Schelling-Salon

Billard, Prominenz und viel Geschichte

Er ist ein Stück Münchner Geschichte und zieht die Menschen bis heute in seinen Bann. Lenin, Brecht und der junge Franz Josef Strauß gehörten schon zu den Stammgästen im Schelling-Salon. Und wer die tragende Historie nicht braucht, kommt zum Spielen …

Schafkopf hat in Bayern Tradition. Wer etwas auf sich hält, beherrscht das Kartenspiel und weiß, was es mit dem „Oidn“, der „Blauen“ oder den „Spatzen“ auf sich hat. Umso verwunderlicher ist es, dass man in vielen Münchner Kneipen gar nicht schafkopfen darf. Zu wenig Umsatz, befürchtet vielleicht der Wirt, der lieber weniger Karten und dafür mehr Essen und Getränke auf den Tischen sehen will.

Im Schelling-Salon in der Maxvorstadt ist das anders. Hier darf jeder ausgiebig schafkopfen – gegen ein gewisses Entgelt, aber immerhin! Und nicht nur das: Die Gäste kommen gerne und zu Hauf, weil sie beieinandersitzen wollen und darüber hinaus noch ein bisschen mehr können. Viele kommen zum Billard- oder gar Tischtennis spielen. Oder wie wär’s mit einer Runde Kicker?

Der Schelling-Salon ist keine gewöhnliche Kneipe und gehört zu München wie kaum ein anderer Laden. Immerhin existiert er bereits seit 1872. Die Familie Mehr betreibt ihn inzwischen in vierter Generation. Und tatsächlich: Wer die Tür im Erdgeschoss des bunt verzierten Eck-Türmchens in der Schellingstraße 54 betritt, spürt ab der ersten Sekunde, was die Gaststätte im vergangenen Jahrhundert alles erlebt hat. Allerhand Schnickschnack hängt da an der Wand. Bilder, Krüge und Urkunden sorgen für ein besonderes Flair in der Gaststube.

Gut besucht war der Schelling-Hof, wie er zunächst hieß, schon immer. Dabei waren es anfangs vor allem Trauergäste, die kamen. Denn nicht weit entfernt lag der Nördliche Friedhof an der Arcisstraße. Fast jede Beerdigung in der Gegend startete oder endete folglich im Schelling-Hof. 1877 entschied die Stadt, das neue Nahverkehrsnetz der Pferdetrambahnen vom Stachus in den Norden bis in die Maxvorstadt auszudehnen. Gut für das Lokal in der Schellingstraße, denn: Die Endhaltestelle der neuen Linie lag von da an gleich nebenan.

Im Jahr 1911 wurde dann aus dem Schelling-Hof der Schelling-Salon, die Wirtsleute Mehr richteten das Lokal im Stile eines Wiener Kaffeehauses ein. Die Münchner Gesellschaft wusste das zu schätzen. Der Schelling-Salon wurde zum Treffpunkt der intellektuellen Elite: Lenin war mal da, der spätere erste Bundespräsident Theodor Heuss ebenso wie Wassily Kandinsky und Bertolt Brecht. Adolf Hitler soll Hausverbot bekommen haben, weil er seine Zeche nicht zahlen wollte. Und Franz Josef Strauß – in der Maxvorstadt aufgewachsen – kam bereits als Kind, um für seinen Vater Bier zu holen.

Die Liste der Prominenz ist lang. Viel besonderer aber ist, dass der Schelling-Salon von jeher ein buntes und gemischtes Publikum angezogen hat: Da sitzt der Schauspieler schon mal neben dem Bayern in Tracht, der Student genießt Bier und Schweinebraten mit seinem Professor, und der Straßenkehrer sinniert über die Welt.

 

 

Fotos: Frank Stolle

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