Jahreszeiten ignorieren

Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast!

München ist nur im Sommer schön? Von wegen. Unser Autor ignoriert die Jahreszeiten und lebt einen Tag lang im Winter wie im Sommer.

Der Winter nervt. Eiskalt spuckt er mir ins Gesicht. Auf die Schuhe und die Jacke, pitschnass watschele ich jeden Morgen ins Büro. Blödes Wetter. Seit fast einem halben Jahr geht das schon so. Es reicht. Schluss mit dem Winter, ich hab die Nase voll. Ich möchte nicht länger auf den Sommer warten. Und das Schöne ist: Ich muss es auch gar nicht.

München braucht keine warmen Sonnenstrahlen und Tropengrade. Denn in Bayerns Hauptstadt bin ich der Herr der Gezeiten und kann meinen eigenen Sommer machen. Zumindest will ich das versuchen.

Bevor Sie, lieber Leser, nun weiterlesen, müssen Sie mir einen Gefallen tun: Greifen Sie mit der rechten Hand an Ihre Brust und legen Sie folgenden Schwur ab: „Ich (hier kommt Ihr Name) verspreche, alles was ich hier erfahre, für mich zu behalten.“ Erledigt? Gut. Ich habe nämlich keine Lust, dass demnächst Armeen von Winter-Müden in das Gewächshaus stürmen und meinen Platz belegen.

In diesem Fall sähe ich mich gezwungen, schon um sieben Uhr morgens die Trambahn zum Botanischen Garten zu nehmen und mein Handtuch auf eine der Bänke dort zu legen, bevor ich wieder nach Hause fahre, um mich noch mal zwei Stunden hinzulegen, ehe ich wieder in die Tram steige. Was für ein Aufwand!

Vielleicht halten Sie mich aber auch für verrückt, wie mein Kumpel Finn, der nur den Kopf geschüttelt hat, als ich ihn fragte, ob er mitkommen möchte, und mit dem Zeigefinger gegen seine Stirn tippte. Allerdings legt der Kerl sich im Sommer mit einer Decke auf den Friedhof ums Eck zum Chillen. Chillen. Auf einem Grab. Also wer hat hier ’nen Vogel?

Der Eintritt in das Gewächshaus des Botanischen Gartens kostet 5,50 Euro. Billiger als ein Liegestuhl auf Mallorca denke ich, und gebe der Kassiererin das Geld, die mir noch freundlich den Weg deutet, wo ich meine Winterklamotten ablegen kann. Die brauch’ ich ab hier schließlich nicht mehr. Super.

Ich gebe meine Jacke ab und setze mich mit meinem Buch auf eine der Bänke im Gewächshaus zwischen mächtige Palmen und saftig grünem Farn.

Und tatsächlich, als ich den ersten Fuß in das Tropenhaus setze, streichelt mir warme Luft übers Gesicht, es fühlt sich ähnlich an wie der Moment, wenn man in Thailand aus dem Flugzeug steigt.

Ich gebe meine Jacke ab und setze mich mit meinem Buch auf eine der Bänke im Gewächshaus zwischen mächtige Palmen und saftig grünem Farn. Ein paar Kinder auf Klassenfahrt rennen gelegentlich an mir vorbei. Das ist nicht unbedingt entspannend, aber längst nicht so nervtötend wie die aufdringlichen Sonnenbrillen-Verkäufer in Spanien. Hm. Und nun?

Am Strand würde ich mich jetzt einfach ausstrecken, die Augen schließen und dösen. Aber ich habe Angst, wenn ich das hier im Tropenhaus mache, dass man mich womöglich rausschmeißt. Das wäre mir unangenehm. Also schlage ich mein Buch auf und lese. Barfuß lesen im Warmen, inmitten von Natur. Zumindest das geht auch im Winter.

Es war kein Sommer, wenn man nicht mindestens einmal im Freibad war. Daran habe ich ein paar meiner schönsten Erinnerungen an meine Kindheit. Ich schmecke jetzt noch das erste Capri-Eis, das ich von meiner Mutter bekam, als ich ein kleines Kind war, und spüre das Herzkribbeln, als ich dort zum ersten Mal einem Mädchen den Rücken eincremen dufte. Das Schwimmbad gehört zum Sommer wie der Christbaum zu Weihnachten.

Zum Glück hat das Dantebad das ganze Jahr geöffnet. Zugegeben, klingt ziemlich kalt – ist es aber nicht, weil das Becken beheizt ist. So wurde es mir jedenfalls versprochen, selber war ich allerdings noch nie da. Als ich mit meiner Schwimmtasche auf dem Weg zum Westfriedhof bin, wo das Dantebad liegt, hatte ich ein kleines Sole-Außenbecken erwartet, wie man es oft in Hallenbädern sieht.

Also schließe ich die Augen und murmle mantraartig vor mich hin: „Es ist warm. Ganz warm. So schön warm.“ Und? Nope.

Aber denkste: Für 4,30 Euro Eintritt empfängt mich ein stattliches 50-m-Becken mit angenehmen 30 Grad. Herrlich. Bloß rausgehen darf man nicht. Sobald man aus dem Wasser steigt, friert man wie ein Känguru in Lappland. Aber angeblich soll man ja allein durch die Kraft der Vorstellung selbst Krebs heilen können. Dann dürften so ein paar popelige Sommergefühle ja wohl ein Witz sein. Also schließe ich die Augen und murmle mantraartig vor mich hin: „Es ist warm. Ganz warm. So schön warm.“

Und? Nope. Immer noch pol-kalt außerhalb des Beckens. Aus einem leckeren Capri-Eis auf der Decke wird also nichts. Oder dem amourösen Eincremen eines Mädchenrückens. Aber irgendeinen Grund muss es ja weiterhin geben, sich auf den Sommer zu freuen.

Wer hat eigentlich damals festgelegt, dass die Grillsaison im Sommer stattfindet? Okay, heftiger Schneefall mag das Anzünden der Grillkohle vielleicht erschweren. Aber so lange die Luft trocken ist, fällt mir kein Grund ein, warum ich mir das geliebte Braten von Fleisch unter freiem Himmel madig machen lassen sollte. Die Höhlenmenschen haben früher auch nicht gegrunzt: „Ou, Schatz. Heute ist es zu kalt, um Säbelzahntiger über dem Lagerfeuer zu braten. Lass mal lieber Wildbeeren-Matsche in der Hütte zubereiten.“

Die Neandertaler waren eben noch nicht so weichgespült, Tschakka. Und laut der Grillstudie 2017 vom Meinungsforschungsinstitut Mafowerk denken immerhin 41 Prozent der Männer genauso wie ich und grillen auch im Winter. Trotzdem bin ich alleine, jetzt, da ich auf einer dicken Decke an der Isar sitze, die Kapuze meiner Jacke nach oben gezogen zum Schutz gegen den kalten Wind, und mein Fleisch auf den Grill lege. Es brutzelt.

„Jetzt ist Sommer, egal ob man schwitzt oder friert, Sommer ist was in deinem Kopf passiert.“
Wise Guys

Hach, Musik in meinen gefrorenen Ohren. Ein paar Spaziergänger laufen vorbei und gucken neugierig, was der Irre da im Winter mit seinem Grill macht. Ein Hund kommt angerannt und möchte ein Stück Fleisch ergattern, eine Oma und ihr kleiner Enkel eilen hinterher, um ihn einzufangen. „Was macht der da?“, fragt das Kind und die Oma antwortet: „Der lässt sich’s gut gehen.“

Recht hat sie. Die Oma. Und ich reiche dem Kind eine Wurst von meinem Grill. Dann lege ich selber ein Stück Fleisch zwischen zwei Semmelhälften, und mit vollem Mund summe ich zufrieden vor mich hin den alten Klassiker der Wise Guys: „Jetzt ist Sommer, egal ob man schwitzt oder friert, Sommer ist was in deinem Kopf passiert.“

 

Text: Maximilian Reich; Fotos: Frank Stolle