Angelika Nollert: Neue Sammlung

Meine fünf Lieblingsstücke

Angelika Nollert ist die Direktorin der Neuen Sammlung, des internationalen Designmuseums in der Pinakothek der Moderne. Hier stellt sie ihre fünf Lieblingsstücke vor.

 

Tatra 87 (1937)

„Wir haben in unserer Sammlung zwanzig Autos, die besondere Phänomene des Automobildesigns zeigen. Ein ganz frühes Beispiel ist der Tatra 87 aus der damaligen Tschechoslowakei, der bis heute sehr berühmt ist. Er war einer der ersten Wagen mit einer Stromlinienform. Sie wurde etabliert, weil die Autos durch sie windschnittiger und schneller wurden und als Folge davon auch harmonischer in ihrer Form. Dazu trägt beim Tatra seine Finne hinten bei, die sein wundervolles Profil vollendet. Seine silberne Farbe unterstützt darüber hinaus seine Schönheit. Er ist sicher eines der elegantesten Automobile überhaupt. Entworfen hat ihn der Österreicher Hans Ledwinka, der gut mit Ferdinand Porsche bekannt war. Porsche sollte ja damals den VW Käfer bauen. Die ersten Exemplare waren 1938 fertig. Sie hatten auch die Stromlinienform. Später gab es auch Urheberrechtsstreitigkeiten, weil Volkswagen einiges von Tatra abgeschaut hatte.“

 

Futuro (1968)

„Das Futuro-Haus ist eine mobile Wohnvision des Architekten Matti Suuronen, ein Zwitter aus Haus und Objekt. Man kann es fest installieren, aber auch auf Fahrzeuge montieren und von einem Ort zum anderen fahren. Es sieht aus wie ein Ufo, was typisch für diese Zeit war, die man im Design Space Age nennt. Futuro ist sicher eine der Ikonen des Space Age. Ermöglicht wurde die Form des Hauses durch die Erfindung des Glasfaser-Kunststoffs. Das neue Material hatte großen Einfluss auf Kunst und Design. Möbel und Dinge aus Kunststoff waren leicht, unkompliziert und nutzten Räume optimal aus. Das Futuro-Haus war ursprünglich als Skihütte konzipiert, wurde dann aber in alle möglichen Verwendungen überführt – etwa als Kiosk oder als mobiles Ferienhaus. Es war sehr demokratisch konzipiert, weil sich theoretisch die breite Masse das Haus hätten leisten sollen. Durch die Ölkrise 1973 stieg aber der Preis für Kunststoff stark an, was dazu führte, dass das Futuro-Haus bald nicht mehr hergestellt wurde. Heute gibt es weltweit nur noch ungefähr sechzig Exemplare.“

 

Kleine Familie im Halbkreis (1988)

„Wir nennen uns zu Recht Designmuseum, aber unser erweiterter Name ist „Staatliches Museum für angewandte Kunst“, so besitzen wir auch Kunstgewerbe, etwa eine sehr große Keramiksammlung. Hierzu gehört dieses Stück von Beate Kuhn. Sie hat 60 Jahre lang Keramiken geschaffen und gilt in diesem Gewerbe als Grande Dame des 20. Jahrhunderts. Sie drehte ihre Stücke immer klassisch an der Scheibe, aber sie entwickelte dazu ein additives System, indem sie Formen wie Kugeln, Zylinder oder Tropfenformen miteinander verband und so ein sehr eigenwilliges Design entwickelte. Kuhn schuf faszinierende, freie Formen, sehr organisch und abstrakt und perfekt in der Technik. Sie setzte die Keramiken so fein aneinander, dass sich Experten bis heute fragen, warum sie nicht auseinanderfielen oder beim Brennen zersprangen. Auch ihre Glasuren begeistern mich jedes Mal, wenn ich sie sehe. Ihre Position ist einzigartig und hat Beate Kuhn eine internationale Fangemeinde verschafft.“

 

AEG Wasserkessel (1909)

„Der Wasserkessel von Peter Behrens läutete das Zeitalter des Industriedesigns ein und ist nach einer Art Baukastensystem entworfen. Der Kunde konnte zwischen drei verschiedenen Formen wählen – achteckig, oval oder tropfenförmig –, zwischen drei Materialien – Messing, Nickel oder Kupfer – und zwischen drei verschiedenen Größen. Hochgerechnet gab es 81 unterschiedliche Varianten, die AEG aber nicht alle herstellte. Behrens Prinzip dieser Auswahlmöglichkeit war damals neuartig und führte letztlich zu einem Phänomen, das wir heute Customizing nennen: die Anpassung eines Serienprodukts an die Bedürfnisse und den Geschmack des Kunden. Eine weitere Besonderheit ist, dass der Wasserkessel einen Stromanschluss besitzt. Er musste nicht mehr auf den Herd gesetzt werden. Das heiße Wasser musste auch nicht mehr in ein Porzellangefäß umgeschüttet werden, weil der Kessel so schön gearbeitet war, dass man ihn gleich auf den Tisch stellen konnte.“

 

Chair Farm (2012)

„Dieser Stuhl ist ein Entwurf von Werner Aisslinger, der sicher einer der bedeutendsten Designer Deutschlands ist. Aisslinger ist sehr innovativ, weil er versucht, mit neuen Materialien nachhaltigere Möbel und Objekte zu gestalten. Das klappt nicht immer, weil häufig die Unternehmen noch gar nicht die Maschinen zu deren Fertigung haben oder die Produktionsverfahren zu teuer sind. Er hat natürlich auch Dinge entwickelt, die sich sehr gut verkauften, aber er versucht eben immer wieder zu experimentieren. Wie bei Chair Farm, hinter dem die Vision eines selbst wachsenden Stuhls steht. Aisslinger möchte mit ihm auf die Verschwendung von Ressourcen aufmerksam machen, weil Stühle ja nicht selten auch Wegwerfware sind, wenn etwa ein Hotel sein Interieur komplett austauscht. Sein Stuhl besteht aus Weidenzweigen, die über ein Stuhlskelett aus Stahl wachsen. Man könnte ihn etwa in beliebiger Menge in Parkanlagen wachsen lassen. Und wenn man die Stühle nicht mehr benötigt, kompostiert man sie. Die Idee der selbst wachsenden Stühle würde Aisslinger gerne auf Schemel, Hocker oder kleine Tische übertragen. Ich mag die Idee sehr gerne, weil sie auf Verschwendung aufmerksam macht und weil das Konzept global umgesetzt, aber lokal produziert werden kann. Transport, Verpackung und Müll würden weniger werden.“

Mehr: Die Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne

 

 

Protokoll: Nansen & Piccard; Fotos: Anna Seibel, Jörg Koopmann, Studio Aisslinger, Neue Sammlung, A. Laurenzo