Autorin Anika ist ziemlich glücklich über ihre Frühstückswahl in Emmi's Kitchen.
Kolumne: vegan essen

„Wird man davon satt?“

Unsere Autorin konnte in den letzten Jahren als Reisebloggerin ihren Entdeckerdrang ausleben, zurück in München war immer Entspannung angesagt. Was sie dabei verpasst hat, holt sie in ihrer Kolumne nach. In dieser Folge isst sie sich einen Tag lang durch die veganen Angebote der Stadt.

„Ich esse einen Tag lang morgens, mittags und abends vegan“, antworte ich auf den fragenden Blick des Kellners, während Fotograf Frank das Essen erst mal ins rechte Licht rückt. „Ach was, und du lebst noch?“, antwortet er ironisch und grinst mich an. Doch da läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen.

Als Vegetarierin musste ich auf meinen Reisen kulinarisch selten zurückstecken. Gerade in Großstädten wurde ich aufgrund der Bandbreite an Angeboten immer satt. Und glücklich. Nebenbei lernte ich zudem viel über die Kreativität, die eine fleischlose und oftmals rein pflanzliche Küche an den Tag legt.

Auch in München gibt es neben einer Vielzahl an Traditionswirtshäusern immer mehr vegane Lokale und Konzepte: Sie zaubern American Pancakes, die der klassischen Version im Diner Konkurrenz machen, sie lassen bayerische Wohlfühlgerichte mit Fleischersatzprodukten neu aufleben oder bringen die buddhistische Tempelküche in die Stadt. Einen Tag lang habe ich mich durch die veganen Küchen Münchens geschlemmt. Um auf die Frage des Kellners zurückzukommen: Ja, ich lebe noch. Ich glaube, ich habe sogar ein bisschen zugenommen.

Emmi’s Kitchen: American Pancakes, Tofu Scramble & Avocadobrot

Opulent zu frühstücken würde ich als persönliches Hobby bezeichnen. Ich mache dabei einen großen Bogen um Cafés, die ein paar Scheiben Supermarktkäse ansehnlich auf den Teller legen und einen Brotkorb vom Bäcker ums Eck dazustellen. Das kann ich auch zu Hause – viel lieber möchte ich überrascht werden. Meine Wahl für den ersten Spot fällt deshalb auf das vielgelobte Emmi’s Kitchen.

Opulent frühstücken zu gehen, würde ich als persönliches Hobby bezeichnen – und dabei möchte ich überrascht werden.

Das Restaurant im Glockenbachviertel liegt versteckt in einem Hinterhof und tischt ausschließlich vegane Speisen auf. Auch wenn ich zum Frühstück hierher komme, erzählt mir Inhaber Götz, dass er und seine Frau tatsächlich die Ersten in München waren, die „Beyond Meat“ angeboten haben – ein veganes Fleischersatzprodukt, das seit einigen Jahren boomt und selbst überzeugte Fleischesser geschmacklich hinters Licht führt. Deshalb sind die Burger bei Emmi’s Kitchen genauso bekannt wie die Frühstücksgerichte.

Ich entscheide mich für die Zusammenstellung aus einem kleinen Avocadobrot, Tofu Scramble, Chia Pudding mit Früchten und hausgemachten Granola. Frank, der übrigens Fleischesser ist, wählt die American Pancakes mit Früchten und Ahornsirup. Während wir auf das Essen warten, erzählt Götz von den Anfängen seines Restaurants. „Ich war selbst lange Fleischesser und bin durch meine Frau zur veganen Küche gekommen. Heute weiß ich, dass beispielsweise ein Linseneintopf mir viel Energie gibt, ohne dass ich mich nach dem Essen schlapp fühle.“

Ich werfe einen Blick auf die Karte, die regelmäßig neue Gerichte anbietet. „Wichtig ist uns, dass alle satt werden. Außerdem achten wir bei der Zusammenstellung darauf, dass viele Nährstoffe enthalten sind.“ Ich frage ihn, ob auch Fleischesser in sein Lokal stolpern und wie sie reagieren, wenn die rein vegane Karte vor ihnen liegt. „Viele lassen sich darauf ein. Ich wünsche mir immer, dass sie nicht aufstehen und gehen, bevor sie das Essen probiert haben.“

Unser Frühstück kommt. Avocado auf Bauernbrot ist mittlerweile ein Foodklassiker, der jedoch nur schmeckt, wenn die Avocado reif ist, die Würzung gut und das Bauernbrot frisch. Alles trifft hier zu. Der heiße, zerkrümelte Räuchertofu ist eine leckere und gesündere Alternative zum Rührei und das Granola auf dem Chia Pudding schmeckt genau so wie beschrieben: hausgemacht. So richtig staunen wir allerdings über die Pancakes. Bei dem fluffigen Stapel dicker Pfannkuchen würde wohl niemand vermuten, dass das eine vegane Variante des amerikanischen Klassikers ist. Die Pancakes schmecken, wie richtiges Soulfood eben schmecken muss – und als eine, die schon viele verdrückt hat, kann ich sagen, dass die in Emmi’s Kitchen vielmehr sind als eine „vegane Alternative“.

Trotz Hunger haben wir die Portionen kaum geschafft – Götz sollte also Recht behalten. In Emmi’s Kitchen wird jeder satt, übrigens auch alle, die sich glutenfrei ernähren. Als wir uns verabschieden, holt Götz sich in der Küche sein Lieblingsgericht ab: einen Jalapeno „Cheese“ Burger. Ist ja auch schon fast Mittag.

www.emmiskitchen.eatbu.com

Auch schön: Gartensalon (vegan/vegetarisch), Iss dich glücklich (vegan), Wagners (vegan/vegetarisch)

Siggis: Saure Knödel, Lasagne und Clubsandwich

Das Siggis liegt sehr zentral zwischen dem Viktualienmarkt und dem Isartor. Von außen wirkt es klein und eher wie eine Anlaufstelle für einen Snack oder Essen auf die Hand, doch an den vorderen Bereich mit Vitrine und Theke schließt sich ein gemütlicher Gewölbekeller an.

Wir sind zu dritt und bestellen die Lasagne mit Salatbeilage, das Clubsandwich mit Süßkartoffelscheiben und die sauren Knödel mit Austernpilzen und gebratenem Kohlrabi. Um die kurze Wartezeit zu überbrücken, schaue ich mich im Lokal um. Aufgrund der Mittagspause ist es gut gefüllt mit einem gemischten Publikum, das mich überrascht: vom Wirtshausgänger über Anzugträger hin zur jungen Familien – alle scheinen offen für veganes Essen zu sein. Als ein älterer Herr seine Knödel serviert bekommt, inspiziert er mit stoischer Ruhe, was da auf seinem Teller liegt, bevor er hineinbeißt und einen Schluck Weißbier trinkt. Das Vorurteil, nur junge Hipster würden vegane Speisen erst instagram-tauglich fotografieren und dann essen, fegt das sehr bodenständige Siggis vom Tisch – und stellt stattdessen deftige Gerichte darauf.

Die vegane Küche ist viel mehr als frei von Tierprodukten.

Sigrid Lutz sagt über ihr Restaurant, dass es auf Basis ihrer eigenen Lebensphilosophie entwickelt wurde. „Verantwortung und Respekt für Mensch, Tier und Natur haben für mich absolute Priorität. So entstand meine Geschäftsidee, vegane Ernährung in guter Qualität aus Fairtrade-Produktionen leicht zugänglich zu machen.“

Wer im Anschluss an das Essen den Cappuccino mit der hausgemachten Cashew-Milch probieren möchte, kann genau hier seiner Neugier Abhilfe verschaffen. Endlos könnte ich an dieser Stelle nun aufzählen, was ich neben den Gerichten am Siggis bemerkenswert finde: Zum Beispiel wird Wert gelegt auf eine sinnvolle und organische Verwertung der Speisereste. Die Kaffeemaschine ist recycled, die Putzlappen aus Bambus. Die Lebensmittel sind frei von Palmöl und Geschmacksverstärkern. Durch freiwillige Spenden wird ein Gnadenhof unterstützt. Was das alles zeigt? Dass die vegane Küche viel mehr ist als frei von Tierprodukten.

www.siggis.jetzt

Auch schön: Café Ignaz (vegan/vegetarisch), Deli Kitchen (vegan/vegetarisch), Max Pett (vegan)

Kansha: Uramaki, Nigiri und Futomaki  

Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich bisher Sushi gegessen. Zuhause und selbstgemacht, weil ich mich von Freunden hatte überreden lassen. „Entweder sind unsere Zutaten nicht gut genug oder Sushi ist nicht mein Ding“, dachte ich mir danach, denn geschmeckt hat es mir nicht.

Als das Kansha in München eröffnete, hatte ich Lust, der japanischen Küche eine zweite Chance zu geben – vor allem, weil die erste Chance schließlich auf meinen eigenen Künsten beruht. Außerdem ist das Kansha viel mehr als ein weiterer Sushi-Laden. Die Betreiberinnen Catharina Michalke und Bettina von Massenbach brachten die buddhistische Tempelküche nach München. Die ist speziell, vielfältig und vegan.

Ich habe das Gefühl, ganz woanders zu sein. Aus der Stadt herausgeschlüpft und in eine ganz neue eingetaucht.

Als Frank und ich im Restaurant Platz nehmen und ich durch die regelmäßig wechselnde Karte blättere, passiert genau das, was ich mir von einem Restaurant wünsche, das eine besondere Küche anbietet: Ich habe das Gefühl, ganz woanders zu sein. Aus der Stadt herausgeschlüpft und in eine ganz neue eingetaucht. Wir starten mit dem alkoholfreien Hauscocktail, Ingwer, Matcha und Sprudel, der besser schmeckt, als er klingt, nämlich frisch und lecker.

Und dann bestellen wir die Karte rauf und runter, hier ein Auszug: Gesalzene Edamame und Seidentofu mit Sojasoße als Vorspeise. Ein Set aus acht verschiedenen Gerichten, das wir uns teilen, darunter so kulinarische Offenbarungen wie Nigiri mit marinierten Austernpilzen, eingelegter Kürbis und Ingwerscheiben, Tempura Futomaki, Uramaki und Wakame-Gurkensalat. Frank, der ein großer Fan der japanischen Küche ist, erzählt mir eine Anekdote vom Skifahren in Hokkaido. Währenddessen gewöhne ich mich langsam an die Fingerkunst, mit Stäbchen zu essen, und trinke warmen Sake, der stärker ist, als ich vermutet hatte, mir allerdings auch besser schmeckt, als ich vermutet hatte. So gleiten die Stunden hinweg und wir genießen die unterschiedlichen Geschmäcker auf der Zunge.

Das Kansha ist ein japanisches Schlaraffenland, dessen kleine Portionen ideal zum Teilen sind und satt machen, ohne sich danach überessen zu fühlen. Ein veganes Sushi-Restaurant in München, das sich perfekt eignet, um wahrhaftig über den kulinarischen Tellerrand zu blicken und sich auf einzigartige Zusammenstellungen einzulassen.

www.kansha-restaurant.de

Auch schön: Gratitude (vegan), Tian (vegan/vegetarisch), Soy (vegan vietnamesisch)

Wir sind an einem Tag kulinarisch durch München gereist und haben dabei Teile der nordamerikanischen, bayerischen und japanischen Küche kennengelernt. „Können wir das bald wieder machen?“, fragt mich Frank, als wir uns am Abend verabschieden und realisieren, dass dieser Schlemmertag vorbei ist. Ich nicke. Es hat also nicht nur mir geschmeckt.

Und als Frank sich aufs Fahrrad schwingt und ich in die entgegengesetzte Richtung laufe, denke ich mir, dass das Schreiben über Essen der wahrscheinlich beste Job der Welt ist. Nicht nur, weil es immer etwas Neues zu entdecken gibt, sondern auch, weil sich Städte und Länder wunderbar über ihre Küchen erleben lassen. Deshalb erinnere ich mich noch sehr lange und vielleicht für immer an das warme Cornetto, das ich am Morgen bei einem Spaziergang durch Florenz aß oder wie intensiv der Kaffee auf dem kolumbianischen Land schmeckte. Dazu gesellt sich nun auch die vegane Vielfalt der Münchner Gastronomie. Liebe geht eben durch den Magen. Erinnerungen auch.

 

Lust auf mehr? Hier sind noch weitere köstliche Möglichkeiten, in München vegan zu essen: Veganer-Report

 

 

Text: Anika Landsteiner; Fotos: Frank Stolle

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