Beni Brachtel im Porträt

Tänzer zwischen den Welten

Heute Club, morgen Oper: Der Musiker und Komponist Beni Brachtel liebt neue Sounds – und alte Geräte.

Es gibt einen spezifischen Geruch des Exzesses, aber den riecht man erst am nächsten Morgen. Kalter Rauch, verschüttete Getränke, die Reste von Schweiß und Parfüm. Dieses Aroma der Nacht hängt in einem Flachbau in Obersendling, der so gar nicht ins aufgeräumte München passen will. Reifen stapeln sich in einem Hinterhof, eine alte Fabrikhalle steht gegenüber, im Erdgeschoss befindet sich eine Autowerkstatt.

Im ersten Stock, erreichbar über eine wacklige Außentreppe, ist das Musikstudio von Benedikt „Beni“ Brachtel. Die Party, die hier vor Kurzem stattgefunden hat, imprägnierte den Raum. Es ist klar: Hier wurde gefeiert. „Und zwar ordentlich“, sagt Brachtel. Er klopft auf kolossale schwarze Boxen: die für ihre Klangwucht legendäre Function-One-Anlage, mit der man auch ein Festival beschallen könnte. „Freunde von mir, die im Sommer ein Technofestival in Frankreich organisieren, haben hier einen Geburtstag gefeiert“, sagt Brachtel. „Ich war auch da, aber nicht bis zum Schluss. Es ging ziemlich lange … Partytiere eben.“

Brachtel, 34 Jahre alt, ist auch ein Partytier, manchmal zumindest. Vor allem aber liefert er den Rohstoff derartiger Veranstaltungen. Als Bartellow und mit etlichen anderen Projekten ist er einer der interessantesten elektronischen Musiker Münchens. Seinen sehr eigentümlichen Sound veröffentlicht er auf deutschen, britischen und US-amerikanischen Labels. Was Brachtel aber auch überregional zur Ausnahme macht: In seinem Studio bastelt er nicht nur an den für ihn typischen Drum-Mäandern, sondern auch an seinen Kompositionen für Orchester und Chor. Brachtel ist einer der ganz wenigen Musiker, die auf beiden Hochzeiten tanzen: im Club und in der Oper.

Gerade beschäftigt er sich mit etwas, das auch für ihn neu ist: Zwölftonmusik. Er arbeitet an der Musik für eine Theaterarbeit des Regisseurs und jungen Theaterstars Ersan Mondtag. Der bringt in Köln eine dramatisierte Version von Viscontis „Verdammten“ auf die Bühne. „In Viscontis Film geht es um den Untergang einer deutschen Großindustriellenfamilie während des Dritten Reichs. Für mich war klar, dass ich mich der Zeit musikhistorisch nähern will: Zwölftonmusik ist in der Mitte des 20. Jahrhunderts längst nicht mehr wegzudenken – für mich jedoch Neuland, mein Background ist die Harmonielehre des Jazz und tonale Musik.“ – Brachtel wird sich zu helfen wissen.

Brachtel ist einer der ganz wenigen Musiker, die auf beiden Hochzeiten tanzen: im Club und in der Oper.

Sein riesiges Mischpult sieht auf den ersten Blick so aus wie alle Mischpulte, die in Musikstudios stehen. Das tonnenschwere Gerät aber ist ein „Studer 900“, ein altes Fernsehstudio-Mischpult. „Schweizer Rundfunktechnik aus den frühen 1980ern“, erklärt Brachtel unverhohlen stolz. Daneben stehen zwei Ungetüme, die aussehen wie Wäscheschränke bei Großmutter: zwei alte Boxen aus dem Studio des Bayerischen Rundfunks, gebaut in den frühen 1960er-Jahren. Hier arbeitet ein Sound-Tüftler. Einer, der elektronische Musik nicht aus der Retorte drückt, sondern alchemistisch selbst zusammenbraut.

Brachtels musikalische Genese ist zum einen typisch: der Vater Cellist im Rundfunkorchester des Bayerischen Rundfunks; Cello war auch das erste Instrument, das Brachtel erlernte. Schon als Kind spielte er regelmäßig Kammermusik. Es folgte Klavier, dann vor allem: Gitarre. „Das klassische Repertoire wurde mir in die Wiege gelegt. Von da aus war es dann nur ein kleiner Schritt hin zum Jazz“, sagt er. Zuerst in München, dann am berühmten Bruckner-Konservatorium in Linz studiert er Jazzgitarre. Bis heute ist das Improvisieren, das er im Jazz gelernt hat, sein musikalischer Anker. Mit Mitte zwanzig aber wollten die Töne bei Brachtel plötzlich nicht mehr in Jazz-Improvisationen. „Das war noch immer meine Musik, aber ich hatte irgendwie genug von den grauen Bärten, die das Publikum ausmachten“, sagt er. Also wandte er sich dem Feld zu, das auch sein Privatleben zunehmend bestimmte: dem Club.

Hier arbeitet ein Sound-Tüftler. Einer, der elektronische Musik nicht aus der Retorte drückt, sondern alchemistisch selbst zusammenbraut.

„Das Schöne an elektronischer Tanzmusik ist: Sie muss funktionieren“, sagt Brachtel. „Da gibt es keine halben Sachen, im Club müssen die Stücke knallen.“ Die hohen funktionalen Ansprüche führen jedoch dazu, dass Clubmusik immer eintöniger klingt, ein einmal erfolgreiches Muster wird immer wieder kopiert. Brachtel aber ist viel zu sehr kompositorischer Individualist, als dass er sich mit so etwas zufriedengäbe. Zum Beispiel die Beats, das Rückgrat jeder Tanzmusik. Die kommen heute meist von speziellen Synthesizern, etwa der berühmten Drum Machine Roland TR 909, oder aus virtuellen Maschinen, die diese Geräte kopieren. „Mir macht es einfach viel mehr Spaß, die Beats und Sounds mit anderen Synthesizern, die nicht speziell dafür gemacht sind, zusammenzubauen. Oder mit echten Trommeln einzuspielen oder aus Alltagsgeräuschen zu basteln.“

Dazu arbeitet Brachtel, auch das ist Standard in der elektronischen Tanzmusik, mit Samples, also mit schon vorhandenem Soundmaterial. Aber auch hier geht es um Einzigartigkeit. Einen seiner größten Szenehits produzierte er mit seinem Projekt „Tambien“, zusammen mit den beiden Münchnern Valentino Betz und Marvin Schumann: „Compagnia“. Über einem treibenden, sehr monotonen und doch hüpfenden Beat hört man den leiernd-aggressiven Gesang süditalienischer Waschfrauen, den die Musiker auf einer obskuren alten Platte fanden. Das Ganze klingt so verrückt, so unheimlich-exzessiv, dass der Track sofort in jedem Club wie ein tönendes Ausrufezeichen wirkt. Mechanisch, repetitiv und doch lebendig: Das ist der Stempel von Brachtels Clubmusik – und damit bespielt er Clubs von Tokio bis L.A.

Aber genauso wie es ihm damals im Jazz zu eng wurde, reichte ihm das irgendwann nicht mehr. Also wendet er sich seit einigen Jahren wieder dem Feld zu, das er mit zwölf Jahren, als die häuslichen Kammerkonzerte dann doch etwas langweilig wurden, verlassen hat: der klassischen Musik. „Die Bezeichnung an sich ist schon ein Problem“, sagt er. „‚Klassik‘ ist eine historische Epoche, aber auch ‚Neue Musik‘ ist klar definiert. Und ‚ernste Musik‘ will man nun wirklich auch nicht sagen.“ Er behilft sich damit, dass er sagt, er komponiere „für klassische Musiker“.

„Das Schöne an elektronischer Tanzmusik ist: Sie muss funktionieren.“
Beni Brachtel

Unter anderem vier Musiktheaterproduktionen komponierte er für die Bayerische Staatsoper. Drei davon waren Stücke im Rahmen eines Zyklus: Zusammen mit der Regisseurin Jessica Glause arbeitete Brachtel mit jungen Geflüchteten, ließ diese eine eigene Version der Genesis, die im Judentum, dem Islam sowie dem Christentum vorkommt, erstellen. Die Musik, die er dazu schuf, knüpfte er an bestehende Werke des klassischen Repertoires, wie etwa Haydns „Schöpfung“. Heraus kam ein dicht gewebter Soundteppich, zum Teil klassisch-harmonisch, doch immer wieder übergehend in schwebende Atmosphären und atonalem Klanggewitter. Die Kritik war beeindruckt, selbst die „New York Times“ berichtete. In anderen Stücken lotete Brachtel die Möglichkeiten von orchestraler Musik heute aus.

Bisher am weitesten in Neuland wagte er sich mit seinem Stück „Catarsi“, einer Überschreibung von Beethovens „Fidelio“, ebenfalls für die Bayerische Staatsoper. Für dieses Stück verteilte er 50 Boxen und 9 Basslautsprecher in den Räumen des Postpalastes an der Hackerbrücke. Die Besucherinnen und Besucher wanderten durch ein lebendiges, sich ständig morphendes Soundlabyrinth – spatial composition, Raumkomposition heißt dieses noch relativ neue Genre. Das ist typisch für Brachtels Arbeitsweise. „Ich will etwas Neues hören, egal ob auf dem Dancefloor oder vom Orchester“, sagt er.

„Ich will etwas Neues hören, egal ob auf dem Dancefloor oder vom Orchester.“
Beni Brachtel

Doch nun also, für das Stück in Köln, Zwölftonmusik: Melodiefolgen, die jenseits aller Harmonien sind, die wir so vor uns hinpfeifen können. Brachtel sitzt an seinem Studer, dem riesigen Schweizer Mischpult, und öffnet am Rechner ein Programm. „Mein Cousin ist gut im Coden von Musikprogrammen“, erzählt er. „Den bat ich, mir einen Algorithmus zu schreiben, der eine konventionelle Tonfolge in Zwölftonmusik übersetzt. Er ersetzt Töne, die sich in einer Melodie wiederholen würden, durch andere Töne.“ Das letzte Jahr über pflügte sich Brachtel durch Musiktheorie, las die entscheidenden Schriften von Schönberg, Berg und Webern.

Nun ist es soweit: Zum ersten Mal probiert er den Algorithmus aus. Der wird für ihn nicht komponieren, aber Zwölftonmaterial ausspucken, das Brachtel dann weiterbearbeitet. Als Versuchsballon für die erste Probe wählt er etwas denkbar Gefälliges: Mozarts „Kleine Nachtmusik”. Während er die Daten dafür in seinen Rechner speist, kommen die Gäste vom Wochenende ins Studio und bauen die große Anlage ab. Kurzes Hallo – dass Brachtel zwischen seinen 24 Keyboards an seinem Mischpult sitzt, ist für die Partytiere der gewohnte Anblick.

Dann ist es so weit. Zuerst lässt Brachtel die „Kleine Nachtmusik“ dudeln. Dann arbeitet der Algorithmus, und auf einmal tönt aus den Boxen ein Stück, das denselben Rhythmus, dieselbe Geschwindigkeit und Klangtemperatur hat wie der Gassenhauer von Mozart, das diesen sogar irgendwie noch erkennen lässt – aber sich zum Original so verhält wie Mr. Hyde zu Dr. Jeckyll. Irgendwie missgestaltet, unheimlich und auf jeden Fall: sehr anders und neu. Brachtel freut sich wie ein Forscher, dem ein Experiment geglückt ist. Oder eher: wie ein Junge, dessen Zaubertrick klappt. Und dann spielt er die Passage noch mal, diesmal mit voller Lautstärke auf seinen 60 Jahre alten, analogen Monsterboxen.

 

 

Text: Paul-Philipp Hanske; Fotos: Frank Stolle

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