Ausflüge

Isar-Indianer: eine Paddel-Tour vor den Toren der Stadt

Nirgends lernt man den Fluss, der durch München fließt, so gut kennen wie von einem Kanu aus. Die klassische Paddelstrecke führt von Bad Tölz bis zur Floßlände – inklusive Badespaß, Picknick auf der Kiesbank und flussgekühlten Weggetränken.

Manchmal liegt die Ruhe in der Bewegung. Eben noch ist das Wasser vorbeigerauscht, formte sich zu immer neuen Wellen und Wirbeln, die sich vor einem aufwarfen, eindrehten und in Sekundenbruchteilen wieder verschwunden waren. Jetzt, auf dem Fluss, rauscht man selbst dahin, es ist plötzlich das Ufer, das weiterzieht, eine wechselnde Kulisse.

Und im gleichen Maß, wie das Wasser auf einmal stiller wird, beruhigen sich auch die Gedanken. Eben noch aus allen Richtungen ins Bewusstsein geschossen, im nächsten Augenblick schon wieder hinter dem geistigen Horizont abgetaucht, fangen sie an zu kreisen, kehren wieder, drehen und wenden sich. Was andere im Yogakurs suchen, finde ich bei einer Kanufahrt.

Mit der weitgehend frei fließenden Isar führt eine der schönsten kompakten Flusswanderstrecken Europas vom Alpenrand direkt nach München.

Als Münchner muss ich dafür nicht einmal weit reisen. Kurven mit Prallwänden, an denen sich die Strömung bricht, mäandernde Nebenarme, flimmerndes Gebirgswasser – was man sich von einem Abenteuer in der kanadischen Wildnis erwartet, findet sich in Tagesausflugsdistanz von Hofbräuhaus und Fernsehturm.

Mit der weitgehend frei fließenden Isar führt eine der schönsten kompakten Flusswanderstrecken Europas vom Alpenrand direkt nach München. Wer mit einem Kanu die lange Strecke vom Sylvensteinspeicher oder von Bad Tölz paddelt – oder auch nur die Kurzvariante von Wolfratshausen –, erlebt eine ursprüngliche Flussnatur mit wilden Wasservögeln und Schwemmholzfallen, aber auch glasklaren Badestellen für die sommerliche Sofort-Erfrischung.

Ulrike, eine Kollegin, die zuletzt in ihrer Jugend in einem Paddelboot saß, hat sich kurzfristig für eine Isarfahrt begeistern lassen. Auch Frank, der Fotograf, ist hochmotiviert. Wir sortieren unsere Ausrüstung auf den in der Sonne getrockneten Uferkieseln an der Einstiegsstelle. Vor uns wirbelt der Fluss vorbei.

Auch, wenn es nur ein leichter Sommerausflug werden soll, sieht unser Material so aus, als wollten wir eine Expedition in die kanadische Wildnis unternehmen: zwei stabile Schlauch-Kanadier (von denen allerdings einer bereits etwas fadenscheinig ist), Paddel und Reservepaddel, eine Tonne und zwei wasserdichte Säcke für Handtücher, Wechselkleidung, Campingausrüstung, einen kleinen Gaskocher, Grillrost, Proviant, die Luftpumpe und einen Bootswagen, um Umtragepassagen und einen Rückzug zur S-Bahn leichter bewältigen zu können.

Wir können nicht genug von diesem Tag kriegen. Lassen uns dann weiter treiben durch die weit verzweigte, mäandernde Flusslandschaft.

Die Isar entspringt im Karwendel, auf der Tiroler Seite. Die Schluchten des Hinterautals sind erfahrenen Wildwasserfahrern vorbehalten. Dann passiert die junge Isar Scharnitz und Mittenwald und fließt hinter Wallgau durch sehr ursprüngliche Landschaft, aufgrund der Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit auch „Klein Kanada“ genannt – dieser Abschnitt ist jedoch nicht bei jedem Pegel zu befahren und eignet sich vor allem als einzelne Tagestour.

Im Sylvensteinspeicher wird der Gebirgsfluss gebändigt, doch unterhalb der Sylvensteinmauer beginnt eine Strecke, die den Paddler mit nur wenigen Unterbrechungen durch Lenggries und Bad Tölz, durch Wolfratshausen bis München führt. Hier fließt sie mit beständigerem Wasserstand, aber immer noch naturbelassen, und präsentiert sich als perfekter Wanderfluss mit gelegentlichen Sohlrampen, Schwallstrecken oder steilen Kurven, die bei Normalwasser bis auf wenige Umtragestellen maximal mit der Wildwasserschwierigkeit II bewertet werden.

Wir haben uns für den klassischen Einstieg ein Stück flussabwärts von Bad Tölz entschieden, nach dem kleinen Stausee und dem abschließenden E-Werk. Hier beginnt die längste durchgehende Paddelstrecke der Isar. Wenn wir sehr schnell sind, können wir es an einem Stück bis München schaffen. Es gibt jedoch auch Campingplätze in Isarnähe – oder mehrere Möglichkeiten, die Fahrt vorzeitiger zu beenden.

„Ulrike, bist du bereit?“ „Ja, klar. Und du?“ Wir drehen das beladene Kanu gegen die kräftige Strömung, Ulrike springt auf die vordere Bank, ich stabilisiere das Boot mit dem quergelegten Paddel, steige vorsichtig hinein und stoße uns ab.

Kanufahren ist einfach. Der Hintere lenkt, der Vordere ist vor allem dafür verantwortlich, dass es vorwärtsgeht. Doch sobald ein Fluss so beherzt strömt wie die Isar an diesem Tag im August, kann man sich über weite Strecken auch einfach treiben lassen. Gelegentliche Kurskorrekturen und ein paar schnelle Meter in der einen oder anderen Flussschleife, um Abstand von den Bäumen am Ufer oder einem überspülten Hindernis im Wasser zu gewinnen, sind eigentlich alles, was man an Manövern braucht.

Wer einfach nur in einem handelsüblichen Schlauchboot den Fluss hinuntertreiben möchte, kann das fast den ganzen Sommer über tun, bei sogenanntem Normalpegel. Der etwas anspruchsvollere Paddler freut sich auf einen leicht erhöhten Wasserstand, der dem Fluss mehr Kraft und an den entscheidenden Stellen auch einfach mehr Tiefe verleiht und die ganze Fahrt beschleunigt.

Wir warten seit einigen Wochen auf unsere Wunschverhältnisse – und jetzt, Mitte August, ist es endlich so weit. Sonne, nicht zu heiß, nicht zu kalt und ein nach einem Sommerhochwasser sinkender Flusspegel, der sich an der Münchner Messstelle mit 175 Zentimetern aber immer noch deutlich über dem Durchschnitt bewegt. Deshalb fließt während unserer Fahrt deutlich mehr Wasser als normal.

Von Anfang an zieht die Strömung ordentlich an. Die flachen Ufer säumt Mischwald, gelegentlich umfließt die Isar Kiesinseln. Wir paddeln durch das Naturschutzgebiet Leitzinger Au, in den Uferzonen leben stark gefährdete Vögel wie die Flussseeschwalbe oder der Flussuferläufer – weshalb man das Anlandeverbot in den gekennzeichneten Zonen von Frühling bis Mitte August unbedingt beachten sollte.

Aber es ist auch gar nicht so, dass man unbedingt jede Insel, jedes Waldstück betreten möchte: Zu besonders ist die Perspektive aus der ruhenden Bewegung, aus der die Welt zu einer Art Live-Naturdokumentation im Breitwandformat wird – aufgenommen aus der dramatisierenden Froschperspektive des Paddlers.

Hier gibt es kilometerweise keinen Kontakt zu menschlichen Siedlungen. Einzig nach etwa zehn Kilometern passieren wir den Landgasthof Campingplatz Beham in Einöd, der einfache Zeltmöglichkeiten für Paddler direkt am Fluss bietet. Doch an die Nacht denken wir noch lange nicht. Stattdessen legen wir an einer sonnigen Kiesbank in der Ascholdinger Au an, Brotzeit, ein Schluck Wein, kleiner Kaffee. Als Tagesproviant eignen sich Sandwiches, alles, was nicht groß vorbereitet werden muss, denn Grillen und Feuermachen ist hier in den Isarauen bis Schäftlarn verboten.

Perspektivwechsel: Jetzt ist es wieder das Wasser, das vorbeigurgelt, die Hauptströmung zieht in einer S-Kurve weiter, ein steter Fluss im Fluss, gleichzeitig in schneller Bewegung und im vollkommenen Stillstand. Ein kurzes Bad weckt die Lebensgeister. Noch ein paar Minuten in der Sonne, dann packen wir wieder zusammen.

Nach ein paar Kurven fließt auf der Höhe von Wolfratshausen von links mehr Wasser in die Isar. Der Loisach-Isar-Kanal. Wir üben die Einfahrt ins Kehrwasser. Nach einer scharfen Linkskurve mit Prallwand sehen wir auch schon bald die Straßenbrücke zwischen Wolfratshausen und Puppling, der klassischen Ausstiegsstelle für die kurze Tagesetappe.

Ob wir es noch bis München schaffen? Heute? Egal. Es ist ohnehin der Fluss, der das Tempo vorgibt.

„Weiter?“ „Auf jeden Fall!“ Uns geht es heute wie der Entenfamilie, die wir immer wieder in einem Kehrwasser nach einem Felsen oder eine Ufereinbuchtung gegen die Strömung strampeln sehen. Wir können nicht genug von diesem Tag kriegen. Lassen uns dann weiter treiben durch die weitverzweigte, mäandernde Flusslandschaft.

Der Lauf ändert sich Jahr für Jahr, Hochwasser für Hochwasser. Hier liegen Nackte und halb Bekleidete in ihren Tageslagern, chillen in Hängematten mit Blick auf den Fluss. Sie sind die geistigen Mütter und Väter der lederhäutigen Nackten am Flauchersteg. Wenn der Flaucher das Münchner Reservat für Isarindianer ist, dann ist die Pupplinger Au freies Stammesgebiet.

Wie weit weg von der Millionenstadt kann man sich fühlen? Irre. Der hohe Wasserstand macht die Slalomfahrt zwischen Inselchen und umgefallenen Bäumen, um Kurven unter Hochufern und über Kehrwasserpilze, die plötzlich aus der Strömung wachsen, durchaus abwechslungsreich. Gleichzeitig steigt das Westufer langsam zu jener Höhe an, die die weitere Strecke bis München prägen wird:

Beidseitig bewaldete Hochufer, der wilde Lauf der Isar wird zunehmend einem breiten Waldcanyon ähneln – unterbrochen von immer mehr Brücken, gesäumt von Biergärten und dann auch bald von immer mehr Münchnern, die mit dem Fahrrad von der Stadt bis in den wilden Süden geradelt sind, um sich am Ufer ein einsames Plätzchen zu suchen.

Die Kulisse ist spektakulär. Doch der eigentliche Reiz liegt in der Ruhe, liegt in jenem seltsamen Perspektivwechsel, der sich einstellt, wenn man auf einmal mit dem Wasser an der Welt vorbeizieht und nicht mehr in der Welt sitzt und auf das gurgelnde vorbeirauschende Wasser guckt. Natürlich liegt auch ein Reiz in den Stromschnellen und gelegentlichen sportlichen Herausforderungen, die mit der Wassermenge der strömenden Isar wachsen.

Wir freuen uns, wenn wir die Boote halbwegs elegant an den Fallen vorbeimanövrieren, die der Fluss uns immer wieder stellt. Die nachhaltigsten Momente bleiben am Ende jedoch die, in denen man gar nichts machen muss. In denen man ungestört einem Gedanken folgen kann, der einem durch den Kopf kreist. Oder eben auch nicht – es ist wohl so, dass einem das Nichtstun leichter fällt, dass man es zumindest leichter genießen kann, wenn man den Eindruck hat, dabei trotzdem etwas zu machen.

Kleine Kurskorrekturen zum Beispiel oder einfach nur ein schneller, aufmerksamer Blick, ob das spezielle Gurgeln vorne links ein überspülter Stein ist oder einfach nur ein spezielles Gurgeln.

Ob wir es noch bis München schaffen? Heute? Egal. Es ist ohnehin der Fluss, der das Tempo vorgibt. Hauptsache wir sind noch bei Tageslicht in Schäftlarn. Dort, ganz in der Nähe des Klosters und mehrerer Biergärten findet sich auch eine der wenigen Kiesbänke, auf denen Grillen und sogar kleine Lagerfeuer erlaubt sind.

Und wie ließe sich ein Indianertag auf dem Fluss besser zu Ende bringen als mit dem Blick in die Flammen – auch so eine Art ruhiger Bewegung, die den Stadtmenschen auf eine ganz ungewohnte Art ruhig werden lässt.

 

 

Text: Oliver Stolle; Fotos: Frank Stolle