Das Radspielerhaus

Palaisbesuch ohne Schwellenangst

Stadtpalais, die die berühmten Namen ihrer Erbauer tragen und teilweise sogar noch von deren Nachfahren bewohnt werden – in München findet man mehrere davon. Eines ist das Palais Rechberg, besser bekannt als Radspielerhaus. Heute werden hier feine Stoffe und Holzmöbel verkauft, und man findet, versteckt hinter der gelben Fassade, einen der schönsten Münchner Gärten. Doch wie hält man so ein altes Haus eigentlich am Leben? Wir haben die Eigentümerfamilie zu einem Rundgang getroffen.

Der Garten liegt gut versteckt, Gäste sollten den Eingang zu diesem idyllischen Innenstadtparadies kennen, denn ein Besuch hier lohnt sich wirklich. Man muss sich nur in das prachtvoll ausgestattete Einrichtungsgeschäft Radspieler an der Hackenstraße trauen und ein Interesse für Gartenmöbel kundtun – die sind nämlich dort im Garten ausgestellt, genauer: im „Radspieler-Garten“ des alten „Palais Rechberg“, heute besser bekannt als „Radspielerhaus“. Hier entfalten sich über tausend Quadratmeter Münchner Bellezza, eine Sehenswürdigkeit für sich.

Hinter der ockergelben Fassade, an der eine Steintafel an Heinrich Heine erinnert, der ein Jahr dort gewohnt hat, wachsen Eschen, Kastanien, Linden und Buchen, manche von ihnen mehr als 200 Jahre alt. Auf deren verwitterten Rinden ist das winzige Naturschutz-Warndreieck festgeschraubt. In der Mitte lädt ein barocker Steinbrunnen mit Putte, die Lippen zum Wasserspeien geformt, zum Träumen ein – bei himmlischer Ruhe mitten in der lärmenden Innenstadt.

Das Palais, dessen Fassade den Garten von der Hackenstraße aus umgibt, beherbergt auf mehreren Etagen das exklusive Einrichtungshaus Radspieler, gegründet vom Vergolder Joseph Radspieler (1819–1904), Spross einer Altmünchner Möbelherstellerdynastie, der mit Bilderrahmen begann und während seiner unaufhaltsamen Karriere schließlich das Privileg „Königlich Bayerischer Hoflieferant“ verliehen bekam. Seit immerhin sechs Generationen sind Garten, Geschäft und das ganze Palais im Besitz der Familie von Seidlein. Zurzeit besteht die Erbengemeinschaft aus fünf Eigentümer*innen; Geschäftsführerin der Immobilie ist seit zehn Jahren Ulrike von Seidlein, eine studierte Architektin und Innenarchitektin. Das Palais ist eines der wenigen in München, dessen Räume der Öffentlichkeit zugänglich sind – schließlich sind Gäste im Ladengeschäft herzlich willkommen.

Im Radspielerhaus entfalten sich über tausend Quadratmeter Münchner Bellezza, eine Sehenswürdigkeit für sich.

Design und Artisanerie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Firmengeschichte. Joseph Radspieler, der einst den Thronsessel für König Ludwig II. von Bayern gefertigt und auch das königliche Appartement in der Residenz eingerichtet hatte, hat wortwörtlich den Grundstein dafür gelegt. Seine Nachkommen bauten das Rechberg-Palais um, und so wurde die Schreinerei für Möbel und Wohnaccessoires zum Hauptbetrieb. Nebenbei wurden hochwertige Erzeugnisse aus ganz Europa importiert.

„Ich selber bin ins Familienunternehmen hineingewachsen“, erzählt Peter von Seidlein, „und war schon als Bub und später während meiner Ausbildung zum Fotografen fleißig bei der Auslieferung und der Montage von Möbeln dabei.“ Damit das Unternehmen weiterhin vollständig in Familienbesitz verbleibt, wurde in einer „Lex Seidlein“ vertraglich festgelegt, dass Unternehmensanteile nur an eigene Kinder vererbt werden können. „Natürlich wächst die Zahl der Gesellschafter mit jeder neuen Generation und auch die Frage, welche Familienmitglieder im Unternehmen mitarbeiten und mitentscheiden, muss immer wieder mal von Neuem diskutiert und entschieden werden“, berichtet Peter von Seidlein. Das gelbe Stadtpalais in der Hackenstraße verwaltet inzwischen eine Immobiliengesellschaft. „Daher bezahlen wir auch Miete für unsere Geschäftsräume“, erzählt von Seidlein.

Und das Haus bleibt in Bewegung: 2017 hat sich die Erbgemeinschaft darauf einigen können, das Dachgeschoss auszubauen und teilweise zu vermieten. Im ersten, zweiten und dritten Obergeschoss des Trakts entlang der Hackenstraße befinden sich heute Büros und Praxen, den Rest bewohnen Mitglieder der Familie.

Beim Gang durch die großzügigen Radspieler-Showrooms im Erdgeschoss und im ersten Stock des Palais geht man trotz der Modernität der ausgestellten Möbel und Stoffe auch auf eine Zeitreise – wenn man nämlich die Wände und Decken betrachtet: Ausgemalte Boiserien, prachtvolle Fresken und Muriale bilden eine Kulisse für schlicht-elegante Sofas, Sessel, Tische, Lampen und Stoffe. „Diese Kassettendecke zum Beispiel ist der Rest eines Raumes, der 1900 auf der Weltausstellung in Paris gezeigt wurde“, erklärt Peter von Seidlein, „den hat Radspieler damals dort erworben und nach München versetzt – natürlich musste der Raum an das Deckengemälde angepasst werden.“

Im nächsten Raum fühlt man sich in eine Kathedrale versetzt – und tatsächlich: „Diese Wandbilder fielen bei der Regotisierung der Münchner Frauenkirche ab. Auch die hat Radspieler gerettet und hierher versetzt.“ Über eine moderne Eisentreppe gelangt man ins erste Geschoss und steht plötzlich auf prachtvollem antikem Eichenparkett, das unter den Schritten leise knarrt – hier entsteht nun eher das Gefühl, man betrete ein Museum adeligen oder großbürgerlichen Wohnens im Stadtpalais. „Das Parkett war jahrzehntelang durch Teppiche geschützt und ist deshalb so gut erhalten, wir mussten es nicht einmal schleifen.“

Ein Museum war das nie und sollte auch nie eins sein, betont Peter von Seidlein lachend und erzählt: „Diese Salonflucht im ersten Stock diente vor nicht allzu langer Zeit auch nicht als Radspieler-Showroom wie heute, sondern war vermietet.“ Zum Beispiel an den Fotografen Günther Kaufmann, den Bruder der Schauspielerin Christine Kaufmann, der hier sein Atelier hatte und Stars und Models wie Veruschka Lehndorff in Szene setzte – „bisweilen saß sein Schwager, der Hollywoodstar Tony Curtis, auch dabei und amüsierte alle Anwesenden mit seinen Scherzen.“ An andere Mieter*innen im ersten Stock des Palais mit seinen herrschaftlichen Räumen und dem eleganten Kamin erinnert sich Peter von Seidlein mit einer Grimasse aus Grinsen und Stirnrunzeln: „Hier oben saß auch mal eine Zeit lang die Redaktion des „Jetzt“-Magazins der „Süddeutschen Zeitung“. Das waren schon ziemlich wilde Kerle, menschlich sympathisch, ja, aber mit den Räumen gingen sie nicht immer besonders pfleglich um.“

Man steht plötzlich auf prachtvollem antikem Eichenparkett, das unter den Schritten leise knarrt – hier entsteht nun eher das Gefühl, man betrete ein Museum adeligen oder großbürgerlichen Wohnens im Stadtpalais.

Da sei der „SZ-Magazin“-Kolumnist Axel Hacke schon pflegeleichter gewesen – „der saß immer nur still da drüben in seiner Ecke und dichtete bei einem Glas Rotwein an seinen ‚Das Beste ...‘-Kolumnen.“ Das Radspielerhaus – ein Stadtpalais mit Geschichte: Über Jahrhunderte sammelte sich hier Münchner Kultur und Geschäftigkeit in allen Facetten. Die Familie von Seidlein arbeitet daran, dass sich das auch in den nächsten Generationen nicht ändert.

 

 

Text: Nansen & Piccard; Fotos: Frank Stolle

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