Typologie: Bier

Alles über Bier: Sag mir, was du trinkst

Starkbier, Festbier, Hell, Dunkel, Pils, Ale: Eine kleine Typologie der wichtigsten Münchner Biere – und ihrer Trinker.

Münchner Hell

 

Das muss man wissen: Das klassische Münchner Bier: klar, gelb, untergärig, mit dichtem Schaum. Obwohl es heute allgegenwärtig ist und als das traditionellste Münchner Bier gehandelt wird, ist es relativ jung. Es wurde erst Ende den 19. Jahrhunderts hier eingeführt und gewann dann die Herzen der bierseligen Münchner im Sturm.

So schmeckt es: Unauffällig. Der Nullpunkt des Bier-Koordinatensystems – das ist nicht negativ gemeint, sondern eine Auszeichnung. Helles ist nicht zu stark gehopft, nicht zu süß. Dafür gibt es einen Ausdruck: süffig. Das heißt nichts anderes, als dass man es literweise trinken kann, ohne seiner überdrüssig zu werden. Seit ein paar Jahren sehr beliebt sind die Biersorten Zwickel bzw. Kellerbier. Dabei handelt es sich um unfiltrierte Varianten des Hellen, die etwas wilder schmecken.

Wo man es trinkt: Überall, wo es „gemütlich“ ist: im Biergarten, in Bierhallen, in der bayerischen Eckkneipe – der Boazn, an der Isar, im Wirtshaus, vor dem Fernseher.

Wer es trinkt: Münchner Helles ist flüssige Demokratie. Alle trinken es. Wenn man im Wirtshaus sagt: „ein Bier“, kommt immer ein Helles.

Zum Beispiel: Untergiesinger Erhellung, Augustiner Helles, Paulaner Zwickl, Tilmans Das Helle

Dunkel

 

Das muss man wissen: Dunkel ist heute ein Spartenbier, war aber über Jahrhunderte das dominante Bier in Bayern. Freilich nicht exakt das heutige Dunkel, die Biere vergangener Zeiten variierten stark in Farbe und Geschmack, viele von ihnen waren trüb, die meisten dunkel.

So schmeckt es: Dunkel ist die Schokolade unter den Bieren. Schwer und süß im Geschmack, dickflüssig in der Anmutung; der Schaum ist cremig. Meist ist es nicht stark gehopft, dafür umso stärker gemalzt.

Wo man es trinkt: Im Wirtshaus – und dort vor allem zu deftigen Speisen und am liebsten im Winter. Zu Wild passt es gut, zu Ente und auch zu Schweinsbraten.

Wer es trinkt: Einheimische, gerne in fortgeschrittenem Alter, immer mit spezieller Kenntnis der bayerischen Küche. Meist trinkt man auch nur ein Dunkles und steigt dann auf Helles um.

Zum Beispiel: Spaten Dunkel, Augustiner Dunkel, Forschungsbrauerei München – Münchener Naturquell Dunkel

Festbier

 

Das muss man wissen: Eigentlich ist Festbier ein normales Helles, das nur etwas stärker gebraut ist. Es hat mehr Stammwürze, ist also süßer, auch hat es mit etwa 6 Prozent mehr Alkohol als gewöhnliches Helles. Ähnliche Sorten werden auch Märzen oder Export genannt.

Wie es schmeckt: Die erste Maß ist immer herrlich. Dann aber kann das Festbier zum Problem werden. Denn wenn es etwas steht, wird es „lack“. Die Kohlensäure verschwindet, was bleibt, ist schale, warme Süße. Also: schnell trinken.

Wo man es trinkt: Auf dem Oktoberfest.

Wer es trinkt: Da in München alle aufs Oktoberfest gehen: alle.

Zum Beispiel: Hacker-Pschorr Oktoberfest Märzen, Hofbräu Oktoberfestbier, Augustiner Oktoberfestbier

Starkbier

 

Das muss man wissen: Der Name sagt es schon: Starkbier ist stark. Traditionell wurde es als „Fastenbier“ gebraut. Da es sehr kalorienhaltig ist, sollte es Mönchen, die in der Fastenzeit die Aufnahme fester Nahrung reduzierten, den Hunger nehmen. Allerdings fragt man sich heute, was die Mönche dann den ganzen Tag gemacht haben. Schon eine Maß reicht, und man torkelt. Ab zwei Maß wird der Starkbierrausch psychedelisch, ab drei Maß sollte man einen Zettel mit seiner Adresse um den Hals tragen.

So schmeckt es: Wie ein konzentriertes Dunkel. Sehr süß, fast ölig, sehr stark, dabei auch noch stark gehopft. „Best of all“ scheint hier das Motto zu sein. Daneben gibt es auch noch die Tradition des Hellen Bocks. Das schaut harmlos aus: wie ein Helles. Es ist jedoch so süß wie echtes Starkbier und ist vor allem auch so stark.

Wo man es trinkt: Auf Starkbierfesten, vor allem auf dem Nockherberg ab Anfang März. Bockbier wird im Mai ausgeschenkt.

Wer es trinkt: Auf den Starkbierfesten tummeln sich viele Jugendliche, die den Rausch als Abenteuer sehen. Auf der anderen Seite sitzen alte Münchner hinter ihrem Steingutkrug. Starkbierfeste sind so etwas wie eine raue und authentische Version der Wiesn.

Zum Beispiel: Paulaner Salvator, Augustiner Heller Bock, Hacker-Pschorr Animator

Pils

 

Das muss man wissen: Wie Helles ist Pils ein untergäriges Bier, wird also mit Hefen gebraut, die auf den Boden des Bottichs sinken – und das bei niedriger Temperatur. Deshalb konnte man untergärige Biere in großem Maßstab erst ab der Einführung künstlicher Kühlung brauen. Ursprünglich hieß das Pils „Bier nach bayerischer Brauart“, da das untergärige Verfahren vor allem in Bayern praktiziert wurde. Groß wurde es jedoch in Böhmen und im Norden Deutschlands – aber auch in Bayern gibt es köstliches Pils.

So schmeckt es: Im Gegensatz zu Hellem ist Pils weniger süß und viel stärker gehopft.

Wo man es trinkt: Pils trinkt man in der Kneipe, traditionell in der Boazn, aber auch im Restaurant. Es ist ein klassisches Zapfbier, oft wird es sehr langsam eingeschenkt, weshalb es weniger Kohlensäure hat als andere Biere.

Wer es trinkt: Bier-Experten und Helles-Allergiker. Erstere schätzen den feinhopfigen Geschmack. Letztere werden immer mehr: Helles macht aufgrund der hohen Stammwürze oft einen Schädel. Pils ist sanfter im Abgang.

Zum Beispiel: Augustiner Pils, Spaten Pils

Weißbier

 

Das muss man wissen: Man nennt es auch den bayerischen Cappuccino. Weißbier ist der populäre Exot unter den Bieren. Es ist obergärig, also nach einer älteren und einfacheren Brauart als Pils oder Helles hergestellt. Entweder man liebt Weißbier oder man hasst es. Weißbier gehört ins bayerische Wirtshaus wie Weißwurst oder Brezn – wird aber vor allem tagsüber getrunken.

So schmeckt es: Weißbier hat in der Regel eine starke Hefe-Note, auch ist es von der Hefe trüb. Die obergärige Brauart ist für Fruchtnoten verantwortlich, oft schmeckt Weißbier ein bisschen nach Banane.

Wo man es trinkt: Nie aus der Flasche und in der Regel im Wirtshaus. Weißbier ist das traditionelle Frühschoppen- oder Weißwurstfrühstückgetränk.

Wer es trinkt: Alle, die nachher nicht mehr arbeiten müssen.

Zum Beispiel: Hofbräu Münchner Weisse Franziskaner Weissbier Augustiner Weissbier

Ale

 

Das muss man wissen: Ale ist ein Modebier. Es ist obergärig gebraut, also nach einer älteren Methode, die nicht – wie untergärige – Biere auf niedrige Temperaturen angewiesen ist. Ale wird oft in sogenannten Microbreweries gebraut, in kleinen Bierküchen. Ale-Brauer sind in der Regel tätowiert und verstehen sich als Robin Hood im Kampf gegen „Industriebier“.

So schmeckt es: Ale schmeckt im Gegensatz zu traditionellen Bieren nach viel. Gerne wird Aromahopfen verwendet, der auffällige Zitrusnoten mit sich bringt. Auch wird oft „kaltgehopft“, das heißt, Hopfendolden werden nicht nur im Sud miterhitzt, sondern ziehen auch noch im kalten, reifenden Bier mit. Der Effekt ist oft ein sehr konzentriertes Gebräu, das man eher wie Wein in kleinen Schlucken trinkt.

Wo man es trinkt: Überall, wo es hip ist. In Bars mit jungem Publikum, an der Isar, nachdem man es zuvor an gut ausgestatteten Kiosken geholt hat, auf Vernissagen und in Party-Pizzerien.

Wer es trinkt: Eisbachsurfer, Amerikaner (in den USA sind Microbreweries ein Riesenthema), alle, die Weltläufigkeit demonstrieren wollen. Phänotypisch ähneln sich Brauer und Trinker (Tätowierungen, Bart, T-Shirts mit kryptischen Aufdrucken, im Extremfall: Tunnelohrringe).

Zum Beispiel: Tilmans Brown Ale, Hopfmeister Surfers Ale

 

 

Text: Nansen & Piccard; Fotos: Bier- und Oktoberfestmuseum, Frank Stolle