Mugler Retrospektive in der Kunsthalle

Gaga Göttinnen

Die Kunsthalle ist die Adresse in München für Kunst-, Kulturen- und Epochen-umfassende Schauen. Ihre Baumeister gelten als Pioniere der neuen Einfachheit. Ganz anders verhält es sich mit den grellen und ungebärdigen Haute Couture-Kreationen des heute über siebzigjährigen französischen Modeschöpfers Thierry Mugler, die ganz aktuell hier zu sehen sind. Unsere Autorin und ihre modebegeisterte Freundin haben die Ausstellung besucht.

Pling. Pling. Pling. Die schnelle Abfolge der eingehenden WhatsApp-Nachrichten zeugt von Ungeduld. Ich lese: Liebe Freundin, gehst Du mit mir in die Kunsthalle? Und dann ins Lenbachhaus und anschließend ins Haus der Kunst? Tolle Ausstellungen!!!! Wann hast Du Zeit?

Am nächsten Tag reist sie an. Maske hin oder her, meine Freundin Stella kann nicht länger warten. Als Theaterfrau und passionierte Schneiderin und Kostümbildnerin ist die Thierry Mugler-Ausstellung in der Kunsthalle ihre erste Wahl. Und ich begleite sie.

Die Retrospektive präsentiert Muglers Schaffen in acht Akten. „Akte" in Anlehnung an die Tatsache, dass der Modekünstler gleichzeitig ein Vollblut-Theatermensch ist. Seine Zeit als jugendlicher Balletttänzer im Ensemble der Opéra national du Rhin in seiner Heimatstadt Straßburg hat ihn entscheidend geprägt. Auch wenn er Ende der 1960er-Jahre in die Modebranche wechselte, blieb es der theatrale Aspekt der Mode, der ihn fesselte, und in den er unendlich viel Energie steckte. Seine Modeschauen der 1980er und frühen 1990er-Jahre, in denen er auch für Musik, Choreografie und Beleuchtung verantwortlich zeichnete, waren legendär.

Video: Mugler Retrospektive

Bereits im ersten Akt wird deutlich: Der Muglersche Modeolymp ist kein Ponyhof. Das Tragen der hier in Portraits und im Original ausgestellten Amazonen- und Roboterfrauen-Looks erfordert, um mit dem Meister selbst zu sprechen „Mut und Nerven“. Offensichtlich nehmen Top-Mannequins diese Strapazen immer wieder gerne auf sich. Die Superheldinnen-Kluft wird zu Schau getragen von Starmodels wie Gisele Bündchen, Linda Evangelista, Toni Garrn und Cara Delevingne.

Obwohl ich weiß, dass sie dabei nicht schlecht verdienen, macht mich der Anblick der halbnackten mit viel Metall beschwerten Frauen mit gezielten Material-Aussparungen an Po und Busen erst mal grantig. Ich finde, sie wirken nicht so, als hätten sie diese Outfits freiwillig angezogen. Meine Freundin Stella begutachtet inzwischen Muglers futuristischen Metallanzug aus der Nähe. Zielsicher erkennt sie seine Anleihe bei Fritz Langs Kinoklassiker „Metropolis“ aus den 1920er Jahren. Sie kennt sogar den Namen der Darstellerin, die den Originalanzug im Film trug: Sie hieß (passenderweise) Brigitte Helm.

„Jetzt hab dich mal nicht so“, sagt Stella „dass Leiden zum Modebiz dazugehört, wissen wir nicht erst seit den tränenreichen Umstylings von „Heidis Mädchen“ bei Germany`s next Topmodel“. Dann erklärt sie mir, dass Mugler sehr lange nach einer Methode gesucht hat, das starre Material der Halskrausen, Helme und Brustpanzer dem Körper anzupassen. Überhaupt ist sie fasziniert von der handwerklichen Perfektion des Modeschöpfers. Sie studiert seine Modeskizzen und ihr Respekt gilt vor allem den fleißigen Arbeitsbienen in Muglers Stab. Ein Volk selbstloser Könner, das die Ausgeburten seiner Fantasie handwerklich perfekt umgesetzt hat.

Andächtig verharrt sie vor dem in unzähligen Lagen plissierten Kleid der Lady Macbeth, das im fünften Akt der Ausstellung in einer Hologramm-Installation präsentiert wird. Mugler hat es 1985 zusammen mit über 70 weiteren Kostümen für eine Aufführung von Shakespeares berühmtem Theaterstück durch die Comédie-Francaise kreiert. Es ist 35 Kilo schwer. „So etwas zu fertigen ist Knochenarbeit“, weiß sie aus eigener Erfahrung zu berichten.

Nein, so ist es ja auch wieder nicht, dass ich mit Mode nichts am Hut habe. Ich weiß zum Beispiel genau, was die Farbe Rot mit mir macht. Ich besitze eine ganze Batterie roter Schuhe: ein Paar für jede hart ausgefochtene Auseinandersetzung.

In der Ausstellung gibt es dieses purpurrote bodenlange Gewand mit ausladendem Federputz, Glitzersteinen und Pailletten. Wenn ich mir Selbstbewusstsein überstülpen könnte, dann mit diesem Kleid. Sexuell explizit und mir nicht zu viel, ist auch das Outfit mit dem Blitz zwischen den Beinen und dem Gewitter im Kopf.

Stella macht mich schmunzelnd auf die vielen Details aufmerksam. Thierry Mugler ist berüchtigt für seinen Perfektionismus. Zum Anzug im Reptilienoptik gibt es die passende Echsenaugen-Brille, zum Military Style das Raketentäschchen, zum Motorcycle-Korsett die Rückspiegel und den Lederhalter am Oberschenkel für die Coladose.

Haute Couture bezeichnet per Definition gehobene Schneiderkunst für eine extrem begüterte Kundschaft.

Ob Mugler das „Dekolleté Derniere“, den halbnackten Hintern, die überbreiten Schultern und die Wespentaille zum Markenzeichen seiner Entwürfe machte, um Frauen zu helfen, sich stark zu fühlen, wagen wir zu bezweifeln. Schweres Gerät, wie seinen „Motorradanzug“ mit integriertem Lenker, Handbremsen und chromblitzender Auspuffanlage muss Frau jedoch buchstäblich „tragen können“. Dagegen ist ein Nacktshooting mit einer Boa Constrictor Pipifax.

Wir bestaunen Kunstwesen halb Frau halb Motorrad, Kostüme aus Autoreifen, Anleihen aus dem Reich der Reptilien und Insekten und David Bowie im froschgrünen Anzug.

„Ich glaube, Mugler ging es keinen Moment darum, Menschen einzukleiden“, meint Stella, „er hat sich als Künstler ausgetobt. Seine wilde, verrückte und dekadente Mode kannst Du eigentlich nicht mehr toppen, danach kommt vielleicht nur noch die Schönheits-OP.“ Das ganze Ausmaß der Provokation, sagt sie, sei aber nur aus dem zeitlichen Zusammenhang zu verstehen.

Haute Couture bezeichnet per Definition gehobene Schneiderkunst für eine extrem begüterte Kundschaft. Sie entstand Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris und ist in Frankreich geschützt. Nur ein sehr kleiner, elitärer Zirkel von Schneiderkünstlern zählt zu den Mitgliedern. Über die Aufnahme entscheidet noch immer eine strenge Jury. In ist, wer drin ist.

Und dann kam, oh mon Dieu!, Thierry Mugler und brach mit seinen körperbetonten Looks in Latex, Lack und Leder alle Tabus seiner Zeit.

Lange gaben konservative Modehäuser wie Chanel und Dior mit ihren handgefertigten Kreationen aus luxuriösen Materialien den Ton an. Gleichzeitig dominierten in den 1970er-Jahren die körperfernen Gewänder der Hippies. Und dann kam, oh mon Dieu!, Thierry Mugler und brach mit seinen körperbetonten Looks in Latex, Lack und Leder alle Tabus seiner Zeit. Für die Entwürfe des extravaganten Couturiers fand sich schon bald eine riesige Fangemeinde. Promis wie Diana Ross, Céline Dion, Beyoncé, Jerry Hall, Lady Gaga und auch die notorischen Kardashians tragen seine Kleider und Kostüme nicht nur privat, sondern gingen für den Meister sogar auf den Catwalk. „Mugler konnte sich alles erlauben, alle lagen ihm zu Füßen“, sagt Stella nicht ohne Neid.

In einem der ersten Räume ist ein orangefarbener Jogginganzug zu sehen, für den man bei einem ausgewachsenen Gorilla Maß genommen haben muss. Ich erläutere Stella meine spontane Interpretation des Ausstellungsstücks. Danach sind die Jahre an Manfred, wie Thierry Mugler sich inzwischen wieder nennt - Manfred ist ursprünglich sein erster Vorname - nicht spurlos vorüber gegangen.

In einem der ersten Räume ist ein orangefarbener Jogginganzug zu sehen, für den man bei einem ausgewachsenen Gorilla Maß genommen haben muss.

Den hübschen Jüngling, der die Avancen seines Publikums anfangs noch unbeschwert in grauer Five Pocket Jeans und kariertem Hemd entgegennahm, gibt es schon lange nicht mehr. Manfred krankte immer mehr an den Kehrseiten seines überwältigenden Erfolges. Um sich nicht völlig zu verheizen, hat er sich peu á peu hinter den Panzer eines zurecht geschnitzten Äußeren mit breiter Brust, noch breiteren Schultern und Boxervisage zurückgezogen. Der orange Jogginganzug ist für mich wie ein Prototyp, wie eine Studie für die Veränderungen, die Mugler im Laufe der Jahre aus Schutzbedürftigkeit an sich vollzogen hat oder hat vollziehen lassen. „Kann schon sein“, sagt Stella.

Wir haben schließlich vergnügliche zwei Stunden damit verbracht, Muglers wilden Ritt durch die Modewelt vom Ende der 1970er bis Mitte der 2010er zu verfolgen. Am Ende bleibt die Frage, was von alldem wir selbst gerne einmal tragen würden? Also, Ich würde gerne mal den Luxus spüren und in das eine Million-Pailletten-Kleid in Fischoptik schlüpfen, das Jerry Hall auf einem Foto trägt und das auch im Original in Akt acht ausgestellt ist.

Der größte Luxus bleibt aber für uns, dass wir uns wieder treffen dürfen, um gemeinsam Kunst zu besuchen, uns daran zu erfreuen, darüber zu quatschen, uns darüber zu echauffieren und natürlich auch, seien wir ehrlich, um ein klein wenig zu klugscheißern.

Bei Stella hat Mugler mit seiner Superheldinnen-Kiste offensichtlich doch irgendetwas wachgerüttelt. Sie favorisiert die Outfits im Rachegöttinnen-Stil, so á la Lara Croft oder Kill Bill. Schließlich entscheidet sie sich, Bodyshaming hin oder her, total mutig, für das auffälligste Stück überhaupt: den schwarz-braun gemusterten, hautengen Bikerinnen-Anzug mit integriertem Feuerstuhl, den Mugler für den Cirque de Soleil geschaffen hat.

Der größte Luxus bleibt aber für uns, dass wir uns wieder treffen dürfen, um gemeinsam Kunst zu besuchen, uns daran zu erfreuen, darüber zu quatschen, uns darüber zu echauffieren und natürlich auch, seien wir ehrlich, um ein klein wenig zu klugscheißern. Lenbachhaus, Pinakotheken, Haus der Kunst, es gibt noch so viel zu tun. Ich warte ungeduldig auf weitere WhatsApps.

Die Ausstellung „Thierry Mugler Couturissime“ in der Kunsthalle läuft noch bis zum 28. Februar 2021. Zu sehen sind mehr als 150 Outfits, Bühnenkostüme, Accessoires, Videos, Entwurfszeichnungen und Fotografien des Modekünstlers. Neben eigenen Aufnahmen zeigt die Ausstellung zusätzlich etwa 100 Werke berühmter Modefotografen, allen voran Helmut Newton (1920-2004). Tickets können vor Ort an der Kasse oder über den Onlineshop gekauft werden.

 

 

Text: Karoline Graf; Fotos: Frank Stolle

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