Beim Eisbaden geht man am besten in die Hocke, damit der Körper bis zum Hals mit Wasser bedeckt ist.
Winterschwimmen

Selbstversuch: Eisbaden im Eisbach

Das Baden bei Minusgraden gilt seit Jahrhunderten als Übung zur Kräftigung der Abwehrkräfte. Schon Goethe soll regelmäßig in das eiskalte Wasser der Ilm gestiegen sein. Gerade erfreut sich das Winterschwimmen überraschender Beliebtheit. Unser Autor hat es ausprobiert – zusammen mit den Jungs von „Hot Spring Munich“.

Es ist Winter. Es hat null Grad und auf den Bürgersteigen liegt kniehoch der Schnee. An so einem Tag sollte ich mit einer Tasse Kaffee auf dem Sofa am Heizkörper sitzen und Playsta... ein Buch lesen. Stattdessen treffe ich gleich die Jungs von „Hot Spring Munich“ am Eisbach. Jeden Freitag treffen sich Samuel und Franz dort zum Eisbaden. Mitmachen können alle, die möchten.

Wenn ich so darüber nachdenke, möchte ich eigentlich gar nicht. Ich krieg ja schon Frostbeulen, wenn ich Disneys „Die Eisprinzessin“ im Fernsehen sehe. Selbst beim Zähneputzen drehe ich den Warmwasserhahn auf. Und nun soll ich also mitten im Januar in Badehose in einen Fluss springen? Was hab’ ich mir bloß dabei gedacht? Ich werde mir den Tod holen! Um meine Abwehrkräfte zu stärken, hab’ ich heute zum Frühstück literweise Actimel in mich hinein geschüttet. Keine Ahnung, ob das was bringt, aber meine Darmflora dürfte jetzt vom Feinsten sein.

Ich packe meinen Rucksack. Samuel hat mir auf Instagram geschrieben, was ich mitbringen soll: eine weite Hose, weil es schwierig werden könnte, nach dem Baden in die Jeans zu schlüpfen, wenn man friert. Zwei Handtücher, eins zum Abtrocknen und eins als Unterlage, damit die Klamotten nicht im Schnee nass werden. Eine trockene Unterhose, eine Badehose und, wenn ich möchte, noch eine Mütze. Möchte ich aber nicht. Weil: Wenn ich fast nackt bei Minusgraden in einen Fluss springe, ganz ehrlich, dann sind mir kalte Ohrläppchen auch egal.

„Ich krieg ja schon Frostbeulen, wenn ich Disneys ‚Die Eisprinzessin‘ im Fernsehen sehe. Selbst beim Zähneputzen drehe ich den Warmwasserhahn auf. Und nun soll ich also mitten im Januar in Badehose in einen Fluss springen?“

Eisbaden ist vor allem im skandinavischen Raum und in Russland eine uralte Tradition. Aber auch Goethe soll hierzulande schon das Eis der Ilm aufgehackt haben, um in dem kalten Fluss zu baden. Seit 1999 gibt es sogar eine Weltmeisterschaft im Eisschwimmen: die Winter Swimming World Championships. Im vergangenen Jahr kamen mehr als 1000 Eisbadefans nach Slowenien, um durch den bitterkalten Bleder See zu schwimmen. Der Gewinner über 1000 Meter Freistil hat 15 Minuten gebraucht. Für mich wäre das nichts. Ich kann ja nicht mal Kraulen. Ich mach’ immer noch die Froschbewegungen, die ich im Schwimmkurs mit sechs Jahren gelernt habe. Super, um kein Chlor in die Augen zu kriegen. Aber im Eiswasser wäre ich damit auf halber Bahn erfroren.

Samuel ist vor vier Jahren von London nach München gezogen. Beim Sport hat er Franz kennengelernt. Zwei sympathische Typen Mitte dreißig. Wirken eigentlich ganz normal. Am Anfang haben die beidem nach dem Training immer kalt geduscht. Irgendwann hat ihnen das nicht mehr gereicht und sie sprangen in den Eisbach. Klar. Ärgert mich auch jeden Morgen unter der Dusche, dass ich das Wasser nicht noch kälter drehen kann ...

„Ich bezweifle, dass mich das entspannen wird. Aber ich versuche es. Ich schließe meine Augen und atme ein.
Jetzt ist es also gleich so weit, denke ich. Ich atme aus. Ich werde erfrieren, denke ich.“

Im Lauf der Jahre haben sich den beiden dann immer mehr Unerfrorene angeschlossen. Teilweise springen bis zu 24 Leute in das eiskalte Wasser, wenn sich die Gruppe trifft. Heute bin ich allerdings allein mit den beiden. Was vielleicht ganz gut ist. Dann hört gleich keiner mein Gekreische im Wasser, das klingt als wäre jemand einer Disney-Fee auf den Flügel getreten. Ich frage mich: Warum tut man sich sowas freiwillig an? „Weil es das Immunsystem stärkt“, sagt Samuel. „Außerdem verbrennt der Körper dabei Kalorien und es ist gut zum Stressabbau.“

„Wir machen zuerst ein paar Atemübungen“, sagt Franz. „Wir atmen etwa dreißig Mal tief durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus, damit der Körper sich entspannt. Dann ziehen wir zügig unsere Klamotten aus und gehen ins Wasser.“
Ich bezweifle, dass mich das entspannen wird. Aber ich versuche es. Ich schließe meine Augen und atme ein.
Jetzt ist es also gleich so weit, denke ich.
Ich atme aus.
Ich werde erfrieren, denke ich.
Ich atme ein.
Mein lebloser Körper wird den Eisbach entlang treiben, denke ich.
Ich atme aus.
Bis nach Oberföhring, denke ich.
Ich atme ein.
Irgendein Neopren-Weichei wird mit seinem Surfbrett gegen mich bumsen, denke ich.
Ich atme aus.
Er wird meinen tiefgekühlten Leichnam an Land ziehen, ganz aufgedunsen und bleich, wobei bleich ... das war ich eigentlich schon vorher, denke ich.
Ich atme ein.
Die Menschen werden sich über mich beugen und irgendjemand aus dem Trupp wird sagen: „Welcher Depp geht denn auch bei den Temperaturen ins Wasser?“ Ich atme aus und öffne meine Augen.
„Bereit?“, fragt Samuel.
Auf gar keinen Fall!
„Ok“, wimmere ich.

Samuel und Franz beginnen damit, ihre Klamotten abzulegen. Meine Hände zittern, als ich meine Jeans abstreife. Schwer zu sagen, ob es an der Kälte liegt oder an der Aufregung. Ein paar Spaziergänger bleiben stehen und gucken uns dabei zu, beugen sich zu ihren Kindern runter und sagen vermutlich sowas wie: „Guck mal Marie-Valentina, was die Spinner da machen.“

Die Spinner gehen jetzt ins Wasser. Ohne weiter nachzudenken, steige ich einfach hinein. Es hilft ein bisschen, dass es keinen Strand gibt. Man muss nicht wie an einem See immer tiefer hinein waten und sich bei jedem Schritt neu überwinden. Man steigt vom Ufer einmal rein und dann bin ich tatsächlich im Wasser.

„Also hock ich da im arschkalten Wasser und schnaufe wie die Wildecker Herzbuben beim Treppensteigen, um meinen Puls zu stabilisieren. Man könnte meinen, ich versuche, im Eisbach ein Kind zur Welt zu bringen.“

Es ist kalt, klar. Aber nicht so kalt, wie ich befürchtet habe. Ich habe damit gerechnet, dass mein Körper in Schockstarre verfällt und ich anfange zu hyperventilieren. Aber so schlimm ist es nicht. Samuel meint, das liege daran, dass der Unterschied zwischen Luft- und Wasser-Temperatur nicht so groß ist. Deshalb halte sich der Schock in Grenzen. Und die beiden Jungs geben mir noch den Tipp: Ich soll in die Hocke gehen, damit der Körper bis zum Hals mit Wasser bedeckt ist. Auch das hilft dem Körper, sich zu akklimatisieren. Also hock ich da im arschkalten Wasser und schnaufe wie die Wildecker Herzbuben beim Treppensteigen, um meinen Puls zu stabilisieren. Man könnte meinen, ich versuche, im Eisbach ein Kind zur Welt zu bringen.

Nach zwei Minuten halte ich die Kälte trotz aller Ratschläge nicht mehr aus. Ich klettere aus dem Wasser. Oder besser gesagt: Ich versuche es. Aber das Ufer ist zu hoch. Ich komm nicht mehr aus dem Eiswasser raus. Panik steigt in mir auf. Der Fotograf muss die Kamera zur Seite legen und mich mit beiden Händen aus dem Fluss ziehen. Wie gut, dass ich ohnehin keine Würde besitze.

„Meine Füße sind taub. Ich habe das Gefühl, ein dicker Stock klemmt unter meinen Sohlen und blockiert die Zehen. Es gelingt mir nicht, sie einzuknicken.“

Ich eile zu meinem Handtuch und trockne mich ab. Schnell in die warme Jogginghose schlüpfen. Meine Füße sind taub. Ich habe das Gefühl, ein dicker Stock klemmt unter meinen Sohlen und blockiert die Zehen. Es gelingt mir nicht, sie einzuknicken. Schon wieder dieses Gefühl von Panik. Ich hab’ Bilder von Bergsteigern mit abgefrorenen Zehen gesehen. Mit so einem abgefaulten schwarzen Zeh werde ich für den Rest meines Lebens Single bleiben. Da will bestimmt keine Frau unter der Decke mit mir füßeln. Samuel beruhigt mich. Ich soll ein paar Turnübungen machen und in die Luft springen, dann wird das Gespür in den Füßen zurückkommen, ruft er mir aus dem Fluss zu. Die Verrückten sind immer noch da drin.

Die Kälte ist für den Körper eine Extremsituation. Er verengt die Arterien zu den Händen und Füßen, damit erstmal die lebenswichtigen Organe mit Blut versorgt werden. Mit anderen Worten: Wäre mein Körper die Titanic, die im Eiswasser untergeht, dann wären Herz und Lunge die Frauen und Kinder an Bord – und meine Füße Leonardo DiCaprio. Im Grunde ist es faszinierend zu erleben, wie der Körper funktioniert. Wie eine Maschine. Aber nicht so eine wie der Pfandflaschen-Automat bei mir im Rewe, der nur eine Funktion hat – und beim kleinsten Problem muss man nach der Aushilfskraft klingeln. Der Körper ist eine intelligente Maschine, die auf verschiedene Situationen reagieren kann. Wie ein Terminator. Oder mein Putzroboter.

„Ich kann durchaus verstehen, was viele Menschen am Eisbaden reizt: die Herausforderung. Der Versuch, über seine Grenzen zu gehen. Nächstes Mal will ich drei Minuten schaffen.“

Meine Füße stecken mittlerweile in warmen Schuhen und auch meinen Pullover und meine Jacke habe ich wieder angezogen. Erst jetzt steigen auch Franz und Samuel aus dem Eisbach. Aber das ist hier ja kein Wettbewerb. Zum Glück. Vielleicht springe ich in den nächsten Tagen noch mal hinein und versuche, es länger auszuhalten. Ich kann durchaus verstehen, was viele Menschen am Eisbaden reizt: die Herausforderung. Der Versuch, über seine Grenzen zu gehen. Nächstes Mal will ich drei Minuten schaffen. Vielleicht erlebe ich ja dann auch dieses euphorische Gefühl direkt nach dem Eisbaden, das für manche Eisschwimmer*innen angeblich intensiver ist als Sex. Aber jetzt setz’ ich mich erstmal aufs Sofa vor die Heizung und trinke einen Kaffee.

 

 

Text: Maximilian Reich; Fotos: Frank Stolle

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