Ballettstunde

Trifft ein Fragezeichen ein Ausrufezeichen

Gutes Ballett wirkt schwebend leicht – ist aber ein knochenharter Hochleistungssport. Ein Probetraining mit dem Münchner Ballettstar Dustin Klein.

Ich treffe Dustin vor dem Probengebäude am Platzl. Dustin Klein, 32 Jahre alt, einer der Stars des Bayerischen Staatsballetts. Er soll mir zeigen, wie das geht mit dem Ballett. Das ist natürlich eine vollkommen bescheuerte Idee. Meine Tanzhistorie ist zwar alt, spielte sich aber bisher nur im Club ab, unsichtbar in der Masse und der Dunkelheit. Ich bewege mich gern im Rhythmus, weiß aber sehr wohl, dass diese Art des Hüftwackelns rein gar nichts mit klassischem Tanz zu tun hat. Der interessiert mich auch schon immer, nun will ich erfahren, wie sich diese fliegend leichten Bewegungen anfühlen. Ich ahne: Es wird anstrengend werden.

Dustin also. Als er vor mir steht – geräumiger Parka, rote Mütze –, sieht er aus wie einer der typischen hippen Großstadtbewohner. Allerdings gibt es einen Unterschied: Seine Bewegungen sind von ausgesuchter Akribie, und das wiederum geht zusammen mit einer so profunden, fast altmodischen Höflichkeit – solider, warmer Händedruck, Blick in die Augen, freundliches Lächeln –, dass ich beinahe etwas irritiert bin. Bin ich von vielen jungen Männern doch gewohnt, dass sie breitbeinig durch die Welt stapfen und Blickkontakt eher meiden. Nicht so Dustin, die dezente Geschmeidigkeit in Person.

Ein Windhauch könnte mich umwerfen, wäre da nicht die Stange, an der ich mich festklammere.

Hinauf in den Probensaal. Das Bayerische Staatsballett ist mit Berlin, Stuttgart und Hamburg eines der größten und bekanntesten in Deutschland. Hier wird auf internationalem Spitzenniveau getanzt. Classy sind auch die Ballettsäle. Am Platzl gelegen, dem Münchner Touristen-Hotspot mit Hofbräuhaus und Alfons-Schuhbeck-Imperium. Geht man durch die Tür des Gründerzeithauses, betritt man eine andere Welt. Junge, sehr schöne Menschen gleiten schweigend Treppen hinauf, hinter geschlossenen Türen klingt ein Klavier, oder ein ganzes Orchester schmettert einen Walzertakt. Hinter einer weißen Flügeltür öffnet sich ein Probensaal: so groß wie zwei Wohnungen, Stuck an der Decke, riesige Fenster bis zum Boden, die Wände verspiegelt. „Lockere Trainingskleidung“ war ausgemacht, und so stehen Dustin und ich uns im Tanktop gegenüber, Dustin trägt eine Trainingshose mit seitlich eingesticktem „Staatsballett“.

Das Training beginnt mit der Rolle. Die berüchtigte Faszienrolle, die inzwischen in keinem Yoga- und Fitnessstudio fehlt und mit der verhärtete Muskeln und Sehnen brutal weich gewalkt werden. Dustin legt sich mit dem Rücken auf das Foltergerät, er fließt quasi darüber, seine Schultern berühren den Boden. Ich tue es ihm gleich, aber es fühlt sich so an, als rolle man ein krummes Holzbrett über einen Baumstamm. An dieser Stelle muss gesagt werden, dass der einzige Sport, den ich selbst treibe, eine Art von Gymnastik ist, zu der ich mich an vier Tagen die Woche auf der heimischen Yogamatte zwinge. Auf meine Klimmzug-Performance bin ich einigermaßen stolz. Ballett scheint mir damit verwandt zu sein, aber schon beim ruckelnden Rollen verlässt mich der Mut.

Dustin hat sich inzwischen aufgewärmt. Dabei half der Raum, 22 Grad, je wärmer, desto besser. Wir beginnen mit den Grundpositionen an der Stange.

Die erste: Die Füße stehen im stumpfen Winkel zueinander. Das geht. Während ich mich auf die Füße konzentriere, korrigiert Dustin ganz dezent meinen Oberkörper. Schiebt meine Schultern nach hinten, das Kinn nach oben. Sagt, ich solle mir vorstellen, in meinem Rumpf sei ein Aufzug. Auf der Vorderseite, am Bauch, gehe er nach oben, hinten, am Rücken, nach unten. Ich folge den Anweisungen, es fühlt sich an, als verwandle sich mein Körper in eine Art Korsett. Alles starr, alles fest. Es geht, ist aber wahnsinnig anstrengend.

Das ist aber erst der Anfang. Dustin bittet mich in die zweite Position. Bei der stehen die Füße in einer Linie mit den Fersen aneinander. Ich spreize meine Fußspitzen nach außen. „Stopp, nicht aus den Knien, die machst du dir sonst kaputt“, meint Dustin, „die Öffnung muss in der Hüfte stattfinden.“ Das gelingt mir nur mit sehr viel Mühe, die Hüfte wird mir am Abend noch wehtun. „Nun aber wieder an den Oberkörper denken“, mahnt Dustin. Kinn hoch, Aufzug im Bauch. Ich stehe da wie eine völlig unbewegliche, in sich verdrehte Schaufensterpuppe. Ein Windhauch könnte mich umwerfen, wäre da nicht die Stange, an der ich mich festklammere.

Das ist das Bild, das man von Ballettproben kennt: Mädchen, seltener Jungs an der Stange. Immer wieder dieselben Übungen wiederholend. Nach Spaß schaut dieses roboterhafte Lernen eigentlich nicht aus. Mit sieben Jahren begann Dustin das Tanzen. Auf die mir so naheliegende Frage, wieso man gerade als Junge diesen Sport wählt und nicht etwa Fußball, noch dazu in Landsberg, wo Dustin aufwuchs, hat er eine sehr klare Antwort. „Ich war als Kind beinahe hyperaktiv. Das Tanzen fokussierte meine körperliche Energie.“ Als Außenseiter unter den Mädchen fühlte er sich nicht. Tanzen war einfach sein Ding, das bedarf keiner weiteren Erklärung.

Die ersten Schritte tat er in der Tanzschule seiner Mutter. Dann nach London, an die Royal Ballet School, die Entscheidung, Profi zu werden. Natürlich ist das alles auch eine superharte Welt: der Konkurrenzdruck, die wenigen guten Rollen, die alle haben wollen. Eine große Stunde für Dustin war, da tanzte er schon am Staatsballett in München, als er vom legendären Jiří Kylián für eine der wenigen Rollen in dem modernen Klassiker „Gods and Dogs“ ausgesucht wurde. „Ich wollte unbedingt dabei sein, aber das wollten eben alle!“ Auch an diesem Tag hat er noch ein internes Casting. „Inzwischen bin ich nicht mehr so aufgeregt. Das ist das Gute am Alter: Man gewinnt an Routine und Selbstvertrauen. Dafür haben die Jungen, die gerade reinkommen, diese ungezügelte Energie.“ Er selbst wisse, dass er – rein körperlich – seinen Zenit schon hinter sich habe. Was Dustin macht, ist Hochleistungssport. Wieso sollte es im Ballett anders sein als im Fußball oder Rennradfahren?

Ich aber kann beim besten Willen keinen Verfall seiner Physis sehen. Was wir bisher gemacht haben – die Grundpositionen, dann jeweils das Plié, das In-die-Knie-Gehen, das Tendu, das Strecken, das Werfen des Beins (bei Dustin weit über seinen Kopf hinaus, bei mir etwa bis zur Hüfte) – all das hat mich schon völlig aus der Puste gebracht. Die ständige Körperspannung lässt mich schwitzen. Für Dustin waren das noch nicht einmal Übungen, es ist einfach die Art und Weise, wie er sich im Raum bewegt. Kurz darauf wird er zeigen, was zu seinem eigentlichen Repertoire gehört.

Dustin ist auf modernen Tanz spezialisiert, seine Bewegungen sind ausladend, raumgreifend und dabei immer auf den Punkt. Für den Laien wirkt sein Tanz, auch seine eigenen Choreografien, mit denen er am Staatsballett für Aufsehen sorgt, wie präziser Zufall, Spannungsbögen, die Gefahr zu laufen scheinen zu entgleisen, sich dann aber im entscheidenden Moment fangen. Und auch in seinen klassischen Rollen scheint diese Modernität von Dustins Ansatz durchzuschimmern. Sieht man ihn etwa in der Rolle des Grafen N. in der „Kameliendame“, scheint es, als wirke eine Kraft in Dustin, die in exakte Bewegungen gegossen ist, aber immer darüber hinaus will. Es ist klar, dass diese Form von Körperbeherrschung vollkommen jenseits meiner Möglichkeiten liegt.

Dustin ist auf modernen Tanz spezialisiert, seine Bewegungen sind ausladend, raumgreifend und dabei immer auf den Punkt.

Dass ich mich bei meinen bescheidenen Übungen an Dustins Seite dann doch einigermaßen gut fühle, ist einem einfachen Trick geschuldet: dem Spiegel. Der ist natürlich zur Präzisierung der Bewegungen da. Man betrachtet sich – das liegt in der Natur von Spiegeln – meist aufrecht und von vorne. Aus dieser Position, gewissermaßen zweidimensional – scheine ich eine recht gute Figur zu machen. Die Schaufensterpuppe: Brust raus, Kinn, hoch Arme gestreckt, das alles wirkt einigermaßen akkurat.

Doch dann sehe ich mal neben mich und betrachte Dustin von der Seite. Er steht völlig gerade da. Sein Hals ist eine exakte Verlängerung der Wirbelsäule, während meiner irgendwie schräg nach vorne rauswächst. Seitlich betrachtet wirke ich neben Dustin wie eine Schildkröte neben einem Übermenschen, wie ein Frage- neben einem Ausrufezeichen. Als ich ihn darauf anspreche, antwortet er: „Seitdem ich sieben Jahre alt bin, mache ich Ballett. Natürlich formt das den Körper.“ Wie gut, dass wir gleich wieder in den unförmigen, sanft kaschierenden Wintermänteln stecken.

 

 

Text: Paul-Philipp Hanske; Fotos: Frank Stolle

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