Sabine Unger über Design-Nachwuchstalente

Her mit dem Rampenlicht

Sabine Unger ist die Leiterin der Munich Creative Business Week (MCBW) und erlebt die Münchner Designszene hautnah. Sie hat mit den Koryphäen der Stadt zu tun, aber ist vor allem auch die Erste, die von aufregenden jungen Designprojekten erfährt. Hier stellt sie sechs Nachwuchstalente vor.

Ein modern eingerichtetes Büro in einem ruhigen Hinterhof in der Schleißheimer Straße. Die Regale sind gefüllt mit Büchern über Design, an den Wänden stapeln sich kleine Türme aus Magazinen und Event-Guides. Ein Aufsteller verkündet, woran hier gearbeitet wird: an der Munich Creative Business Week. Im März 2019 findet erneut das größte Design-Event Deutschlands mit mehr als 70.000 Besuchern statt, das von Bayern Design, dem Kompetenzzentrum für Gestaltung, organisiert wird. Sabine Unger, die Leiterin der Veranstaltung, empfängt uns in einem eleganten, leuchtend blauen Mantel. Die Wahl des Kleidungsstücks ist kein Zufall: Es wurde von ehemaligen Studentinnen von ihr entworfen. Bevor sie die Leitung der MCBW übernahm, führte sie die Akademie Mode & Design (AMD) in München. Die Macher des Mantels sind außerdem das erste Projekt, das Sabine Unger vorstellt.

 

Die Modemacherinnen: Akjumii

„Akjumii ist ein junges Modelabel, das von Anna Karsch und Michaela Wunderl gegründet wurde. Ich bin den beiden zum ersten Mal an der AMD begegnet, wo sie Modedesign studierten. Das Talent war sofort offensichtlich: In den Arbeiten, die sie im Rahmen ihrer Ausbildung abliefern mussten, war ein eigener Stil und ein intuitives Gefühl für gute Schnitte zu erkennen. Ihre Designs sind jung und trotzdem elegant, besonders aber nicht aufdringlich. Mir haben die Sachen so gut gefallen, dass ich mir damals schon ein Teil von Anna Karsch machen ließ. Seit 2015 haben sie einen kleinen Laden in der Reichenbachstraße, in dem man sowohl Männer- als auch Frauenmode kaufen kann. Sie achten sehr darauf, dass die Kleidung fair und nachhaltig produziert wird, und im Gegensatz zu vielen anderen, die sich das auf die Fahne schreiben, sind sie bei Akjumii tatsächlich konsequent: Die Stoffe haben möglichst kurze Wege hinter sich, genäht wird in einer kleinen Fabrik in Ungarn. Überproduktion soll vermieden werden, indem erst dann losgearbeitet wird, wenn der Auftrag auch wirklich eingegangen ist. Zusätzlicher Vorteil dieser Vorgehensweise: So können sie individuell auf jeden Kundenwunsch eingehen. Allerdings haben sie bei Akjumii ein Problem, das viele Jungdesigner kennen. Zeit und Geld sind extrem knapp. Es fehlen die Ressourcen, sich eine eigene Plattform aufzubauen. Was wir in München bräuchten, wäre eine zentrale Anlaufstelle – eine Art Kaufhaus –, in dem Nachwuchsdesigner ihre Produkte ausstellen und verkaufen können.“

www.akjumii.com

 

Der Alleskönner: Christian Zanzotti

„Christian Zanzotti könnte man fast als einen Hidden Champion bezeichnen. In der Designszene dürfte der Industriedesigner schon einigen Leuten ein Begriff sein, in der breiten Masse ist er aber erst wenigen bekannt. Dabei hat er für seine vielfältigen Designs schon wichtige Preise gewonnen, unter anderem den Förderpreis Design der Stadt München. Er hat eine sehr spannende Produktpalette: Vom Motorrad bis zur Whiskeyflasche hat er schon alles Mögliche entworfen. Das Interessante: Unabhängig vom Produkt schafft er es stets, seinen markanten, minimalistischen Stil umzusetzen. Dass ein so erfolgreicher Designer wie Christian Zanzotti noch vergleichsweise unbekannt ist, zeigt gut, dass in unserer Gesellschaft die Wertschätzung für gutes Design nach wie vor zu gering ist. Es ist ja auch kaum Bestandteil unserer Bildung und Erziehung: In der Schule haben wir zwar Kunst- und Musikunterricht, aber Design kommt darin kaum vor. Es wäre wichtig, auch jungen Leuten schon ein paar Grundkenntnisse an die Hand zu geben und zu vermitteln, welche gesellschaftliche Bedeutung Design hat.“

www.zanzotti.com

Der Handwerker: Patrik Graf

„Patrik Graf war mittlerweile schon zweimal bei der MCBW dabei, was angesichts der Vielfalt seiner Projekte keine Überraschung ist. Er arbeitet als Fotograf und Designer, ist aber auch stark im Handwerk verwurzelt: Bevor er Raum- und Objektdesign studierte, machte er eine Ausbildung zum Schreinermeister. Die Begabung für handwerkliches Design sieht man seinen Projekten an, er hat unter anderem die Kirchenbestuhlung für die Münchner Pfarrkirche Sankt Michael entworfen. Die Stühle sehen sehr reduziert und modern aus, ohne dass die formgebende Funktion – das Beten – verleugnet wird. Eines seiner neuesten Projekte ist ein Lederrucksack, der mit natürlichen Gerbstoffen hergestellt wurde und ohne Verschlüsse auskommt. Ein sehr raffiniertes Design, das auf einen bewussten Materialeinsatz und nachhaltige Produktionsbedingungen achtet. Für die Produktion der Serie arbeitet er außerdem mit zwei Geflüchteten zusammen. An Patrik Graf lässt sich gut erkennen, wie vielfältig die Arbeit eines Designers sein kann und wie gut sie sich mit der Umsetzung von gemeinnützigen Projekten verbinden lässt.“

www.patrikgraf.com

 

Der zukunftsbewusste Traditionalist: Sebastian Thies

„Ein junger, hipper Typ und Schuhmacher in sechster Generation. Sein Ururururgroßvater hat noch Pantoffeln gefertigt, er führt diese Familientradition weiter und hat sich auf hochmoderne, vegane Sneaker spezialisiert. Sebastian Thies verarbeitet zum Beispiel Holz so, dass es sich anfühlt und aussieht wie Leder. Das schafft er auch mit anderen Materialien wie Pilzen, Kaffee oder Gras. Seine Sneaker sind also komplett nachhaltig und ökologisch. Entwickelt werden die Modelle im Familienbetrieb in Garching. Ich finde es faszinierend, wenn jemand aus so einer langen Tradition kommt und sich weder davon abwendet noch in eine sehr elitäre Richtung geht und stattdessen sagt: Ich interpretiere das völlig neu und mache was Modernes. Die Technik hinter der Herstellung ist hochkomplex und für mich als Laien schwer nachvollziehbar. Bei unserer Ausstellung im MCBW FORUM 2017 hat Sebastian Thies einen Sneaker aus thermoplastischem Kunststoff ausgestellt: Bei Temperaturschwankungen verändert er die Farbe. Wir haben den Besuchern einen Föhn zur Verfügung gestellt, damit sie es ausprobieren können. Man hat sofort gemerkt: Das Thema fasziniert die Menschen.“

www.nat-2.eu

 

Die Weltenbummler: Serious Business

„Serious Business ist eine junge Brand-Agentur, die sich auf digitales Design, Unternehmenskommunikation und die Entwicklung von Brand-Strategien spezialisiert hat. Ihre Markenkommunikation richtet sich insbesondere an Millennials, unter anderem deshalb, weil in dem achtköpfigen Team selbst alle Anfang 30 sind. Sie sind praktisch ihre eigene Zielgruppe. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sie so konsequent auf eine moderne Arbeitsphilosophie setzen: Starre Hierarchien, unbezahlte Praktika und das sinnlose Schieben von Überstunden wollen sie vermeiden und stattdessen mit dem Kunden auf Augenhöhe arbeiten und es allen Mitarbeitern ermöglichen, auch mal ein persönliches Leidenschaftsprojekt zu verfolgen. An Serious Business ist außerdem noch ein anderer Aspekt interessant: In dem achtköpfigen Team haben alle unterschiedliche Pässe. Die Mitglieder der Agentur kommen aus Ländern wie Mexiko und Schweden. Ich finde es toll, dass es München schafft, Menschen aus der ganzen Welt anzuziehen. Gerade junge Menschen in der Digitalwirtschaft können es sich ja aussuchen, wo sie arbeiten möchten. Das ist also eine Auszeichnung.“

www.serious.business

 

Der Reduktionist: Jonas Hansen

„2018 war Jonas Hansen Teil eines besonderen Veranstaltungsformats der MCBW: Im Rahmen der Ausstellung ,VICIS – Always Change A Running System‘ versuchte unser Programmpartner State of DESIGN, zeitgemäße Antworten auf aktuelle soziale, digitale und ökologische Herausforderungen zu finden. Jonas Hansen hat da mit seinen minimalistischen Möbeldesigns perfekt reingepasst. Bei ihm kann man filigran designte Tische, Bänke und Regale bestellen, die man sowohl von der Farbe als auch von der Größe individuell anpassen kann. An seinen Möbeln gibt es weder Schnörkel noch überflüssige Schrauben, er achtet auf einen sehr reduzierten Materialeinsatz und schafft es so, Ressourcen zu schonen und die Möbel bezahlbar zu halten. Was mir persönlich besonders gefällt: Weil die Stücke vom Design her stark reduziert sind, sieht man sich an ihnen nie satt. Sie sind das komplette Gegenteil von den Wegwerfprodukten, die man vielleicht zwei Jahre behält, nur um dann wieder etwas Neues zu kaufen. Aber auch hier haben wir wieder das Thema: Es fehlt die Plattform. Wer in München loszieht, um einen neuen Tisch zu kaufen, stößt höchstens zufällig auf Hansens kleines Designstudio in der Nymphenburger Straße. Ich würde mir eine zentral gelegene Anlaufstelle wünschen, wo die Leute bewusst hingehen können, wenn sie Münchner Designprodukte kaufen möchten.“

www.jonashansen.de

 

 

Text: Wolfgang Westermeier; Fotos: Frank Stolle

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