Stadionsprecher Stefan Schneider

„Ich bin da, wo die Fans sind“

Wer in München zum Eishockey oder zu einem Fußballspiel des TSV 1860 München geht, kennt seine Stimme: Stefan Schneider ist seit fast drei Jahrzehnten Stadionsprecher. Ein Gespräch über Stadiongesang, brenzlige Versprecher und wahre Fanliebe.

Herr Schneider, Sie sind seit fast 30 Jahren Stadionsprecher für den Münchner Eishockey-Club und seit 26 Jahren beim Fußballverein 1860. Worin genau sehen Sie Ihre Aufgabe?

Das hat sich im Lauf der Zeit verändert. Früher hatte ein Stadionsprecher eine andere Funktion. Der hat „Grüß Gott“ gesagt und die Mannschaftsaufstellung vorgelesen und vielleicht mal darüber informiert, dass die Toiletten überfüllt sind. Heute machen wir Infotainment, weil die Leute im Stadion unterhalten werden wollen. Mit Sport alleine ist es längst nicht mehr getan.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Ich erzähle viel mehr: wie oft die Mannschaften schon gegeneinander gespielt haben, wie das ausging, wer die Tore schoss. Und wir haben Rituale, etwa bei der Begrüßung oder beim Tor. Auch die Sponsoren nehmen die Plattformen Fußball und Eishockey heute anders wahr als früher. Früher gab es Werbung auf dem Trikot und den Banden, heute machen sie vor dem Spiel und in der Halbzeit Aktionen, bei denen die Leute beim Toreschießen 100.000 Euro gewinnen können – oder was sich die Vermarkter da alles ausdenken.

Ist das eine gute Entwicklung?

Die ist vollkommen in Ordnung. Es ist halt moderner geworden. Genau wie bei Konzerten: Früher standen da vier Burschen mit wilden Frisuren auf der Bühne, die Musik gemacht haben, und die Leute waren begeistert. Heute wollen sie ein Bühnenspektakel und ein Feuerwerk. Als ich angefangen habe, gab es ja nicht mal diese Fanmechanismen, bei denen das Publikum antwortet, wenn der Stadionsprecher etwas sagt. Das gehört heute zu jedem Spieltag dazu.

Wann hat das angefangen?

Ich kann mich erinnern, wie mich nach meinem ersten Spiel als Stadionsprecher bei 1860 der damalige Präsident Karl-Heinz Wildmoser fragte: „Sind Sie sicher, dass man das so macht, wie Sie das heute gemacht haben?“ Ich war da schon einige Jahre beim Eishockey gewesen, und dort war es längst normal, dass nach einem Tor der Vorname des Schützen von mir und der Nachname von den Fans gerufen wurde. Beim Fußball gab es das noch nicht. Aber weil ich wusste, dass da in der Kurve viele meiner Fans von Hedos, also vom Eishockey standen, habe ich mir gedacht: Das machen wir jetzt auch! In so einem großen Stadion hat das natürlich mehr Dampf, wenn der Fan da antwortet. Über die „Sportschau“ hat Fußballdeutschland dann mitbekommen, dass München da was anders macht – und es hat nicht lange gedauert, dann war das etabliert.

Sie waren also der Vorreiter?

Ich war auch der erste „kommunale Freigänger“. Ich habe damals gesagt, ich setze mich nicht da oben in die Sprecherkabine rein. Ich möchte unten auf dem Platz ein Mikrofon. Ich wusste ja vom Eishockey, dass das der bessere Platz ist.

Warum war das im Eishockey schon so viel etablierter?

Das kam wahrscheinlich aus Amerika. Da hatten die schon früh ihre Orgeln und haben Musik gespielt. Und es ist natürlich auch so: Wenn irgendwo ein Dach drüber ist, dann heizt sich die Stimmung noch viel mehr auf. Du wirst schwerlich irgendwo eine Sportveranstaltung finden, bei der es so brennt wie beim Eishockey, wenn es um was geht.

„Wenn du einen guten Abend hast, dann läuft es wie geschnitten Brot, aber du darfst nie übermütig werden, denn wenn dir die Stimmung kippt, dann fängst du die schwer wieder ein.“
Stefan Schneider

Und trotzdem ist die Stimmung weniger aggressiv als beim Fußball.

Ja, im Fußball ist oft Zündstoff drin. Beim Eishockey stehen nur die Spiele gegen Augsburg unter besonderer Beobachtung der Polizei. Beim Fußball gibt es inzwischen vor fast jeder Partie eine „Kalte Lage“, bei der die Verantwortlichen von Schiedsrichter bis Stadionsprecher mit der Polizei alle Gefahren durchgehen. Ich weiß nicht, wie viele Deeskalationsschulungen ich hinter mir habe.

Haben Sie viele brenzlige Situationen erlebt?

Ich erinnere mich vor allem an eine, an der ich auch noch selbst schuld war. Ich hatte in meinen Jahren kaum Versprecher, aber ausgerechnet bei einem Spiel gegen Energie Cottbus war ich kurz unkonzentriert und habe durchgesagt: „Erzgebirge Aue wechselt aus“. Die waren in der Woche davor da gewesen, und die beiden Mannschaften sind nicht gerade befreundet. Da dauerte es nur ein paar Sekunden und die Fans wollten das Spielfeld stürmen.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe mich natürlich sofort entschuldigt und das hat zum Glück geholfen, aber das sollte bei so einem hitzigen Spiel natürlich nicht passieren. Ich habe mal gesagt: Im Bierzelt, im Eishockey- und im Fußballstadion musst du aufpassen. Wenn du einen guten Abend hast, dann läuft es wie geschnitten Brot, aber du darfst nie übermütig werden, denn wenn dir die Stimmung kippt, dann fängst du die schwer wieder ein. Ich habe seit zwölf Jahren die große Ehre, dass ich jedes Jahr mit dem jeweiligen Oberbürgermeister das Oktoberfest beschließe. Die Wiesn beginnt ja beim Schottenhamel, und es ist Feierabend, wenn der Bürgermeister in der Bräurosl das „Il Silenzio“ spielen lässt – und da bin ich dabei. Wie im Stadion musst du auch im Bierzelt damit umgehen können, dass die Leute vor, hinter, links und rechts von dir stehen.

Wie viel bekommen Sie während eines Spiels wirklich von den Fans mit?

Ich versuche in jeder Minute zu wissen, wie gerade der Stimmungspegel bei den Gästefans und in der Heimkurve ist. Ich trage zwar Kopfhörer, über die ich Ansagen bekomme, aber während des Spiels lasse ich ein Ohr immer offen. Ich bin auch kein Typ, der viel motiviert. Eigentlich nur in ganz wichtigen Spielen. Neulich gab es zum Beispiel beim Eishockey einen Moment, da habe ich die Mannschaft gesehen und gedacht, die brauchen jetzt Unterstützung, und dann habe ich nur gesagt: „Bitte stehen Sie für den Eishockey-Club.“ Und dann stehen 4000 Mann auf. Weil die Leute auch wissen, wenn der jetzt mal was sagt, dann muss es sein.

Sprechen Sie viel mit den Kurven?

Vor allem mit den Fansprechern. Und sagen wir mal so: Objektivität ist jetzt nicht die erste Tugend eines Stadionsprechers. Wenn in den Foren der Berliner und Augsburger nicht stehen würde, dass der Schneider ein Arschloch ist, dann hätte ich was falsch gemacht. Das ist der größte Dank für deine Arbeit, weil die dich ja nicht persönlich meinen. Du bist vom Gegner und scheinbar nicht ganz schlecht, und das ärgert die.

„Ich habe eine Dauerkarte bei 1860, seit ich sechs Jahre alt bin. Und habe in den insgesamt 26 Jahren kein einziges Mal gefehlt.“
Stefan Schneider

Sie ärgern aber auch zurück, indem Sie extra leise ansagen, wenn der Gegner im Stadion ein Tor schießt.

Ich sag mal so: Natürlich ist man bei Toransagen für die eigene Mannschaft lauter, weil man die euphorisch sagt. Beim Gegentor kann es schon mal sein, dass ich die Worte aus Versehen ein bisschen vernuschle.

Sie leben wirklich für den Sport, oder?

Ich habe eine Dauerkarte bei 1860, seit ich sechs Jahre alt bin. Und habe in den insgesamt 26 Jahren kein einziges Mal gefehlt. Das ist nicht nur ein Beruf oder Job, da gehört auch schon eine gewisse Liebe zum Verein dazu, sonst kann man das nicht machen.

Gibt es einen Fangesang, den Sie besonders mögen?

Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nicht immer noch Gänsehaut bekomme, wenn die Kurve „Stefan Schneider“ singt. Ansonsten mag ich zwei unglaublich gern. Der eine ist schon älter, den singen sie seltener: „Dass wir von 60 München sind, das weiß daheim ein jedes Kind“ heißt er. Und der andere geht so: „Erste Runde Krankenschein, dann die Oma tot, Überstunden nehmen wir zur Not, dann kommt die Kündigung, scheiß egal, der EHC spielt international.“ Außerdem ist es sehr stimmungsvoll, wenn an Weihnachten alle den Schlüsselbund rausholen und „Kling Glöckchen“ singen.

Ab 2021 soll in München Eishockey nicht mehr im alten Stadion am Oberwiesenfeld gespielt werden, sondern in einer riesigen Multifunktionsarena. 12.000 statt 6.000 Fans. Was macht das mit der Stimmung?

Das wird für alle eine große Herausforderung sein. Ich sehe, wie die Fans in manchen Stadien wie in einer Friedhofshalle stehen und wie zum Beispiel die Kollegen in Mannheim sich einen abmoderieren. Wenn ich jetzt am Oberwiesenfeld die Halle begrüße, dann sehe ich, dass da oben einer eine Leberkässemmel isst, diese Nähe kriegst du auch mit noch mehr Kameras und riesigen Screens nicht hin. Aber wir werden diesen Spagat in der SAP Arena schaffen.

Haben Sie ein Lieblingsstadion?

Jedes Stadion ist besonders: Die Allianz Arena, das Grünwalder Stadion, die Olympiahalle. Ich liebe die alte Halle am Oberwiesenfeld, aber es ist auch brutal stressig, dort zu arbeiten, das wird im SAP Garden viel einfacher. Sagen wir mal so: Die Red Bulls und 1860 sind meine Mannschaften – und wenn die im Circus Krone spielen wollen, dann gehe ich da hin. Das ist mir egal. Ich bin da, wo die Mannschaft ist, oder noch besser: Ich bin da, wo die Fans sind.

Sind die Münchner Fans anders als anderswo?

Jeder Stadionsprecher sagt: Meine Fans sind die besten der Welt. Es gibt ein paar Orte in Deutschland, da bin ich ganz sicher, dass meine Fans lauter sind und mehr für die Mannschaft da sind. Es gibt aber auch welche, da sage ich: Die sind ähnlich gut. Aber wenn mich jemand fragt, dann werde ich trotzdem immer sagen: Meine Fans sind besser. Das ist einfach so.

 

 

Interview: Anke Helle; Fotos: Frank Stolle (2); EHC Red Bull München; Sigi Müller

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