Die wohl berühmteste Brücke Münchens: Auf der Eisenbahnbrücke thront der Ausflugsdampfer Alte Utting.

Liebesbrief an den Münchner Frühling

Oben ohne

Sobald in München die ersten frühlingshaften Temperaturen herrschen, beginnt in den Restaurants und Cafés das große Stühlerücken. Jeder Mensch, der etwas auf sich hält, will zum Essen und Trinken draußen sitzen. Warum ist das so? Eine Annäherung an ein gastronomisches Sozialphänomen.

Das mit der nördlichsten Stadt Italiens ist so eine Sache. Einerseits ist man als Münchner*in von dieser Zuschreibung geschmeichelt und geneigt zu sagen: Ciao, chiaro, certo! Andererseits, wenn man dann mal im wirklichen Norditalien (und ehrlich) ist, ist es da doch noch mal anders als in München, und das ist auch gut so. Einigen wir uns also vielleicht darauf, dass München unter allen deutschen Städten die italienischste ist.

Ein guter Beweis dafür ist ein Termin etwa Mitte Februar, wenn eine Föhnwetterlage überraschend drei Tage lang für das sorgt, was der Wetterbericht frühlingshafte Temperaturen nennt. Am nächsten Tag sind dann in allen Münchner Zeitungen die immer gleichen Bilder zu sehen – von Vorzeigemünchner*innen nämlich, die im Englischen Garten oder am Viktualienmarkt die Aperolgläser und Eisbecher schwenken und dabei ihre Hemden bis unters Schlüsselbein aufgekrempelt haben. Überschrift immer: Frühlingsgefühle!

Ab diesem spezifischen Zeitpunkt also ist die Draußensaison in der Stadt eröffnet, sie dauert dann etwa zehn Monate und ist nicht besonderes abhängig von den tatsächlichen Wetterverhältnissen. Einheimische haben nämlich chronisch Frühlingsgefühle und so eine Art inneren Föhn, der sie gastronomisch draußen sitzen lässt, wann immer es möglich ist.

Seither also stößt man im Luitpold und an hundert anderen Orten bevorzugt und effektheischend draußen an, auch wenn die Kellner vorher die Eiszapfen wegschlagen müssen. Die Stadt als Cabrio!

Das war schon früher so, es gab bereits 1775 einen kleinen Kaffeeausschank in den Hofgartenarkaden, der später zum Tambosi und damit dem Inbegriff der Münchner Kaffeehauskultur wurde – mit 700 Plätzen im Freien! Und der große Konkurrent des Tambosi, das Café Luitpold, etablierte ab 1930 das erste echte „Gehsteigcafé“ in München, nachdem die Stadt erlaubt hatte, auf dem Bürgersteig Tische, Stühle und sogar Palmen aufzustellen. Die Palmen waren eine deutliche Botschaft: Draußen seinen Kaffee oder den Aperitif einzunehmen, fühlt sich eben immer gleich an wie Urlaub – und mit ein bisschen Fantasie bieten Brienner Straße oder Odeonsplatz Betrachter*innen eben doch auch beinahe südlichen Trubel.

Sehen, gesehen werden, grüßen, granteln – viele Münchner Spezialdisziplinen gehen nun mal viel besser, wenn man in der ersten Reihe des Stadtspektakels sitzt. Seither also stößt man im Luitpold und an hundert anderen Orten bevorzugt und effektheischend draußen an, auch wenn die Kellner*innen vorher die Eiszapfen wegschlagen müssen. Die Stadt als Cabrio!

Vermutlich hat die uralte Biergartenkultur diese liebenswerte Sehnsucht nach den ersten Sonnenstrahlen noch befördert. Denn daher verbinden Einheimische die Gemütlichkeit eben stets mit dem Herumhocken unter freiem Himmel. Wer braucht schon ein Dach, wenn er Kastanien hat? Oder zumindest das Schirmchen vom Cocktail. Die stoischen Winterbesatzungen der Biergartentische am Viktualienmarkt sind jedenfalls enge Verwandte der frühen Aperolschwenker, welche aber freilich erst mit Sonnenbrille und Genussvisage ganz komplett sind. Es ist eben auch so – in einer Stadt, die so viel arbeitet und so dermaßen DAX-dynamisch ist, muss jede Art von Freizeit und Genuss so öffentlich wie möglich zelebriert werden. Wer sich weithin sichtbar in den ersten Sonnenstrahlen aalt oder die Mittagspause beliebig ausdehnen kann, der hat’s geschafft!

Heute kann man jedenfalls an jedem halbwegs trockenen Spätnachmittag sagen: München leuchtet! Und zwar meistens in den Farben von Aperol Spritz.

Heute kann man jedenfalls an jedem halbwegs trockenen Spätnachmittag sagen: München leuchtet! Und zwar meistens in den Farben von Aperol Spritz. Dieses markante rot-orange Terrassengetränk, das nirgendwo sonst so beliebt ist wie hier, ersetzt locker den Sonnenuntergang, den man in der Stadt naturgemäß selten in Wirklichkeit sieht. Wer sich mit dem Ersatz nicht zufriedengeben möchte und echtes Sundowner-Feeling sucht, muss zum Sonnenuntergang entweder auf die Hackerbrücke oder eine der (wenigen) Dachterrassen der Stadt aufsuchen. Von oben sieht man dann vermutlich auch am besten, ob wirklich schon der Frühling kommt.

 

 

Text: Nansen & Piccard; Fotos: Dominik Morbitzer, Frank Stolle

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