Ein älterer Mann mit Sakko steht auf einem Platz und schaut in die Kamera.

Viertelspaziergang mit Christian Ude

„Ich wollte die Münchner Juden symbolisch wieder ins Stadtzentrum holen“

Münchens populärster Alt-Oberbürgermeister regierte die Stadt von 1993 bis 2014. Was er aus ihr gemacht hat, ist Teil des Münchner Alltags geworden. Christian Ude nimmt uns mit auf einen Spaziergang durch die Altstadt – und teilt seine Erinnerungen: an Hindernisse und Erfolge.

Unbehindert kommt er nicht durch die Stadt, der ältere Herr mit dem Schnurrbart, mit dem wir am St.-Jakobs-Platz verabredet sind: Offensichtlich erkennen ihn sogar jüngere Menschen auf Anhieb, sie bleiben stehen, sprechen ihn an, grüßen ihn wie einen alten Freund – auch sieben Jahre nach seinem Scheiden als Münchner Oberbürgermeister.

Christian Ude, 73, genießt die Ovationen. Jovial, herzlich, für alle hat er ein freundliches Wort übrig. So war das früher, so ist es heute. Neben dem verstorbenen Hans-Jochen Vogel ist Christian Ude Münchens beliebtester Alt-OB, international vielfach geehrt und bis heute ein Vorbild für Rathauschefs und das, was sie für eine Stadt und ihr Image tun können.

Der gelernte Journalist und studierte Rechtsanwalt mit seiner typischen Sprechweise (einer sehr akzentuierten und bedächtigen Abfolge von druckreifen Sätzen), erzählt heute aus-füühr-lich von seinen damaligen Altstadtplänen, streift auch die Probleme bei der Umsetzung und zeigt nicht ganz ohne Stolz, was daraus geworden ist. „Die Idee, aus dem St.-Jakobs-Platz das zu machen, was er heute ist, hatte als Erste Charlotte Knobloch, die damalige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde“, erinnert sich der Alt-OB und nimmt einen Bissen von einem koscheren Apfelstrudel. „Auch ich wollte die Münchner Juden, deren Synagoge damals noch in einem Rückgebäude untergebracht war, symbolisch wieder ins Stadtzentrum holen.“

Christian Ude, 73, genießt die Ovationen. Jovial, herzlich, für alle hat er ein freundliches Wort übrig. So war das früher, so ist es heute.

Schmunzelnd erzählt er: „Charlotte Knobloch kam eines Tages zu mir ins Amtszimmer im Rathaus in den zweiten Stock und sagte: ‚Lieber Herr Ude, meine Gemeinde wünscht, auf dem St.-Jakobs-Platz eine Synagoge und ein jüdisches Zentrum zu errichten!‘ Ich war sofort elektrisiert! Plötzlich hatte ich für zwei Probleme eine Lösung! Erstens: Wie und wo verschaffe ich dem Münchner Judentum wieder einen angemessenen Platz und eine würdige Stätte im Stadtbild? Zweitens: Was mache ich mit diesem hässlichen St.-Jakobs-Platz? Der war seit der Bombenzerstörung im Zweiten Weltkrieg nämlich eine scheußliche Kiesfläche, auf der außer den Hunden niemand Geschäfte verrichten konnte. Ich erklärte das Projekt zur Chefsache.“

Widerstände gab es einige: Kritisiert wurde anfangs, dass es in der Altstadt kaum mehr Freiflächen geben würde (auch der Marienhof hinterm Rathaus sollte damals noch bebaut werden, was heute längst vom Tisch ist) und die Freihaltung von Freiflächen in der Altstadt sei doch das ökologische Gebot der Stunde. Am meisten ärgerten Christian Ude die geheuchelten Einwände: „Hier in der Altstadt seien doch viel zu viele Menschen unterwegs und mit ihnen steige doch die Gefahr von Anschlägen.“ Oder: „,Unser katholischer Sankt Jakob hat doch mit dem Jakob, den die Juden verehren, nichts zu tun.‘ Gegen diese Stimmen musste ich die Öffentlichkeit mobilisieren.“

Es ist ihm gelungen.

Heute ist das jüdische Zentrum am St.-Jakobs-Platz, übrigens das größte Europas, aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Aus der hässlichen Kieswüste ist ein attraktiver urbaner Platz mit architektonischen Highlights entstanden: mit der Synagoge, deren Sockel an die Klagemauer in Jerusalem erinnert, mit ihrem hellen, transparenten Aufbau. Mit dem städtischen Jüdischen Museum, das sich mit einer großen Glaswand dem Platz zuwendet. Mit dem Gemeindezentrum, das einen der vielseitigsten Veranstaltungsräume der Stadt und Einrichtungen für Kinder und Jugendliche beherbergt. Mit all dem blüht das Leben der Israelitischen Kultusgemeinde in München wieder auf – mit Vorträgen, Literaturabenden, jiddischem Kabarett oder mit Ereignissen wie den Jüdischen Filmtagen. Das koschere Gemeinderestaurant Einstein bietet eine internationale Speisekarte von Wiener Schnitzel über Hummus bis hin zu mediterraner Küche. Beliebt ist der Apfelstrudel (gebacken ohne Milch) übrigens nicht nur beim Alt-OB.

Wir führen unseren Altstadtspaziergang fort, und Christian Ude bleibt kurz am Marienplatz stehen, um einem obdachlosen „Biss“-Verkäufer ein Heft abzukaufen. „Ich bin nämlich der ,Bissʻ-Verkäufer Nummer eins!“, sagt er. „Diese Einrichtung, dass Obdachlose ein gutes Printprodukt verkaufen, habe ich von Anfang an unterstützt.“ Daher habe er damals bei der Gründung auch als OB die symbolische Verkäufernummer eins verliehen bekommen. Dann schweift sein Blick kurz hinüber zum imposanten Rathaus. „Da oben hinter den Fenstern im zweiten Stock war mein Büro“, sagt er und nickt wieder einigen Passant*innen zu, die ihn erkennen, „die ganze Fensterfront von links bis zur Mitte!“

Kulturzentrum, Einkaufsarkaden, Bücherpalast – die Münchner Altstadt ist an allen Ecken faszinierend. Und die Freude, mit der uns der Initiator all dieser so unterschiedlichen Erlebniswelten da durchführt, ist offensichtlich.

Nach wenigen Gehminuten sind wir bei den Fünf Höfen. Vor 18 Jahren wurde die Einkaufspassage an der Theatinerstraße mit ihren 62 Läden und Gastronomiebetrieben eröffnet. Das Konzept wurde ein Riesenerfolg – auch für den damals verantwortlichen ersten Mann im Rathaus. „Hier wollten wir eine lebendige gewerbliche Nutzung gestalten, möglichst kleinteilig, mit vielen großen Firmen, die hier ihre Produkte vermarkten, mit der typisch münchnerischen Einzelhandelsvielfalt. Ein Streitthema war, ob man die Höfe überdacht. Wir haben dann eine Lösung gefunden, die ein freies Gefühl nach oben vermittelt und sogar etwas Bepflanzung erlaubt und dennoch dem Publikum bei schlechtem Wetter ermöglicht, unter einem Dach die Angebote zu genießen.“

In einem alten Ambiente eine zeitlos moderne Einkaufsmeile mit großzügiger Architektur, das Zusammenspiel von Denkmalschutz und modernen Gestaltungselementen zu schaffen, darauf setzte die Münchner Geschäftswelt, und bis heute flanieren jährlich ein paar Millionen Menschen durch die Fünf Höfe. So wie Ude heute. Er spaziert durch „sein“ elegantes Einkaufsparadies, bleibt häufig stehen, einmal fragt er eine ältere Dame, die ihm entgegenkommt: „Was kauf’ mer denn heute ein?“ – „Weiß ich noch nicht, aber eins weiß ich: SIE hab ich immer gewählt. Sie würde ich auch heute wieder wählen.“ Ude schmunzelt. Münchens Ehrenbürger genießt offensichtlich seine Beliebtheit in der Stadt.

Wir schauen beim Literaturhaus vorbei, ebenfalls eine Einrichtung, die auf Christian Udes Initiative hin entstanden ist und wohl noch mehr seiner Mentalität entspricht als alle Shoppingmalls der Welt. „Ich bin ja nicht nur gelernter Journalist, sondern definiere mich heute auch ein bissl als Schriftsteller und Satiriker“, sagt er, als wir die weite Treppe hinauf zum Saal nehmen, vorbei an all den vielen, die hier schon zu Lesungen geladen waren: „Der Ort, wo Stimmen der internationalen Literatur Gestalt annehmen“, nennt er es, und es klingt wieder druckreif, als wir hoch über Münchens Dächern an der riesigen Fensterfront im obersten Stock des Literaturhauses stehen.

Das Literaturhaus, das Ude am 5. Juni 1997, ebenfalls nach einer komplizierten Bau- und Finanzierungsgeschichte mit nachdenklichen Worten eröffnete, ist nicht nur für seinen Lesesaal berühmt, sondern auch für sein geräumiges Café- Restaurant im Erdgeschoss. Und was hat die an Büchern, Ideen, Diskussionen, Themenabenden und Lesungen interessierte Münchner Gesellschaft hier nicht alles erleben dürfen: gereizte Satirikerinnen, angetrunkene Popliteraten, Krimiautoren mit Dreitagebart, Bestsellerautorinnen in Turnschuhen, Journalisten, die die Werke politischer Häftlinge vortragen – wer etwas im internationalen Literaturbetrieb auf sich hält, ist hier irgendwann zur Lesung geladen. Und gefühlt hundert Mal war Christian Ude dabei – als Initiator, Gastgeber und auch mal als Gast.

Kulturzentrum, Einkaufsarkaden, Bücherpalast – die Münchner Altstadt ist an allen Ecken faszinierend. Und die Freude, mit der uns der Initiator all dieser so unterschiedlichen Erlebniswelten da durchführt, ist offensichtlich: „Ja, es war eine gute Zeit“, resümiert der Alt-OB, „und ich hab doch einiges bewegen können – auch wenn manches nicht so glatt gelaufen ist, wie ich es mir gewünscht hätte. Die Münchner Altstadt ist und bleibt jedenfalls weltweit meine Lieblingsflaniermeile. Mehr noch als mein geliebtes Mykonos.“

Dort ist Christian Ude übrigens ebenfalls Ehrenbürger.

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Text: Hasan Cobanli; Fotos: Frank Stolle
La nave Alte Utting su un ponte di Monaco

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