Foto von zwei American Football-Spielern im Trikot

American Football in München

Wie der Vater so der Sohn

Im Herbst kommt die National Football League (NFL) nach München. Anlässlich des Spiels haben wir uns mit Vater und Sohn Lautenschlager unterhalten. Über American Football – und die besondere Geschichte des Sports in München.

In München standen die beiden ersten Football-Generationen sogar eine Weile zusammen auf dem Feld. Gary Lautenschlager war damals Quarterback des Bundesligisten Munich Cowboys, aber in der Linie vor ihm, bei den schweren Jungs, die den Quarterback vor Angriffen schützen sollen, herrschte Personalnot. Also schlug Lautenschlager seinen Vater vor, immerhin war der 15 Jahre zuvor Deutscher Meister auf dieser Position geworden. „Ja, ja, staubt ihn ab und bringt ihn mit seiner Gehhilfe her“, hatte der Trainer damals im Spaß gesagt. Doch als der Headcoach ihn dann spielen sah, war ihm klar: „Hey, der ist gut, der kann uns helfen.“

„Ja, ja, staubt ihn ab und bringt ihn mit seiner Gehhilfe her“, hatte der Trainer damals im Spaß gesagt.

Gut zwei Jahre stand das Duo gemeinsam auf dem Feld, Vater Martin, als Endvierziger, snappte dem 23 Jahre jüngeren Sohnemann am Anfang des Spielzugs die Bälle zu, wie das im Fachjargon heißt. Und meistens beschützte der bullige Daddy ihn auch erfolgreich. Die gemeinsame Zeit endete erst 2010 mit einer Verletzung, ausgerechnet in Martins 250. Ligaspiel. Nach dem Spiel saßen sich die beiden in der Kabine gegenüber. Plötzlich realisierte Gary, dass am linken Arm des Vaters etwas fehlte. Es war der Bizeps, er war gerissen. Ein Mitspieler war ihm von hinten auf den Ellenbogen gefallen und hatte diesen nach vorne gedrückt, aber der Veteran hatte es mit all den Hormonen im Blut gar nicht bemerkt.

Die Münchner Football-Geschichte der Lautenschlagers eignet sich sehr gut, die Football-Geschichte des Landes zu erzählen. Von seinen ruppigen, amateurhaften Anfängen, von den nicht mehr ganz so amateurhaften Neunzigerjahren, bis hin zu der Frage, ob die aktuelle Popularität es schafft, American Football in die Mitte der Gesellschaft zu hieven. Jedenfalls hätten sich die beiden Lautenschlagers zu ihrer aktiven Zeit nie träumen lassen, dass einmal ein NFL-Spiel in München ausgetragen wird.

Für die Munich Cowboys begann alles im Englischen Garten und im Perlacher Forst. Dort – das hatte Martin Lautenschlager irgendwie mitbekommen – trafen sich ein paar Football-Verrückte zwei- bis dreimal die Woche. Weil er die Termine nicht kannte, ging er ein paar Mal erfolglos hin. Als er dann einmal erfolgreich war, stellte er seine Tasche auf den Boden, öffnete sie, zog sich um und sagte: „Ihr spielt’s doch Football. Ich würd gern mitmachen.“

Ich habe immer schon um die 100 Kilo gehabt. Da kann man jetzt nicht gerade mit Bodenturnen anfangen, auch nicht mit Fußball, und mit Ringen oder so etwas müsste man aufgewachsen sein. Was willst du in dem Alter sonst machen mit diesen Voraussetzungen?
Gary Lautenschlager

1979 war das, Lautenschlager war 16 Jahre alt. Über einen Sporthändler, der Helme und Schulterschutz verkaufte, war er auf diesen Sport aufmerksam geworden. Football war zu dieser Zeit ein exotischer Außenseitersport, eine zweite Chance: „Ich habe immer schon um die 100 Kilo gehabt. Da kann man jetzt nicht gerade mit Bodenturnen anfangen, auch nicht mit Fußball, und mit Ringen oder so etwas müsste man aufgewachsen sein. Was willst du in dem Alter sonst machen mit diesen Voraussetzungen?“

Das erste Ligaspiel bestritten die Munich Cowboys im Herbst 1979 gegen die Ansbach Grizzlies, Lautenschlager steht auf dem Spielberichtsbogen. „Wir waren alle Amateure. Die Mitspieler haben ja auch so wenig Erfahrung gehabt, da war keiner, der in der Jugend schon gespielt hat, wir haben alle zum gleichen Zeitpunkt angefangen“, erzählt Lautenschlager. Dabei ist Football ein hochkomplexer Sport. Zu Beginn spielte Lautenschlager noch als Runningback, als Ballträger. Mit zunehmendem Alter machte sein Körperbau aber in der Offensive Line mehr Sinn, dort, wo die Quarterback-Beschützer stehen.

Um gut zu sein, muss man viele unterschiedliche Dinge lernen. Alle Spielzüge sind einstudiert, wer seine Bewegungen eine Zehntelsekunde zu früh oder zu spät macht, gefährdet den Erfolg des ganzen Teams. Außerdem muss man ausdauernd und kräftig sein, also hart an seinem Körper arbeiten – schon allein, um Verletzungen zu vermeiden. Football ist deshalb wie kaum eine andere Amateursportart ein Fulltime-Job. Übrigens in jenen Zeiten für echte Sportprofis ein willkommener Zweitjob: Manfred Nerlinger, Gewichtheber-Weltmeister 1986 und 1993, spielte eine Weile für die Cowboys.

Wie aufwendig ein Footballer-Leben ist, das hatte auch der kleine Gary schnell verstanden – er musste ja oft mitreisen. Lautenschlager senior findet: Wenn man Football wirklich ernsthaft betreiben will in Deutschland, dann beansprucht es so viel Lebenszeit, dass man die Familie mit einbinden muss. „So wurden die beiden Töchter Cheerleader, die Mama wurde Managerin der Cheerleader“, sagt er schmunzelnd.

Um gut zu sein, muss man viele unterschiedliche Dinge lernen. Alle Spielzüge sind einstudiert, wer seine Bewegungen eine Zehntelsekunde zu früh oder zu spät macht, gefährdet den Erfolg des ganzen Teams.

Und der kleine Gary? Spielte damals wie so viele andere Fußball. Als echter Giesinger bei 1860 München, er stand im Tor. „Das war meistens langweilig“, sagt er heute lachend. Denn als Keeper der oftmals favorisierten Mannschaft stand er nur rum, „da hat niemand auf mein Tor geschossen.“ Aber Football kannte er vom Papa, er war ja auch meist mitgereist. Bei den Heimspielen lief der Sohn auch ein paar Mal mit der bayerischen Rautenfahne vor der Mannschaft her, wenn diese vor dem Kickoff aufs Feld lief. Ein Jugendleiter bei Sechzig war es aber, der zu ihm sagte: „Dann spiel doch auch mal Football.“ Und dann folgte etwas, was man von vielen hört, die mit diesem Sport beginnen: dass es sie vom Fleck weg elektrisiert hat. „Da war schnell klar, dass ich mich jetzt auf Football konzentriere“, sagt er.

Zweifellos wird Football in Deutschland heute viel athletischer gespielt, viel schneller, der Sport hat viel an Ästhetik gewonnen. Um aber richtig gut zu werden, beginnen deutsche Kinder immer noch zu spät damit. Gary Lautenschlager war mit elf Jahren vergleichsweise früh dran, er hatte auch schon als Kind das Spielverständnis entwickelt. Es dürfte kein Zufall sein, dass er bei den Erwachsenen dann schnell zum Quarterback wurde, zum Spielmacher, zum König des Rasenschachs.

Letztlich hat Gary zwar nicht so viele Spiele bestritten wie sein Vater, aber er hat zweifellos sehr viel erlebt. Das Highlight-Jahr war 2011, als er mit den Cowboys die Playoffs erreichte und mit der Nationalmannschaft zur WM nach Österreich fahren durfte. Deutschland wurde Fünfter von Zehn, der Ersatz-Quarterback Lautenschlager kam auch zum Einsatz.

Wenn man Football wirklich ernsthaft betreiben will in Deutschland, dann beansprucht es so viel Lebenszeit, dass man die Familie mit einbinden muss. „So wurden die beiden Töchter Cheerleader, die Mama wurde Managerin der Cheerleader“, sagt Lautenschlager schmunzelnd.

Das Spiel um Platz fünf gegen Frankreich fand im Wiener Ernst-Happel-Stadion vor knapp 17.000 Menschen statt, beim Einlaufen rannten die Spieler unter Flammenwerfern hindurch. Sehr viel näher konnte man damals als deutscher Footballspieler dem Gefühl, Profi zu sein, nicht kommen.

Und um Profi zu werden, dafür war Gary ein paar Jahre zu alt – er ließ seine Karriere bald danach ausklingen. Doch die Ausbildung war damals schon gut genug, um einigen Spielern den Sprung in die USA zu ermöglichen. Allen voran der Düsseldorfer Sebastian Vollmer, der mit einem Stipendium in den USA studierte, dann zu den New England Patriots ging und als Beschützer von Superstar Tom Brady zweimal den Superbowl gewann. Oder Mark Nzeocha, der seit 2017 für die San Francisco 49ers spielt. Mit Vollmer spielte Lautenschlager zusammen bei der Junioren-EM, gegen Nzeocha spielte er in der Bundesliga.

„Wir sind schon eine große Familie, uns verbindet alle sehr viel“, sagt Lautenschlager, der heute studierter Wirtschaftspsychologe ist. Er findet, der deutsche Verband hätte noch ein kleines bisschen mehr für die Entwicklung der Spieler tun können, und damit auch für die Popularität im Land. Während das Interesse am Sport wächst, stecken die Aktiven immer noch in der Amateurhaftigkeit fest, und das, obwohl man Football eigentlich gar nicht als Amateur betreiben kann.

Immerhin: Heute gibt es nicht nur die German Football League (GFL), in der die Cowboys spielen. Es gab zwischenzeitlich auch eine NFL Europe, seit 2021 gibt es auch noch eine europäische Liga, organisiert vom Hamburger Patrick Esume, und NFL-Spiele kann man sich mittlerweile sonntags gleich mehrere hintereinander live ansehen. „Damals“, erzählt Gary, „hatte vielleicht einer von uns ein Premiere-Abo, dann sind alle zu ihm und haben die Nacht durchgeschaut.“ Das und die gemeinsame Schlacht auf dem Feld schweißen zusammen. Auch im deutschen Football entstanden schon Freundschaften fürs Leben. Die Lautenschlagers waren dabei immer mittendrin.

 

 

Text: Nansen & Piccard; Fotos: Frank Stolle

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