Caféinhaberin Stephanie Bjarnason und Autorin Anika Landsteiner sitzen vor dem Café Blá.
Die neue Kaffeekultur

Ein Liebesbrief an die Münchner Cafészene

Unsere Autorin verbringt ihre Freizeit am liebsten in Cafés, denn: Für sie ist die Cafészene, was für andere das Nachtleben ist: bunt, abwechslungsreich und eine wichtige Säule im Kennenlernprozess einer Stadt. Dabei nimmt sie Konzepte unter die Lupe, trifft junge Inhaberinnen und entdeckt ganz besonderen Kaffee. 

In einem Café zu sitzen, bedeutet für mich in erster Linie anzukommen. Wo auch immer das sein mag. Ich öffne eine Tür, setze mich und bleibe erstmal. Ich kann mich zurückziehen und zur Beobachterin werden oder ich kann mich mit Menschen verabreden und hineinwerfen in Geselligkeit. Durch Cafébesuche bekomme ich authentische Einblicke in das Stadtviertel, in dem ich mich befinde. Wer ist hier Stammgast, was wird getrunken, wer kennt sich untereinander, was wird gegessen? Und vor allem: Wie riecht und schmeckt der Kaffee?

Als eine, die viel reist, bin ich im Ausland oft auf der Suche nach den Cafés, die von Einheimischen besucht und von Touristen oftmals unentdeckt bleiben. In München hingegen steuere ich regelmäßig meine Stammadressen an, die sich vor allem durch sehr guten Kaffee, einer unverwechselbaren Wohlfühlatmosphäre und Authentizität zusammensetzen. Da sich jedoch in der Szene richtig was tut, lohnt sich der Blick über den eigenen Kaffeetassenrand immer wieder. 

„In Island trinken alle Kaffee! Morgens, mittags, abends, und auch in der Sauna.“
Stephanie Bjarnason

Die Münchner Cafészene ist bunt und abwechslungsreich, noch dazu entwickelt sie sich gerade aufgrund junger, kreativer Köpfe weiter. Es gibt die Cafés Marke ‚Omas Wohnzimmer‘ mit samtbezogenen Ohrensesseln und Lüstern an der Decke - das klitzekleine Café Franca in Schwabing ist hier ein wunderbarer Vertreter. Es gibt die mit der schicken und aufgeräumten Atmosphäre wie das Man vs. Machine im Glockenbach, und es gibt Nischen, die wunderbar besetzt werden – zum Beispiel die nordische vom isländischen Café Blá (blá heißt ‚blau‘ auf isländisch), das von Stephanie Bjarnason geleitet wird, die mit ihren nordischen Wurzeln im Süden Bayerns ein Stück ihrer Heimat auftischt.

 

Isländische Kaffeekultur und eine unaufgeregte Atmosphäre

Die Gabel gleitet durch eine leichte Joghurt-Creme, dann sticht sie in den crumbligen Boden. Der Skyr-Kuchen schmeckt himmlisch. Ich trinke einen Schluck meines Cappuccinos, lehne mich zurück und lächele die junge Frau an, die mir gegenüber sitzt: Stephanie, die mit ihrem Café Blá 2016 die isländische Kaffeekultur nach München gebracht hat. Doch was genau verbirgt sich hinter ihrem Konzept?

„Eine Willkommenskultur für alle. Ich kann mich noch gut an meine Kindheit erinnern, wenn wir durchs Land gereist sind und absolut nichts los war, bis ein Bauernhof auftauchte. Dann haben wir dort geklingelt und wurden auf „10 Tropfen“, so ein isländisches Sprichwort, eingeladen, was bedeutet: Komm rein auf einen Kaffee.“ Und weil wohl die wenigsten bei Kaffeeverköstigung an die Insel im hohen Norden denken, fügt Stephanie hinzu: „In Island trinken alle Kaffee! Morgens, mittags, abends, und auch in der Sauna.“

Das Café Blá liegt weder in meinem Viertel noch auf irgendeinem Nachhauseweg. Und trotzdem bin ich hier immer wieder, denn die Atmosphäre ist unaufgeregt und weltoffen. Irgendjemand an irgendeinem Tisch spricht immer Englisch. „Wir haben eine tolle, internationale Mischung an Gästen“, unterstreicht die Inhaberin meine Beobachtung und kommt dann auf die Besonderheit des Kaffees zu sprechen. Es werden nämlich ausschließlich helle Röstungen verwendet, was daher kommt, dass die Kaffeebohne durch ein manuelles und natürliches Trommelverfahren geröstet wird.

„Durch die Kurzröstung von 10 bis 20 Minuten entwickeln sich fruchtige Aromen und nicht die oftmals industriell üblichen Bitterstoffe.“ Dieses Verfahren übernimmt die Münchner Rösterei Vits für das Café, allerdings in enger Zusammenarbeit mit Stephanie, die eine eigene Hausmarke kreierte und immer ganz nah dran ist am Prozess.

Ich frage sie, was sie selbst am liebsten bestellt und sie antwortet: „Handgefilterten Kaffee, da ich ihn gerne schwarz und ohne Milch und Zucker trinke. So schmecke ich die natürlichen Aromen am besten heraus.“

Ich komme hierher auf einen Plausch mit Stephanie, mit Freunden oder zum Arbeiten, dann lasse ich meinen Blick oft durch das schlichte und in Blautönen gehaltene Café schweifen, das so unverkennbar daherkommt. „Es ist schön zu sehen, dass sich immer mehr Menschen trauen, ein eigenes Café zu eröffnen und damit Franchise-Ketten durchbrechen", sagt Stephanie dann. Und ich denke mir:  Schön ist’s hier. Und wie das duftet.

Café Blá, Lilienstraße 34

Auch schön: Standl 20, Café Erika, bean batter

Die kosmopolitische Antwort auf bayerische Gemütlichkeit

Im Herzen der Maxvorstadt liegt Mary’s Coffee Club. Instagrams Wohnzimmer und mittlerweile auch meins, wenn ich zu Hause an meinen Texten nicht mehr weiterkomme und einen Tapetenwechsel benötige. Schnell ins Auge fallen nämlich die Sitzflächen, Farbe Korallenpuder, wie Besitzerin Maren Weiss mit Augenzwinkern erklärt, die an ein amerikanisches Diner erinnern und einen passenden Kontrast zu den jägergrünen Wandfliesen bieten. Die stilvolle Einrichtung trifft nicht nur ein zeitgenössisch-urbanes Flair, vieles ist hier maßangefertigt und handgemacht, so zum Beispiel auch die Neonröhre mit dem Schriftzug des Cafénamens.

„Es soll ein Coffeeshop 2.0 sein, sozusagen ein Spagat zwischen Café und Restaurant. Ein Ort, an dem man sich wohl fühlt und das Ambiente speziell ist.“
Maren Weiss

„Die Kaffeekulturen von New York, San Francisco und Melbourne haben mich am stärksten beeinflusst“, antwortet Maren auf meine Frage, warum ihr Café so kosmopolitisch wirkt. Dass es hier international zugeht, schmeckt man auch den Gerichten an. Im Sommer gibt es eine leichte Tel Aviv-Bowl, die vorwiegend aus kalten Speisen wie frischen Zucchini-Spaghetti und cremigem Hummus besteht, in den kälteren Monaten lockt ein indisch-pakistanisches Masala-Curry. Dauerrenner wie der Avocado-Smash fehlen natürlich nicht auf der Karte und das Banana Bread, das eher selten auf Münchner Speisekarten zu finden ist, schmeckt unverschämt gut.

Maren Weiss wollte eine ganz bestimmte Lücke im Münchner Café-Kosmos schließen: „Es soll ein Coffeeshop 2.0 sein, sozusagen ein Spagat zwischen Café und Restaurant. Ein Ort, an dem man sich wohl fühlt und das Ambiente speziell ist.“ Ich empfinde das Vorhaben als gelungen. Um mich herum sitzen viele junge Leute, die an ihren Laptops arbeiten, ein paar sind zum Frühstück verabredet, die Stimmung ist ausgelassen. Ich habe das Gefühl, dass diejenigen, die kommen, auch bleiben, und zwar länger als auf einen feinen Espresso oder samtig-weichen Flat White.

Was schätzt die junge Unternehmerin, der auch das Café Daddy Longlegs ums Eck gehört, an der Cafészene der Stadt? „Es gibt viele individuelle und inhabergeführte Läden, in denen Hausgemachtes verkauft wird. Langsam baut sich auch eine Kaffeekultur auf, denn manche Betriebe haben beispielsweise ihre eigenen Röstereien.“

Die ruhige und etwas versteckte Lage in der Amalienpassage macht Mary’s Coffee Club genauso aus wie die schicke Einrichtung, die große Terrasse mit dem Sonnensegel und die eigene Hausmischung des Kaffees einer Münchner Rösterei. Außergewöhnlich ist vor allem, dass die Frühstücksgerichte den ganzen Tag über bestellt werden können. Genau so, wie Mary das auf ihren Reisen in verschiedenen Weltmetropolen entdeckte und dann nach München brachte.

Mary’s Coffee Club, Türkenstraße 86A

Auch schön: Daddy Longlegs, Das Maria, Occam Deli

Stephanie Bjarnason und Maren Weiss sind nur zwei junge Unternehmerinnen von vielen, die in der Münchner Cafészene längst nicht mehr wegzudenken sind. Ihre Motivation, Liebe zum Handwerk und der Wunsch, auch in Sachen Kaffee eine Tür zu öffnen und internationale Einflüsse hereinzulassen, machen ihre Arbeit aus.

Neben ihnen bestehen auch traditionelle Cafés wie das Luitpold, das bereits 1888 gegründet wurde. Ein geschichtsträchtiger Ort, der die Atmosphäre des dazugehörigen Palmengartens mit dem des prunkvollen Kaffeehauses verbindet. Oder das Café Jasmin, dessen Interior denkmalgeschützt ist - eine der Lieblingsanlaufstellen von Mick Jagger, wenn es um süße Verführungen geht.

Im Café sitzen ist und bleibt, wie ein Stück heile Welt naschen. Eine Insel in der Großstadthektik, die Zuflucht bietet. Mit einem Getränk in der Hand, das sich über Jahrhunderte hinweg zu einer ritualisierten Gewohnheit entwickelte. Ich werde immer auf der Suche sein nach den nächsten schönsten, interessantesten und außergewöhnlichsten Cafés der Stadt. Sie zu finden, betreten und zu verweilen –  das macht den Zauber dieser Wohlfühlorte aus.

Schon gewusst?

Kosmos Kaffee – die Sonderausstellung des Deutschen Museums im Sommer 2019

Im Juli 2019 eröffnet im Deutschen Museum die Sonderausstellung „Kosmos Kaffee“, die sich dem Thema Kaffee auf sinnlich-emotionale Weise nähert, aber auch chemische und technische Abläufe beleuchtet sowie kulturelle, ökologische und soziale Auswirkungen darstellt. Ein Muss für alle, die Kaffee lieben und gleichzeitig alles Wissenswerte darüber erfahren möchten.

 

Café Tambosi: Das traditionsreiche Kaffeehaus

Das Tambosi wurde bereits 1775 gegründet, die Terrasse mit Blick auf die Feldherrnhalle und den gesamten Odeonsplatz gilt als Münchens bekannteste Sonnenterrasse. Neben dem Café im Erdgeschoss und dem angeschlossenen Biergarten gibt es seit 2018 im ersten Stock ein gehobenens italienisches Restaurant.
Kurios: Giuseppe Tambosi, der Sohn von Luigi Tambosi, welcher das bis heute gleichnamige Kaffeehaus eröffnete, soll nach einer These des Historikers Rudolf Reiser der Vater beider Söhne von König Maximilian II. sein. Dieser hatte sich 1835 in den Budapester Bädern eine Geschlechtskrankheit eingefangen und konnte somit keinen Nachwuchs sichern. Wenn man dem Historiker Reiser glaubt, war also der Kellermeister Giuseppe Tambosi der Vater Ludwigs II.

 

Münchner Kaffeeröstereien und der Spezialitätenkaffee

In München gibt es einige Kaffeeröstereien, die Cafés beliefern oder gleich selbst ausschenken: Das Man vs. Machine zum Beispiel, ein stylishes Café im Glockenbach, wo ausschließlich Spezialitätenkaffee in die Tassen fließt. Mit diesem Siegel wird gewährleistet, dass vom Bauern hin zum Endverkäufer harmonisch und auf hohem Standard zusammengearbeitet wird. Und das schmeckt man! Weitere Röstereien, die Spezialitätenkaffee anbieten, sind unter anderem: gangundgäbe, Vits und emilo.

Porzellanmanufaktur Nymphenburg

1747 wurde die Porzellanmanufaktur Nymphenburg gegründet, seitdem wird in München hochwertiges Porzellan hergestellt, wofür immer wieder zeitgenössische Künstler angeworben wurden. Im Museum des Schloss Nymphenburg können über 1000 Exponate besichtigt werden, darunter natürlich auch handgefertigte Kaffeeservice.

 

Die Marke Dallmayr und das Stammhaus

Die Marke Dallmayr der gleichnamigen Familie steht bereits seit 1700 für Delikatessen und gilt bis heute als eine der bekanntesten deutschen Kaffeemarken. Das Stammhaus im Herzen der Altstadt ist immer einen Besuch wert!

 

Das Social Business Kuchentratsch

Zu einem guten Kaffee gehört ein mindestens genauso leckerer Kuchen. 2014 hat die damals erst 24-jährige Katharina Mayer das soziale Unternehmen Kuchentratsch gegründet, wo sie Senioren zusammenbringt, die Kuchen backen und sich somit gleichzeitig etwas dazu verdienen. Die Auslieferungen an Firmen, Privatkunden und Cafés wird ebenfalls durch Senioren übernommen – derzeit arbeiten 35 Rentner in der Backstube und 7 Vollzeitmitarbeiter bei Kuchentratsch.

 

 

Text: Anika Landsteiner; Fotos: Frank Stolle