Junger Mann mit einer Aktion aus dem Taekwon-Do in einem Wald in München.

Hidden Champions

„Ich habe mich ja auch zuerst darüber lustig gemacht“

München ist Fußballstadt. Doch nicht nur: Die Stadt ist voll von Champions – nur sind die meisten unbekannt. Wie ist es, zu den Besten einer Sportart zu gehören, die viele nicht oder kaum kennen? Drei von ihnen geben Auskunft. 

Zum Gespräch treten an: Assistenzärztin Verena Plehn, 30 Jahre, amtierende Europameisterin im Ultimate Frisbee (Division Mixed-Masters); Student Michael Baader, 18, Weltmeister 2017 im Taekwon-Do; und Schülerin Theresa Sommerkamp, 18, Europameisterin 2017 im Boogie-Woogie.

 

Ihr tragt internationale Meistertitel in Sportarten, die nur wenige gut kennen. Was fasziniert euch an eurem Sport?

Theresa: Beim Boogie-Woogie ist das Besondere, dass wir keine feste Choreografie haben. Wir stehen auf der Tanzfläche, das Lied läuft an, und wir improvisieren.

Verena: Respekt! Bei uns im Ultimate Frisbee ist der Fair-Play-Gedanke das Besondere, der „Spirit of the Game“. Das bedeutet, dass wir keine Schiedsrichter haben. Wenn ich denke, jemand hat mich gefoult, diskutiere ich das mit der Person aus.

Theresa: Wie geht das denn? Entschuldigt man sich dann oder versuchen die meisten, das Foul abzustreiten?

Verena: Abstreiten würde ich nicht sagen, das ist ja auch immer Auslegungssache. Was hilft: Am Ende des Spiels bewertet jedes Team das andere anhand von fünf Spirit-Kriterien. Im Idealfall wird man Turnier- und Spirit-Sieger.

Michael: Bei uns ist der Spirit auch das Besondere. Taekwon-Do baut ja auf asiatischen Philosophien auf, Respekt und Integrität sind wichtig. Darum wischen wir auch nach Trainings gemeinsam den Boden. Wir zählen auf ehrenhaftes Benehmen. Teilweise ist es sogar so, dass wenn bei Wettkämpfen zwei aus dem gleichen Team gegeneinander antreten sollen, sie nicht gegeneinander kämpfen. Sie werfen dann eine Münze und die entscheidet, wer weiterkommt.

Verena: Das ist wirklich ein ehrenhafter Sport.

Wie sieht denn euer Alltag aus? Große Turniere machen ja nur einen kleinen Teil des Sports aus.

Verena: Ich trainiere dreimal in der Woche, an den Wochenenden sind dann Turniere. Weil ich als Ärztin im Schichtdienst arbeite, bleibt wenig Freizeit. Meine Freundinnen und Freunde fragen mich schon gar nicht mehr, ob ich am Wochenende in München bin.

„Bei uns im Ultimate Frisbee ist der Fair-Play-Gedanke das Besondere, der ‚Spirit of the Game‘.“
Verena Plehn

Theresa: Ich trainiere viermal die Woche je zwei Stunden. Zusätzlich gehe ich joggen und mache jeden Abend 1.000 Seilsprünge. Die Wochenenden sind meistens für Turniere und Workshops reserviert. Als wir ein Jahr Pause eingelegt haben – mein Tanzpartner wollte sich in Ruhe aufs Abitur vorbereiten –, hat eine meiner besten Freundinnen gesagt: „Ach perfekt, dann hast du mal Zeit für mich.“

Michael: Ich trainiere quasi jeden Tag. Privates und Sport bekomme ich trotzdem gut unter einen Hut. Vielleicht hat die Schule mal darunter gelitten.

Verena, wie reagieren die Leute, wenn du ihnen erzählst, dass du Europameisterin im Ultimate Frisbee bist?

Verena: Die zwei Klassiker: „Das mit dem Hund im Park?“ Und: „Das mit dem Schmeißen am Strand?“ Aber es wird besser, immer mehr Leute kennen Ultimate Frisbee. Ich habe mich ja auch erst mal drüber lustig gemacht, ich komme eigentlich aus dem Tennis.

Theresa, wie erklärst du Boogie-Woogie?

Theresa: Die ältere Generation kennt das meistens aus ihrer Jugend. Bei den Jüngeren sage ich, es ist der Rock ’n’ Roll der 50er-Jahre.

Im Fußball wärt ihr jetzt Stars. München ist in erster Linie Fußballstadt. Wie ist das, wenn der eigene Sport im Schatten steht?

Verena: Ich kann es nachvollziehen, ich schaue auch gerne Fußball. Mein Papa hat gekickt, ich bin auf dem Bolzplatz quasi aufgewachsen. Aber Schwalben nerven mich – darum finde ich Frauenfußball schöner, der ist ehrlicher. Wichtig ist, überhaupt Sport zu machen.

Theresa: Wir spielen während des Kadertrainings in der Mittagspause oft Fußball. Ich sehe da keine Konkurrenz.

Verena: Unsere Sportarten macht ja auch der Reiz aus, dass sie nicht jeder kennt.

„Richtig groß ist Boogie aber in Norwegen, Schweden, Finnland. Die Turniere dort werden im Fernsehen übertragen.“
Theresa Sommerkamp

Michael: Es ist nicht das Ziel, mit einer Sportart gegen eine andere anzukommen. Du machst halt dein Ding und ziehst es durch. Ob andere bekannter sind oder nicht, mei. Ich bin zufrieden, wie es ist.

Wie sind eure Sportarten in München vertreten?

Verena: Die Frisbee-Szene ist relativ groß, unser Verein zählt 140 Mitglieder.

Theresa: In der Nachwuchsarbeit ist mein Verein ganz gut. Richtig groß ist Boogie aber in Norwegen, Schweden, Finnland. Die Turniere dort werden im Fernsehen übertragen.

Michael: In München gibt es viele Taekwon-Do-Schulen, allerdings fehlt oft die Leistungsorientierung. Immer öfter wird dort mehr auf hohe Teilnehmerzahlen geachtet als auf die Förderung des Einzelnen.

Verena: Das ist bei uns im Verein auch eine ständige Diskussion: Will man die Trainingszeit mit vielen Menschen füllen oder mit ein paar wenigen, die dafür leistungsorientierter sind?

Theresa: Bei uns heißt es sogar, dass das Turnier das beste Training ist.

Gutes Stichwort: Eure Turnier-Triumphe kennen wir, aber was waren eure größten Niederlagen?

Verena: 2018 haben wir auf der Deutschen Meisterschaft zweimal gegen unseren Erzrivalen Mainz gespielt. Beim ersten Mal haben wir ganz knapp gewonnen. Beim zweiten Mal, im Finale, hatten wir wegen Verletzungen weniger Leute auf dem Feld und haben ziemlich deutlich verloren. Das war bitter. Aber neues Jahr, neues Glück!

Theresa: Wir wollten in der Jugendklasse 2017 unbedingt zum zweiten Mal den WM-Titel holen, aber wir wollten es zu sehr. Das hängt uns immer noch nach.

Verena: Titel verteidigen ist das Schwierigste.

„Ab diesem Jahr trete ich in der Ü18-Kategorie an, das bedeutet, dass ich gegen Leute kämpfen werde, die vorher meine Vorbilder waren. Die möchte ich besiegen. Ein paar habe ich schon im Visier.“
Michael Baader

Michael: Bei mir waren größter Erfolg und größte Niederlage am gleichen Tag. Bei meiner ersten WM bin ich in drei Kategorien gestartet. Bei der Waffen-Form – da zeigt man eine Art Choreografie mit Waffen – war ich total nervös und hatte plötzlich einen Blackout. Bei Karate war die Konkurrenz ziemlich stark, ich wurde ganz knapp Zweiter. Da war ich natürlich noch mal enttäuscht, dass ich immer noch keine goldene Medaille habe. Dann kam Taekwon-Do. Mit 0,1 Punkten mehr in der Bewertung habe ich das gewonnen.

Ihr könntet euch auch den ganzen Tag an die Isar legen. Habt ihr mal überlegt, euer Sportpensum runterzuschrauben, um mehr Zeit fürs Privatleben zu haben?

Michael: Vor zehn Jahren war ich an einem Punkt, da hatte ich keinen Bock mehr. Gott sei Dank hat meine Mutter mich weiter zum Training gezwungen.

Theresa: Unsere Eltern haben gesagt, sobald wir euch zwingen müssen, zahlen wir gar nix mehr.

Verena: Ich glaube, man kann nur im Sport erfolgreich sein, wenn man ihn liebt. Sobald das verloren geht, geht es nicht mehr.

Was sind eure Ziele? Welche Medaillen fehlen noch?

Theresa: Wir haben jetzt von der Jugend- in die Hauptklasse gewechselt. Wir fangen also bei null an und wollen wieder alles abräumen.

Michael: Bei mir sind es gar nicht so sehr die Turniere, sondern eher die Leute. Ab diesem Jahr trete ich in der Ü18-Kategorie an, das bedeutet, dass ich gegen Leute kämpfen werde, die vorher meine Vorbilder waren. Die möchte ich besiegen. Ein paar habe ich schon im Visier.

„Wenn man eine Sportart macht, sollte man sie auch richtig machen.“
Theresa Sommerkamp

Verena: Bei dir geht’s ja mehr um die Gegner als um die Titel. Ich freue mich total auf die US Open im August – und auf die WM 2020, die ich hoffentlich spielen darf. Ich bin jetzt 30, der Sport ist körperlich limitiert.

Ihr habt jetzt viel über andere Sportarten gehört: Lust bekommen, das Fach zu wechseln?

Theresa: Ich habe früher auch Taekwon-Do gemacht, Frisbee finde ich total interessant. Aber mir würde die Zeit fehlen. Wenn man eine Sportart macht, sollte man sie auch richtig machen.

Verena: Für Boogie-Woogie fehlt mir das Taktgefühl. Wenn ich mal wieder Zeit hätte, würde ich eher wieder Tennis spielen. Das kann ich schon.

 

Boogie-Woogie
Der Boogie-Woogie ist ein amerikanischer Paartanz und gehört zu den Swingtänzen. Er entstand in den 1920er-Jahren und hat Wurzeln im Lindy Hop. Profis schaffen mehr als 200 Schritte pro Minute. Man tanzt zu Musik des Rock’n’Roll.

Wo kann man schnuppern?
Der Vintage Club in der Sonnenstraße 12b ist der Treffpunkt für alle Swing-Begeisterten in München. Hier gibt es regelmäßig Boogie-Tanzabende oder Anfängerkurse, wie beispielsweise am Montagabend um 17.30 Uhr.

Ultimate Frisbee
Ultimate Frisbee ist ein Mannschaftssport aus den USA. Man wirft sich gegenseitig die Frisbeescheibe zu, ohne mit ihr in der Hand zu laufen. Punkte gewinnt man, wenn man nach einem guten Pass die Scheibe in der gegnerischen Endzone fängt.

Wo kann man schnuppern?
Wer schon immer mal seine Frisbee-Skills verbessern wollte, kann dies sonntags um 14 Uhr im Luitpoldpark tun. Hier lädt der Münchener Frisbeeverein ESV München-Laim bei schönem Wetter zu einem offenen Training für alle Niveaus ein. Die Koordination folgt über das Tiefseetaucher-Forum: www.tiefseetaucher.com

Taekwon-Do
Taekwon-Do ist ein koreanischer Selbstverteidigungssport, der durch hohe Tritte und Sprünge Bekanntheit erlangt hat. Die Besonderheit: Man verteidigt sich nur mithilfe der bloßen Hände und Füße.

Wo kann man schnuppern?
Interessierte sind im Verein des Weltmeisters jederzeit willkommen. Einfach zum Probetraining kommen: entweder am Dienstag um 19.30 Uhr, am Donnerstag um 18.30 Uhr oder am Samstag um 10.30 Uhr im Sportpark Taufkirchen (Köglweg 99, 82024 Taufkirchen). www.svdjktaufkirchen.de

 

 

Interview: Nansen & Piccard; Fotos: Frank Stolle

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