„Auf eine Runde mit ...“

Ein Spaziergang durch das Glockenbachviertel: Saskia Diez

Bunt, traditionell, vielfältig – das sind die Münchner Stadtviertel. „Auf eine Runde mit ...“ bietet ganz persönliche Einblicke durch die Linsen der Menschen, die hier leben und ihre Viertel am besten kennen. Diesmal: die Schmuckdesignerin Saskia Diez zeigt uns ihr Glockenbachviertel.

Saskia Diez ist eine international bekannte Designerin, die vor allem Schmuck für ihr gleichnamiges Label entwirft. Es ist Schmuck für moderne Menschen, wie sie selbst sagt, und damit ist sie schon lange über die Stadt- und Landesgrenzen hinweg erfolgreich. Umso sympathischer, dass die Münchnerin im Glockenbachviertel nicht nur lebt, sondern hier auch ihre Kollektionen entstehen – in lokaler Handarbeit und das so nachhaltig wie möglich. Bei einem ausgedehnten Spaziergang durchs Szeneviertel zeigt sie uns ihre Lieblingsorte und gibt Einblicke in ihre Arbeit. Auf eine Runde mit Saskia Diez!

 

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Liebe Saskia, wir sitzen mittendrin – am Gärtnerplatz im Glockenbachviertel. Welche Tipps kannst du uns für diesen Spaziergang durch dein Viertel mitgeben?

Das Café Dukatz liegt direkt bei mir ums Eck und auch auf meinem Weg ins Atelier. Hier haben wir uns für den Start unseres Spaziergangs getroffen. Ich mag es wahnsinnig gerne, weil alles, was dort verkauft wird, selbst hergestellt wird – leckere Kuchen, Croissants, Petits Fours, und sie machen auch richtig gute Macarons, was außerhalb von Frankreich fast unmöglich ist. Das Café ist unaufgeregt und liebevoll.

Das stimmt. Und das Dukatz gibt es auch schon so lange.

Genau. Im Anschluss sind wir über den Gärtnerplatz gelaufen, wo wir nun auch sitzen. Hier kann man total schön die unterschiedlichen Jahreszeiten ablesen. Im Frühling sieht er ganz anders aus als jetzt im Frühherbst mit den vielen Orangetönen. Ich finde es schön, dass die Bepflanzung so orchestriert ist und ernstgenommen wird. Und weil ich ein großer Fan bin von Menschen, die ihren Job gut machen und auch von Läden, in denen man ganz spezielle Dinge kaufen kann, sind wir noch zum Kräuter- und Wurzelsepp spaziert: eine ganz tolle Adresse für alles, was mit Kräutern und Beeren zu tun hat und eine tolle Alternative zu allen angesagten Super Foods. Außerdem wird man angenehm grantig willkommen geheißen. (lacht)

Was würdest du Touristen sagen, die sich durch das Granteln etwas vor den Kopf gestoßen fühlen?

Dass sich dahinter in der Regel eine Herzlichkeit verbirgt. Man muss sich die Freundlichkeit erarbeiten, indem man selbst freundlich ist oder ein Anliegen hat. Auf jeden Fall kann man sich in dem Laden sicher sein, dass einem kein Quatsch verkauft wird. Nebenan befindet sich übrigens die The High Bar. Eine der schönsten kleinen Bars in München, wo ich auch mal gerne alleine hingehe. Die Drinks sind wahnsinnig gut.

Was trinkst du da?

Am allerliebsten einen sehr kleinen Drink names Libanon: sehr stark, sehr scharf und sehr kurz. (lacht) Daneben gibt es eine weitere besondere Adresse, den Farbenladen Deiglmayr & Knecht. Das Besondere ist, dass man mit Farbproben oder sogar Stoffmustern hinkommen kann und einem diese bestimmte Farbe dann zusammengemischt wird. Was mich bezüglich dem, was ich tue, an München immer gehalten hat ist, dass man hier so viel Wissen, Handwerk und Expertise findet. Und auch den Stolz darauf, eine bestimmte Sache besonders gut zu können, was an vielen anderen Orten in Vergessenheit geraten ist. Das ist eine große Qualität in dieser Stadt.

Schön finde ich auch, dass die moderne The High Bar von diesen beiden traditionellen Adressen eingebettet wird.

Genau. Auch hier wird übrigens alles mit viel Liebe im Detail gemacht, inklusive der Drinks. Ich bin immer mal wieder in Japan und habe dem Inhaber der Bar schon mal eine sehr scharfe Würzpaste mitgebracht, mit der er dann einen Drink erfunden hat. Man kann hier also immer in den Dialog gehen.

Du hast bereits deine eigene Arbeit angeteasert. Wie kann man sich deine Kreationen vorstellen?

Eine der schwierigsten Fragen überhaupt ... als ich angefangen habe, wollte ich einfach Schmuck machen für Leute wie mich – weil es nichts gab, was ich selbst tragen wollte. Generell versuche ich in meiner Arbeit an einer Idee zu arbeiten, an einer Essenz, und diese dann in Formen zu bringen. Außerdem probiere ich gerne unterschiedliche Materialien aus und lote Grenzen aus. Die Kreationen richten sich an moderne Menschen.

Was ist eigentlich zuerst da: das Material oder die Idee?

Mal so, mal so. Bei der Kollektion, die ich gerade vorstelle, arbeite ich zum ersten Mal mit Perlmutt. Wir arbeiten hier mit unterschiedlichen Strukturen und schauen, wie wir auf moderne Art und Weise mit diesem Material umgehen können.

Nach unserem Gespräch am Gärtnerplatz spazieren wir über die Klenzestraße zu dem Traditionsladen Schrauben-Mutter, wo Saskia Diez einmal mehr auf das Handwerk und die Expertise des Viertels verweist. Von da aus geht es durch die verschiedenen Straßen und Gassen des Viertels zum Alten Südfriedhof, der unter Denkmalschutz steht. Ein wildromantischer Garten mit Efeu und Farnen, die sich ihren Platz zurückholen, und das mitten im dynamischen Glockenbach. Wir setzen uns auf eine Bank, als das Lichtspiel der Sonne durch die noch dichten Baumkronen fällt.

Was magst du an diesem Ort?

Der Alte Südfriedhof ist ziemlich groß, manches ist schon richtig verwildert. Hier liegen viele bekannte Menschen, deren Namen man von Straßennamen kennt. Ein Ort, der Ruhe ausstrahlt und wieder ein Platz, an dem man die Jahreszeiten ablesen kann. Im Frühling findet man hier einen großen Teppich aus Krokussen. Ich gehe gerne hier spazieren, weil er so nah an meinem Atelier liegt. Ein guter Platz zum Nachdenken.

Ich glaube auch, dass man den Alten Südfriedhof an dieser Stelle gar nicht erwartet, wenn man sich als Tourist vorab mit dem Glockenbach beschäftigt. Kannst du uns anhand unserer bisher bersuchten Orte sagen, was das Viertel ausmacht?

Hier findet man viele nette Lokale, aber eben auch eine ganze Reihe von Hinterhöfen und Werkstätten. Was ich außerdem mag ist, dass es recht verkehrsberuhigt ist. Natürlich führen auch ein paar laute Straßen hindurch, aber insgesamt ist es ruhig und eignet sich fürs Erkunden zu Fuß. Ein insgesamt freundliches Viertel, in dem viel draußen stattfindet. Mit dem Neuen Arena gibt es auch ein tolles Programmkino.

Als ich früher hier gelebt habe, habe ich mich anfangs oft verlaufen. Geht dir das auch manchmal noch so?

Es geht mir nicht mehr so, aber dadurch, dass manche Straßen Bachläufen folgen, hat man manchmal das Gefühl, dass man in eine Richtung gelaufen ist, was dann aber gar nicht stimmt. Es ist furchtbar, hier mit dem Auto durchzufahren!

Wo würdest du mich heute Abend zum Essen hinschicken?

Hm... eine ganz tolle Japanerin in der Baaderstraße betreibt das Restaurant Haguruma. Man bekommt dort sehr gutes Sushi, aber das Besondere ist die japanische Hausmannskost, die sie anbietet. An solchen Gerichten kann man gut ablesen, ob es sich um eine gute, japanische Küche handelt. Relativ neu ist der Falafel- und Köfteladen Diese Gut in der Pestalozzistraße. Früher war das ein ganz kleines, vietnamesisches Lokal mit einer tollen Karte, die ständig gewechselt hat – doch in den letzten Jahren haben in der Straße mehrere vietnamesische Läden aufgemacht und dann dachte sich die Besitzerin, dass sie was anderes ausprobieren sollte. Jetzt findet man dort eine Art Crossover aus türkischer und orientalischer Küche. Das ist ein Tipp für die schnelle Küche für unterwegs.

Machen wir einen Ausflug zurück zu deiner Arbeit. Kannst du dich noch an dein allererstes Stück erinnern?

Ja, sehr gut sogar. Es waren drei Armbandformen in zwei Farben – die erste Arbeit unter meinem eigenen Namen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon eine Ausbildung zur Goldschmiedin gemacht und Industrie-Design studiert. Während der Ausbildung hatte ich aufgehört, Schmuck zu tragen. Ich hing zwar total an den Stücken, die ich angefertigt habe, aber ich hätte mir keins leisten können – und gleichzeitig war es auch kein Schmuck, der sich wie ich angefühlt hätte. Ich war so eingetaucht in der Welt der Ausbilder und brauchte erst Umwege, um meine eigene Sprache zu finden. Die drei Stücke habe ich heute noch und auch die Werkzeuge, die ich dafür gebaut und geschliffen habe.

Du arbeitest so gut es geht nachhaltig. Findest du, dass du eine gewisse Form von Verantwortung durch deinen Beruf trägst?

Ja, total. Wir produzieren lokal, um Handwerk am Leben zu halten und haben dadurch meist kurze Transportwege, manchmal zu Fuß oder mit dem Rad. Dann gehört für mich dazu, dass wir, so gut es geht, Gold und Silber aus recycelten Quellen beziehen. Es gibt auch einfache Dinge, wie beispielsweise CO2-Aufschläge beim Transport zu zahlen und statt erdölbasierten Kunststoff für die Verpackungen nutzen wir Grasplastik. Außerdem bieten wir immer öfter an, aus altem Schmuck von Kunden neue Teile zu bauen. Eine schöne Eigenschaft ist ja, dass man ihn umarbeiten kann. Das hat den Nebeneffekt, dass wenn man alten Schmuck auseinandernimmt, Steine herausholt in einer Qualität, die man kaum noch bekommt, weil sie zu teuer oder gar nicht mehr vorhanden sind. Was man aus dem Boden holt, ist ja endlich.

Wir haben dich nun den ganzen Vormittag begleitet – was steht bei dir heute noch an? Hast du überhaupt einen Alltag?

Ich habe die letzten Wochen damit verbracht, Musterkollektionen anzufertigen – für einen Showroom in London, für Agentinnen in Amerika und Japan. Für das dazugehörige Fotoshooting baue ich noch ein paar zusätzliche Teile. Wenn ich nicht unterwegs bin, habe ich schon einen gewissen Alltag, der damit beginnt, dass ich früh aufstehe und meine Kinder in die Schule schicke. (lacht)

Ein guter Mix. Danke dir für deine Zeit!

 

 

Text: Anika Landsteiner; Fotos: Frank Stolle

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