Wer in die Glyptothek kommt, bewundert die Meisterschaft der griechischen und römischen Künstler.

Alexandra Horn im Interview

Personal Trainerin in der Glyptothek

Die Glyptothek ist das einzige Museum weltweit, das allein der antiken Skulptur gewidmet ist. Wer hierherkommt, bewundert die Meisterschaft der griechischen und römischen Künstler. Aber, mal ehrlich, auch ganz einfach die antiken Superkörper mit ihren Waschbrettbäuchen und Bizeps, nun: „wie“ in Stein gemeißelt. Sahen die Griechinnen wirklich so aus? Wie haben die Römer nur trainiert? Und was können wir heute davon lernen? Die Münchner Personal Trainerin Alexandra Horn findet Antworten – beim gemeinsamen Ortsbesuch am Königsplatz.

Sind Sie eigentlich schon einmal mit einer Kundin oder einem Kunden in die Glyptothek gegangen?

Nein. Ich mag die Glyptothek sehr und war privat schon oft hier, beruflich aber noch nie.

Motivation für das Training fände man hier vermutlich schon.

Das könnte tatsächlich sein. Die Körper sind ja beeindruckender als auf Instagram.

Was aber auch irgendwie einschüchternd wirken kann.

Es steht gleich hier auf der Erklärtafel am Eingang, dass es den Griechen nicht um eine naturalistische, sondern um eine idealisierende Darstellung ging. Immer gibt es einen religiösen Bezug, oft werden Götter dargestellt, also jedenfalls nicht  gerade die Durchschnittsgriechen. Vielleicht haben die Griechen ja besser als wir heute den Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit verstanden. Vielen Leuten würde die Erkenntnis helfen, dass ihre Instagram-Idole einen eigentlich unrealistischen Körper haben, weil es sich um eine enorm seltene Gabe der Natur handelt oder enorm hartes Training zum Einsatz kam oder sogar Schönheitschirurgie.

Ein wenig alltäglichen Schönheitsdruck gab es aber schon bei den Griechen. Sogar Sokrates, ein Mann des Geistes, klagte über seinen dicken Bauch und ging laufen. Der Dichter Aristophanes formulierte exakte Beautystandards für den Mann: eine starke Brust, glänzende Haut, breite Schultern, eine kleine Zunge, ein starkes Gesäß und einen kleinen Penis.

Das Letztere wusste ich nicht!

Bei griechischen Statuen ist ja allgemein das Glied eher klein dargestellt. Das ist wohl nicht aus Gründen der Keuschheit so geschehen, sondern einfach, weil es die Griechen so schöner fanden.

Auch mit dem Ideal der kleinen Zunge wurde ich bisher noch nicht so oft konfrontiert. Ansonsten sind das ja sehr aktuelle Schönheitsvorstellungen. Die Griechen haben uns stark geprägt. Wir betrachten hier ja gerade so ein Prachtexemplar.

Der sogenannte „Münchner Kouros“, eine Grabstatue aus dem 6. Jahrhundert vor Christus.

Er hat tatsächlich breite Schultern. Und von einem „starken Gesäß“ kann man auch sprechen. Ganz sicher hat der „Münchner Kouros“ nicht den Fehler einiger Bodybuilder begangen, nur den Oberkörper zu trainieren und den Unterkörper zu vernachlässigen.

„Ansonsten sind das ja sehr aktuelle Schönheitsvorstellungen. Die Griechen haben uns stark geprägt.“
Alexandra Horn

Leider ist nicht bekannt, wie genau die Griechen eigentlich ihre Körper trainierten. Die Langhantel scheinen sie aber schon gekannt zu haben. Und es gibt die Legende vom Ringer Milon. Dieser soll jeden Tag ein Kalb auf seinen Schultern getragen haben. Das Tier wurde mit der Zeit schwerer und Milon dadurch immer stärker.

Wenn das stimmt, hätten die Griechen das sogenannte Prinzip der progressiven Belastungssteuerung entdeckt. Was viele Amateursportler auch heute noch nicht wissen: Es geht im Training darum, immer neue Reize zu setzen, weil sich sonst der Körper an die Belastung gewöhnt und nicht mehr stärker wird.

Welche Reize müsste man denn setzen, um sich vom Aussehen dem „Münchner Kouros“ hier anzunähern?

Ich denke, dass die Griechen viel mit natürlichen Bewegungsmustern gearbeitet haben: ringen, springen, sprinten und so weiter. Daran anschließend würde ich also zum Beispiel Laufen oder Radfahren empfehlen. Unbedingt braucht es aber auch das Training mit schweren Gewichten. Hier bietet sich die Kniebeuge an und das Kreuzheben, eine Übung, bei der ein auf dem Boden liegendes Gewicht aus einer vornübergebeugten, stabilen Position hochgehoben wird.

Nun stehen wir vor dem „Barberinischen Faun“ aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, dem wohl bekanntesten Exponat der Glyptothek. Mit seinem Waschbrettbauch könnte er auch auf dem Cover jeder Fitnesszeitschrift sein.

Mir gefällt der ganzheitliche Ansatz. Als Mensch aus Fleisch und Blut hätte der Faun nicht nur wie ein Verrückter Crunches gemacht, um ein Sixpack zu bekommen. Sondern er hätte auch auf die schrägen Bauchmuskeln geachtet, die wichtig sind, um den Oberkörper zu drehen und zu stabilisieren. Genau diese Muskeln sind bei ihm nämlich auch sehr gut definiert. Optisch kommt die gesamte Bauchmuskulatur nur zur Geltung, wenn man einen Körperfettanteil von unter zehn Prozent hat. Das erreicht man nur mit einem sehr disziplinierten Lebensstil.

Den haben doch auch viele Münchner. Es gibt weit gereiste Menschen, die sagen, dass sich fast nirgendwo auf der Welt die Leute so um ihren Körper kümmern wie in München: der Jogginghochbetrieb an der Isar, die gut gefüllten Fitnessstudios, die Sonnenanbeter im Englischen Garten mit ihren Faun-artigen Waschbrettbäuchen, die vielen Bergsteiger.

Vielleicht ist München in diesem Sinn wirklich griechisch-antik. Wie die alten Griechen wissen auch die Münchner, dass ein sportlicher Lebensstil ganz einfach gesund ist. Es könnte auch ein Prozess sein, der, einmal angestoßen, sich selbst verstärkt. Wenn man sieht, dass der Nachbar schon wieder joggen geht, schnürt man sich halt auch die Laufschuhe. Menschen vergleichen sich.

„Optisch kommt die gesamte Bauchmuskulatur nur zur Geltung, wenn man einen Körperfettanteil von unter zehn Prozent hat. Das erreicht man nur mit einem sehr disziplinierten Lebensstil.“
Alexandra Horn

Frauen finden in der Glyptothek nicht besonders viele Vergleichsobjekte.

Das stimmt. Immerhin haben wir aber jetzt gerade ein wunderschönes weibliches Exemplar gefunden. Der Körperfettanteil ist hier natürlich ein wenig höher als bei ihren männlichen Kollegen, aber die Proportionen sind großartig und ja auch genau so wieder modern.

Das ist eine römische Marmorstudie, die der berühmten „Aphrodite von Knidos“ des Bildhauers Praxiteles nachempfunden ist, die im vierten Jahrhundert vor Christus entstand. Diese gilt als erste nackte weibliche Statue der Antike. Angeblich stand sie erst vor einer Tempelwand. Weil die Besucher verlangten, die Statue auch von hinten sehen zu können, wurde dann extra eine Tür eingebaut.

Eine gute Idee. Von der Seite dachte ich zunächst, dass ihr Po ein bisschen flach ist. Aber von hinten betrachtet sieht er toll aus, rund und fest. Besonders die Bananenfalte, also der Übergang von Oberschenkel zu Po ist perfekt.

„Sie alle strahlen eine innere Heiterkeit und Zufriedenheit aus. Sie fühlen sich wohl in ihrem Körper, sie sind im Frieden mit sich. Davon können wir auch heute viel lernen. Vielleicht gehe ich wirklich mal mit einem Kunden in die Glyptothek.“
Alexandra Horn

Es gibt auch ein Genre von Aphrodite-Darstellungen, bei denen die Statue den Kopf verdreht, um ihren eigenen Hintern sehen zu können. Der Dichter Alkiphron berichtete im 2. Jahrhundert nach Christus von einem Frauenwettbewerb um das schönste Hinterteil.

Dann hatten uns die Griechen auch diesen Trend voraus. Natürlich merke ich als Personal Coach, dass die Frauen gerade immer mehr Wert auf einen guten Po legen.

Und welche Übungen für eine perfekte Bananenfalte bieten sich dann an?

Auch hier ist die Kniebeuge gut, wie schon beim „Münchner Kouros“. Oder sogenannte Kickbacks, bei denen man das gestreckte Bein gegen Widerstand nach hinten bewegt und so ganz isoliert den Gluteus maximus trainiert.

Würden Sie solche Übungen auch der Aphrodite selbst empfehlen, wenn sie eine Kundin von Ihnen wäre?

Warum nicht? Man sieht, dass sie auf sich achtet und Zeit investiert. Mir ist aufgefallen: Alle Statuen hier haben eine stolze Haltung. Sie stehen gerade da, die Schultern sind zurückgenommen, das Brustbein ist rausgedrückt. Das ist zum einen gut für den Körper. Es genügt nicht, zwei Mal Sport pro Woche zu machen. Es ist ebenso wichtig, auch im Alltag, beim Arbeiten, nicht schief dazustehen, verkrampft oder verkrümmt zu sitzen. Es geht hier in der Glyptothek aber gewissermaßen auch um die seelische Haltung.

Inwiefern?

Der „Barberinische Faun“, die ruhige, selbstbewusste „Aphrodite von Knidos“: Sie alle strahlen eine innere Heiterkeit und Zufriedenheit aus. Sie fühlen sich wohl in ihrem Körper, sie sind im Frieden mit sich. Davon können wir auch heute viel lernen. Vielleicht gehe ich wirklich mal mit einem Kunden in die Glyptothek.

 

 

Interview: Jakob Schrenk; Fotos: Frank Stolle

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