Interview mit einem Lichtforscher

„Im Biergarten finden wir einen schattigen Ruhepunkt“

Das Glitzern der Isar, das klare Licht bei Föhnwetter, das Flirren der Sonne unter dem Dach der Biergartenkastanien: Münchner Licht fühlt sich besonders an. Lässt sich das auch wissenschaftlich belegen? Ein Gespräch mit Andreas Wojtysiak, der für das Münchner Unternehmen Osram das Licht erforscht, das uns umgibt.

Wenn Andreas Wojtysiak durch die Münchner Kaufingerstraße schlendert, ziehen auch ihn die Schaufenster der Läden an. Aber er achtet nicht auf die ausgestellten Kleidungsstücke oder die Luxusuhren. Ihn fasziniert, wie die Waren beleuchtet sind. Strahler oder Fluter? Direktes oder indirektes Licht? In welchem Winkel bricht das Licht auf den Objekten? Wojtysiak arbeitet als Lichtforscher. Gemeinsam mit seinem Team beim Münchner Unternehmen Osram will er herausfinden, wie Licht Autofahren sicherer macht, Pflanzenanbau ohne die Sonne funktioniert – und wie man Lichteffekte aus der Natur in unsere Büros und Wohnzimmer holt. Der Ansatz heißt: Human Centric Lighting. Das Vorbild dabei: die Natur. Wenn also einer weiß, was das Licht in München besonders macht, dann Andreas Wojtysiak.

 

Seit gut zehn Jahren erforschen Sie in München für Osram das Licht, das uns in der Natur umgibt. Was macht das Licht in München so besonders?

Wenn wir alle das Licht vermissen, gibt es in München eine längere Tageslichtversorgung als etwa in Berlin. Wir sind näher am Äquator. Deshalb haben wir im Winter längere Tage. Das ist für die Bewohner natürlich schön. Für uns Forscher ist München aber einfach ein Stellvertreter für eine mitteleuropäische Stadt in diesen Längen- und Breitengraden. Dass es hier ein besonderes Licht gibt, können wir aus wissenschaftlicher Perspektive leider nicht bestätigen.

Woher kommt dann dieses spezielle Biergartenlicht in München? Das dafür sorgt, dass einen zwischen den Kastanien und den Bänken im Kies diese wohlige Gemütlichkeit überkommt?

In den Biergarten flüchtet man sich an warmen, hellen Tagen. Die Bäume über uns spenden Schatten, sie filtern einen Teil des Sonnenlichts heraus, nämlich das kurzwellige Licht, welches wir Menschen als bläulich wahrnehmen. Das ist der Anteil, der unsere Körper aktiviert, der wach macht! Übrig bleibt unter den Bäumen im Biergarten langwelliges, rotes Licht. Das kommt bei uns im Auge warm und beruhigend an.

Wie das gemütliche Licht einer Kerze.

Im Biergarten finden wir einen schattigen Ruhepunkt. Gleichzeitig sehen wir, dass außerhalb des Biergartens weiter ein strahlend heller Tag ist. Wir befinden uns an einem kleinen geschützten Rückzugsort – und gucken raus in die Welt.

Wenn uns die Blauanteile im Sonnenlicht aktivieren, wie Sie sagen – wie kommt es, dass man in der knalligen Sonne oft so schläfrig wird?

Wenn man zum Beispiel an der Isar in der Sonne liegt, dann hat man ja oft die Augen zu. Es trifft also kaum Licht auf die Netzhaut. Der Wachmacheffekt des Tageslichts fällt weg. Dazu kommt: Es ist erschöpfend, sich in der Sonne aufzuhalten. Es ist heiß, der Organismus fährt hoch, man fängt an zu schwitzen. Da braucht man auch mal Ruhe.

Könnte man Ihnen als Forscher eigentlich helfen, indem man sich mit Messinstrumenten ausgestattet an die Isar legt?

Das würde uns leider wenig neue Erkenntnisse liefern.

„Im Biergarten befinden wir uns an einem kleinen geschützten Rückzugsort – und gucken raus in die Welt.“
Andreas Wojtysiak

Wie schade.

Das wäre sicherlich ein toller Job. Wir arbeiten aber mit besonderen Lichtmessinstrumenten wie dem Fotometer. Damit machen wir definierte Messungen und schauen uns zum Beispiel die Menge an Licht an, das auf eine bestimmte Fläche trifft. Da kommt eine Zahl raus, die sogenannte Beleuchtungsstärke, die wir in Lux angeben.

Wie viel Lux hat so ein Föhntag, bei dem man direkt Lust bekommt, die Füße in den Eisbach im Englischen Garten zu stecken?

Bei direkter Sonneneinstrahlung messen wir bis zu 100.000 Lux. Zum Vergleich: In einer Vollmondnacht sind es 0,1 Lux. Und auf einem Schreibtisch in einem Büro braucht man gut 500 Lux, damit man es als hell genug empfindet. Da merkt man mal, wie viel das Auge leistet, wenn es mit solchen verrückten Größenordnungen umgehen kann: Menschen können in dunkelster Nacht sehen und an gleißend hellen Tagen.

Nun erforschen Sie nicht nur Licht. Sie versuchen bei Osram auch, Ihre Erkenntnisse in Lichtsysteme zu verbauen.

Osram entwickelt Konzepte rund um das Licht. In meinem Bereich, dem Human Centric Lighting, lernen wir aus der Natur und ahmen Lichteffekte nach. Wir stellen uns immer die Frage: Welches Licht braucht der Mensch zu welcher Tageszeit und an welchem Ort?

Warum ist das so wichtig?

Wir gehen heute oft im Dunklen zur Arbeit und kommen im Dunklen nach Hause. Tageslicht sehen wir nur von unserem Arbeitsplatz aus. Das ist das Leben des modernen Menschen. Wir ziehen uns immer mehr in Innenräume zurück – dabei sind wir evolutionär auf draußen eingestellt. Auf Tageslicht. Wir Menschen sind dafür gemacht, einen aktiven Tag zu haben.

,,Tageslicht sehen wir nur von unserem Arbeitsplatz aus. Das ist das Leben des modernen Menschen.''
Andreas Wojtysiak

Wie versuchen Sie, den Menschen zu helfen?

Wir können Licht in Innenräumen erzeugen, mit dem wir einen tollen Tag in der Sonne imitieren. Das Schlimmste für den Körper ist nämlich, den ganzen Tag der gleichen, ich sag mal, „Lichtsuppe“ ausgesetzt zu sein. Das stimuliert weder die innere Uhr des Menschen noch seinen natürlichen Tages- und Nachtrhythmus.

Im Winter sind die Effekte, die Sie beschreiben, noch ausgeprägter.

Die Zeit, in der natürliches Licht scheint, ist kürzer. Unsere Arbeitstage sind aber genauso lang. Damit kommen wir nicht klar. Es gibt Menschen, die davon Lichtmangelerscheinungen bekommen können.

Sie meinen die umgangssprachliche „Winterdepression“?

Die ist echt, die gibt es wirklich. Menschen, die dafür eine Anlage haben, können an saisonaler Depression leiden. Diese Symptome können wir mit Human Centric Lighting bekämpfen, damit die Taktung der inneren Uhr besser funktioniert.

Lassen Sie uns das Gespräch in die Praxis zurückholen. Das Licht, das sich im Wasser der Isar oder dem kleinen See im Englischen Garten spiegelt, empfinden wir als schön. Warum?

Da kommen drei Punkte zusammen. Erstens: die Bewegung von langsam fließendem Wasser. Wir sehen etwa die Isar, die langsam fließt, das beruhigt uns. Zweitens: Wir schauen ja nie direkt in die Sonne, sondern sehen sie oft nur in der Reflexion auf Objekten. Auf dem Wasser zum Beispiel als kleine funkelnde Punkte. Diesen Effekt kennt man vom Glitzern von Edelsteinen, wenn sie geschliffen sind. Die Facetten darin, diese scharfen Lichtpunkte, die bei uns im Auge auf die Netzhaut treffen. Das fasziniert uns Menschen.

Video: einfach Licht

Und der dritte Punkt?

Ein besonders klares Gewässer wie die Isar löst ebenfalls eine positive Reaktion aus. Es glitzert besonders stark auf einer glatten Wasseroberfläche mit leichten Wellen. Je mehr glitzernde Punkte man sieht, desto schöner. Am Ende ist es also der Gesamteindruck aus Glitzern, der Klarheit des Wassers und seiner langsamen Fließbewegung, den wir an der Isar als schön empfinden.

 

 

Text: Niclas Seydack; Fotos: Frank Stolle; Video: Redline Enterprises