Corona Essay

Dahoam is auf einmal dahoam

Die Pandemie hat unsere Stadt hart erwischt. Und trotzdem gab es zwischen schwereren und leichteren Lockdowns für Einheimische und Gäste einiges zu entdecken, und nicht nur Schlechtes. Über München im Corona-Jahr.

In der alten Serie „Polizeiinspektion 1“ gibt es eine epochale Szene: Gustl Bayrhammer und Walter Sedlmayer – respektive die von ihnen verkörperten Beamten – treffen sich am Hofbräuhaus und lassen zur Begrüßung ihre Bäuche ein paar Mal lustig aufeinanderprallen. Das wirkt nicht nur ganz natürlich, heute denkt man dabei auch gleich: Das wäre der bessere Corona-Gruß für München als dieser knochige Ellenbogencheck! Sind beide Beteiligte im Besitz schöner Münchner Bäuche, dann ist der Mindestabstand von 1,50 beim Wampengruß auch nahezu gewahrt. Und es sieht natürlich sehr anmutig aus, wenn sich zwei Männchen in freier Wildbahn so begrüßen.

Spaß beiseite, man ist am Ende von 2020 erstmal geneigt zu sagen: München hat es im Corona-Jahr vergleichsweise hart erwischt. Nicht nur wegen der konstant hohen Inzidenzwerte. Oder weil uns die zwei Wochen schönstes Dauerschunkeln im Himmel der Bayern und alle anderen traditionsreichen Gelegenheiten für Zungenküsse verboten wurden. Auch weil einfach das Beieinander hocken beziehungsweise „Zsammruckn“ schon sehr in der hiesigen Mentalität verankert ist. Volle Bars, ausreservierte Restaurants, hohes Verkehrsaufkommen auf der Stammstrecke – täglicher Körperkontakt und Menschauflauf gehören in München irgendwie zum Lebensgefühl.

Selbst als die Biergärten im Sommer offen waren, war es da irgendwie nicht das Richtige. Es muss schließlich ein großes Brummen über einem Biergarten liegen, die Bänke müssen sich biegen und an der Schänke muss dicht an dicht gedrängelt werden, nur dann ist es original gemütlich. Denn man darf nicht vergessen: Die Einheimischen sind zwar gerne grantig, das aber am liebsten in Gesellschaft. Die norddeutsche Grunddistanz zu allem ist ihnen jedenfalls fremd und das ist schon gut so.

München hat es im Corona-Jahr vergleichsweise hart erwischt. Nicht nur wegen der konstant hohen Inzidenzwerte. Oder weil uns die zwei Wochen schönstes Dauerschunkeln im Himmel der Bayern und alle anderen traditionsreichen Gelegenheiten für Zungenküsse verboten wurden.

Freilich, ein paar Vorteile gab es in der ganzen Misere trotzdem. Zum Beispiel konnte man sich davon überzeugen, dass der hohe Freizeitwert, von dem hier in den Wohnungsanzeigen immer zu lesen ist, tatsächlich existiert. Weil der Urlaub gestrichen war und sogar der angemietete Abenteuerspielplatz (Österreich) manchmal nicht zu erreichen, war man ja sehr oft notgedrungen vor der Haustür unterwegs. Und ziemlich dankbar, dass sich landschaftliche Schönheit und gelungene Baudenkmäler dort so ballen. Nicht mal besonders weit radeln musste man dafür.

Am Olympiaberg zum Beispiel gibt’s nicht nur Gipfel und Bergsicht, sondern auch eine Alm. Der Englische Garten könnte in seiner ganzen Länge tagelang erwandert werden und der Nymphenburger Kanal plus Park und Botanischer Garten ersetzten vielen die Italienreise. Wem das nicht reichte, der konnte sich das alte „Münchner Hausberge“-Buch von Walter Pause einpacken und feststellen, dass es doch ein verflixtes Glück war, die Pandemie in dieser abwechslungsreichen Moränenlandschaft zwischen Berg und Barockkirche aussitzen zu dürfen.

Auch im Stadtleben hat das Virus nicht nur Unheil angerichtet. Oder anders gesagt: Die Stadt hat ein Talent zur Improvisation gezeigt, das man ihr gar nicht unbedingt zugetraut hätte. Bis dato unscheinbare Wirtshäuser und Trattorien expandierten kilometerlang Tische und Stühle auf die Gehwege und den Straßenrand. Aus gesichtslosen Wohnstraßen wurden damit fast über Nacht freundlich belebte Gebiete mit leicht südlichem Flair. Auf einmal war man dem Gerücht von der nördlichsten Stadt Italiens ein gutes Stück nähergekommen. Man saß zwar mit Abstand, aber dafür schön sittenwidrig auf der Straße und wunderte sich nur ein bisschen, dass diese Gastro-Lockerheit auf einmal möglich war.

Selbst distinguierte Restaurants öffneten ein Fensterchen zum Mitnehmen; und statt vor einem Club oder Konzert, standen die Münchner*innen eben in der Nakamura-Schlange und warteten auf ihr japanisches Streetfood. Die grundsätzliche Geneigtheit der Einheimischen, auch bei einstelligen Temperaturen vergnügt al fresco zu essen, war dafür absolut hilfreich. Jedenfalls hatte man durch das Meiden von Innenräumen das Gefühl, dass der Münchner Sommer diesmal bis Mitte November dauerte. Das könnte man eigentlich ruhig immer so machen.

Aus gesichtslosen Wohnstraßen wurden damit fast über Nacht freundlich belebte Gebiete mit leicht südlichem Flair. Auf einmal war man dem Gerücht von der nördlichsten Stadt Italiens ein gutes Stück nähergekommen.

Aber auch ohne Wirtshaus gab es neue Plätze draußen zu entdecken – bis dato vernachlässigte kleine Parks und zweitklassige Grünanlagen erfreuten sich ungekannter Beliebtheit, manches sah man mit ganz neuen Augen und fragte sich: Gab es diesen Kaiser-Ludwig-Platz schon früher? War der Giesinger Rosengarten schon immer so idyllisch? Eine Nebenwirkung der Virusangst war jedenfalls eine gesteigerte Aufmerksamkeit für neue Zerstreuung in der alten Stadt.

Wer an den letzten Sonntagen die Völkerwanderung am Isarufer beobachtet hat, wo sich in gesittetem Abstand Tausende zu Spaziergemeinschaften gefunden hatten, statt mit dem Auto bei Kufstein im Ski-Stau zu stehen, musste zugeben, dass die blöde Seuche auch ein bisschen Gemeinschaftsgefühl in die Stadt zurückgebracht hatte.

Egal ob Schicki oder 60er-Fan, ob Hasenbergl oder Harlaching, alle hängen irgendwie gemeinsam in diesem Schlamassel fest, alle wollen irgendwie das Beste daraus machen. Alle haben jetzt Leben dahoam! Gerade für eine Stadt, die ziemlich an internationale Exzellenz und Gewinnen gewöhnt ist, sei es nun beim Fußball oder in Lebensqualität-Rankings, ist dieses Zurückfahren und diese Zwangsruhe, die Konzentration auf regionale Spezialitäten und heimische Qualitäten, zumindest eine interessante Erfahrung. Und vielleicht eine Erinnerung daran, dass man sich auch in späteren Sommern nicht krampfhaft in jeder freien Stunde aus München rausflüchten muss.

 

 

Text: Nansen & Piccard; Fotos: Frank Stolle

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