„Auf eine Runde mit ...“

Ein Spaziergang durchs Werksviertel Mitte: Loomit

Bunt, traditionell, vielfältig – das sind die Münchner Stadtviertel. „Auf eine Runde mit ...“ bietet ganz persönliche Einblicke durch die Linsen der Menschen, die hier leben und ihre Viertel am besten kennen. Diesmal: der Street Art-Künstler Loomit zeigt uns sein Werksviertel Mitte.

Im Werksviertel Mittel wird Altes mit Neuem verknüpft. Wo früher das Unternehmen Pfanni seine Industriehallen hatte und dann ein Partyareal folgte, entsteht heute ein Quartier mit Zukunftsvision voller Kultur und Leben. Mittendrin ist Loomit, Münchens Graffiti-Künstler der ersten Stunde. Er prägte die Street Art-Szene der Stadt mit und ist seit 1996 auf dem Gelände des heutigen Werksviertel Mitte anzutreffen. Bei einem gemeinsamen Kaffee und anschließendem Spaziergang erzählt er von seinen Anfängen, was er am Viertel schätzt und warum er kürzlich ein Festival organisiert hat, bei dem ausschließlich Frauen Wände bemalten.

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Guten Morgen! Soll ich eigentlich Mathias oder Loomit sagen?

Guten Morgen. Man nennt mich eigentlich überall Loomit, sogar meine Kinder und meine Frau. Meine Mutter fängt jetzt auch damit an. Mathias heißen viele, da gibt es dann schnell mal eine Verwechslungsgefahr. Bei Loomit ist eindeutig, wer gemeint ist.

Wie kam es denn eigentlich zu deinem Künstlernamen?

Ich komme aus der Graffiti-Szene und bin auch noch Teil davon. Als ich 1983 illegal begonnen habe, brauchte ich natürlich ein Pseudonym. Nachts im BR sah ich den Film „Niagara“ mit Marilyn Monroe, da ging es um einen Detektiv namens Mr. Loomis. Ich fand den Namen gut und dachte mir, dass ich das mal ausprobiere. Das „S“ in Loomis ist mir beim Taggen, also beim Schreiben, leider nicht gelungen. Ich habe dann einfach den nächsten Buchstaben des Alphabets genommen und das hat geklappt und klang phonetisch auch gut. Als Loomit fing ich dann auch an, in Schwabing illegal Wände zu besprühen. Bei einer Gerichtsverhandlung wurde ich zwar dafür verurteilt, doch der Richter fand meine Arbeit künstlerisch anspruchsvoll und so durfte ich mit dem Namen legal weitermachen. Auch, weil ich vorsichtig war und mit Loomit beispielsweise niemals Züge getaggt habe.

Apropos Züge. Du warst als Jugendlicher am Geltendorfer Zug beteiligt, dem ersten Wholetrain Europas. Das bedeutet, ihr habt eine S-Bahn von vorne bis hinten bemalt – wie war die Stimmung in der Nacht?

Pures Adrenalin! Das war für uns alle neu gewesen. Wir sind mit einer der letzten S-Bahnen rausgefahren und haben uns dann an die herangeschlichen, die dort längst abgestellt war. Am nächsten Morgen sind wir zu einer anderen Haltestation gewandert und von dort aus zurück nach München gefahren.

Ist alles glimpflich ausgegangen?

Naja, ich wurde schon verurteilt. Es war zwar so, dass wir nicht erwischt worden sind, aber Kollegen von uns plauderten aus, wer hinter dem Wholetrain steckte.

Ab wann hat die Stadt Graffiti als Kunst anerkannt? Anfangs war doch von Vandalismus die Rede, oder nicht?

Nein, das Sprühen war schon von Anfang an mit einer hohen Qualität verbunden. Das führe ich darauf zurück, dass München eine kunstaffine Stadt ist. Wir haben ein bisschen was aus New York mitbekommen, den Rest mussten wir selbst erfinden – wir waren komplette Autodidakten. Bereits 1985 gab es in der Dachauer Straße eine riesige Freifläche, welche die Stadt für Flohmarkt-Nutzungen verpachtet hatte, doch während der Woche war dort wenig los. Als wir dort sprühten, wurde schnell klar, dass das gern gesehen wurde. Zwei Tage später saßen wir nämlich mit den Pächtern am Tisch, die uns schließlich Dosen gekauft haben. Wir sind also schon früh auf offene Türen gestoßen.

Das Werksviertel Mitte ist ein Areal, auf dem viel passiert, gerade auch künstlerisch gesehen. Warum sollten sich Tourist*innen hier umschauen?

Fangen wir mit der Gastro an. Wir sitzen hier in der Mariss Bar, wo es guten, italienischen Kaffee gibt. Und auch ansonsten ist die Szene hier toll, denn es gibt kein Franchise-Unternehmen. Es wird darauf geachtet, dass diejenigen, die die Läden betreiben, auch vor Ort sind. Das Angebot ist dadurch sehr individuell und für jeden Geschmack etwas dabei.
Wenn ich Kolleg*innen einlade, stellen die außerdem immer fest, dass es sich hier um eine sehr entspannte und gleichzeitig zum Staunen anregende Gegend handelt.

Es war schließlich immer was los und das wird auch noch in Zukunft so sein.

Absolut. Ein kurzer, historischer Ausflug: Wir befinden uns auf dem ehemaligen Pfanni-Gelände und als die Firma 1996 verkauft worden ist, war man hier viel mit der Entwicklung des Geländes beschäftigt. Deshalb sind erst einmal Zwischennutzungen entstanden und so kam auch ich hierher. Beim ersten Blick war mir klar, dass das Anmalen der Fassaden viel spannender sein würde, als nur ein Studio zu mieten und dort zu malen. Dann kam durch die Ansiedelung wilder Clubs das Nachtleben hinzu, ich konnte mit Kolleg*innen künstlerisch richtig loslegen und je mehr wir gemalt haben, desto interessanter wurde das gesamte Gelände. Die Leute kamen nicht mehr nur zum Feiern, sondern auch wegen der Kunst.

Was können Tourist*innen sonst noch sehen und erleben?

Im WERK3 kann man immer in die White Box schauen, das ist ein großer Ausstellungs- und Veranstaltungsraum, wo man auch Künstler*innen in Aktion erwischen kann. Die Kletterhalle Heaven’s Gate wird es bald wieder geben, dort kann man bouldern und innerhalb mehrerer Kartoffelsilos in 30 Metern Höhe klettern. Vor allem bei schönem Wetter passiert viel im Außenbereich, da es im Werksviertel keinen Autoverkehr gibt. Die Arbeit wird dann nach draußen verlagert.

Beim Container Collective kann man sich auch super in die Sonne setzen, was trinken und das Treiben beobachten.

Genau. Und von außen in die verglasten Räume gucken.

Im Anschluss an unseren Kaffee gehen wir über das Gelände. Loomit zeigt uns kleine und versteckte, aber auch große Kunstwerke und erzählt viel über die Macher*innen hinter den Werken. Im WERK3 sehen wir uns die Wände des Treppenhauses an, die er bemalt hat: Große Darstellungen von Insekten und anderen Tieren zieren die Wände. Das passt zum Haus, schließlich führt die Treppe zum Dach, wo die Stadtalm zu Hause ist. Hier wohnen Schafe, Hühner, Bienen- und Ameisenvölker, die Teil eines Nachhaltigkeitskonzepts des Viertels sind. Im Rahmen der Almschule wird Kindern und Jugendlichen ein Stück Natur zurückgebracht. Danach spazieren wir zum WERK9 und bestaunen unglaublich vielfältige Murals entlang der Fassaden. In Loomits Atelier sprechen wir über ihre Entstehung.

Du hast uns gerade eine sehr beeindruckende Mauer gezeigt, die im Rahmen eines von dir organisierten „Frauen-Festivals“ von Künstlerinnen verziert wurde. Kannst du kurz erklären, wie man Fassade findet, wenn man aufs Gelände kommt?

Das ist die Rückseite des WERK9, welches sich am südlichen Rand befindet. Man muss um das Gebäude herum gehen, doch das ist ebenfalls nicht uninteressant, weil auf den anderen Fassaden auch große Flächen gemalt sind. Auf der Rückseite ist ein Ensemble auf fast 600 Quadratmetern zu sehen. Das entstand im Rahmen des Festivals „Hands off the wall”, zu dem im September 2020 ausschließlich Frauen aus der Streetart-Szene eingeladen waren.

Warum war dir so ein Festival wichtig?

Weil ich seit 35 Jahren in der Festival-Szene mitbekomme, dass Frauen oftmals nur als Alibi eingeladen werden. Das hat mich immer genervt, da ich Künstler*innen ausschließlich nach ihrem Werk beurteile. Caro Taschler, eine Kollegin aus Wien, die Keramik-Street Art macht, habe ich vorgeschlagen, im Werksviertel ein Frauen-Festival zu veranstalten und es richtig groß zu denken. Durch ihr Netzwerk sind dann sehr namhafte Künstlerinnen gekommen.

Von dir stammen auch viele Werke auf dem Gelände – wo gibt es was Aktuelles zu entdecken?

Derzeit mache ich viel Interior-Design, beispielsweise für das thailändische Restaurant Khanittha. Als Garküche angefangen zieht es jetzt in einen größeren Raum um, wo es tolles Streetfood und andere Köstlichkeiten geben wird. Ich sprühe dort derzeit thailändische Motive in Graffiti-Manier an die Wände.

Toll, danke für den Tipp und das Gespräch!

Sehr gerne!

 

 

Text: Anika Landsteiner; Fotos: Frank Stolle

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