Sommerliches Ufer entlang des Flusses in München

Liebesbrief an den Münchner Sommer

Die Olympischen Sommerspiele

Der einsamste Berggipfel, der blauste See, der lauschigste Biergarten im Umland: Wenn es ab Mai in München endlich wieder richtig warm wird, tragen alle schon eine persönliche Sommer-Abhakliste im Kopf mit sich herum.

Wann der Münchner Sommer einsetzt, das lässt sich nicht genau am Kalender feststellen. Grob gesagt beginnt er irgendwann zwischen Rotkreuzflohmarkt auf der Theresienwiese und Kocherlball. Für viele Münchner*innen ist Sommer aber einfach ab dem Zeitpunkt, ab dem kein Schnee mehr auf den Gipfeln in der Ferne zu sehen ist und die Skisachen in den Keller kommen.

Die Sehnsucht nach den Bergen lässt damit freilich nicht nach, im Gegenteil. Was sich kaum eine andere deutsche Metropole gefallen lassen würde, gehört hier nämlich fest zum Sommermodus: Das Umland macht Druck! Einheimische lassen sich jedenfalls so etwa ab Mai durch ihren oberbayerischen Vorgarten in eine sommerliche Unruhe versetzen, einfach weil es da so verflixt reizvoll ist.

Für den Münchner liegt im Sommer der schönste Abenteuerspielplatz traditionell nun mal vor der Stadt.

Berliner*innen schaffen es ja kaum raus aus ihrem Kiez und wenn, um mal mühsam an einen der brandenburgischen Seen zu navigieren und dort ein Wochenende lang den Schauder der Nicht-Zivilisation zu genießen – das genügt dann aber auch. In Hamburg nimmt man sich zwar den ganzen Sommer vor, baldigst an den nächsten Strand zu fahren, belässt es aber oft genug bei der Idee, denn große Pötte und eine Meeresbrise hat man ja auch in der Stadt.

Für die Münchner*innen aber liegt im Sommer der schönste Abenteuerspielplatz traditionell nun mal vor der Stadt, das Umland wird gewissermaßen annektiert, die Stadtgrenzen kurzerhand bis zum Autobahnende bei Eschenlohe verschoben. Denn isaraufwärts locken Biergärten, Badeplätze, Berge und Barockkirchen, die man schon als Kind besucht hat und von denen man sich jedes Jahr vergewissern muss, ob sie noch da sind.

Man trägt so eine ganz eigene Sommer-Abhakliste im Kopf herum: Von diesem Steg am Pilsensee ins Wasser springen, ein bestimmtes Erdbeerfeld hinter Wolfratshausen plündern, ein Stadlfest im Fünfseenland besuchen, auf diese Hütte, zu diesem Braustüberl und zu jenem Gumpen und mindestens einmal mit dem Schlauchboot in die Stadt zurücktreideln, denn sonst – ist der Sommer einfach nicht komplett!

Den Respekt der Straße verdient sich derjenige, der freiwillig einen Geheimtipp in Sachen Karwendelgipfel oder einen gut versteckten Badeplatz an den Osterseen herausrückt.

Es ist hier jedenfalls auch unter jungen Menschen voll akzeptiert, Clubnächte früh zu beenden, weil man am nächsten Tag wandern gehen möchte. Und den Respekt der Straße verdienen sich diejenigen, die freiwillig einen Geheimtipp in Sachen Karwendelgipfel oder einen gut versteckten Badeplatz an den Osterseen herausrücken. Denn das sind im Sommer die eigentlich wichtigen Statussymbole in München.

An den schönen Samstagen im Juni ist die halbe Stadt um acht Uhr auf den Beinen und gleicht insgesamt eher einem Expeditions-Camp: Alle schultern hektisch Rucksäcke, Schlauchboote und Kinder, um beim gemeinsamen Ansturm auf die Natur zumindest halbwegs vorne dabei zu sein. Dann zeigt sich auch die einzige topographische Fehlplanung der Landeshauptstadt: Wären Seen und Berge ein bisschen gleichmäßiger rund um München verteilt worden, ginge die ganze Sache etwas gemütlicher ab.

So aber kapriziert sich der kollektive Freiheitsdrang auf zwei Autobahnen und das Gelände dazwischen. Und wenn man Pech hat, steht man morgens hinter den gleichen Menschen im jodelnden Ausfall-Stau, die einem dann in Folge auch den letzten Wanderparkplatz, das letzte Tretboot und auf der Rückfahrt wieder den letzten Stellplatz in Haidhausen wegschnappen.

Wem das passiert, der spürt den Ehrgeiz, nächste Woche den Spieß umzudrehen und dann früher, weiter, höher als die anderen zu kommen. Das sind sozusagen die ewigen olympischen Sommerspiele in München. Aber eigentlich macht dieser Freizeit-Wettkampf die Sache auch erst interessant. Und irgendwie findet ja jeder trotzdem noch ein Plätzchen, an dem die Welt ringsum so aussieht, wie auf einem der Weißbier-Werbeplakate in der Stadt – weiß-blau und süffig.

Für stoische Innenstädtler*innen, solche gibt es auch, beginnt der Sommer vielleicht mit dem ersten richtigen Biergartenabend. Also einem, an dem man nicht friert und keine Blütenpollen mehr von der Bank wischen muss und an dem, wenn man genau hinhört, so ein ganz münchnerisches Geräusch über der Stadt liegt – das kollektive Abkratzen von zu viel Breznsalz nämlich.

Und irgendwie findet jeder noch ein Plätzchen, an dem die Welt ringsum so aussieht, wie auf einem der Weißbier-Werbeplakate in der Stadt – weiß-blau und süffig.

Das ist ja eine Sache, die die Einheimischen wie nebenbei und selbstverständlich erledigen, mit wohldosierten Bewegungen. Schließlich gilt: Ein bissl Salz ist unabdingbar für den guten Durst. Aber zu viel sorgt für Brand im Mundwinkel und auf lange Zeit für einen sogenannten Schwellschädel. Merkhilfe für Zuagroaste: Das Salz am Boden ist im Winter gegen Glatteis, im Sommer kommt es von den Brezn!

Aber auch wenn man in der Stadt bleibt, wird man übrigens nicht ganz vom herrlichen Freizeitkoller verschont. Wer an den schönen Samstagabenden etwa zu spät an die Stadtisar kommt, kann schon mal leichte Beklemmung verspüren. Aber irgendwie ist dieses allabendliche Festival, dieses bunte Massenlager an unserem Fluss auch schön. Denn es erzählt eben nicht nur von legendären Lagerfeuerrunden, wassergekühltem Bier und nächtlichem Badespaß, sondern auch ganz einfach: vom Sommer in der schönsten Stadt.

 

 

Text: Nansen & Piccard; Fotos: Dominik Morbitzer

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