Andreas Maisberger ist der Geschäftsführer des Vereins Münchener Brauereien, der die Interessen der sechs großen Münchner Traditionsbrauereien vertritt – und wie keine andere Vereinigung das Bild prägt, das Münchner Bier in der ganzen Welt hat. Im Gespräch verrät er, was Münchens Bierkultur wirklich einzigartig macht.
Sie sind Geschäftsführer eines Vereins, der in vielerlei Hinsicht besonders ist: Gegründet wurde er 1871, im Register trägt er die Nummer 2, es ist der älteste noch aktive Verein der Stadt. Sind die Aufgaben und Ziele immer noch dieselben wie vor eineinhalb Jahrhunderten?
Es hat sich doch einiges geändert. Im Jahr 1871 fielen Vereins- und Reichsgründung zusammen – kein Zufall. Denn damals wurden die Zünfte in ihrer bisherigen Form abgeschafft. An die Stelle der Zünfte traten oftmals Vereine – so wie unserer für die Zunft der Brauer. Dabei ging es in erster Linie um soziale Aufgaben, zum Beispiel um die Absicherung von Hinterbliebenen. Aber der Verein hatte auch Aufgaben, die heute auf keinen Fall mehr Bestandteil der Vereinsarbeit sind.
Welche denn?
Zum Beispiel hat er den Bierpreis reguliert, also darüber bestimmt, zu welchem Preis das Bier in München verkauft wird.
„Heute sehen wir uns vor allem als Hüter eines wunderbaren Produkts: dem Münchner Bier.“
Eine Art Münchner OPEC!
Sozusagen. Kartell- und wettbewerbsrechtlich betrachtet ist so etwas mittlerweile natürlich unvorstellbar. Heute sehen wir uns vor allem als Hüter eines wunderbaren Produkts: dem Münchner Bier. 1998 wurde es auf unser Betreiben hin als geschützte geografische Angabe (g.g.A.) eingetragen. Seitdem darf nur noch solches Bier als Münchner Bier bezeichnet werden, das innerhalb der Stadtgrenzen und nach dem Reinheitsgebot mit Wasser aus eigenen Tiefbrunnen gebraut wurde. Und damit dieses reiche Erbe erhalten bleibt, agieren wir als Ansprechpartner und Vertreter der Brauereien gegenüber Politik und Gesellschaft. Dabei sehen wir uns selbst als eine Art Übersetzer zwischen Tradition und Gegenwart: Wir schauen, dass wir authentisch bleiben. Und trotzdem mit der Zeit gehen. Sonst – heißt es nicht umsonst – geht man mit der Zeit.
Wenn Sie sich eine Welt ohne geschützte Herkunftsbezeichnung für das Münchner Bier ausmalen müssten – wie sähe die aus?
Ich denke, dann könnte man überall auf der Welt „Münchner Bier“ kaufen, das keines ist. Anders ausgedrückt wäre das Münchner Bier ohne die g.g.A. vermutlich zu einer Art Bierstil geworden, bei dem Brauart, Optik und Geschmack nachgeahmt würden. Aber Münchner Bier ist eben kein Stil. Es steht für sich – und nur nach g.g.A. produziertes Bier darf sich auch so nennen. Denn die Bezeichnung Münchner Bier ist ein weltweit gültiges Qualitätsversprechen. Wir sorgen dafür, dass es auch eingehalten wird.
„Auch innerhalb des Münchner Biers haben wir ja viele verschiedene Sorten.“
Das Reinheitsgebot lässt für die Herstellung von Bier lediglich vier Zutaten zu: Hopfen, Malz, Hefe, Wasser. Manch einer sagt, das würde die Innovation hemmen. Wie sehen Sie das?
In der ursprünglichen Fassung waren es sogar nur drei zulässige Zutaten. Von der für die Gärung verantwortlichen Hefe wusste man damals noch nichts. So oder so ermöglichen diese wenigen Zutaten schon eine erstaunliche Produkt- und Aromenvielfalt. Auch innerhalb des Münchner Biers haben wir ja viele verschiedene Sorten. Letztlich betrachten wir das Reinheitsgebot deshalb sogar als Riesenchance: Es ist eine Selbstverpflichtung, unseren eigenen Qualitätsansprüchen gerecht zu werden – die auch oder vor allem dann noch gelten, wenn sie anderswo nicht eingehalten werden.
Wie würden Sie Ihre Rolle als Geschäftsführer beschreiben? Interessenvertreter, Traditionshüter, Botschafter, Moderator …
Das kommt ganz darauf an. Oft erfülle ich am selben Tag mehrere Rollen: zum Beispiel vormittags als Interessenvertreter und Markenrechtler, nachmittags als Moderator und abends möglicherweise als Repräsentant.
Gibt es besonders schöne Termine?
Ehrlich gesagt gibt es in meinem Beruf fast nur angenehme Termine. Wenn ich anderen Leuten von meinem Terminkalender erzähle, ist die häufigste Antwort, dass man gerne mit mir tauschen würde. Es ist nicht immer nur ein Zuckerschlecken, aber ich bin dankbar für diese schöne Aufgabe.
Das bekannteste und wichtigste Bier-Event in München ist das Oktoberfest. Ist das auch Ihr persönliches Highlight?
Das Oktoberfest – das Fest des Münchner Bieres, wie es ja auch genannt wird – ist fast schon naturgemäß das Highlight im Münchner Bierjahr. Aber es gibt viele weitere Veranstaltungen in München, die mit Bier zusammenhängen und für die Stadt identitätsstiftend sind. Die Starkbierzeit etwa. Oder wenn wir als Verein unserer Aufgabe gerecht werden, unsere tollen Auszubildenden zu ehren. Das ist für mich als Geschäftsführer immer ein bewegender Moment.
„Das ist uns wichtig, schließlich gäbe es ohne neue Lehrlinge, die den Beruf weitertragen, irgendwann kein Bier mehr.“
Wie genau läuft das ab?
Alle zwei Jahre ehren wir im Rahmen des Münchner Brauertags unseren Nachwuchs zum Abschluss seiner Ausbildung. Das ist uns wichtig, schließlich gäbe es ohne neue Lehrlinge, die den Beruf weitertragen, irgendwann kein Bier mehr. Diese Anerkennung möchten wir auch unter den Augen der Öffentlichkeit aussprechen. Deshalb findet das Ganze auf dem Marienplatz statt. Menschen aus nah und fern kommen zusammen, um die Münchner Bierkultur zu erleben; begleitet von Brauchtumsgruppen wie Goaßlschnalzern und Gebirgsschützen. Die prächtigen Brauereigespanne sind da. Und als Höhepunkt senkt der Münchner Oberbürgermeister eine hölzerne Ferula auf die Schultern der Auszubildenden, schlägt sie somit frei und entlässt sie ins Berufsleben.
In vielen Handwerksbereichen sucht man händeringend nach Nachwuchs. Wie steht es um das Brauwesen?
Auch wir müssen dranbleiben und für die Attraktivität des Berufs Werbung machen. Vor allem müssen wir dort sein, wo die jungen Menschen sind, also zum Beispiel in den sozialen Medien. Sonst ergreift jemand diesen schönen Beruf womöglich nur deshalb nicht, weil er nichts davon wusste – obwohl er vielleicht prädestiniert wäre, Brauer oder Mälzer zu werden. Aber auch dieses Jahr gibt es wieder 32 Absolventen, ein Drittel davon weiblich. Der Beruf ist also nach wie vor attraktiv, und die Brauereien haben eine gute Auswahl, wen sie als Lehrling nehmen wollen.
Konkurrieren die Brauereien um die besten Absolventinnen und Absolventen?
Es gibt eine Münchner Meisterschaft, bei der den besten Brauern eine weitere besondere Ehrung zuteil wird. Die Gewinner erhalten außerdem einen von uns ausgelobten Geldpreis. Ein kleiner Anreiz, sich richtig reinzuhängen. Und die Brauereien wollen da natürlich vorne mit dabei sein. Da gibt es auch mal die eine oder andere Frotzelei, wenn eine Brauerei mal ein, zwei Jahre nicht auf dem Stockerl landet. Aber das gehört dazu und spornt an.
Wird das Freibier, das am Brauertag ausgeschenkt wird, immer abwechselnd gestellt?
Daran beteiligen sich alle sechs Brauereien, indem sie das gleiche Kontingent zur Verfügung stellen. Insgesamt schenken wir an dem Tag 3.000 Liter an die Besucher aus.
Um noch mal auf das Oktoberfest zurückzukommen: Ist man als Geschäftsführer des Vereins Münchener Brauereien jeden Tag auf der Wiesn?
In der Tat bin ich nahezu alle 16 Tage da. Für mich ist das aber kein Stress, im Gegenteil. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als so nah und so intensiv an dem Produkt zu sein, für das man steht. Die Wiesn ist das Event, auf das alle Brauereien hinfiebern. Spätestens mit dem Aufbau der Zelte fängt es an zu kribbeln.
„So oder so ist es etwas Wunderbares: zusammenkommen und miteinander ratschen – und dabei vielleicht das eine oder andere gute Bier trinken.“
Bei der Vorstellung der Wiesnbiere haben Sie ein paar neue Formate eingeführt: Es gibt ein Quiz mit Fragen rund um das Oktoberfest und die Münchner Bierkultur, außerdem eine Blindverkostung. Konnten Sie alle Biere den jeweiligen Brauereien zuordnen?
Ich selbst konnte bei der Blindverkostung nicht mitmachen, weil ich die Veranstaltung ja moderiere. Aber ich habe es später nachgeholt und lag auch ganz gut, würde ich sagen. Aber es ist schon lustig mitanzusehen, wie sich manch einer dabei ertappt, ganz schön falschzuliegen. Oder andere überrascht sind, weil sie gar so gut abschneiden.
Ihr liebster Fakt zur Münchner Bierkultur?
Was viele nicht wissen: Die bayerische Mass fasste ursprünglich 1,069 Liter statt des heute gängigen metrischen Liters. Lustigerweise wurde auch das 1871 angepasst, also im selben Jahr wie unsere Vereinsgründung.
Hat man als Geschäftsführer des Vereins Münchener Brauereien eigentlich auch einen Stammtisch?
Privat habe ich meinen Stammtisch mit Freunden, als Geschäftsführer versuche ich, in möglichst vielen Wirtshäusern Gast zu sein. So oder so ist es etwas Wunderbares: zusammenkommen und miteinander ratschen – und dabei vielleicht das eine oder andere gute Bier trinken. So ein Stammtisch- oder Wirtshausbesuch zeichnet sich ja vor allem durch das Kommunikative aus. Ob es jetzt ein fixer Stammtisch ist oder eine gesellige Runde, spielt gar keine so große Rolle. Wichtig ist, beieinanderzusitzen, zu reden, miteinander eine Freud zu haben und zu genießen.
„Wichtig ist, beieinanderzusitzen, zu reden, miteinander eine Freud zu haben und zu genießen.“
Welche Rolle spielen die Brauereien für die Identität der Stadt?
Die Brauereien haben eine große Aufgabe hier in München, und zwar schon seit vielen hundert Jahren. München steht auf der ganzen Welt für gutes Bier und eine lebendige Bierkultur – das zu erhalten, ist zusammen mit den Wirten unsere Aufgabe. Die Menschen erwarten vom Münchner Bier eine gewisse Kontinuität. Erst durch sie entsteht auch das Identitätsstiftende. Gleichzeitig ändern sich die Zeiten – und mit ihnen die Lebensstile und das Konsumverhalten. Für die Brauereien bedeutet das, dass sie nicht stillstehen dürfen, sondern innovativ sein müssen. Und da sind die Münchner Brauereien immer vorne mit dabei. Zum Beispiel auch beim Thema alkoholfreie Biere, die bereits seit der Eintragung der g.g.A. als Sorte des Münchner Biers mitbedacht wird.
Alkoholfreies Bier liegt derzeit stark im Trend. Ist das ein Zukunftsmarkt oder nur Beilage zum Hauptgeschäft?
Es ist eine vollwertige und wunderbare Ergänzung der Produktpalette. Und wir unterscheiden auch nicht zwischen Konsumenten von alkoholfreiem oder alkoholhaltigem Bier. Es gibt viele Biertrinker, die hier flexibel sind und zum Beispiel erst einmal eine alkoholhaltige Halbe trinken, um danach auf alkoholfreies Bier umzusteigen. Oder es von Tag zu Tag anders machen. Weil sie gesundheitsbewusster agieren, aber trotzdem in den Genuss der traditionellen Bierkultur kommen möchten. Deshalb leben und repräsentieren wir das alkoholfreie Bier genauso wie das klassische Bier – und haben dieselben Ansprüche an Authentizität und Qualität.
„Es eröffnen vielerorts neue Stehausschänke, die Wirte setzen zudem verstärkt auf Holzfass- oder Tankbier, bei dem das Bier mit seinem natürlichen Kohlensäuregehalt ins Glas kommt.“
Viele Münchner Brauereien besitzen Räumlichkeiten, in denen Wirtshäuser und Schänken betrieben werden – und sind damit auch Gastgeberinnen. Spüren Sie auch dort die Spannung zwischen Kontinuität und notwendiger Veränderung?
Ein guter Wirt ist der beste Multiplikator für unser Bier. Deshalb versuchen wir, unsere Gastronomen bestmöglich zu unterstützen. Zum Beispiel in der Qualitätssicherung, also in allen technischen Aspekten rund um die Bier- und Gläserpflege. Aber nur mit einem frischen, perfekt gezapften Bier ist es nicht getan. Die Menschen gehen heute anders aus als früher und die Gastronomen müssen darauf reagieren.
Wie reagiert die Gastronomie darauf?
Das Erlebnis steht heute stärker im Vordergrund. Deshalb erleben wir gerade eine Renaissance von Dingen, die vielleicht etwas rückwärtsgewandt erscheinen, in diesem Kontext aber Sinn ergeben. Und was früher gut war, muss ja heute nicht schlecht sein. Es eröffnen vielerorts neue Stehausschänke, die Wirte setzen zudem verstärkt auf Holzfass- oder Tankbier, bei dem das Bier mit seinem natürlichen Kohlensäuregehalt ins Glas kommt. Das sind alles tolle Entwicklungen, für die ich unseren Gastronomen sehr dankbar bin.
Sie sind seit fünf Jahren Geschäftsführer. Wenn wir uns in fünf Jahren wiedertreffen würden, woran würden Sie sich messen, ob Sie in dieser Rolle erfolgreich waren?
Ich muss mich daran messen lassen, ob unser Münchner Bier weiterhin so klar positioniert bleibt – als unverwechselbar, hochwertig, echt. Das Münchner Bier soll weltweit seinen guten Ruf behalten und noch weiter ausbauen, als etwas, das München einzigartig und besuchenswert macht. Und die Münchnerinnen und Münchner sollen darauf stolz sein und sich damit identifizieren können. Damit sie überall auf der Welt auf ihre Heimat angesprochen werden und zu Recht mit Stolz sagen können, dass sie aus der Stadt kommen, aus der das Münchner Bier stammt. Wenn sich die Menschen auf diese Weise mit unserem Produkt identifizieren, kann ich froh sein.
„Das zaubert mir immer wieder ein Lächeln auf die Lippen. Egal, wie oft man diesen Moment erlebt: Er bleibt immer herrlich.“
Zum Schluss: Was ist Ihre liebste Art, um in den Genuss der Münchner Bierkultur zu kommen?
Ganz einfach und unkompliziert: in guter Gesellschaft und in schöner Atmosphäre in einem traditionellen Münchner Wirtshaus oder auch in einem Biergarten. Sich dann vollkommen auf den ersten Schluck aus einer frischen Halben oder einer Mass konzentrieren, wie er kalt die Kehle hinunterläuft. Das zaubert mir immer wieder ein Lächeln auf die Lippen. Egal, wie oft man diesen Moment erlebt: Er bleibt immer herrlich.
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