Rainer Langhans mit Freundin ein Spaziergang im Luitpoldpark

Viertelspaziergang mit Rainer Langhans

„Wir waren im Paradies und flogen wieder raus"

Schwabing ist wohl das bekannteste unter den Münchner Stadtvierteln. Und kaum ein Bewohner wird so sehr mit dem Viertel verbunden wie der Lebenskünstler Rainer Langhans. Er nimmt uns mit an seinen Lieblingsort in Schwabing: den Luitpoldpark.

Rainer Langhans hat sich bei den Tischtennisplatten verabredet, am Rande des Parks zur Karl-Theodor-Straße hin. Er ist pünktlich, man erkennt ihn schon aus der Ferne, wie er quer über die große Wiese wandelt, vorbei am Obelisken und den Linden und Eichen: graue, lange Locken, Nickelbrille, weißes T-Shirt und weite, weiße Shorts. Er ist gebräunt, wirkt beinahe gestählt und, man muss es so sagen, in Topform.

Dabei ist Rainer Langhans vor wenigen Tagen immerhin 81 Jahre alt geworden, also nur 30 Jahre jünger als „sein“ Luitpoldpark.

An den Platten begrüßt er ein paar Männer und eine junge Frau, die dort Pingpong spielen. Hier kennt man ihn, wie überhaupt überall in Schwabing, das er täglich und bei jedem Wetter auf seinem Hollandrad durchstreift.

Die anderen machen ihm mit deutlicher Ehrfurcht Platz, er packt seinen mitgebrachten Schläger aus und schmettert gekonnt ein paar Runden, bevor er sich mit uns auf einen kleinen Spaziergang begibt. Eine Tour durch den Schwabinger Luitpoldpark und – wie könnte es bei einem wie Rainer Langhans anders sein? – auch ein bisschen durch sein bewegtes Leben.

Der drahtige kleine Mann mit dem kolossalen grauen Schopf ist nicht nur eine der bekanntesten Figuren dieses Stadtteils, sondern der gesamten Republik – für die einen ist Langhans der letzte Mohikaner der 1968er-Bewegung, Mitglied der legendären Berliner Kommune 1 und der Münchner „Haifisch-Kommune“, Liebhaber des berühmten Fotomodells Uschi Obermaier, die sich zeitweise auch mit Jimi Hendrix und Mick Jagger vergnügte.

Für andere ist Langhans ein wunderlicher Zausel, der sich von den Realo-Genossen (Joschka Fischer, Otto Schily, Hans-Christian Ströbele ...) früh durch seinen nach innen gewandten Weg abhob. In seinem näheren Umfeld gilt Rainer Langhans jedoch einigen als der spirituelle Guru. So hat er getreu nach dem alten Kommune-1-Motto „Das Private ist politisch“ im vergangenen Jahr seine eigene Krebserkrankung publik gemacht und lebt seither einen Umgang damit, als stünde er nun auch über allen Ängsten vor Leiden und Tod.

Einige sehen Rainer Langhans als wunderlichen Zausel, der sich von den Realo-Genossen früh durch seinen nach innen gewandten Weg abhob.

Zu einem Viertelspaziergang war Rainer Langhans sofort bereit, er wollte sich unbedingt im Luitpoldpark verabreden, über diesen Ort hat er sich mit der Zeit ein großes Wissen angeeignet. „Um die Jahrhundertwende wuchs München von der Maxvorstadt aus rasant nach Norden“, erzählt er, „es wurde viel gebaut, und 1911 hat der bayerische Prinzregent Luitpold diesen 33 Hektar großen Park anlegen lassen. Es ist mein Lieblingsort. Ich lebe hier seit 50 Jahren und wandere jeden Tag durch. Es ist, wenn du so willst, mein täglicher Hofgang.“

Mitten im Park steht der Schuttberg, 37 Meter hoch, das Wahrzeichen im nördlichen Teil. Der Weg hinauf zum Aussichtsplatz ist durchaus anspruchsvoll, zu steil für einen 81-Jährigen, sollte man meinen. Doch Rainer Langhans kommt dabei nicht mal außer Atem.

Ein Hügel, ganz und gar aus Trümmern der Häuser errichtet, die im letzten Krieg durch Bomben zerstört worden waren. Dieser Berg und seine Geschichte, er steht vielleicht in besonderer Weise auch für Langhans’ Verbindung zu München. Schließlich hat er sich zeitlebens mit der deutschen Nazivergangenheit auseinandergesetzt.

Mit großer Offenheit plaudert er beim Erklimmen des Schuttbergs über seinen Krebs – nicht wie über einen Feind, der ihn irgendwann zerstören wird, sondern eher wie über einen Gast, nicht ganz unproblematisch, mit dem sich aber durchaus leben lässt. „Ich werde trotzdem jeden Tag jünger ...“, sagt Langhans plötzlich, und es klingt nicht einmal kokett.

Rainer Langhans, der letzte Mohikaner der 1968er-Bewegung, Mitglied der legendären Berliner Kommune 1 und der Münchner Haifisch-Kommune, Liebhaber von Uschi Obermaier, die die sich zeitweise auch mit Jimi Hendrix und Mick Jagger vergnügte.

Wie meint er das? „Ich verstehe meinen Krebs als Aufforderung, noch mehr als bisher zu meditieren. Seit ich die Diagnose habe, meditiere ich über drei Stunden täglich. Meditieren heißt ja auch, sterben zu lernen, und das wiederum heißt, richtig zu leben.“

Auf dem Gipfel des Hügels bleibt er stehen, genießt eine Weile still den Rundblick über die Stadt, die seit 50 Jahren auch seine Stadt ist. Von hier aus erkennt man das Schwimmbad Georgenschwaige, die Münchner Kirchtürme, die Highlight Towers, den Olympiaturm und die Allianz Arena, an manchen Tagen, bei Föhn, sieht man sogar die Alpenkette.

Dann tritt Langhans an das wuchtige Bronzekreuz, 1958 errichtet, es erinnert an die Bombenopfer, bückt sich und liest die Inschrift vor. „Hier unter unseren Füßen liegt ja ein Teil des alten Münchens und seiner Bewohner begraben“, sagt er. Auf die Stadt gingen in den letzten zwei Jahren des Zweiten Weltkriegs Abertausende Brandbomben und Sprengsätze nieder; bis heute werden bei Bauarbeiten in der Innenstadt immer wieder Blindgänger im Boden gefunden. Denn München war nicht nur als Standort vieler Rüstungsbetriebe, sondern auch als „Hauptstadt der Bewegung“ der Nationalsozialisten ein zentrales Angriffsziel der alliierten Bomber.

Im Mai 1945 war jedes zweite Gebäude in der Stadt zerstört. Tausende Einheimische brachten in den Folgejahren den Schutt ihrer Häuser in den Park und türmten so eben diesen Luitpoldhügel auf, ebenso wie etwa den Neuhofener Berg am Sendlinger Isarhochufer oder den heutigen Olympiaberg auf dem ehemaligen Oberwiesenfeld. Hier oben auf dem Hügel spürt man: Es ist noch immer Langhans großes Lebensthema, die Befreiung der Republik von Altnazis und das Auseinandersetzen mit der deutschen Geschichte.

Inzwischen hat sich Gisela Getty zu uns gesellt, eine von Langhans engsten Freundinnen, ja Lebensgefährtinnen – und mit ihr poppt wieder ein Teil seiner Erinnerungen an die fernen Tage auf, als Rainer Langhans sich nach der Kommune 1 einem indischen Guru zugewandt hatte. In den 1970er-Jahren war er dann mit fünf Frauen zusammengezogen, dem sogenannten „Harem“, mit denen er diverse Kulturprojekte durchzog. Darunter etwa auch mit Jutta Winkelmann und eben deren Zwillingsschwester Gisela Getty. Zusammen schrieben sie Bücher, fotografierten und drehten Filme. Langhans trat in zahllosen, zum Teil memorablen Talkshows auf, ging sogar 2011 ins RTL-Dschungelcamp. Gemeinsam mit Gisela Getty und den anderen drehte er eine Art Big-Brother-Serie in einer Schwabinger Wohnung um die Ecke vom Luitpoldpark.

„Mit Gisela verbindet mich vor allem die gemeinsame Suche nach einem inneren Weg, weil wir mit den äußeren Wegen in der unwirtlichen, normalen Welt nie zufrieden waren. Wir waren nämlich damals eine kurze Weile im Paradies und dann flogen wir da wieder raus und suchen seitdem, wieder dorthin zu kommen. Insofern sind wir heute noch mehr 68er als damals, denn wir haben den langen Marsch durch die eigenen inneren Institutionen 50 Jahre lang weiterentwickelt – im Gegensatz zu den wenigen noch übrigen Alt-68ern, die heute nur noch deprimiert sind und uns für verrückt halten, haben wir das Paradies über die östliche Spiritualität gesucht und gefunden.“

Video: Stadtviertel Schwabing

Auf dem Rückweg ist Rainer Langhans dann wieder ganz im Hier und Jetzt, er bleibt einen Moment im Park stehen und zeigt auf eine andere Erhebung: „Im Winter ist diese steile Wiese bei Kindern beliebt, die dort rodeln und erste Skiversuche machen.“ Er lächelt. „Manchmal bleibe ich dann stehen und sehe richtig gern den Kindern zu.“

Am Ende unserer Tour kommen wir dann noch an einer alten gelben Villa vorbei, dem Bamberger Haus, einem der schönsten Caféhäuser Schwabings, 1911 als Parkcafé erbaut. Den Namen erhielt es, weil Teile der Fassade einer barocken Villa aus Bamberg entstammten. Im Krieg wurde das Café zerstört und erst in den 1980ern saniert und wiedereröffnet.

Nein, ein Caféhausbruder sei er nicht, sagt Rainer Langhans. „Ich lebe ja eher zurückgezogen und brauche nicht viele Menschen um mich herum.“ Im Sommer schwimmt er gern im Feldmochinger See, westlich von Schwabing („natürlich nackt!“). Und wenn er doch einmal Gesellschaft sucht, dann geht er eben zu den Platten im Luitpoldpark.

Dann packt er seinen Tischtennisschläger aus, geht in Position und schmettert dem 50 Jahre jüngeren Gegner noch ein paar harte Bälle über den Tisch.

Bevor er an diesem Nachmittag noch mal seinen Tischtennisschläger herausholt, um sich noch ein bisschen zu verausgaben, muss er doch noch etwas loswerden, weil es ihn so sehr gefreut habe: „Uschi Obermaier! 45 Jahre nach unserer Trennung und nach 15 Jahren Funkstille hat sie mir gerade geschrieben“, erzählt Langhans beim Abschied. „Sie habe unsere Zeit als wunderschöne Liebesgeschichte in Erinnerung und möchte sich nach dem langen Krach, den wir wegen ihres Filmdrehs ,Das wilde Lebenʻ  hatten, wieder versöhnen!“

Dann packt er seinen Tischtennisschläger aus, geht in Position und schmettert dem 50 Jahre jüngeren Gegner noch ein paar harte Bälle über den Tisch, bevor sich Rainer Langhans, einer der prominentesten Schwabinger aller Zeiten, zur Abendmeditation in seine bescheidene Bleibe zurückzieht.

 

 

Text: Hasan Cobanli, Fotos: Frank Stolle