Für die Reihe „Ich war noch niemals …“ besuchen unsere Autorinnen und Autoren Orte in München, an denen sie noch nie waren. Diesmal berichtet Eveline Heinrich von ihren Eindrücken und Gefühlen bei ihrem ersten Besuch im Sudetendeutschen Museum.
Seit das Sudetendeutsche Museum im Oktober 2020 am Isarhochufer in der Nähe des Gasteigs eröffnet wurde, bin ich oft daran vorbeigegangen. Manchmal nach einem Spaziergang am malerischen Auer Mühlbach oder wenn ich meinen Sohn von der Schule abgeholt hatte, die in der Nähe liegt. Und jedes Mal hatte ich mir fest vorgenommen, bald die Ausstellung anzusehen. Weshalb hat es so viele Jahre gedauert, bis ich tatsächlich hineingegangen bin?
Vielleicht waren die persönlichen Erinnerungen und Emotionen, die ich damit verbinde, ein wichtiger Grund. Meine Großeltern waren Sudetendeutsche, ihre Familien hatten seit Jahrhunderten in den Dörfern der Iglauer Sprachinsel gelebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie – wie rund drei Millionen andere Deutsche – aus ihrer Heimat vertrieben.
Ihre Erzählungen und die Trauer über die erlittenen Verluste prägten meine Kindheit und auch das frühe Erwachsenenalter bis zu ihrem Tod. Ich erinnere mich an die vielen Male, an denen sie mir Geschichten von ihrem Leben vor der Vertreibung erzählten – von dem Alltag im Dorf, der Landschaft und vor allem den Traditionen, die sie so sehr liebten. Diese Erzählungen waren oft durchzogen von Trauer und Verlust. Und natürlich steckt die Liebe zu der böhmischen Küche fast schon in meiner DNA, denn so schmeckte die Kindheit im Hause meiner Großeltern, wenn meine Oma köstliche Spezialitäten wie Schweinebraten mit Süßkraut und Knödeln gekocht hatte.
Als ich mich dann auf diesen Artikel vorbereitet hatte, meinte mein Kollege Robert spontan, dass er gerne mitkommen würde – auch sein Vater ist Sudetendeutscher und wir tauschten uns dann über viele ähnliche Erinnerungen an gewisse Besonderheiten unserer Kindheit und Erziehung aus, die sich auf das Schicksal unserer Eltern und Großeltern zurückführen lassen.
So tendieren wir beide dazu, uns nur sehr schwer von Dingen trennen zu können. Vielleicht Zufall, aber vielleicht auch das Erbe einer Kindheit, wo in der Erinnerung an die Vertreibung, bei der nur das Wichtigste mitgenommen werden konnte, nahezu alles aufbewahrt wurde, da man es vielleicht irgendwann „wieder brauchen“ könnte.
„Das Wichtigste im Leben ist so viel zu lernen wie möglich – denn alles, was man im Kopf hat, kann einem nie wieder weggenommen werden.“
Oder ich ertappe mich dabei, Ratschläge und Überzeugungen meiner Großeltern, die sich auf die Erfahrung der Vertreibung und den mühsamen Neuanfang zurückführen lassen, eins zu eins an meine Kinder weiterzugeben: Erst neulich hatte ich wieder zu ihnen gesagt „das Wichtigste im Leben ist so viel zu lernen wie möglich – denn alles, was man im Kopf hat, kann einem nie wieder weggenommen werden“. Ein Satz, den ich so oft von meinen Großeltern gehört hatte – und der mir bis heute großen Respekt für ihre Leistung nach der Vertreibung abringt. Sie haben es damals geschafft, meiner Mutter und ihren zwei Geschwistern ein Studium zu ermöglichen, obwohl sie nur mit dem Nötigsten als Flüchtlinge in Franken angekommen waren.
Aber nun weg von den persönlichen Erinnerungen und rein in die Ausstellung:
Das Sudetendeutsche Museum beschäftigt sich mit der Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung in den historischen Ländern Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien, die heute zur Tschechischen Republik gehören. Hier wird auch das lange und oft schwierige Zusammenleben von Deutschen, Tschechen und Juden in dieser Region beleuchtet. Bis heute beeinflussen die tragischen Geschehnisse vor und nach dem Zweiten Weltkrieg die Beziehung zwischen Deutschen und Tschechen – das Museum sieht sich deshalb auch als ein Ort der Begegnung.
Trägerin des Museums ist die Sudetendeutsche Stiftung, und es wurde unter der Schirmherrschaft des Freistaates Bayern realisiert. Der Bau, entworfen von dem Architekturbüro pmp architekten, besitzt eine beeindruckende helle Sandsteinfassade und setzt einen markanten Akzent am Isarhochufer.
Die Dauerausstellung ist auf fünf Ebenen verteilt. Jedes Stockwerk thematisiert einen speziellen Aspekt des Lebens und der Herausforderungen, die die sudetendeutsche Bevölkerung im Laufe der Jahrhunderte durchlebt hat.
Besonders beeindruckend war für meinen Kollegen und mich, an interaktiven Stationen genauere Infos über die Herkunftsorte unserer Eltern und Großeltern finden zu können. Sogar historische Bilder der Orte aus der damaligen Zeit kann man finden – und so habe ich Straßen und die Kirche wiedererkannt, die auf alten Fotos im Wohnzimmer meiner Großeltern zu sehen waren.
Die erste Ebene widmet sich der Heimat und dem Glauben der Sudetendeutschen. Es gab kein zusammenhängendes Siedlungsgebiet, sondern mehr als ein Dutzend Regionen mit unterschiedlichen Mundarten, Bräuchen und Wirtschaftszweigen. Erst seit 1919 wurden alle Deutschen der verschiedenen Heimatlandschaften unter dem Begriff „Sudetendeutsche“ zusammengefasst. Diese Ebene thematisiert auch die religiösen Praktiken aus dem privaten Alltag und dem öffentlichen Leben der Sudetendeutschen.
Auf der zweiten Ebene steht die wirtschaftliche Entwicklung der Regionen im Mittelpunkt. Von der Land- und Forstwirtschaft über den Bergbau bis hin zu einer blühenden Industrie und einer weltbekannten Bäderkultur in Orten wie Karlsbad oder Marienbad – die sudetendeutsche Wirtschaft hatte viele Facetten. Besonders begeistert waren wir vom längsten Serienmotorrad der Welt der Marke „Böhmerland“ – ein Beispiel, wie innovativ dort ansässige Unternehmen waren. Und natürlich das weltbekannte Böhmische Glas, von dem wunderschöne Exemplare wie Vasen oder Krüge ausgestellt sind.
Hier geht es um die Auswirkungen des Nationalismus, der die zweite Hälfte des 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte. Zu dieser Zeit trennten sich die Wege von Deutschen und Tschechen zunehmend und viele Spannungen und Konflikte in Bezug auf Sprache, Bildung und Vereine traten auf. Eine Wirtschaftskrise tat ihr Übriges. Auf die politischen Hintergründe der Abtretung der Sudetengebiete an Nazi-Deutschland nach der von Hitler provozierten Sudetenkrise durch das Münchner Abkommen im September 1938 geht die Ausstellung sehr genau ein und bietet hier anhand von Dokumenten, Filmen und Bildern viele Informationen.
Die vierte Ebene ist besonders eindringlich und widmet sich den Jahren 1945 und 1946, als die Sudetendeutschen ihre Heimat durch Flucht und Vertreibung verlassen mussten – oft nach Repressalien, Internierung und Zwangsarbeit. Eine Installation mit persönlichen Objekten wie Kinderwägen, Handkarren oder Kleidung vermittelt eindrücklich das Gefühl von Chaos, Verlust und Verzweiflung, das viele Menschen in dieser Zeit erlebten.
Dieser Teil der Ausstellung hat mich sehr berührt. Meine Großmutter hat oft erzählt, dass das kleine Bauernhäuschen ihrer Familie im Juni 1945 von einer tschechischen Familie aus dem Dorf besetzt worden war – und sie nun wie Mägde und Knechte dort schwere Arbeit verrichten mussten. Für sich selbst konnten sie nichts behalten und so gut wie alle persönlichen Dinge und Vorräte, die sie für eine eventuelle Flucht versteckt hatten, wurden ihnen weggenommen. Kalte Pellkartoffeln, ein wenig Milch einer Ziege und etwas Brot waren über Monate hinweg ihre einzige Nahrung.
Auch das sonstige Leben in der Öffentlichkeit änderte sich radikal: „Wir durften nur auf der Straße gehen und mussten eine weiße Armbinde tragen. Die Gehsteige durften wir nicht benutzen“, erzählte meine Großmutter.
Meine Großmutter musste damals auch im Polizeibüro ihres Dorfes putzen und hat oft erzählt, dass sie dort ein Dokument liegen sah, das in tschechischer Sprache die bevorstehende Vertreibung einiger Familien des Dorfes anordnete. Sie lief ihrer Erzählung nach damals sofort von Haus zu Haus, um die Betroffenen zu informieren, damit sie noch etwas mehr Zeit als die auf dem Dokument vorgesehenen zehn Minuten hatten, die nötigsten Dinge zusammenzupacken, bevor sie ihre Häuser verlassen mussten.
Sie selbst kam im Frühjahr 1946 mit ihrer Mutter in ein Aussiedlungslager. Bei der Ankunft wurde ihnen alles Essbare abgenommen und dann begann das Lagerleben. Nach vierzehn Tagen mussten sie sich für den Transport vorbereiten. Alles, was sie mitnehmen wollten, musste abgegeben werden.
Danach begann laut meiner Großmutter die „gründliche Reinigung“ in einer Halle des Sägewerks. Kinder, Frauen und Männer mussten sich vor den Augen des Wachpersonals ausziehen, damit auch ein eventuell am Körper verstecktes Schmuckstück gefunden werden konnte. Alle Kleidungsstücke und Schuhe wurden auf einen Haufen geworfen.
„Dann ging es mit dem abgegebenen Gepäck zu den Waggons. Etwa 40 Personen wurden in jeden Waggon gepfercht. Sitzen und schlafen konnte man nur auf dem eigenen Rucksack. Am Bahnhof wurden dann noch viele Waggons aus anderen Lagern angekoppelt. Bis zum Abend stand ein langer Zug bereit. Über Prag und Pilsen ging es zur Grenze. Die Türen waren verschlossen. ln der Nacht ist neben uns Großvater Wilhelm gestorben. Für den alten Mann waren die Strapazen einfach zu groß.“
Die letzte Ebene behandelt die Nachkriegszeit und den Neubeginn der sudetendeutschen Gemeinschaft. Die Ankunft in einer neuen Umgebung, die oft von Ablehnung geprägt war, wird thematisiert. Alleine in München mussten rund 52.000 Menschen eine neue Heimat finden. „Sudetengauner, Rucksackdeutsche, Polacken, 50-Kilo-Zigeuner oder Flüchtlingspack“ wurden sie damals von vielen Einheimischen bezeichnet, die selbst natürlich in vielen Regionen Deutschlands auch unter Not und Hunger litten.
Die Ausstellung zeigt auch, wie die Sudetendeutschen durch ihre wirtschaftliche Aufbauleistung ihren Platz in der Gesellschaft fanden – und ihre alten Traditionen dennoch weiterpflegten. Heute gibt es viele Partnerschaften mit tschechischen Pfarreien und Kommunen, die einen Beitrag zur gegenseitigen Versöhnung leisten.
„Sudetengauner, Rucksackdeutsche, Polacken, 50-Kilo-Zigeuner oder Flüchtlingspack“
Mein Großvater zum Beispiel ist nach der Grenzöffnung sehr oft in sein damaliges Heimatdorf gefahren und hat dort von dem tschechischen Pfarrer die Erlaubnis bekommen, alte Kirchenchroniken einzusehen. Und auch meine Großmutter hatte noch einige Male die Gelegenheit, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Ich bin heute sehr froh und dankbar, selbst zwei Mal mit ihnen dort gewesen zu sein und alles, was ich aus den Erzählungen kannte, zusammen mit meinen Großeltern sehen zu können.
Mein Besuch im Sudetendeutschen Museum war eine tiefgreifende Erfahrung. Es war nicht nur eine Reise in die Geschichte meiner Vorfahren, sondern auch eine Gelegenheit, die Erlebnisse meiner Großeltern in einem breiteren historischen Kontext zu verstehen.
Man sollte das Museum unbedingt besuchen, auch wenn man keinen direkten familiären Bezug hat, denn es bietet eine wertvolle Perspektive auf die komplexe Geschichte Europas. In einer Zeit, in der das Verständnis für diverse Kulturen und deren Geschichten wichtiger denn je ist, leistet es einen bedeutenden Beitrag zur Erinnerungskultur und zur Förderung des Dialogs zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen.
Mehr Infos zur politischen Situation und zur Vertreibung der Sudetendeutschen
Die Geschichte der Sudetendeutschen ist eng mit den politischen Entwicklungen in Mitteleuropa verbunden. Die deutsche Präsenz in den Gebieten des heutigen Tschechiens, besonders in Böhmen, Mähren und Schlesien, reicht bis ins Mittelalter zurück. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert entstand die Bezeichnung „Sudetendeutsche“ für die deutschsprachige Bevölkerung in diesen Regionen, die im Zuge des Nationalismus und der Nationalstaatsbildung eine stärkere Selbstidentifikation entwickelte.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurde die Tschechoslowakei als unabhängiger Staat gegründet. Die Sudetendeutschen lebten dort als bedeutende Minderheit, die etwa 23 Prozent der Bevölkerung ausmachte. Die ethnischen Spannungen zwischen den deutschen und tschechischen Bevölkerungsgruppen nahmen in den 1920er- und 1930er-Jahren zu, beeinflusst durch den aufkommenden Nationalismus, die Wirtschaftskrise und die politischen Umbrüche in Europa.
Die politische Lage verschärfte sich mit dem Aufstieg Hitlers und der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland. 1938 führte die zunehmende Aggression Deutschlands und die Forderungen nach Selbstbestimmung der Deutschen in den Sudetenland-Gebieten zu einer internationalen Krise. Das Münchener Abkommen vom 30. September 1938 wurde zwischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien geschlossen. Es erlaubte die Abtretung der Sudetengebiete an das Deutsche Reich, ohne dass die Tschechoslowakei beteiligt wurde. Dieses Abkommen gilt heute als Beispiel für das Appeasement gegenüber Nazi-Deutschland.
Im Oktober 1938 wurde das Sudetengebiet in das Deutsche Reich eingegliedert. Während des Zweiten Weltkriegs war die Region Teil des Deutschen Reiches, und die deutsche Besatzung führte zu erheblichen Verwerfungen und Verfolgungen.
Nach dem Ende des Krieges 1945 und der Niederlage Deutschlands kam es in der Tschechoslowakei zu einer groß angelegten Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung. Die Beneš-Dekrete von 1945/46 regelten unter anderem die Staatsbürgerschaft und Enteignung.
Nach der sogenannten „Wilden Vertreibung“ mit schlimmen Ausschreitungen (siehe Brünner Todesmarsch) wurde die Vertreibung dann von den tschechischen Behörden auf Grundlage der alliierten Beschlüsse von Potsdam organisiert und führte zu erheblichen menschlichen Tragödien, Verlusten von Eigentum und kulturellem Erbe. Zwischen 1945 und 1947 wurden etwa drei Millionen Sudetendeutsche gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die Vertreibung ist bis heute ein kontroverses Thema, da sie sowohl vor dem Hintergrund der vorhergehenden Kriegsereignisse als auch als schwere Menschenrechtsverletzung betrachtet wird.
- Jeden Donnerstag um 11 Uhr bietet das Museum eine offene Führung durch die Dauerausstellung an. (Keine Anmeldung erforderlich, keine zusätzlichen Kosten)
- Vom 17. Juli 2026 bis zum 10. Januar 2027 wird die Sonderausstellung „Human und menschlich…?“ Die regulierte Vertreibung der Sudetendeutschen gezeigt.
- Das Sudetendeutsche Museum ist barrierefrei zugänglich. Es bietet taktile Leitspuren, Tast- und Hörstationen. 2026 wurde das Museum sogar mit dem Signet „Bayern barrierefrei“ ausgezeichnet.
www.sudetendeutsches-museum.de