Interview: Jona Christians

„Wir wollen nicht mehr warten“

München prägt die Automobilwelt seit Jahrzehnten mit den Kraftfahrzeugen von BMW und seit Kurzem mit einem Start-up, Sono Motors, das die Branche revolutionieren will.

Sono Motors wurde 2013 von Laurin Hahn, Jona Christians und Navina Pernsteiner gegründet. Ihr Produkt, der Sion, ein Elektroauto, das mit Solarzellen überzogen ist, soll noch dieses Jahr auf den Markt kommen. Wir haben Jona Christians gefragt, wie die Mobilität von morgen aussieht.

Sono Motors ist schnell erwachsen geworden: 2013 habt ihr in der Garage der Eltern noch Solarpanels auf das Dach eines alten Twingos geschweißt, heute arbeiten 80 Mitarbeiter an der Verwirklichung des Sions. Wie hat es sich angefühlt, plötzlich mit Investitionen in Millionenhöhe zu hantieren?

Es ist nicht so, dass es die eine Schwelle gibt, über die man geht und dann sagt: Jetzt ist plötzlich alles anders. Man macht einen Schritt nach dem anderen und erkennt die wirklich großen Momente oft erst in der Rückschau. Ein solcher Moment war beispielsweise, als wir mit dem Prototypen zum ersten Mal die Auffahrt heruntergefahren sind und gemerkt haben: Ja, das funktioniert!
Dann die Gründung von Sono Motors mit Laurin und Navina und unsere erste Crowdfunding-Kampagne. Davor hatten wir niemandem von unserem Projekt erzählt, mit dem Start der Kampagne legten wir also den Grundstein für die Sono Motors Community. Der nächste Meilenstein war der Aufbau des Teams: In den letzten anderthalb Jahren sind wir von fünfzehn Leuten auf achtzig angewachsen.

Gibt es in diesem Wandlungsprozess auch Konstanten?

Uns als Gründerteam natürlich. Aber fast noch wichtiger, die grundlegende Idee des Unternehmens ist die gleiche geblieben: Wir sehen den Sion, das Fahrzeug selbst, nicht als die absolute Lösung aller Probleme. München ist dafür das beste Beispiel: Hier leben 1,5 Millionen Menschen und es gibt 700.000 Autos. Das ist verrückt! Der Verkehr kollabiert, Parkplätze werden zur Mangelware. Wir müssen damit beginnen, verantwortungsvoller mit unseren Ressourcen umzugehen, dazu müssen wir dringend weniger Fahrzeuge produzieren und Autos effizienter nutzen.

Der Plan ist also nicht, diese 700.000 Autos mit 700.000 Sions zu ersetzen?

Nein. Es war von Anfang an der Plan, nicht nur die Fahrzeuge selbst nachhaltiger zu gestalten, sondern Mobilität insgesamt neu zu denken. In einer Stadt wie München ist Fläche unglaublich wertvoll, aber trotzdem bleiben Autos in der Stadt 95 Prozent der Zeit ungenutzt. Der Sion ist deshalb ab Werk mit der notwendigen Technologie ausgestattet, um ihn per App mit anderen Menschen zu teilen. Während man arbeitet und das Auto sowieso nicht braucht, zum Beispiel. Wir möchten den Besitzern eines Sions ermöglichen, das Teilen auszuprobieren. Irgendwann stellen sie sich vielleicht die Frage: Warum brauche ich überhaupt noch ein eigenes Auto?

Das mag für viele noch unrealistisch klingen, aber vor zwanzig Jahren hat auch niemand gedacht, dass Airbnb ein Erfolg werden könnte. Heute ist es die weltweit größte Hotelgruppe, ohne eigene Hotels zu besitzen. In Deutschland ist das eigene Auto zwar immer noch für viele extrem wichtig, aber wir merken, dass immer mehr Menschen weniger Wert darauf legen, ob das Auto, in dem sie sich fortbewegen, tatsächlich auch ihnen gehört.

Die meisten jungen Menschen, die ein Elektroauto bauen möchten, würden wahrscheinlich erst mal Elektrotechnik oder etwas Ähnliches studieren. Ihr habt einfach losgelegt. Wie kam das?

Laurin und ich haben auch ein paar Semester studiert, aber nur nebenbei und immer mit dem Fokus, Wissen für Sono Motors abzuleiten. Deshalb haben wir auch nur die für uns relevanten Vorlesungen besucht, für mich waren das Experimentalphysik und Informatik.
Der Grund, warum wir sofort mit einem eigenen Projekt losgelegt haben, ist einfach: Wir wollten nicht mehr warten. Es wurde oft gesagt: In zehn Jahren ist die Lösung für eine nachhaltige Gesellschaft da, und dann passierte doch wieder nichts. Schaut man sich Befragungen aus den 1950er-Jahren an, sind die Menschen damals davon ausgegangen, dass wir heute schon viel weiter wären.
Sind wir aber nicht. Warum? Weil immer wieder das Argument kommt, dass Dinge erhalten werden müssen. Zurzeit ist es die Kohle. Ich verstehe den Reflex, aber es muss auch immer wieder den Moment geben, in dem jemand sagt: Wir müssen es jetzt einfach angehen – und dafür anderes aufgeben.

„Es war von Anfang an der Plan, nicht nur die Fahrzeuge selbst nachhaltiger zu gestalten, sondern Mobilität insgesamt neu zu denken.“
Jona Chrstians

Was hättet ihr gemacht, wenn euch die Idee für den Sion nicht gekommen wäre? Fertig studiert?

Dass wir ein Elektroauto bauen, war am Anfang gar nicht mal so wichtig für uns. Erst einmal haben wir einfach nur gesagt, dass wir etwas ändern müssen. Der Verkehrssektor ist jährlich für den Ausstoß von etwa 160 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich. Die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen, kann also einen großen Unterschied machen. Hätte ich mich nicht der Mobilität gewidmet, wäre es wahrscheinlich die Fleischindustrie oder Bildung geworden. Das sind die anderen beiden Hebel, mit denen man wirklich etwas erreichen kann, wenn wir unsere Gesellschaft langfristig nachhaltiger gestalten wollen.

An welcher Stelle hattest du in den letzten Jahren den größten Lerneffekt?

Anfangs ist man noch sein eigener Herr und kann seine Ideen sofort auch in die Tat umsetzen. Mittlerweile sehe ich Sono Motors eher als einen Marathon, das heißt, alle Entscheidungen, die ich heute treffe, müssen auch für die verbleibende Strecke ausreichen. Ich setze mich inzwischen nicht mehr so viel mit der Technik auseinander, sondern viel mehr mit Menschen. Bei achtzig Mitarbeitern müssen wir darauf achten, dass nicht alle dem Ball hinterherlaufen. Die Aufstellung ist genauso wichtig. Das klingt sehr theoretisch, aber am Ende bedeutet es einfach: Man muss im und mit dem Team arbeiten.

Reden wir jetzt mal über das eigentliche Produkt, den Sion: Was unterscheidet ihn von anderen Elektroautos?

Wir haben uns in allen Bereichen gefragt: Wie können wir alle Ressourcen maximal effizient nutzen? Fakt ist: Fahrzeuge benötigen Fläche, aber wie können wir diese wertvolle Fläche sonst noch nutzen? Die Antwort sind die Solarpanels, die in der gesamten Fahrzeugkarosserie integriert sind. In einer Stadt wie München kann man damit 34 Kilometer zusätzliche Reichweite pro Tag rein durch die Energie der Sonne generieren.
Die bringen einen natürlich nicht bis ans Ende der Welt, aber die täglichen Strecken, die in Deutschland bei durchschnittlich 17 Kilometern liegen, sind dadurch abgedeckt. Wir verwenden außerdem nachhaltige Komponenten, zum Beispiel verbauen wir in unserem Luftfilter speziell aufbereitetes Island-Moos.

„Wir verwenden nachhaltige Komponenten, wie zum Beispiel speziell aufbereitetes Island-Moos in unserem Luftfilter.“
Jona Christians

Wenn es um Elektroautos geht, wird häufig kritisiert, dass die Herstellung der Batterien auch nicht gerade umweltfreundlich ist. 

Das stimmt, die Batterie ist der große CO2-Rucksack. Der Sion ist mit einer 35 kWh großen Batterie ausgestattet, die eine reale Reichweite von 250 Kilometern hat. Bei der Produktion fallen etwa fünf Tonnen CO2 an. Die hat man aber im Vergleich zum Verbrenner bereits nach 50.000 Kilometern wieder eingespart. Zudem arbeiten wir darauf hin, CO2-Emissionen, die entlang der Lieferkette und während der Produktion entstehen, zu reduzieren und alle übrigen Emissionen durch die Investition in Klimaschutzprojekte zu kompensieren.
Was den Sion außerdem von anderen Elektroautos abhebt, ist der Preis. Er kostet 16.000 Euro, exklusive der Batterie, die noch mal 9.500 Euro kostet oder geleast werden kann. Das ist im Segment der Elektrofahrzeuge ein extrem aggressiver Preis, den wir unter anderem dadurch so niedrig halten konnten, weil wir nur eine einzige Variante des Fahrzeugs anbieten. Das spart extrem viele Kosten. Wir hoffen, Elektromobilität auf diese Weise alltags- und massentauglich zu machen und ihr endlich zum Durchbruch zu verhelfen.

Um den Sion zu bauen, seid ihr auf Zulieferbetriebe angewiesen, der Antrieb wird zum Beispiel von Continental gebaut. Wie hat man euch dort empfangen? Ihr fordert schließlich die mächtige Autoindustrie heraus.

Natürlich haben wir als junges Unternehmen andere Hürden zu nehmen als etablierte OEMs. Wir haben noch kein Fahrzeug auf dem Markt und müssen uns erst noch beweisen. Die gesamte Automobilindustrie befindet sich im Moment allerdings im Umbruch, sodass sich auch viele Zulieferer umorientieren und neue Player eher willkommen heißen. In unserem Fall ist am Ende häufig unser nachhaltiges Gesamtkonzept entscheidend.
Wir hatten schon die Situation, dass jemand den Sion aus privatem Interesse Probe gefahren ist und derart überzeugt war, dass er in seinem Betrieb die Zusammenarbeit mit uns vorangetrieben hat. So ist zum Beispiel eine unserer wichtigsten Partnerschaften entstanden. Auch bei den anderen Zulieferbetrieben haben wir immer wieder begeisterte Menschen getroffen, die unbedingt an unserem Projekt mitarbeiten wollten.

Der Entwicklungschef von Sono Motors heißt Roberto Diesel und war davor bei General Motors und Opel.

(lacht) Vermutlich der sauberste Diesel, den es gibt.

War es eine bewusste Entscheidung, mit Sono Motors in München zu bleiben?

Ja, definitiv. München ist ein hervorragender Industriestandort. Die Anbindung ist super, man sitzt in der Mitte Europas, und es ist sehr viel Automotive-Expertise in der Stadt. München ist außerdem sehr lebenswert, das hilft enorm beim Recruiting neuer Mitarbeiter.

Wie wird sich die Stadt verändern, wenn der Sion erst einmal auf dem Markt ist?

Es wird leiser werden und es wird mehr Platz geben. Ein Carsharing-Fahrzeug wie der Sion kann so viele Autos ersetzen, dass 99 Meter von parkenden Fahrzeugen befreit werden. Als ganzheitlicher Mobilitätsdienstleister arbeiten wir außerdem daran, dass die Fahrzeuge stärker in die Infrastruktur integriert werden und wirklich da genutzt werden, wo es sinnvoll ist.
Der Sion kann als eine Art Pufferspeicher genutzt werden, weil er nicht nur Strom beziehen, sondern auch wieder abgeben kann. Strompeaks, die vor allem durch den vermehrten Einsatz von erneuerbaren Energiequellen entstehen, können so aufgefangen werden. Ab einer Anzahl von 90 Sions hätten wir das Sparpotenzial eines ganzen Kraftwerks.

Kann jetzt noch etwas schiefgehen?

Überraschungen, die uns noch aus der Bahn werfen könnten, kann es immer geben. Wir lernen ständig dazu, kommunizieren unsere Schwierigkeiten aber auch offen und bewahren uns so das Vertrauen unserer Investoren und Kunden. Ich glaube: So lange wir Sono bleiben, sind wir allen Herausforderungen gewachsen.

 

 

Text: Nansen & Piccard, Fotos: Frank Stolle

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