Kolumne: Sommer in der Stadt

In den Sonnenuntergang fliegen und über der Isar schweben

Unsere Autorin konnte in den letzten Jahren als Reisebloggerin ihren Entdeckerdrang ausleben, zurück in München war immer Entspannung angesagt. Was sie dabei verpasst hat, holt sie in ihrer Kolumne nach. Eigentlich. Denn durch die Coronakrise wurde alles anders. Dafür besucht unsere Autorin das Veranstaltungsangebot „Sommer in der Stadt”. Was das mit dem Luna Park in New York zu tun hat, erzählt sie in dieser Folge.

Letztes Jahr war ich für eine Recherche in New York. Ein Satz, den ich schon immer einmal hatte sagen wollen, vor allem, als ich noch als Reisebloggerin gearbeitet habe. Als ich mich vergangenen Oktober durch die Straßen der Stadt schob, besuchte ich auch Coney Island: ein Viertel im Süden Brooklyns, das genau dort endet, wo das Meer beginnt. Entlang der Strandpromenade befindet sich der Luna Park, ein nostalgisch anmutender Vergnügungspark. Ein richtiger Rummel. Und Rummel war schon immer gut: Das Knistern von Zuckerwatte im Mund, das Kreischen von Menschen in der Achterbahn in den Ohren, der süßlich-verbrannte Duft von Mandeln in der Nase – das sind vor allem meine Kindheitserinnerungen an Volksfeste. Heute vermischen sich diese mit dem frischen Geschmack eines kühlen Bieres auf der Zunge und den vielen Sonnenuntergangsbildern, die beim Fahren mit dem Riesenrad vor meinem inneren Auge entstehen.

Genau so eins steht nun am Königsplatz, nur einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt, mitten in der Stadt. Was der in Coney Island ansässige Luna Park damit zu tun hat? Jetzt, auch Wochen nach dem Ausbruch des Corona-Virus ist in New York an Tourismus kaum zu denken, und auch der Luna Park ist nach wie vor geschlossen. Ähnlich sah es in München im März und April aus, doch binnen weniger Wochen stellte die Stadt nun aufgrund der abgesagten Märkte und des Oktoberfests eine wundervolle Aktion auf die Beine: den „Sommer in der Stadt“. Und hier schließt sich der Kreis zum Überthema dieser Kolumne, dem Urlaub vor der Haustür. Denn diesen kann man sich auch vor dem Hintergrund, dass plötzlich alles anders ist, richtig schön machen. Und das geht so:

Als ich das Kettenkarussell sehe, quieke ich kurz, kaufe ein Ticket und fliege los. So ist das nämlich mit Volksfesten: Es braucht nicht viel, um sich wieder wie sechzehn zu fühlen und alles außerhalb dieses Platzes zu vergessen.

An einem warmen Sommertag fahre ich mit dem Rad entlang der Isar zum Mariahilfplatz in Giesing. Dort bin ich mit unserem Fotografen Frank verabredet, wir wollen uns ein Bild machen vom Angebot vor Ort. An einem Montagnachmittag wie heute muss man sich nirgendwo anstellen und jeder hat genügend Platz für sich, sei es bei den bayerischen Schmankerln, den dult-typischen Verkaufsständen oder beim Kettenkarussell. Als ich das sehe, quieke ich kurz, kaufe ein Ticket und fliege los. So ist das nämlich mit Volksfesten: Es braucht nicht viel, um sich wieder wie sechzehn zu fühlen und alles außerhalb dieses Platzes zu vergessen. Als ich leicht torkelnd aus dem Karussell steige, muss ich mich erstmal auf eine der Bierbänke setzen. Doch nicht mehr ganz sechzehn, denke ich mir. Mein Blick fällt auf den Stand der Fischer Vroni und ich erinnere mich an einen richtig guten, weil feucht-fröhlichen Abend in dem dazugehörigen Festzelt auf der Wiesn. Ich mag das Oktoberfest schon immer, auch wenn ich kein Stammgast bin und in manchen Jahren nur ein oder zweimal vorbeigeschaut habe. Trotzdem stimmt mich der Gedanke, dass es dieses Jahr ausfällt, etwas melancholisch.

Frank holt mich zurück in die Gegenwart, er möchte Schokofrüchte essen und ich glaube, wir sind trotz Wiesn-Erinnerung zurück in unserer glücklichen Volksfeststimmung. Also zieht es uns erst zu den Schokofrüchten und dann zum Schießstand. Frank will eine Runde spendieren und ich sage ihm, dass ich noch nie ein Gewehr gehalten habe. Schneller, als ich skeptisch die Augenbrauen hochziehen kann, schiebt er Kleingeld für fünf Schüsse über die Theke. Ich brauche etwas Zeit, um mich an das Gewehr zu gewöhnen, zu verstehen, wo ich hinschauen muss, wenn ich treffen möchte. Vier Schuss gehen trotzdem daneben. Da kitzelt es Frank in den Fingern und er möchte auch mal. Natürlich trifft er. Wir gehen – ich etwas beleidigt, in der Hand seine gewonnene Plastikblume, er amüsiert – zu unseren Rädern. Auf zum Königsplatz.

An der Ludwigsbrücke fahren wir Richtung Norden entlang der Isar. Auf dem Weg zum Königsplatz, unserer zweiten Anlaufstelle, kommen wir an einem Brückenkopf aus Holz vorbei. Wir steigen ab und schauen uns das Kunstwerk näher an: „Bridge Sprout” ragt ein Stück weit über den Fluss, es gehört zur Kunst im öffentlichen Raum, die im Rahmen des Sommers in der Stadt zu entdecken ist. Man kann die angedeutete Holzbrücke begehen und durch die Aussichtsplattform bietet sich ein ganz neuer Blick über das Naturschutzgebiet der Schwindinsel. Ich lese online, dass man die temporäre Installation als Verbeugung vor der Natur verstehen – eine Holzkonstruktion in Anlehnung an traditionelle Brücken in den Alpen, die es möglich macht, einige Meter über der Isar zu stehen. Wie passend, sage ich, denn die Sehnsucht nach Natur spüren gerade viele Menschen. Glücklicherweise kann man sie in einer Stadt wie München ganz nahe zu sich heranholen. 

Es zieht uns erst zu den Schokofrüchten und dann zum Schießstand. Frank will eine Runde spendieren und ich sage ihm, dass ich noch nie ein Gewehr gehalten habe. Schneller, als ich skeptisch die Augenbrauen hochziehen kann, schiebt er Kleingeld für fünf Schüsse über die Theke.

Wir schwingen uns wieder auf die Räder und fahren auf Höhe des Friedensengels stadteinwärts Richtung Maxvorstadt. Als ich das Riesenrad schon vom Karolinenplatz aus sehe, muss ich lächeln und ertappe mich bei dem Wunschdenken, dass es da doch immer stehen könnte – denn um ehrlich zu sein fügt es sich so passend ins Stadtbild ein, dass es den Eindruck macht, schon immer hier zu stehen: umrahmt von der Glyptothek und der Staatlichen Antikensammlung, gehalten von den beeindruckenden Propyläen.
Wir schieben unsere Räder vorbei am Biergarten, wo an diesem frühen Abend schon die ersten Leute sitzen und ein Helles trinken. Der Geruch von Bratwurst liegt in der Luft, dann vermischt er sich mit dem süßer Crêpes. Wir steuern das Riesenrad an, als die Sonne hinter einer Wolke hervorbricht. Schnell nehmen wir Platz in einem Waggon und lassen uns fallen, während wir aufsteigen und einen sagenhaften Blick über die Stadt bekommen, wie ich ihn so noch gar nicht kenne – aus dieser Perspektive, im Herzen der Maxvorstadt.

„Das nächste Mal dann bitte unter Palmen”, sage ich zu Frank und wir machen aus, dass wir uns nochmal treffen, und zwar auf der Theresienwiese, wo wir erst Trampolin springen und dann unter Palmen mitgebrachte Snacks essen können. Glücklicherweise begleitet uns diese Jahreszeit nämlich noch ein paar Wochen, denn wie alle Münchner wissen: Zur Wiesn, die normalerweise Ende September beginnt, dreht der Spätsommer meist so richtig auf – ein indian summer, wie er im Buche steht, legt sich dann über München.

An diesen Tagen springe ich tagsüber im Umland in einen klaren See, am frühen Abend dann locken die verschiedenen Angebote des Sommers in der Stadt: Seien es die Märkte oder die Sommerbühne im Olympiapark mit Konzerten und familiengerechten Angeboten, die Kulturbühne im Werksviertel oder die Vorstellungen im Innenhof des Gasteig. Und manchmal, an einem lauen Sommerabend, da reicht eben auch einfach eine Fahrt im Kettenkarussell, hinein in eine untergehende Sonne: Beim Fliegen über die eigene Stadt denke ich dann etwas wehmütig an den Luna Park in New York, aber auch an die nächste Reise, das Oktoberfest 2021 oder einen bevorstehenden Ausflug ins wunderschöne Münchner Umland. Und, natürlich, an den Sommer in der Stadt.

 

Weitere Informationen:

muenchen.de/sommer

Stadtplan: Sommer in der Stadt (PDF)

 

Online-Umfrage:

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Text: Anika Landsteiner; Fotos: Frank Stolle

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