Arbeitet ihr auch mit anderen Kreativen aus der Stadt zusammen?

Theresa: Das Schöne an München ist, dass die Kreativszene recht überschaubar ist – so lernt man sich gut kennen und es bilden sich schnell Synergien. Wenn wir uns inspirieren lassen, gehen wir immer einen Schritt weg von der Mode – auch bei unsere Kollaborationen. Eine Kollektion haben wir zusammen mit dem Münchner Künstler Max Fesl gemacht: seine Leinwand-Arbeiten als Prints auf unsere Stoffe gedruckt.

„Das Schöne an München ist, dass die Kreativszene recht überschaubar ist – so lernt man sich gut kennen und es bilden sich schnell Synergien."
Theresa Reiter

Katharina: Das war damals in Zusammenhang mit dem Sommersalon, der in der WE.RE-Geschichte auch ein Meilenstein war: Dank einer Ausschreibung der Stadt durften wir drei Monate im Ruffinihaus mitten in der Altstadt einen Pop-up-Laden zusammen mit anderen Künstlern, Kreativen und Musikern bespielen. Jeden Donnerstag gab es einen anderen Programmpunkt – vom Jazz-Konzert bis zur Vernissage. Verschiedene Genres zusammenzubringen macht wahnsinnig Spaß.

Der Sommersalon war nicht das erste Mal, dass ihr mit der Stadt zu tun hattet, oder?

Theresa: Nach der Labelgründung war ich mit meiner Abschlusskollektion für den Münchner Modepreis nominiert. Das hat uns damals viel Aufmerksamkeit gebracht. Und 2018 wurde WE.RE von der Stadt nominiert – für den Förderpreis im Bereich Design, verbunden mit einer großen Ausstellung in der Lothringer13 Halle. An solchen Dingen spürt man immer wieder: Wir werden bemerkt und unsere Arbeit wird geschätzt.

 

Der Münchner Modepreis wird alle zwei Jahre von der Stadt verliehen, um jungen Talenten aus der Modeszene eine Bühne zu bieten. Bewerben können sich Studenten der renommierten Modeschulen vor Ort. Eine Fachjury aus Designern, Experten, Journalisten und Modeunternehmen kürt die Sieger – außerdem gibt es einen Publikumspreis. Die nächste Verleihung findet im März 2020 im Rahmen der Munich Creative Business Week MCBW statt.

 

 

Interview: Anja Schauberger; Fotos: Frank Stolle

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