Das Leben als Leistungssportlerin steckt voller Entbehrungen. In der Härte des täglichen Trainings zu bestehen ist eine fortwährende mentale Gratwanderung. Viertelliebe-Botschafterin und Trailrunning-Profi Kimi Schreiber über die Orte in der Stadt, die ihr die Kraft für ihre schier endlosen Läufe geben.
Im Lost Weekend, einem hippen Café direkt an der Ludwig-Maximilians-Universität, sind alle Plätze besetzt. Es sieht auch nicht danach aus, als würde sich bald etwas daran ändern. Zu vertieft die Haltung derer, die es sich an Tischen und in Sitzecken mit Büchern oder Laptops bequem gemacht haben. Kimi Schreiber stört das nicht. Genau dafür schätzt sie diesen Ort schließlich. „Hier arbeiten alle. Und niemand ist deshalb genervt“, sagt sie. Sie mag es, in diese Atmosphäre einzutauchen, sich mit dem Gefühl von Produktivität und Kreativität anstecken zu lassen.
Außerdem erinnert sie das Lost Weekend an ihre Zeit in Bamberg, wo sie Kommunikationswissenschaften studiert hat. „Während der Lernphasen war der Cafébesuch immer ein kleiner Tageshöhepunkt“, sagt sie. In der Zwischenzeit ist ein Hochtisch frei geworden, an dem sie jetzt sitzt und an einem Cappuccino mit Hafermilch nippt, während sie erzählt. Eine Spur Nostalgie ist herauszuhören. Im Café sitzen, lesen, schreiben, nachdenken – dafür ist in ihrem durchgetakteten Leben nicht mehr viel Zeit.
Schreiber ist professionelle Trailrunnerin, läuft bei den großen Bergrennen weit jenseits der 40 Kilometer regelmäßig in die Top-Platzierungen. Dieser Erfolg erfordert ein enormes Trainingspensum – und ist die Grundlage für ihre wirtschaftliche Existenz. Gleichzeitig lässt beim Trailrunning nicht allein davon leben, Rennen zu gewinnen. Mindestens so wichtig ist die Sichtbarkeit für Sponsoren. Ihre Social-Media-Präsenz spielt aus diesem Grund eine wichtige Rolle für Kimi Schreiber. „Gleichzeitig ist das der Bestandteil meines Jobs, den ich am wenigsten mag“, sagt sie. Aber sie beherrscht ihn virtuos, was vermutlich auch daran liegt, dass sie einige Erfahrung in dem Bereich mitbringt. Nach dem Studium arbeitete sie im Marketing, schrieb für eine Zeitung und machte Praktika bei Film und Fernsehen. Das Schreiben hat sie schon als Kind geliebt.
Heute ist sie Co-Host eines wöchentlich erscheinenden Podcasts über Trailrunning, außerdem hat sie vor Kurzem ihr erstes Buch über die Sportart veröffentlicht und schreibt eine Kolumne für ein Lauf-Magazin. Ins Lost Weekend zu gehen, sich Geschichten zu überlegen oder einen Themenplan, würde ihre also ganz gelegen kommen. „Aber meistens mache ich alles parallel“, erzählt sie. Die aktuelle Podcast-Folge anhören und freigeben, während sie läuft. Über einen Blogeintrag nachdenken, während sie sich aufwärmt. „Weil ich auch am Wochenende trainiere, arbeite ich eigentlich immer“, sagt sie. Mal wieder die Gelegenheit zu haben, im Lost Weekend ein paar Studi-Vibes aufzusaugen, scheint sie deshalb umso mehr zu genießen.
„In meinem Team bin ich eine der wenigen, die in einer Großstadt lebt.“
Auf dem Weg zum Englischen Garten – dem zweiten Ort, den Kimi Schreiber uns zeigen möchte – dauert die beschwingte Stimmung an. Es ist ein warmer und freundlicher Tag, der erste des Jahres, und halb München ist auf den Beinen, um den sich ankündigenden Frühling willkommen zu heißen. Über die Königinstraße betreten wir den weitläufigen Park, überqueren den Schwabinger Bach und steuern auf den Monopteros zu. Auf dem Weg nach oben überholen wir zwei etwas kurzatmige Damen. An Kimi Schreibers Erzählfluss und Atemfrequenz ist trotz des Anstiegs keinerlei Veränderung zu bemerken.
Orte wie den Monopteros, erzählt sie, würde sie beim Trainieren eher meiden. Zu viele Menschen. „Die drei Höhenmeter sind das nicht wert“, sagt sie – glücklicherweise außerhalb der Hörweite der beiden Damen, die Kimi Schreibers hyperbolische Schrumpfung des Monopteros (tatsächlich ist der Hügel, auf dem er steht, 15 Meter hoch) womöglich als leistungsschmälernd empfinden könnten. Was sie mit dem Englischen Garten verbindet? „Die unzähligen Runden und Stunden, die ich hier gelaufen bin“, sagt sie. Als sie noch nicht in der Nähe der Isar wohnte, trainierte sie vor allem hier.
„In meinem Team bin ich eine der wenigen, die in einer Großstadt lebt“, sagt sie. Was ihre Kolleginnen und Kollegen am Trainingsstandort München unterschätzen würden? „Das alles hier“, sagt sie grinsend mit einer ausladenden Armbewegung in Richtung der weiten Wiesen und der dahinter liegenden Stadtsilhouette. Insbesondere aber die Möglichkeit, auch mal aus der Leistungssportwelt ausbrechen zu können. „Es ist ganz individuell, ob man das braucht oder nicht“, sagt sie. „Ich kenne viele, die auch damit glücklich sind, einfach nur Sport zu machen. Aber ich brauche das unbedingt.“ Wir treten den Abstieg an, machen uns auf den Weg in Richtung Odeonsplatz, um von dort zum Viktualienmarkt zu gehen.
Bald haben wir den sattgrünen Rasen, die mäandernden Kieswege und den plätschernden Schwabinger Bach hinter uns gelassen und den Hofgarten betreten. Der Renaissancegarten im italienischen Stil mit seinen langen Arkadengängen ist Materie gewordenes Dolcefarniente. Menschen, die wirken, als wären sie nur kurz in der Mittagspause, spielen im Schatten der Bäume Boule. Waren wir gerade noch am Schauplatz unzähliger harter Trainingseinheiten für Kimi Schreiber, sind wir nur ein paar Momente später an einem Ort, an dem die Münchner Seele baumelt wie eine reife Kastanie im Spätsommer. Ein Übergang, der gleichermaßen fließend wie radikal ist. Die Art von Kontrast, den Kimi Schreiber an München so liebt.
„Das alles hier“, sagt sie grinsend mit einer ausladenden Armbewegung in Richtung der weiten Wiesen und der dahinter liegenden Stadtsilhouette. Insbesondere aber die Möglichkeit, auch mal aus der Leistungssportwelt ausbrechen zu können. „Es ist ganz individuell, ob man das braucht oder nicht“, sagt sie. „Ich kenne viele, die auch damit glücklich sind, einfach nur Sport zu machen. Aber ich brauche das unbedingt.“
Geboren ist Kimi Schreiber südlich von München in Starnberg, ihre Jugend verbrachte sie in Herrsching am Ammersee. Aber zur Münchnerin wurde sie am Flughafen in Genf. „Ich erinnere mich noch genau“, erzählt sie. Zu dieser Zeit lebte sie in Chamonix, um die für eine Trailrunnerin herausragende Infrastruktur zu nutzen. Am Gate wartete sie auf ihren Flug nach Frankfurt, um von dort für ein Rennen nach Südafrika zu fliegen. Am Gate nebenan war der Flug nach München angeschrieben. „Es hat mir das Herz gebrochen, nicht in diesen Flieger einsteigen zu dürfen“, sagt sie. Und da wusste sie: Chamonix war eine Fehlentscheidung. Ihr Zuhause ist München. Ob die guten Leberkässemmeln vom Viktualienmarkt dabei eine Rolle gespielt haben könnten? Eher nicht, sagt Kimi Schreiber. Als Profiathletin steht so etwas ohnehin nicht auf ihrem Speiseplan, zudem ernährt sie sich fast ausschließlich vegetarisch. Dann schon eher Käse, sagt sie, während sie mit ehrfürchtig-vorsichtigem Blick eine Säule aus aufeinandergestapelten Käselaiben in Augenschein nimmt, die vor dem Stand der Münchner Käse Manufaktur steht. „Irgendwann wünsche ich mir mal eine Schlemmertour über den Viktualienmarkt“, sagt Kimi Schreiber. „Eine Stunde lang von Stand zu Stand gehen und nach Herzenslaune mitnehmen dürfen, was man will.“
Guten Käse gibt es natürlich auch in Frankreich. Nein, es ist schon das Münchner Lebensgefühl, das es Kimi Schreiber angetan hat. Wir haben uns ein großzügig belegtes Sandwich am Stand von Marinas Feinkost geholt, am plätschernden Honigbrunnen finden wir ein Plätzchen zum Sitzen. Eigentlich müsste sich Kimi Schreiber gar nicht weiter erklären, so lauschig ist die Szene. Sie tut es trotzdem: „Obwohl es hier am Markt oft voll wird, bleibt es immer gemütlich“, sagt sie. „Es ist touristisch, aber auch traditionell. Alles und alle kommen hier zusammen, zum gemeinsamen Verweilen. Ich bin einfach gerne hier.“
Natur, Vielfalt, Lebensfreude – das sind die Gründe, aus denen Kimi Schreiber in München lebt. Und noch ein letzter Aspekt spielt eine wichtige Rolle für sie: „In München habe ich meine Base, mein Netzwerk“, sagt sie, während wir uns durch die Gassen der Altstadt schlängeln, um zu unserer letzten Station zu gelangen: der Manufaktur Sven Renz in der Neuturmstraße, die unter anderem individuell angepasste Einlagen anfertigen. Lange Zeit hatte Schreiber Probleme mit Krämpfen. „Nach drei bis vier Stunden Berganlaufen ging es fast immer damit los“, erzählt sie. „Ich dachte, es liegt an einem Eisenmangel oder falscher Verpflegung“, sagt sie. Dann kam sie darauf, es mal mit individualisierten Einlagen zu probieren. „Damit hat sich das Krampfthema erledigt.“ Durch ihr enormes Trainingspensum hat sie einen hohen Materialverschleiß und ist öfter hier.
Während sie darauf wartet, dass ihre Einlagen die von ihr ausgesuchte Wunschfarbe erhalten, erzählt sie weiter: „Eine gute Infrastruktur ist viel wert. In München habe ich meinen Physiotherapeuten, mein Fitnessstudio, ein gutes Ärztenetzwerk“, sagt sie. „Ich weiß, dass es für alle möglichen Probleme jemanden gibt, der mir helfen kann.“ Und auch die gute Anbindung Münchens ist für sie ein Vorteil. Während Kolleg*innen für Wettkämpfe häufig erstmal in die nächstgrößere Stadt reisen müssen, um von dort mit Zug oder Flugzeug weiterzukommen, beginnen Kimi Schreibers Reisen direkt in München. „Ich mag es lieber so rum: statt den Berg vor der Haustür zu haben und dafür für alles andere ewig herumfahren zu müssen.“
Sven Renz schaut noch kurz aus seiner Werkstatt heraus, begrüßt Schreiber herzlich, erkundigt sich nach Training und anstehenden Wettkämpfen. Die Anteilnahme wirkt echt, offenbar freut es ihn, einen kleinen Beitrag leisten zu können, Schreiber im Wettkampf zu unterstützen. Und Kimi Schreiber freut es wiederum, dass ihr nicht nur Menschen wie Renz den Rücken stärken. Sondern München.