Portraitbild von Schichtl-Eigentümer Manfred Schauer

Interview mit Manfred Schauer, dem Schichtl

„Das Schönste, was man verschenken kann, ist Lachen“

Das Varieté-Theater Schichtl ist mit über 150 Jahren das älteste Schaugeschäft auf dem Oktoberfest: Die Attraktion ist die „Enthauptung eines lebenden Menschen mittels Guillotine“. Hinter und natürlich vor dem Schichtl steht seit 1985 Manfred Schauer, der das Theater mit seinem Münchner Charme und Humor sozusagen neu erfunden und zu einer Erfolgsgeschichte gemacht hat. Im Gespräch verrät er, wie man den Begriff „Köpfen“ politisch korrekt auf Bairisch umschreibt und was selbst große Magier wie David Copperfield am Schichtl fasziniert.

Ein Vormittag Anfang August. Zum Interview treffen wir uns bei Manfred Schauer zu Hause im Stadtteil Obersendling. Ein Mann der Alten Schule. Es kommt einem sehr schnell der Begriff „Münchner Original“ in den Sinn. Sein Humor: eine Art Mischung aus Karl Valentin und Gerhard Polt, etwas trocken, hintergründig, nachdenklich, oft ironisch und um die Ecke gedacht.

 

Warum, denken Sie, hat sich der Schichtl auf der Wiesn so lange gehalten?

In erster Linie, weil immer noch Leute hingehen. Der Schichtl lebt schon sehr viel von der Tradition. Es sind vor allem die Münchner – die Echten und zugezogenen Echten –, die den Schichtl am Leben erhalten. Da ist aber ein deutlicher Strukturwandel zu spüren: Ich sehe immer weniger entspannte Flaneure auf der Wiesn. Früher waren auch mehr Familien unterwegs. Hier spreche ich jedoch lediglich von meiner Position auf der Bühne vor meinem Varieté aus in der Schaustellerstraße, von wo ich bis zu 25 Mal am Tag meine Eindrücke sammle – oder die mich. Mit das Schönste, was man dort verschenken kann, ist Lachen. Und das machen wir, weil es vor dem Zelt einfach nichts kostet. Ich hoffe aber auch, dass es trotzdem etwas wert ist.

Hat es auch etwas mit der Faszination der Guillotine zu tun?

Ja, in der Tat. Der historische Bestandteil bei uns ist die Enthauptung einer lebenden Person. Der Schichtl hat mit diesem Trick viele politische Rangeleien und Strebungen sowie zwei Weltkriege überlebt und hat sich niemals seiner ältesten Attraktion berauben lassen. Mich freut und wundert es, dass ich bis jetzt damit in Ruhe gelassen werde, was das Thema „Köpfen“ betrifft. Die Zeit war ja noch nie so feinfühlig, empfindlich und wehleidig wie heute. Aber da hilft einem das Bairische enorm: Ich sage schon nicht mehr „köpfen“, sondern „mir haun Eich an Schädl obe“ – und wer das versteht, der regt sich auch nicht auf, und wer sich vielleicht aufregt, dann deswegen, weil er es eventuell nicht versteht. So erkläre ich, was wir tun, aber nur für die, die es verstehen. Verstehen Sie?

 

Manfred Schauers Handy klingelt etwa zum dritten Mal seit Beginn des Gesprächs. Dazwischen das Festnetzgerät. Zwei Monate vor dem Oktoberfest geht es bereits ziemlich rund. Er schaltet auf lautlos: „Sonst werden wir hier heute nicht mehr fertig.“

Wen haben Sie schon enthaupten lassen? Gibt es da auch besondere Geschichtln?

Köpfen tun wir jeden, da sind wir klassenlos. Bei uns kommt jeder dran – egal ob privat oder Kasse, egal ob Mensch oder Preiß. Da sind wir souverän und stehen drüber. Und auch die Frage nach Prominenten wird mir natürlich oft gestellt. Wenn wir zwei Tage Zeit hätten, könnte ich jetzt da natürlich viel erzählen, weil prominent ist quasi jeder, der schon mal auf dem Schafott gelegen ist.

David Copperfield war zum Beispiel zwei Mal da – er wollte nachschauen, wie es geht. Fazit: Alles was der noch übt, haben wir schon längst wieder vergessen. Das liegt aber daran, dass wir uns nichts merken können. Nach seinem Besuch bei uns ist Copperfield in Resignation und Agonie verfallen, man sieht und hört ja eigentlich nichts mehr von ihm. Aber Scherz beiseite: Ich denke, er hat nicht vergessen, wie er selbst einmal angefangen hat, und wollte uns einfach ganz unkompliziert und nett seine Referenz erweisen. Den Trick der Guillotine haben wir natürlich nicht verraten. Er hat wohl damals nach „großer Magie“ gegoogelt und unter „a“ wie „ausgesprochen gut“ ist der Schichtl erschienen. Siegfried vom Magierduo Siegfried und Roy war zum Beispiel auch zwei Mal da.

Sie sind erst der vierte Betreiber des Varietés in den vergangenen 150 Jahren. Das spricht für Sie, der seit 1985 hier auf der Bühne steht und sicher mit Herzblut dabei ist. Wie kamen Sie zum Schichtl?

1983 habe ich mit einem Freund ein Theaterstück geschrieben und aufgeführt – alles auf Laienebene. Und da ist die damals noch sehr junge und unbekannte Schauspielschülerin Christine Neubauer zu uns gekommen. Ein Regionalblatt hat darüber berichtet. Als ich dann 1985 gehört hatte, dass der Schichtl zum Verkauf steht, und mich bei der Festleitung vorstellen musste, wurde ich gefragt, ob ich bereits Bühnenerfahrung habe. Ich habe dann einfach den Zeitungsausschnitt mit einem Foto von uns beiden mitgebracht und konnte somit belegen, dass ich schon mal auf einer Bühne gestanden war. Ich war aber nie im Schichtl oder auch nur davor, bevor ich ihn gekauft hatte. Ich wusste nur, dass es ein Traditionsgeschäft war. So irre muss man mal sein!

„Man muss sich ja überlegen, bei den Tricks, die es heutzutage gibt, ist das naive Kunst, die wir machen – allerdings mit viel Herzblut und Authentizität.“
Manfred Schauer

Sie wussten also eigentlich nicht, worauf Sie sich einlassen?

Überhaupt nicht! Ich war aber schon lange in der Großmarkthalle und das „Machen“ und Herausforderungen habe ich immer geliebt – außerdem ist man natürlich auf die zwischenmenschliche Konfrontation gepolt. Es war ein Wahnsinn damals – ich habe mich in Frack und Zylinder auf die Bühne gestellt und einfach angefangen zu reden. Und Zelt und Bühne waren noch dazu eine richtige Bruchbude. Ich war eigentlich restlos überfordert. Im Vertrauen: Ich kann es ja bis heute noch nicht, aber jetzt merkt man es nicht mehr. Da habe ich noch Blasmusik vom Tonband dazu abgespielt, die Blues-Brothers-Untermalung kam erst Anfang der Neunzigerjahre. Aber nach vier Tagen habe ich mir gedacht, ich schmeiße jetzt entweder alles hin oder ziehe es irgendwie durch. Und dann habe ich eine Systematik in meinen Auftritt gebracht. Man muss sich das mal vorstellen, am zweiten Wiesn-Dienstag im Jahr 1985 war ich dann schon bei Thomas Gottschalk in der Radiosendung als „der neue Schichtl“.

Auch Ihr Bühnen-Outfit ist ja nicht gerade alltäglich.

Ich bin ja bis in die Neunzigerjahre immer in der Lederhose auf die Wiesn und habe mich dann umgezogen in Frack und Zylinder. So, wie mein Vorgänger immer auf der Bühne gestanden war. Dann habe ich mir gedacht: eigentlich ein riesen Schmarrn. Danach habe ich einfach die Lederhose angelassen und in meinen Trachtenjanker habe ich mir eine Ecke mit Leopardenmuster reinnähen lassen. Auch um den Zylinder trage ich ein Leopardenband. Und so ist der Leopard zu meinem Markenzeichen geworden und ist mittlerweile überall drauf. Und ein Outfit hab ich nie gehabt, immer a Gwand!

Wenn man jeden Tag 25 Mal dieselbe Parade macht, kann man die dann im Schlaf auswendig?

Na klar! Das Elend ist aber – ich bekomme sie nicht mehr los. Ich variiere sie aber jedes Jahr und passe sie auf das aktuelle Tagesgeschehen an. Aber nur in Details. Das Große und Ganze steht und bleibt gleich. Es ist deshalb so wahnsinnig schwer, diesen Text loszukriegen, denn er ist mir und dem Kabinett auf den Leib geschneidert. Ich habe mich zum Beispiel im vergangenen Jahr hingesetzt – so wie ich es auch heuer wieder mache – und habe mir neue Sprüche aufgeschrieben. Dann stehe ich da zwei Tage draußen und sage brav meine neuen Sprüche auf, schaue die Leute an und die Leute haben mich angeschaut, und dann denke ich: Habts mich doch alle gern – und habe das vom vorletzten Jahr wieder erzählt. Und alle haben wieder gelacht. Was soll man da machen? Heuer habe ich allerdings eine größere Variation geplant – ich werde mich einfach bewusstlos von der Bühne fallen lassen und sagen: Mach doch weiter, wer will.

„Es war ein Wahnsinn damals – ich habe mich in Frack und Zylinder auf die Bühne gestellt und einfach angefangen zu reden. Und Zelt und Bühne waren noch dazu eine richtige Bruchbude. Ich war eigentlich restlos überfordert.“
Manfred Schauer

Was machen Sie eigentlich selbst am liebsten auf der Wiesn?

Den Schichtl. Ich möchte nichts anderes machen, selbst wenn ich die Zeit hätte oder im Lotto gewinnen würde. Ich komme während der Woche immer gegen 11 Uhr auf die Wiesn. Dann gehe ich meistens in ein anderes Zelt zum Mittagessen, weil ich in meinem eigenen Zelt keine Ruhe hab. Um 12.30 Uhr fängt dann unser Programm an und 11 Stunden später machen wir dann nach rund 25 Vorstellungen wieder Schluss. Es ist körperlich schon hart, aber wenn man es so gerne macht wie wir, dann geht es.

Wie viele Leute stehen hinter dem Schichtl? Und wie oft trifft sich das Team davor zum Proben?

Ich lege sehr viel Wert darauf, dass es bei uns nicht Team, sondern Kabinett heißt. Im Theater sind wir elf Leute und wir haben heuer, da wir ein komplett neues Programm machen, im Juli mit dem Proben begonnen. Fertig mit dem Proben sind wir dann schätzungsweise Mitte Oktober. Dann ist nämlich die Wiesn vorbei und ich werde sagen: Herrgott – jetzt glaub‘ ich, können wir es. Aber im Ernst: Wir haben jedes Jahr ein neues Programm, sonst würden wir wahnsinnig werden. Aber bei stets ähnlichen Sprüchen meinerseits kommt das nur schwer zum Publikum rüber. Wir zeigen also zwei komplett neue Nummern plus die Enthauptung. Die ist im Großen und Ganzen so wie seit 1872. 

Man muss sich ja überlegen, bei den Tricks, die es heutzutage gibt, ist das naive Kunst, die wir machen – allerdings mit viel Herzblut und Authentizität. Aber wir sind ein Rudel von Überzeugungstätern und ich kenne keinen anderen Schaustellerbetrieb, bei dem so viele Leute arbeiten, die nicht nur Beihilfen leisten, sondern jeder für sich einen künstlerischen Beitrag liefert, damit der Schichtl funktioniert. Das macht viel aus und ich bin sehr stolz auf dieses Kabinett, das aus dem Schichtl etwas so Besonderes macht.                                        

Was machen Sie nach dem Oktoberfest, wenn die Saison vorbei ist?

Die Wiesn ist ja nie vorbei. Die Bewerbung fürs kommende Jahr muss bis Ende Dezember bei der Festleitung eingereicht werden. Abgebaut wird bis Ende Oktober. Urlaub mache ich dann im Herbst und Winter nicht, mir gefällt es hier zu Hause sehr gut. Ab und zu schreibe ich auch etwas für die Zeitung. Ich organisiere außerdem noch Veranstaltungen nach dem Motto „Nichts, was der Mensch braucht, aber alles, was Freude macht.“ Isar-Floßfahrten zum Beispiel. Wenn ich Zeit habe, fahre ich ab und zu auch auf einem Floß mit – und wenn die Laune stimmt, fällt mir von ganz allein ein Programm zur Unterhaltung der Gäste ein. Nicht nur auf dem Floß.

Herr Schauer, vielen Dank für das Gespräch.

www.schichtl.by

 

 

Interview: Eveline Heinrich; Fotos: Frank Stolle
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