Ein Mann übt in einem Münchner Skatepark das skaten in einer Bowl.

Skaten für Erwachsene

„Das kann ich doch auch“

Unser Autor hat seit seiner Jugend einen Traum: Er wäre gern ein richtiger Skater. Als er mit seinem Sohn eine Münchner Skateanlage besucht, beschließt er, es noch ein letztes Mal zu versuchen – trotz der Gefahr, sich schrecklich zu blamieren.

Ich stehe mit einem Fuß über dem Abgrund. Wenn ich nach unten blicke, sehe ich ein Skelett. Es klettert auf eine Palme, die sich in einem apokalyptischen Feuersturm biegt. Es ist die Illustration auf dem hinteren Teil meines Skateboards, auf dem im Moment mein ganzes Gewicht ruht. Der vordere Fuß schwebt über dem Brett, darunter leerer Raum und viel weiter unten, nach einer kurzen, steilen Kurve, eine Betonfläche, glatt und unbarmherzig. Ich habe Angst.

Der kanadische Psychoanalytiker Elliott Jaques berichtete 1957 in einem Vortrag vor der British Psycho-Analytical Society von Patienten Mitte dreißig, die eine depressive Phase durchlebten. Ursprünglich hatte er sich damit beschäftigt, warum das Schaffen bekannter Künstler, wie etwa der Maler Paul Gauguin und Albrecht Dürer oder des Komponisten Ludwig van Beethoven, in diesem Alter geradezu eingebrochen war.

Außerdem hatte ich den Pool entdeckt, eine Art in den Boden versenkte Betonschüssel, die man, wie ich noch lernen sollte, in der Skatersprache heute allerdings „Bowl“ nennt.

Doch auch bei gewöhnlichen Menschen lasse sich immer wieder eine Reihe von Symptomen erkennen, die sie in der gefühlten Mitte ihres Lebens aus der Bahn werfen: religiöse Erweckungserlebnisse, Promiskuität, eine plötzliche Unfähigkeit, das Leben zu genießen, hypochondrische Besorgnis über Gesundheit und Aussehen und zwanghafte Versuche, jung zu bleiben. Er nannte das Problem „Midlife-Crisis“.

Was das zur Sache tut? Eigentlich hatte ich nur versucht, ein guter Vater zu sein. Ich war mit meinem Sohn zur Sportanlage hinter dem HC Wacker geschlendert, wo wir ein paar Körbe werfen wollten. Doch wo beim letzten Mal noch die Baumaschinen parkten, strahlte wie ein frisch gegossener Estrich eine neue Skateanlage. Schnell verlor der Sohn das Interesse an den Basketballkörben und beobachtete die behelmten Kinder und demonstrativ unbehelmten Jugendlichen, die mit viel Lärm über die verschiedenen Hindernisse tobten.

„Papa, kannst du mit mir skaten gehen?“

Ich versuche, jedes Interesse meiner Kinder, das über Playstation-Tutorials hinausgeht, bestmöglich zu unterstützen. Außerdem hatte ich den Pool entdeckt, eine Art in den Boden versenkte Betonschüssel, die man, wie ich noch lernen sollte, in der Skatersprache heute allerdings „Bowl“ nennt. Dort war etwas weniger los als an den Geländern und Treppenstufen, die die Jugendlichen mit komplizierten Tricks zu überwinden versuchten, und die Skater dort waren etwas älter.

Zwei Frauen, die ich auf Mitte zwanzig schätzte, glitten abwechselnd elegant durch die engen Steilkurven. Ein Mann, den man zweifellos als solchen bezeichnen konnte – Mitte dreißig, würde ich sagen – lauerte an der Bowl-Kante, bevor er sich lässig in die Vertikale kippen ließ und zu einer rasanten Fahrt durch die Betonschüssel anhob.

Ich versuche, jedes Interesse meiner Kinder, das über Playstation-Tutorials hinausgeht, bestmöglich zu unterstützen.

Doch auch das eine oder andere Kind schaukelte sich mit großer Leichtigkeit durch die nierenförmige Senke. Ich stellte mir vor, wie mein Sohn seine Nachmittage in Zukunft damit verbringen würde, an seiner Skateperformance zu arbeiten. Und wenn die anderen Erwachsenen hier so offensichtlich eine gute Zeit verbrachten – warum sollte ich es nicht auch versuchen?

„Klar kann ich mit dir skaten gehen.“

Als wir das nächste Mal an die Skateanlage kamen – der Sohn behelmt und mit Kinderskateboard, ich demonstrativ unbehelmt und mit einem sogenannten „Cruiser“, mit dem ich schon seit einer Weile zur Arbeit rollte, um mein bei einem missglückten Sprung über eine viel zu große Skisprungschanze verletztes Knie zu kräftigen –, sah ich einen Bekannten. Er stand neben einem Kinderwagen und beaufsichtigte sein älteres Kind, das zwischen den Hindernissen herumfuhr. Beziehungsweise: Er sah mich mit einem Skateboard unter dem Arm. Er zeigte mit dem Finger auf mich und lachte. Ich ignorierte ihn.

Wir warteten, bis die Bowl, die gerne auch von Kindern mit Tretrollern befahren wird, sich leerte. Mein Sohn zögerte. Ich auch. Vorsichtig kletterten wir hinunter und rollten sehr langsam in der Ebene hin und her. Sobald ich jedoch nur ein Stück die sogenannte Transition hinauffuhr, die Kurve, die den ebenen Boden sozusagen in eine senkrechte Wand überführt – wobei ich zugeben muss, dass die Wand in der Wacker-Bowl gar nicht wirklich senkrecht ist, sondern einfach nur sehr steil –, wurde die Sache schnell unkontrollierbar.

Gerne würde ich an dieser Stelle berichten, dass mein Sohn sehr viel schneller als ich Kontrolle über die Situation gewann, doch er verlor das Interesse genauso schnell, wie es aufgekommen war. Von meiner Performance war er – völlig zu Recht! – kein bisschen beeindruckt.

Sobald ich jedoch nur ein Stück die sogenannte Transition hinauffuhr, wurde die Sache schnell unkontrollierbar.

Aber hey, man soll seine Kinder nicht unter Druck setzen! Dachte ich, während ich mich von Mal zu Mal ein paar Zentimeter weiter die Wand hinauf traute.

Den hässlichen Begriff „Midlife-Crisis“ brachte ein Kollege ins Spiel, als ich ihm ein bisschen stolz von meinen Versuchen erzählte. Tatsächlich hatte man mich im Büro schon länger irritiert gemustert, wenn ich morgens das Skateboard neben dem Schreibtisch abstellte, aber mit dem Auftritt im Skatepark war offensichtlich eine Grenze überschritten. Vater, Mitte vierzig, der versucht, sein Kind beim Skateboardfahren zu übertrumpfen und mit dreißig Jahre jüngeren Teenagern mitzuhalten? Klarer konnte der Fall scheinbar nicht sein.

Ich hatte zwar weder eine depressive Phase noch religiöse Erweckungserlebnisse. Als Ort der Promiskuität durfte ich die Skateanlage bislang auch nicht erleben. Und Sorgen über ihre Gesundheit und ihr Aussehen begleiten die Menschen nach meiner Beobachtung zu einem Großteil bereits zum Zeitpunkt ihrer Pubertät, spätestens ab der sogenannten Quarterlife-Crisis, wenn sie plötzlich anfangen, auf Weizen und Milchprodukte zu verzichten.

Natürlich hatte ich als Kind und Teenager, wie jeder in den 80er-Jahren, der nicht auf einem Bergbauernhof aufwuchs, meine Skatejahre gehabt.

Zwanghafte Versuche, jung zu bleiben? Ich fand nicht, dass meine Versuche zwanghaft waren, aber egal. Was kümmerte es mich? Ich würde in Zukunft einfach weniger darüber sprechen und still weiterüben. Immerhin hatte ich mittlerweile herausgefunden, dass ein Freund ebenfalls regelmäßig mit seinem Kind skaten ging. Und ein anderer, der in seiner Jugend recht erfolgreich Skateboard gefahren war, sich auch regelmäßig in Münchner Skateparks unter die Jugendlichen mischte. Wir verabredeten uns an den Wochenenden. Wir lachten gemeinsam über die engstirnigen Kommentare all jener, die offenbar der Meinung waren, in unserem Alter sei es nicht angemessen, etwas Neues zu lernen, das nichts mit Yoga oder digitalem Co-Working zu tun hat.

Ehrlicherweise war es bei mir nicht mal wirklich etwas Neues. Natürlich hatte ich als Kind und Teenager, wie jeder in den 80er-Jahren, der nicht auf einem Bergbauernhof aufwuchs, meine Skatejahre gehabt. Straßenbande, ganz normal. Eine Mischung aus Fortbewegungsmittel und Spielzeug war das damals. Die Boards sahen eher so aus wie der „Cruiser“, mit dem ich heute eben manchmal in die Arbeit fahre: Kurze, breite Bretter, damals noch mit angeschraubten Plastikschonern an der Unterseite.

Trotzdem versuchten wir ein paar Tricks, meistens aber fuhren wir durch die Gegend, bergab irgendwelche Straßen in den Münchner Vororten hinunter. Der Höhepunkt in Richtung dessen, was man heute unter Skateboarden versteht, war eine sogenannte „Jump Ramp“. Eine Sprungschanze mit Transition, zusammengezimmert in der Garage des Nachbarjungen.

Als ich dann als Reporter um die Jahrtausendwende die Skate-WM in Münster beobachtete, war meine kurze, erste Skatekarriere längst beendet. Während die Skatepioniere in den 60er- und 70er-Jahren in den USA tatsächlich in leeren Swimmingpools unterwegs gewesen waren und die Bewegung in der Vertikalen dann in die ersten Skateparks und Halfpipes übertragen hatten, dominierte mittlerweile das Streetskaten: Skater machten sich weniger abhängig von künstlichen Anlagen, sie eroberten den öffentlichen, vor allem urbanen Raum für ihre Leidenschaft.

Skater machten sich weniger abhängig von künstlichen Anlagen, sie eroberten den öffentlichen, vor allem urbanen Raum für ihre Leidenschaft.

Technisch anspruchsvoll und mit einer großen Bereitschaft, Verletzungen in Kauf zu nehmen, wenn es beispielsweise darum ging, möglichst viele Treppenstufen mit einem komplizierten Trick zu überwinden oder ein mehrfach geknicktes Stahlgeländer hinunterzusliden. Damals fragte ich mich, warum nur junge Menschen in der Lage sind, diese Sportart auf hohem Niveau auszuüben.

Die unendliche Wiederholung der immer gleichen Bewegungsmuster, so mein Fazit, die nötig ist, um die Komplexität der Bewegungsabläufe zu bewältigen, erfordert ein Maß an schwer anders nutzbarer Zeit, Schmerzresistenz und Stumpfsinn, das den meisten Menschen beim Eintritt in eine erwachsenere Existenz nicht mehr zur Verfügung steht. Die Stars der Szene kommen bis heute eher aus dem Streetskaten.

Doch mit dem Pool beziehungsweise der Bowl im Wackerpark zeigte sich mir auf einmal eine weniger schmerzbesetzte, fließendere Variante des Skatens, die ich völlig ausgeblendet hatte und die mich an die glücklichen Nachmittage meiner Jugend erinnerte, als wir über sonnenheiße Asphaltstraßen rollten. Und an einen wiederkehrenden Moment, den ich bereits von damals kannte: an der Kante einer Miniramp zu stehen, die damals überall auftauchten, und zurückzuziehen. Vielleicht würde man es heute als Trauma bezeichnen, wenn man sich entsprechend behandeln lassen würde.

Die unendliche Wiederholung der immer gleichen Bewegungsmuster, so mein Fazit, die nötig ist, um die Komplexität der Bewegungsabläufe zu bewältigen, erfordert ein Maß an schwer anders nutzbarer Zeit, Schmerzresistenz und Stumpfsinn, das den meisten Menschen beim Eintritt in eine erwachsenere Existenz nicht mehr zur Verfügung steht.

Vielleicht zeugt es auch nur von einem früh ausgeprägten Selbstschutzmechanismus, bei mir führte das Scheitern an der sogenannten „Coping“ jedenfalls dazu, dass ich das Gefühl hatte, nie ein richtiger Skater werden zu können. Eines wurde wurde bei meinen zögerlichen Versuchen im Wacker-Pool jedoch schnell klar: Solange ich in der Ebene herumrollen würde und vorsichtig immer ein Stück weiter die Wand hochpushen, würde es mit meiner zweiten Skatekarriere als Bowl-Opa nicht vorangehen. Ich musste einen entscheidenden Schritt wagen, mich buchstäblich ins Ungewisse stürzen. Ich hatte ein Ziel: den Drop-in.

Aber warum noch mal sollte ich das eigentlich tun? Wer sich mehr für die Hintergründe der Midlife-Crisis als jene des Skateboardfahrens interessiert, findet eine gute Zusammenfassung in Pamela Druckermans „There Are No Grown-ups – A Midlife Coming-of-Age Story“. Das Buch trägt in der deutschen Übersetzung den etwas bizarren Titel „Vierzig werden à la parisienne: Hommage ans Erwachsensein“.

Grundsätzlich mag ich Erwachsensein. Auch wenn damit Krisen verbunden sein mögen. Und natürlich gibt es zum Thema auch einen Münchner Zugang: Da landet man natürlich sofort bei Helmut Dietls „Monaco Franze“, dessen Midlife-Crisis, wenn man sie denn so nennen möchte, sich allerdings vor allem am Symptom Promiskuität entlanghangelt. Der Hauptdarsteller Helmut Fischer, der „ewige Stenz“, war zum Start der Miniserie, wie man sie heute nennen würde, übrigens bereits 57.

Ich würde mein Erwachsensein nutzen, um mich dieser Herausforderung am Rand des Abgrunds zu stellen, die Sache dabei aber ruhiger, weniger stürmisch angehen. Frei nach Monaco Franze: Ein bisserl was geht immer!

Davon bin ich ähnlich weit entfernt wie von den mittleren Dreißigern, der von Jaques als typisch befundenen Zeit für die Midlife-Crisis. Wie auch immer: Ich beschloss, mich auf den immer auch positiven Aspekt jeder Art von Krise zu konzentrieren, egal, ob man sie nun als solche empfindet oder auch nicht: Ich würde mein Erwachsensein nutzen, um mich dieser Herausforderung am Rand des Abgrunds zu stellen, die Sache dabei aber ruhiger, weniger stürmisch angehen. Frei nach Monaco Franze: Ein bisserl was geht immer!

Mit der Ruhe der mittleren Jahre, mit Gelassenheit und Lebenserfahrung, würde ich mich langsam herantasten, immer höher rollen, bis es irgendwann, ganz ohne Druck, quasi von selbst funktionieren würde. Ich würde kleine Schritte gehen, trainieren wie ein Läufer, der sich systematisch an seine Zieldistanz heranarbeitet.

Ich wärmte mich in der Street-Area auf, immerhin traute ich mich bald, nachdem ich ein paar Runden locker durch die Ebene gerollt war, die schrägen Ebenen runterzufahren. Und die Minitransition, die pädagogischerweise zu Übungszwecken auf der anderen Seite des Pools, sich langsam transistierend sozusagen, aufgegossen ist, hinunterzufahren. Wacklig, nicht ausreichend in den Knien. Aber es funktionierte.

Irgendwann muss man es tun, mit voller Konsequenz. Gewicht nach vorne. Drop in. Wie der Name halt auch sagt.

Aber ich wollte diesen Moment erleben: Dass ich mich diese verdammte Wand runter traue. Die lächerlich niedrig ist. Einerseits. Andererseits malte ich mir allzu deutlich aus, wie es mich da unten in das sogenannte Flat semmeln könnte. An sich gar nicht so schlimm. Aber da zahlt sich das Bewusstsein, dass es einen mit irgendeiner bescheuerten Verletzung wieder Wochen oder Monate lahmlegt, dann doch negativ aus. Man kann so vorsichtig sein, wie man will.

Sich so langsam rantasten, wie man es sich nur vorstellen kann (mal abgesehen davon, dass man ja auch nicht mehr jeden Nachmittag Zeit hat, um zwei oder drei Stunden auf einem Sportplatz rumzuhängen). Irgendwann muss man es tun, mit voller Konsequenz. Gewicht nach vorne. Drop in. Wie der Name halt auch sagt.

Ein letzter Schritt war der Erwerb eines ordentlichen Skateboards. Als ich den Skateshop „SantoLoco“ in der Innenstadt betrat, eilte mir sofort ein jugendlicher Verkäufer entgegen, der mich offensichtlich beim Kauf eines Skateboards für mein Kind beraten wollte. Es war der Moment, als ich lernte, dass man die Herausforderung, vor der ich stand, nicht mehr „Pool-Skaten“ nennt.

Als der Verkäufer eingesehen hatte, dass ich das Brett tatsächlich für mich selbst erwerben wollte, brauchten wir noch eine Weile, bis ich ihm vermitteln konnte, was ich damit vorhatte. „Ah, Sie meinen eine Bowl“, verstand er irgendwann und reichte mir das Board mit den Skeletten wie aus der mittelalterlichen Darstellung eines Totentanzes, ein rollendes Vanitas-Symbol.

Und ja, ich habe Angst. Todesangst ist es nicht. Aber schon richtige Angst.

Ich musste an ein Dante-Zitat aus der „Göttlichen Komödie“ denken, übrigens auch eines der Genies, dessen Schaffenskrise Elliot Jaques, den Erfinder der Midlife-Crisis, auf die Spur jener vermeintlichen Krise in der Lebensmitte brachte (der Aufsatz, den Jaques dann Mitte der 60er-Jahre veröffentlichte, trug übrigens den Titel: „Der Tod und die Midlife-Crisis“):

„Als ich auf halbem Weg stand unsers Lebens, Fand ich mich einst in einem dunklen Walde, Weil ich vom rechten Weg verirrt mich hatte“

Und jetzt stehe ich hier, mit dem Fuß über dem Abgrund. Wollte ich natürlich schon einige Male. Ich fand auch immer neue Ausreden, warum es nicht gehen konnte. Falscher Tag, nicht gut geschlafen, irgendwie nicht fit. Etwas zwickte. Und ja, ich habe Angst. Todesangst ist es nicht. Aber schon richtige Angst.

Ich stehe also da, neues Skateboard, Skelette drauf, und mir gehen die Ausreden aus.

Mehr als die erwartbare Folge eines zu zögerlichen Verhaltens, dass ich mich nämlich nicht mit voller Konsequenz in die Bewegung werfen werde und das Brett unter meinen Füßen weggleiten, ich also ganz sinnbildlich auf dem Arsch landen werde, fürchte ich zu viel Konsequenz: Dass ich genau deshalb überantizipiere, mich zu weit nach vorne werfe und mit der Schulter ungespitzt in den Beton einschlage.

Ich stehe also da, neues Skateboard, Skelette drauf, und mir gehen die Ausreden aus. Nicht mal mein Sohn ist mitgekommen, er hat scheinbar den Glauben daran verloren, dass hier noch etwas passieren wird. Er spielt jetzt auch lieber wieder Basketball.

Und dann hören die Gedanken auf einmal auf. Vielleicht ist es die aufgestaute Ungeduld, ohne die es wohl nicht so weit kommt, die mir den Schub gibt: Ich will es jetzt einfach hinter mich bringen. Man kann sich immer weiter an den Moment herantasten, irgendwann muss es passieren. Oder eben nicht. Das ist auch das Schöne daran.

Ich bin dann fast erleichtert, dass es mich auf den Hintern lässt. Immerhin nicht die Schulter. Der Bann ist gebrochen. Beim zweiten Mal stehe ich in der Ebene schon zentral über dem winzigen Riesenskateboard. Dann staucht es mich irgendwie zur Seite runter. Ich klettere wieder hoch. Beim fünften Mal bleibe ich stehen. Reiße die Arme hoch. Wie ein Olympiasieger. Es ist so lächerlich. Und so gut.

Seitdem gehe ich immer wieder in den Wackerpark, nicht mehr so regelmäßig, aber ich will es nicht wieder so weit kommen lassen, dass ich mich fürchte. Ich habe immer noch Respekt. Mal mehr, mal weniger. Manchmal läuft es ganz rund. Manchmal fast zu lässig. Dann muss ich mich immer zwingen, mich zu konzentrieren, die Sache ernst zu nehmen.

Das ist nicht das Ende. Denn von der Grazie, mit der die Routiniers durch die Bowl rollen, bin ich so weit entfernt wie übergewichtige Yoga-Anfänger vom freihändigen Kopfstand.

Ich habe es von fast allen Stellen gemacht. Und bin nie mehr gestürzt. Vor allem weiß ich: Das ist nicht das Ende. Denn von der Grazie, mit der die Routiniers durch die Bowl rollen, bin ich so weit entfernt wie übergewichtige Yoga-Anfänger vom freihändigen Kopfstand. Ich kann mit meinem Drop-in-Schwung überhaupt nichts anfangen. Traue mich nicht, das Brett im steilen Gegenschwung zu wenden.

Doch ich kann jetzt endlich einfach weitermachen. Ich will die Skateparks in München entdecken, mehr als 30 sind es, und der einzige, an dem ich mich bislang versucht habe, ist einer der kleineren. Es warten: der großzügige Flow Park am Gefilde. Die furchterregenden Walls der Bowl in Trudering. Und der Skatepark am Hirschgarten, der tatsächlich sogar eine völlig verrückte Fullpipe enthält, in der man – theoretisch – einen kompletten Looping mit dem Skateboard drehen kann.

Und es steht noch eine viel unmittelbarere Herausforderung an, direkt bei mir um die Ecke: An einer Stelle ist die Wacker-Bowl ganz keck dreißig Zentimeter höher gezogen. Ich stand schon mehrmals oben. Habe zurückgezogen. Wie so oft vor dem allerersten Mal. Der Sommer ist noch lang. Und die nächste Krise kommt bestimmt.

 

 

Text: Oliver Stolle; Fotos: Frank Stolle

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