Borstei

Ein Viertel für sich

Die Borstei ist ein denkmalgeschütztes Wohnviertel im Westen von München. Entstanden in den 1920er-Jahren, war es früher eine Siedlung für das wohlhabendere Bürgertum. Bis heute hat es sich mit seinen Läden, Dienstleistern und verwinkelten Höfen ein bisschen Dorfcharakter bewahrt.

Die Borstei liegt fernab der bekannten Touristenpfade und trotzdem lohnt es sich, dem Viertel im Westen von München einen Besuch abzustatten, denn es ist einmalig in der Stadt – und teilweise sogar deutschlandweit. Denn Architekt und Bauunternehmer Bernhard Borst, der die Wohnsiedlung zwischen 1924 und 1929 an der Dachauer Straße bauen ließ, konzipierte damals auch Deutschlands erstes zentrales Heizungssystem. Die Wohnungen hatten deshalb nicht nur eine komfortable Zentralheizung, sondern auch fließendes Warmwasser und sogar beheizte Garagen.

Die Vision des Architekten damals: Die Hausfrauen entlasten und mehr Zeit schenken zum gemeinsamen Verweilen im Viertel. So sorgte Borst außerdem für einen Einkaufsservice, einen Staubsauger- und Dienstbotenverleih, Entstaubungsräume zum Teppichklopfen, eine Großwäscherei, bei der die Mieter ihre Wäsche innerhalb von einem Tag sauber zurück bekamen, sowie eine Großküche, bei der ganze Mahlzeiten bestellt werden konnten.

Früher: ein innovatives Viertel für den wohlhabenden Mittelstand

Bernhard Borst kaufte das knapp 90.000 qm große Grundstück für 18 Millionen Reichsmark. Nachdem die Ausschreibung für einen passenden Architekten zwar gute Ideen einbrachte, aber keinen Gewinner, plante Borst seine Siedlung kurzerhand selbst. Er wollte „das Schöne des Einfamilienhauses mit dem Praktischen einer Etagenwohnung verbinden“ – so wurden 70 Mehrfamilienhäuser mit über 770 Wohnungen gebaut. Der Name entstand dank eines weiteren Wettbewerbs, bei dem über 2500 Namensvorschläge eingereicht wurden – darunter auch „Borstei“.

Es verwundert nicht, dass auch Vorschläge wie „Paradies“ eingingen, denn damals war die Siedlung mit all ihren Innovationen und dem Luxus für ihre Bewohner genau das. Die Zwei- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen waren standardmäßig mit Parkett, Bidet und Telefon ausgestattet – dementsprechend zog in die teils prachtvoll verzierten Häuser eher das höhere Bürgertum ein.

Doch Architekt Borst ließ auch befreundete Künstler Ateliers und Wohnungen in der Siedlung beziehen. Die Kunst war ihm wichtig – das lässt sich heute noch an den verschiedenen Skulpturen und Statuen sowie den Fresken an den Gebäuden ausmachen. Ebenso legte der Bauunternehmer Wert auf die Natur, die in der Borstei großzügig eingebunden ist: ein Teich, mehrere Brunnen und viel Grün – nur 20 Prozent der Fläche sind bebaut. Borst setzte hier seine neue Idee um, die Wohnungen um die Gärten herum zu bauen. Die Idee dazu kam ihm im Garten von Schloss Schleißheim. Auch die Pflanzenauswahl mutet beinahe herrschaftlich an: So wachsen in der Borstei auch botanische Exoten wie der Japanische Schnurbaum. 

Beim Bau wurden ausschließlich wertige Materialien verwendet, die Gesundheit der Bewohner stand im Fokus: Das Grundwerk legte Borst mit seiner eigenen Ziegelei bei Freising und dem Sägewerk in Thalkirchen. Hinzu kamen Eichenholz aus Slowenien, Marmor aus Ruhpolding, Treuchtlingen und Solnhofen sowie Kalkstein aus Kehlheim. Der Gründer selbst lebte in der Borstei und organisierte zudem Konzerte – beispielsweise mit dem Münchner Kammerorchester–, Sommerfeste und Faschingspartys für Kinder. 

 

Heute: Das Dorf in der Stadt mit eigener Infrastruktur

Viele dieser Feste sind bis heute erhalten, ebenso wie der Grundgedanke, dass sich die Bewohner der Borstei in der Siedlung begegnen können. Sobald man das Viertel betritt, hat man das Gefühl in einer kleinen eigenen Welt, gar einem Dorf zu sein. Die Altbau-Häuser und Höfe sind durch Durchfahrten miteinander verbunden, repariert wird auch heute nur nach den Maßstäben von damals.

Und auch die eigene Infrastruktur hat sich gehalten: eine Post, zwei Kindergärten, Arztpraxen und ein Café. Die Bewohner der Borstei haben Anwälte, Fotografen, Versicherungen, Architekten und Läden direkt vor der Haustüre. Heute sind das ein Feinkostgeschäft, eine Metzgerei, eine Apotheke, die Goldschmiede Mann, die Bäckerei Ziegler, ein Schuster, eine Nähstube, der Friseursalon Astrid Deveney, das Trachtengeschäft „Lederhosenwahnsinn“, sowie Fußpflege und Kosmetik, eine Pils- und Cocktailbar und das Café Borstei.

Die Borstei hat mittlerweile sogar ein eigenes Museum, das 2006 eröffnet wurde und sowohl das Konzept und die Geschichte zeigt, sowie über den Architekten und das Leben in der Siedlung informiert. Außerdem ist es das kleinste Museum Münchens! Heute erreicht man die Borstei gemütlich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln: Die Tram 20 und 21 fahren bis zur Haltestelle "Borstei", von der U-Bahnstation Westfriedhof geht man ein paar Minuten zu Fuß.

 

 

Text: Anja Schauberger; Fotos: Frank Stolle

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