Münchner, die auf Bilder starren: Basquiat

Abstrakt real

Unser Autor hat früher selbst einmal Graffitis gesprüht, für uns betrachtet er „Untitled“ von Jean-Michel Basquiat.

Zuerst nehme ich das Gemälde nur aus dem Augenwinkel wahr. Und mein erster Gedanke ist: Das Bild kenne ich doch, das habe ich schon irgendwo gesehen. Das muss Jean-Michel Basquiat irgendwo kopiert haben: die Kritzeleien, die bunten Farben, die Kinderschrift, die seltsamen Köpfe. Irgendwas sagt mir das. Nur was?

Ich trete näher an das Bild heran. Im Erdgeschoss der ständigen Ausstellung des Museums Brandhorst hängen zwei Arbeiten von Jean-Michel Basquiat. „Untitled“ aus dem Jahr 1983 lässt mich nicht mehr los. Und als ich mir das Bild genauer anschaue, steigt plötzlich eine Erinnerung in mir hoch: Zürich, um 2004 herum, Kunsthochschule. Mein Mitschüler Giacomo hatte mit Tesafilm ein Bild an die Wand der Illustrationsklasse geklebt. Er tat das mit einer nachlässigen Geste, das Bild, sein Bild, schien ihm nicht besonders wichtig zu sein. Aber für mich, damals zwanzig Jahre alt, änderte sich vieles. Sein Bild berührte mich. Warum das so war, hätte ich in diesem Moment gar nicht beschreiben können.

Bis zu diesem Giacomo-Moment hatte sich meine Liebe zur Kunst auf die Maler beschränkt, mit denen mich meine Mutter bekannt gemacht hatte: die französischen Impressionisten wie Degas, Matisse oder Monet. Es sind die Lieblinge meiner Mutter, weshalb deren Kunstbände in unseren Bücherregalen standen – oder sie hingen als Postkarte am Kühlschrank. Gleichzeitig hatten mich aber auch die Graffitis fasziniert, die man damals auf Zürichs Straßen sah. Meist waren es einfache Blockbuchstaben: „STR“, VTO“ oder „UFO“. Mal in Farbe, mal in Chrom.

Ich habe mir nie viel aus Basquiat gemacht, ich hatte mich, um ehrlich zu sein, nie mit ihm auseinandergesetzt. Aber heute kommt er mir plötzlich ganz nahe. Weil mich das Bild an meine Zeit an der Kunstschule erinnert. Weil es in mir Szenen und Gefühle hervorruft, die ich schon längst vergessen hatte.

Dieser rebellische, typografische Ansatz begeisterte mich ebenfalls, ganz zur Sorge meiner Eltern. Was ich nun so sehr an Giacomos Zeichnung liebte, war, dass er die Elemente, die ich so mochte, auf eine eigene Art verband. Lettern, grafische Formen, Figuren sowie das Zusammenspiel von Farben. Auf seinen Arbeiten waren auch immer wieder abstrakt gezeichnete Kronen zu sehen. Mal über den Köpfen der Charaktere. Mal über besonders wichtig scheinenden Wörtern. Das machte mir am meisten Eindruck. Es ist nämlich in der Graffitiszene das offizielle Zeichen dafür, dass man der Undergroundkönig einer Stadt ist.

Ich fing dann an, ganz ähnlich wie Giacomo zu zeichnen: ähnliche Köpfe und Figuren, die bedeutungsvoll wirken wollten, dazu Wörter, die ich damals für tiefgründig und bedeutungsvoll hielt – Namen oder Sätze aus Hermann-Hesse-Büchern oder Zeilen aus Songs, die ich als wegweisend empfand. Rückblickend betrachtet habe ich wohl einfach nur Giacomo kopiert. Aber ich habe heute kein Problem, das zuzugeben. Kunst entsteht ja irgendwann auch aus der Inspiration, aus vielen unterschiedlichen Eindrücken, die man dann, im besten Fall, zu einem eigenen Stil kombiniert.

Und natürlich hatte auch Giacomo seine Inspirationsquelle, auch wenn ich 15 Jahre und einen Besuch in der Sammlung Brandhorst brauchte, um das zu verstehen. „Untitled“ ist in meinem Geburtsjahr entstanden, 1983. Die Arbeit besteht aus drei Hochkanttafeln, die nebeneinander aufgereiht sind. Kuratoren oder andere Angeber nennen eine solche Aufstellung ein Triptychon.

Das Museum schreibt über das Werk, dass die Bildsprache rastlos sei. Der Frauenkörper auf der linken Tafel sei eine Referenz an ein Gemälde von Picasso. Weiter steht da, dass das Bild Basquiats künstlerischen Horizont aufzeige. Angefangen von der europäischen Kultur bis hin zur afroamerikanischen Gegenkultur. Und dann steht da noch, dass er sich die weiße Kulturgeschichte einverleibt hat und darin seinen eigenen Platz als Künstler of Colour markiert. Ich stehe jetzt schon zehn Minuten vor dem Gemälde, und eine leichte Melancholie überkommt mich.

Ich sehe so viele Elemente darin, die ich damals an Giacomos Arbeiten geliebt und imitiert habe. Marco Polo und Miles Davis steht da zum Beispiel. Beides durchgestrichen. Genauso hatte Giacomo damals auch Wörter durchgestrichen, bloß andere. Ich denke nicht, dass Basquiat ausdrücken wollte, dass er die betreffenden Personen nicht mochte. Es ging ihm vielleicht eher darum, mit Schlagwörtern zu jonglieren, die in seinem Universum und seinem Unterbewusstsein wichtig waren. Diese durchzustreichen heißt dann nur noch, mit ihnen zu spielen, ihnen einen persönlichen Kontext zu verleihen. Vielleicht auch: sie zu unterstreichen. Ich lese mir alle Wörter durch und ich glaube, dass er keine konkrete Aussage treffen, sondern einen Gesamteindruck erzeugen wollte. In gewisser Weise hat Basquiat auch eine Technik verwendet, die den Hip-Hop ausmacht. Es geht um das Samplen, es geht darum, ganz unterschiedliche Dinge zu kopieren, zu imitieren, zusammenzubringen, obwohl sie nicht zusammengehören, und sie so zu etwas völlig Neuem zu kombinieren.

In gewisser Weise hat Basquiat auch eine Technik verwendet, die den Hip-Hop ausmacht. Es geht um das Samplen, es geht darum, ganz unterschiedliche Dinge zu kopieren, zu imitieren, zusammenzubringen, obwohl sie nicht zusammengehören, und sie so zu etwas völlig Neuem zu kombinieren.

Basquiat wurde 1960 in New York geboren. Die Mutter kaum aus Puerto Rico, der Vater aus Haiti. Basquiat wird als US-amerikanischer Graffitikünstler, Maler und Zeichner bezeichnet. Obwohl er selber von sich behauptete, kein Graffitikünstler zu sein. Ob das so ist oder nicht, sei dahingestellt, Fakt ist, dass er im Alter von 17 Jahren zusammen mit seinem Schulfreund Al Diaz ein Graffitiduo namens SAMO© bildete und im Galerienviertel Soho mit gesprayten Phrasen auf sich aufmerksam machte: „SAMO© as an end to playing art“ oder „SAMO© as an end to mindwash religion, stop running around with the radical chic playing art with daddy’s dollars“. Wenig später, mit 21, lernte er Andy Warhol kennen und gehörte schnell zu seinem festen Kreis. Zur selben Zeit verkaufte er seine ersten Werke und durfte auf der documenta in Kassel ausstellen, als bis heute jüngster Künstler. Er wurde schnell berühmt, aber leider nicht alt. Am 12. August 1988 starb er in New York an einer Überdosis.

Die Alarmanlage des Museums geht plötzlich an. Lautes Piepsen um mich herum. Ein Museumsmitarbeiter weist mich darauf hin, dass ich viel zu nah an das Bild herangetreten sei. Dabei wollte ich das Bild nur aus der Nähe studieren und den Auftrag von Ölkreide und Acryl auf der grundierten Leinwand etwas genauer betrachten. Ich habe mir nie viel aus Basquiat gemacht, ich hatte mich, um ehrlich zu sein, nie mit ihm auseinandergesetzt. Aber heute kommt er mir plötzlich ganz nahe. Weil mich das Bild an meine Zeit an der Kunstschule erinnert. Weil es in mir Szenen und Gefühle hervorruft, die ich schon längst vergessen hatte.

Diese naive Verehrung, die ich damals empfand, hat man wohl nur, wenn man so jung ist, denke ich. Trotzdem hat mich die Zeit natürlich tief geprägt. Heute liebe ich zugesprayte S-Bahnen noch immer. Als Artdirector kritzele ich keine Hesse-Zitate mehr auf Ölgemälde, aber mir gefällt es immer noch, mit verschiedenen Typografien herumzuspielen, mit Schrift und Bild zu experimentieren, klassische und moderne Stilmittel zu verbinden, gleichzeitig grob und zart zu sein und auf diese Weise den Betrachter im besten Fall zu überraschen oder auch ein bisschen zu verzücken. So gesehen habe ich viel von Giacomo gelernt – und dadurch, indirekt, auch ein ganz kleines bisschen von Basquiat.

Alexis Zurflüh ist selbstständiger Artdirector in München. Er hat versucht, Giacomos Kunstwerke im Netz zu finden, leider ohne Erfolg.

 

 

Text: Alexis Zurflüh; Fotos: Frank Stolle

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