Selbstversuch

Erlebnis-Shopping: Der Preis ist Schweiß

Ein Erlebnis-Shopping-Tag in der Münchner Innenstadt würde selbst den Profis des FC Bayern Schweißperlen in die Augen treiben – wenn man die richtigen Läden aufsucht. So wie unsere Autorin.

Es ist 12:22 Uhr und mein Puls ist auf 180. Die 161 Stufen von der U4-Haltestelle Karlsplatz (Stachus) bis zur Erdoberfläche sind nicht ohne. Fragende Blicke ziehen mit 2 km/h an mir vorbei. „Warum nimmt die Frau mit dem roten Kopf nicht die Rolltreppe?“, lese ich darin. Ich kneife die Pobacken fest zusammen und steigere mich auf 2-Stufen-Schritte. Ich bin Rocky Balboa und ziehe das durch.

Unsere Urahnen mussten Beeren und Bisons noch kilometerweit nachjagen und hatten die heute hochgelobten 10.000 Schritte am Tag locker drin. Heute fügen wir virtuellen Körben Waren hinzu und rühren dabei gerade mal den Zeigefinger. Ich selbst muss ja weder Beeren noch Bisons finden – aber ob ein Shopping-Tag in der Münchner Innenstadt sich ähnlich sportlich gestalten lässt wie die täglichen Besorgungen eines Neandertalers, interessiert mich schon. Ab Stufe 129 geht das Karlstor vor meinen Augen auf. Oben angekommen erfrische ich mich neben zwei Junggesellenabschieden am Wassernebel der Brunnenfontänen.

Ein Italiener trabt im Testlauf an mir vorbei, weiter vorne hüpft ein älterer Herr auf seinen neuen Nikes herum, als hätte Jesus seine Lähmung geheilt.

Der Bräutigam in Lederhose und die Braut in spe Pole-dancen an einer Fahnenstange um die Wette. Lustig, aber keine Zeit zum Gaffen. Auf den mit beliebtesten Einkaufsstraßen Deutschlands zwischen Stachus und Marienplatz strömen an einem Sommersamstag pro Stunde schon mal bis zu 14.000 Passanten umher. Heute schlendere ich nicht gemütlich, sondern powerwalke. Marschieren liegt uns Deutschen im Blut. Selfiesticks und lächelnden Zeugen Jehovas weiche ich geschmeidig aus, und ehe die Neuhauser in die Kaufinger Straße übergeht, habe ich mein erstes Ziel erreicht: den SportScheck.

Die erste Kollektion, die Otto Scheck 1946 für seinen Handel aus alten Militärbeständen schneiderte, war Winterkleidung. Inzwischen hat sich das Angebot mehrfach multipliziert, und ich brauche bei 27 Grad keine Daunenjacke, sondern schaue mir im dritten Stock die Laufabteilung an. Zwischen den Kleiderständern und Regalen ziehen sich drei Laufbahnen entlang – wie bei Olympia oder den Bundesjugendspielen. Ein Italiener trabt im Testlauf an mir vorbei, weiter vorne hüpft ein älterer Herr auf seinen neuen Nikes herum, als hätte Jesus seine Lähmung geheilt. Ich lasse meine Laufbewegungen im Labor analysieren.

Drei Minuten Filmaufzeichnung reichen, um festzustellen, dass ich orthopädische Einlagen bräuchte. Frauentypische X-Beine. Ich bin eine von euch! Zusätzlich habe ich mir soeben 30 Kalorien erlaufen und könnte mir ohne Gewissensbisse einen halben Rettich reinziehen. Lieber drehe ich noch eine Runde auf weißen Retro-Rollschuhen.

5.103 Schritte zeigt meine Gesundheits-App. Die 6.000 mach ich jetzt voll. Vom Stachus zum Marienplatz läuft man einen guten Kilometer – ich laufe mehrere Umwege. Die Zahl will einfach nicht rund werden. Wie beim Tanken. Bei 8.005 Schritten gebe ich auf. Es ist schon fast vier Uhr, und das betreute „Kinderklettern“ im Sporthaus Schuster geht nur noch eine Stunde. Ich gebe zu, meine Erwartungen daran, oder vielmehr Hoffnungen, wurden nicht erfüllt. Sie sahen so aus: Ein Haufen Kleinkinder wuselt vor einer 2-mal-2-Meter-Wand mit niedlichen Griffen in Dinosaurierform, und ich bin schon auf Zehenspitzen oben angekommen.

Der Coach am Seil erklärt mir: graue Griffe leichtester Weg, rote Griffe schwerster Weg, blau ist die goldene Mitte. Ich wähle bunt gemischt.

Die Wahrheit ist: Im Treppenhaus von Sport Schuster zieht sich ein 25 Meter hohes Bergmassiv aus Kunststoff vom Untergeschoss bis in den fünften Stock – das „Sporthaus des Südens“ zelebriert den Bergsport, ich hätte es ahnen müssen. Es sieht auf jeden Fall eindrucksvoll aus. Der Coach am Seil erklärt mir: graue Griffe leichtester Weg, rote Griffe schwerster Weg, blau ist die goldene Mitte. Ich wähle bunt gemischt. Von außen sehe ich mich wie Spiderwoman. Und obwohl ich mich recht zügig hocharbeite, bin ich froh, dass „bunt gemischt“ nur bis knapp in den zweiten Stock, also etwa fünf Meter hoch reicht.

Für den Klettersteig bis unters Dach kann man Kurse buchen. Oben angelangt, zittert meine rechte Hand, die Glocke im Ziel vergesse ich zu läuten. Draußen klingelt das Glockenspiel im Rathaus wie immer im Sommer um fünf Uhr.

Meine nächste Walking-Etappe führt mich durchs Tal in der Altstadt, vorbei am Isartor in die Globetrotter-Grotte. Ich sage Grotte, meine aber das Untergeschoss dieser ausladenden Outdoor-Welt auf gefühlten 100 Ebenen. Hier unten können Kunden im Lichthof Kanus und andere Wasserfahrzeuge auf einem 100 Quadratmeter großen Wasserbecken ausprobieren. Das machen auch Touristen gerne, erklärt mir der Verkäufer – bis sie reinfallen. Vor 15 Jahren musste ich bei einem Kanukurs an Land geholt werden, weil ich nur im Kreis fuhr.

Nach einigen hochkonzentriert ausbalancierten Runden stoße ich an meine Grenzen und mit einem Bums an den Beckenrand. Ich klatsche ins Wasser. Warum nur habe ich ein weißes Shirt angezogen.

Ich entscheide mich für das Stand-up-Paddling. Paddel-Boards: die Segways der Naherholungsgewässer. Das „Atlas Zen Board“ ist „universell und stabil!“ und so groß wie ein Einzelbett – easy, denke ich. Bis zur ersten Kurve. Viel Spielraum hat ein Einzelbett auf 10 mal 10 Metern Oberfläche nicht. Nach einigen hochkonzentriert ausbalancierten Runden stoße ich an meine Grenzen und mit einem Bums an den Beckenrand. Ich klatsche ins Wasser. Warum nur habe ich ein weißes Shirt angezogen.

Ein Reinfall ist der Reinfall trotzdem nicht. Ich stehe jetzt entspannter auf dem Brett, denn die Angst vorm Nasswerden wurde soeben ersäuft. Und den inoffiziellen Wet-T-Shirt-Contest (inklusive Fans) habe ich als einzige Teilnehmerin auch gewonnen. „Sie nehmen das ganz schön gefasst“, lobt mich der Verkäufer, als er mir vom Brett ans Ufer hilft. Ein bisschen stolz bin ich jetzt schon.

Und obwohl ich wirklich keine Dusche brauche, möchte ich noch in die Regenkammer, bevor ich mich heute endgültig trockenlege. Ein Cool-Down sozusagen. In einer Glaskammer kann ich mit dem Fuß selbst Wind und Regengüsse steuern. Der Regenponcho hält sicherlich dicht – wenn man nicht posiert und rumhampelt, um auf dem Foto gut auszusehen.

Es ist 19.23 Uhr, ich bin nass bis auf die Unterhose und selig. Mir war bisher nicht bewusst, wie viel man in den großen Sporthäusern mittlerweile erleben kann. Meine Erinnerungen aus den 90ern beschränken sich auf leicht muffige, mit Teppich ausgelegte Ladenräume für Sport-Nerds. Ob man die richtigen Laufschuhe erwischt hatte, erfuhr man erst durch seine exorbitanten Knieschmerzen. Und wie sollte man das Klettern für sich entdecken – außer beim Griff zum obersten Regalfach.

Ich habe heute 8,4 Kilometer, 43 Stockwerke und 11.761 Schritte zurückgelegt – Höhenmeter und Falltiefe nicht eingerechnet. Aus mir unerklärlichen Gründen hatte ich mir heute Morgen die Fingernägel frisch in „Red Seduction“ lackiert – am Grad der Absplitterung kann ich abends ablesen, wie energisch ich mich in meine Shopping-Tour reingekrallt habe. Meine Urahnen wären stolz auf mich.

 

 

Text: Pauline Krätzig; Fotos: Frank Stolle

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