Münchner Philharmoniker

Yusi Chen, Geige

Wir haben vier Mitglieder des größten Orchesters in München nach ihren Instrumenten gefragt. Hier erfahren Sie mehr über den Münchner Philharmoniker Yusi Chen, seinen Weg zur Geige und warum es nicht nur darum geht, Noten abzuspielen. 

 „Als ich als Kind in China lernte, Geige zu spielen, war die Geige etwas nahezu Exotisches und auch nicht unbedingt beliebt. Das war noch Anfang der 1980er-Jahre so, als ich in meiner Heimatstadt Harbin das Instrument lernte. Ich war fünf Jahre alt, mein Opa war Hobbymusiker und hat mich angesteckt mit seiner Leidenschaft für die Musik. Wir waren nicht reich, aber mein Opa hat alles zusammengerafft und eine kleine Musikschule gegründet. Ich war oft in dieser Musikschule und habe mir die Nase am Fenster des Geigenzimmers platt gedrückt. Das hat der Lehrer mitbekommen und mich immer wieder gefragt, wann ich denn zum Unterricht käme. Schließlich durfte ich Geige lernen und wurde sehr gut darin. Als ich 14 Jahre alt war, bemühte sich meine Mutter um einen Ausbildungsplatz in Tianjin, das ist 150 Kilometer vor Peking. Man hat ihr gesagt, dass es dort gute Lehrer gebe. Ich habe die Aufnahmeprüfung bestanden und konnte auf der dortigen Mittelschule für Musik – das entspricht in etwa den hiesigen Musikgymnasien – die nächsten Jahre das Geigenstudium intensivieren. Obwohl ich damals noch nicht wusste, dass ich einmal Berufsmusiker werden würde.

Nach der Schule hatte ich dann einen russischen Lehrer, und wir überlegten, ob ich in seiner Heimatstadt Odessa Geige studieren könnte. Es war auf jeden Fall klar, dass ich im Ausland studieren musste, wenn ich international mithalten wollte. Ein anderer Geiger riet mir, nach Amerika oder Europa zu gehen. Dann traf ich einen, der wohnte in Berlin, und er half mir mit dem Visum und der Möglichkeit, in Berlin vorzuspielen. Er hat so von Deutschland geschwärmt, dass ich 2000 nach Berlin ging, um dort nach bestandener Aufnahmeprüfung bei Professor Eberhard Feltz an der Hochschule für Musik Hanns Eisler zu studieren.

Ich habe in dieser Zeit viel Kammermusik gespielt. Das war sehr schön, mit anderen zusammen zu musizieren. Das lag mir, ich bin ein Typ, der gerne mit anderen zusammenarbeitet und kommuniziert. Nach fünf Jahren schloss ich mein Studium ab, und es ging nun darum, einen Platz in einem Orchester zu finden. Ich habe mich in Leipzig und München beworben, wo ich schließlich bei den dortigen Philharmonikern landete. Erst einmal nur mit einem Einjahresvertrag, und nach einem Zwischenspiel in Stuttgart wurde ich dann 2008 fest angestellt. Das alles war nicht zu erwarten, als ich anfing mit dem Geigenspiel.

Ich denke, Musik beginnt von innen nach außen, man muss ein inneres Gefühl haben, um nach außen sprechen zu können.

Meine Familie hat mir vieles ermöglicht. Das war der Vorteil der Ein-Kind-Politik Chinas: Die Eltern taten alles, um diesem einen Kind jede Ausbildung zu ermöglichen, die irgendwie finanziell zu stemmen war. In den letzten 30 Jahren haben 40 Millionen chinesische Kinder Klavier oder Geige gelernt. Fast jedes Kind hat ein Instrument gelernt, und immer mehr stürzten sich auf Klavier oder Geige. Da entsteht natürlich auch ein großer Wettkampf zwischen den Eltern, welche Kinder am weitesten kommen. Ich denke, Musik beginnt von innen nach außen, man muss ein inneres Gefühl haben, um nach außen sprechen zu können. Es geht nicht nur darum, Noten abzuspielen und noch die letzten Feinheiten der Tongestaltung und Tonfärbung zu beherrschen, sondern auch darum, wie du eine Geschichte mit welchen Emotionen erzählst. Das macht den Unterschied.

Chinesen sind ja eher zurückhaltend mit Emotionen und legen großen Wert auf Respekt. Für die Musik braucht man aber Fantasie, Persönlichkeit und die Fähigkeit, frei zu genießen und positiv zu denken. Ich fühle mich sehr angekommen in München, jedenfalls ist das Heimweh nach China nicht sehr groß. Vielleicht auch, weil ich schon mit 14 Jahren von zu Hause aufgebrochen bin und seitdem immer an wechselnden Orten gelebt habe. Ich bin ständig umgezogen und kann wohl sagen, ich war irgendwann in der Welt zu Hause. Meine Frau spielt am Theater Regensburg Oboe, wir haben ein Haus in München und mit unserem kleinen Sohn sprechen wir sowohl Chinesisch als auch Deutsch. Das muss er unbedingt von klein auf lernen. Als ich damals nach Berlin kam, war die Sprache das größte Problem. Ich musste erst einmal einen Sprachkurs besuchen und hatte das Glück, dass mein Professor ein sehr geduldiger Mensch war. Ich glaube, man muss als ausländischer Musiker in Deutschland ein bisschen besser sein als die anderen, besonders dann, wenn es um eine feste Stelle geht. Aber wenn es um Vorurteile gegenüber Chinesen geht, dann wiederum muss ich sagen: ganz prima. Man hält uns für fleißig und sehr bemüht, uns zu assimilieren. Das stimmt auch. Deutschland hat uns die Chance auf eine gute Stelle gegeben. Das ist ein großes Glück.“

 

 

Protokolle: Nansen & Piccard; Fotos: Frank Stolle

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