Eine Kolumne

Urlaub in der eigenen Stadt

Unsere Autorin konnte in den letzten Jahren als Reisebloggerin ihren Entdeckerdrang ausleben, zurück in München war immer Entspannung angesagt. Was sie dabei verpasst hat, holt sie in dieser Kolumne nach – und macht deshalb regelmäßig Urlaub in der eigenen Stadt. In der ersten Folge übernachtet sie im Hotel, entdeckt ein Viertel, das gerade erst entsteht und schlemmt sich durch die regionale Küche.

Als Reisebloggerin durfte ich jahrelang Europa und die Welt entdecken. Das waren aufregende Reisen. Bei meiner Rückkehr nach München kam mir selten in den Sinn, hier etwas Neues entdecken zu wollen, denn genau dieser Drang war ja gerade erst in Prag, San Francisco oder Helsinki gestillt worden. Und so wurde München, zumindest für mich, die perfekte Stadt, um heimzukommen. Dass ich ihr damit nicht gerecht wurde, war mir schon immer klar gewesen, schließlich lebe ich seit mittlerweile zwölf Jahren hier und das hat wenig mit reiner Bequemlichkeit zu tun.

Jetzt, da die Reiseblogger-Zeiten vorbei sind, habe ich endlich die Muse, meine Wahlheimat auf Herz und Nieren zu überprüfen. Ab und an die Tourismusbrille aufzusetzen und der Frage nachzugehen: Warum ist diese Stadt auf der ganzen Welt so beliebt, dass ich auf meinen Reisen jedes Mal Menschen getroffen habe, die sich zwischen all den glamourösen, spannenden und verrückten Metropolen Europas auch immer wieder für München entschieden?

Mit meinem Plan, Urlaub in der eigenen Stadt zu machen, gehe ich genau so vor, wie ich einen Kurztrip in andere europäische Städte planen würde. Für den Einstieg soll es ein Ort werden, an dem viel passiert und junge Menschen anzutreffen sind. Da fällt mir sofort ein Viertel ein, das gerade erst entsteht.

Samstag: Eine neue Welt hinter dem Ostbahnhof

Auf dem alten Gelände der Firma Pfanni befindet sich heute das Werksviertel mit einer kleinen Pop-up Stadt, die als Zwischennutzung darauf ausgelegt ist, von Künstlern und Kreativen genutzt zu werden. Im „Container Collective“ weisen alte Schiffscontainer auf das Konzept von Nachhaltigkeit hin.

„Im Werksviertel herrscht Umbruchstimmung. Auf der einst industriell genutzten Fläche wird es neben Künstlerateliers auch Wohnungen, Sport- und Freizeitnutzungen sowie Hotels und andere Übernachtungskonzepte geben, um das widerzuspiegeln, was das gesamte Gelände ausmacht: Menschen sollen sich austauschen können.“

Mein Blick bleibt an den vielen jungen Menschen hängen, die in der Sonne sitzen, sich austauschen oder die Köpfe über ihren Macbooks zusammenstecken. Ich kann ihnen beim Kreativsein förmlich zusehen. Und das ist nur mein anfänglicher Eindruck.

Bei der zweistündigen Führung über das Gelände lerne ich, wie wichtig die Symbiose von Alt und Neu hier ist: Im WERK3 wurden früher die Kartoffeln zu Knödel verarbeitet, heute erinnert der Industriecharme vergangener Zeiten daran und wird gleichzeitig mit einer neuen und modernen Architektur verbunden. Auf 22.000 Quadratmetern entstehen Flächen für Büros, Kunst, Handel und Eintertainment. Das wirklich Besondere an diesem Gebäude ist jedoch das Dach, auf dem eine kleine Schafherde inmitten einer angelegten Blumenwiese weidet.

Im Werksviertel herrscht Umbruchstimmung. Auf der einst industriell genutzten Fläche wird es neben Künstlerateliers auch Wohnungen, Sport- und Freizeitnutzungen sowie Hotels und andere Übernachtungskonzepte geben, um das widerzuspiegeln, was das gesamte Gelände ausmacht: Menschen sollen sich austauschen können.

Ich kann nur staunen, als ich bei Sonnenuntergang Richtung U-Bahn gehe. Hinter dem Ostbahnhof entsteht eine neue Welt, die München auf ganz vielfältige und neu gedachte Weise erweitert. Und zwar in eine Himmelsrichtung, die ich zukünftig öfter einschlagen werde.

www.werksviertel.de

Vinyl und Design direkt am Gasteig

Ein Muss für mein Experiment ist natürlich, ein Hotel zu buchen, anstatt im heimischen Bett zu liegen. Sonst würde die Urlaubsstimmung wohl gar nicht aufkommen. Also tausche ich mein Heim gegen ein schickes Hotelzimmer, knapp fünf Kilometer von meiner Wohnung entfernt.

In der schmalen Stubenvollstraße direkt hinter dem Gasteig gibt es seit Januar 2019 ein neues Hotel, das JAMS Music & Design Hotel. Wie der Name schon sagt, verbindet sich hier die Liebe zum Sound mit der zur Ästhetik, kurzum: Im edlen Foyer gibt es eine große (und gute!) Auswahl an Vinyl für die Plattenspieler auf jedem Zimmer. Ich klemme drei Alben unter den Arm, schließe die Tür zu meinem Zimmer auf und lasse mich auf das riesige Bett fallen. Hier könnte ich öfter schlafen als nur eine Nacht, denke ich dann. Für den Fall, dass das nicht geht, werfe ich vorsorglich einen Blick auf das Matratzenlabel.

Früher hatte ich bei beruflichen Städtetrips eine tickende Uhr im Hinterkopf. Meist lief ich extrem viel, um ein Gespür für die einzelnen Stadtviertel zu bekommen. Doch bei diesem besonderen Kurzurlaub will ich bewusst einen Gang herunterschalten. Also lasse ich mich durch Ella Fitzgeralds „Summertime“ durch den warmen Tag tragen, bevor ich am frühen Abend ein letztes Mal für heute losziehe, um dem Tipp eines Freundes zu folgen.

www.jams-hotel.com

Wie ein Klohäuschen zur Bar wurde

Das Crönlein. Ein ehemaliges Klohäuschen aus Stein, das am Nockherberg liegt. Es ist komplett entkernt, im kleinen Innenraum dominiert eine schöne Theke aus Holz und Beton, dahinter steht Besitzer Florian, der mir auf Empfehlung an diesem Abend einen eiskalten Weißwein einschenkt. Ich gehe ein paar Stufen hinauf zur Terrasse und setze mich unter die schattigen Bäume, als das letzte Licht des Tages hindurchblinzelt.

Spätestens jetzt, wo ich hier sitze und den Gesprächen anderer lausche, an einem für mich ganz neuen Ort, fühle ich mich angekommen in meinem Urlaub. Und nicht nur in der eigenen Stadt, sondern in einem Urlaub ganz für mich alleine.

www.facebook.com/cafecroenlein

 

Sonntag: Wo bin ich?

Als ich am nächsten Morgen die Augen öffne, brauche ich einen Moment, um zu begreifen, wo ich bin. Nicht zuhause, sondern im Hotel. Dennoch nicht woanders, sondern genau hier, in meiner Stadt.

Für mich gibt es keine schönere Uhrzeit als den Morgen, gerade auch auf Reisen. Wenn sich der ganze Tag zwischen einer Tasse Kaffee, einem frisch gepressten Orangensaft und einem leckeren Omelette entfaltet: Reisepläne und Wetterbericht checken, Sehenswürdigkeiten auf der Karte pinnen, Zeit zum Treibenlassen einplanen ... zuerst gibt es aber eine Portion French Toast mit Bananen, Nüssen und salzigem Karamell – eine Bestellung, die ich angesichts der stylishen Atmosphäre des Hotels nur als logisch empfinde.

Einmal Münchenwissen zum Mitnehmen

Als Highlight für den Tag suche ich mir etwas ganz Besonderes heraus. Spannend an Metropolen finde ich nämlich ihre Gegensätze und inwiefern die Stadt an ihnen wächst. Was war, was ist, was bleiben wird – das zeigt, wie eine Stadt tickt. Deshalb fällt meine Wahl auf eine zweite Stadttour, die meiner Einschätzung nach die Tour vom Vortag gut ergänzen wird.

„Es gibt nur noch fünf Fahrer in München, die diese alte Tram fahren können“, sagt Gästeführer Rudi Muschler. „Und der Willi ist einer davon.“ Die historische MünchenTram rattert am Wiener Platz vorbei, dem Gasteig und Deutschen Museum, das es bereits seit 1926 gibt. Und ich, ich klebe am Fenster. Nicht, weil mir das, was ich sehe, neu ist, sondern, weil ich es an diesem Tag mit anderen Augen sehe. Und durch die Zusatzinformationen von Rudi Muschler das Gefühl bekomme, München ein zweites Mal kennenzulernen.

„Der Kaffee schmeckte fruchtig, gleichzeitig breitete sich ein samtiges Gefühl in meinem Mund aus. Ein geschmackliches Mini-Feuerwerk und sicherlich einer meiner absoluten Favoriten im Münchner Rösterei-Kosmos.“

So erfahre ich zum Beispiel, dass die Thierschstraße, durch die ich oft mit dem Fahrrad düse, nach dem Architekten Friedrich von Thiersch benannt ist, der unter anderem den Justizpalast am Stachus entworfen hat. Dass in der St. Lukas-Kirche A-cappella-Konzerte stattfinden, was ich in Gedanken für den nächsten Besuch meiner Eltern notiere. Und dass das berühmte „O’zapft is“ vom ehemaligen Oberbürgermeister Thomas Wimmer stammt, der im Jahr 1950 ganze 19 Schläge benötigte, um das Bierfass zum Anstich des Oktoberfests anzuzapfen, weshalb er voller Erleichterung die heute so bekannten Worte ausrief.

Als ich nach einer Stunde aus der historischen Tram aussteige, habe ich tatsächlich das Gefühl, die Stadt ein stückweit besser zu kennen.

 

Kaffee, Kaffee, Kaffee

Zurück zu meiner Routine auf Städtetrips, nächster Tagesordnungspunkt: schöne Cafés finden. Ich bevorzuge Cafés, die einer lokalen Rösterei angeschlossen sind. Da fällt mir die Rösterei VogelMaier ein, die ich bereits seit Monaten einmal besuchen wollte.

Zehn Minuten Fußweg später nehme ich einen Schluck von meinem Flat White (doppelter Espresso mit Milch aufgegossen) und weiß, dass ich die richtige Wahl für diesen Zwischenstopp getroffen habe. Der Kaffee schmecke fruchtig, gleichzeitig breitet sich ein samtiges Gefühl in meinem Mund aus. Ein geschmackliches Mini-Feuerwerk und sicherlich einer meiner absoluten Favoriten im Münchner Rösterei-Kosmos.

Bevor ich gehe, lasse ich mich noch zu den verschiedenen Verkaufssorten beraten und greife zum Brasilien Dolce Cerrado als Souvenir. Kulinarische Erinnerungen sind mir nämlich die liebsten, wenn ich nach einem Urlaub zurück nach Hause komme.

www.kaffeeroesterei-vogelmaier.de

 

Lecker hoch drei

Apropos Kulinarik: Zu einem gelungenen Abschluss des Urlaubs gehört natürlich mindestens ein richtig toller Restaurantbesuch.

Das resihuber ist ein Restaurant und Café, das zu der Münchner Biomarkt-Kette Vollcorner gehört. Angesprochen hat mich nicht nur der Ansatz, ausschließlich bio und weitestgehend regional zu kochen, sondern auch, weil das Restaurant am gleichnamigen Platz in Sendling liegt, ein Stadtteil, den ich selten besuche.

Meine Erwartungen waren hoch. Ich setze mich an eins der großen Rundbogenfenster und bestelle als Vorspeise Spargel mit Erdbeeren und Burrata, als Hauptgericht frische Gnocchi und als Nachspeise einen Schoko-Lavakuchen mit Himbeerespuma und Vanilleeis. Es ist fantastisch. Auch die Weinbegleitung.

Ein Ort, an den ich auf jeden Fall zurückkehre, sowohl für besondere Abende, als auch einfach, um mich mal wieder selbst verwöhnen zu lassen. Vielleicht beim nächsten Urlaub in München.

www.resihuber.bio

 

Anika Landsteiner wohnt seit zwölf Jahren in München. In den letzten Jahren hat sie als Reisebloggerin ihren Entdeckerdrang ausleben können, zurück in München war immer Entspannung angesagt. Was sie dabei verpasst hat, holt sie in dieser Kolumne nach – und macht deshalb regelmäßig Urlaub in der eigenen Stadt.

 

 

Text: Anika Landsteiner; Fotos: Frank Stolle

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